Utopics – ein Ausstellung zwischen Realität und Fiktion

Die Monate September und Oktober stehen in Biel im Zeichen der Kunst: Vor der malerischen Kulisse des Städtchens am Bielersee wird während der 11. Schweizerischen Plastikausstellung vom 30. August – 25.Oktober 2009 Kunst im öffentlichen Raum neu definiert. Am letzten Freitag war ich an der Pressekonferenz in Biel und habe das von Kunstwerken durchsetzte Städtchen schon mal im Voraus begutachtet.

Die 11. schweizerische Plastikausstellung überrascht nicht mit einseitiger plastischer Kunst, sondern wartet – im Gegenteil – mit allen Formen der zeitgenössischen Kunst auf. Die Betitelung als Plastikausstellung kann im Rahmen der Utopics geradezu als Relikt aus alten Zeiten bezeichnet werden. Der Fond stellt zwar immer noch Geld für die Ausstellung, doch hat sich die Ausstellung über die Jahre hinweg längst von einer an die Skulptur gebundenen Darstellung losgelöst. An der Utopics geht der Kurator Simon Lamunière sogar noch einen Schritt weiter: Die Ausstellung löst sich von allgemein verbreitenden Vorstellungen von Kunst und auch mal von Materialität und findet sich – ganz wie die Utopien – auch mal in Gedanken- oder virtuellen Welten wieder.

Wer in Biel also grosskotzige Kunstwerke erwartet, kann gleich zu Hause bleiben. Vielmehr spielt die Ausstellung Utopics mit dem Kunstbegriff und mit der Ausstellungsfläche der Stadt. So präsentieren als Novum auch (fiktive) Mikronationen wie Sealand oder Kingdom of Talossa, Idealisten, Antroposophen und Rebellen neben Künstlern ihre Werke aus. Die 50 Interventionen und Installationen decken ein breites Spektrum zeitgenössischer Kunst ab und variieren zwischen Theaterveranstaltungen, Lesungen, Ausstellungen und Performances, Filmproduktionen und vielem mehr.

Ohne Touristenführer bleibt dem Betrachter aber ein grosser Teil davon verborgen. Die Manifestationen finden sehr punktuell statt und die Werke sind derart versteckt über die Stadt verstreut, dass selbst ein Bieler sie erst entdeckt, nachdem er sie schon fünf Mal passiert hat. Doch genau darin liegt das Ziel von Simon Lamunière, die Ausstellung spielt mit den Mitteln der Stadt.

Da die sich ständig im Umbau befindende Stadt Biel (wie jede moderne Stadt) bereits von Zeichen und visuellen Reizen überladen ist, spielen die Künstler mit Elementen der Stadt, die bereits vorhanden sind. So werden zum Beispiel Fahnen umgestaltet, Werbeplakate zweckentfremdet oder ein Schaukasten zur Kunst erhoben. Man muss zum Optiker gehen um sich die “Upside-Down Goggles” (von Carsten Höller) aufzusetzen (dabei wird einem mindestens nach 30 Sekunden kotzübel), oder man entdeckt in einem Baustellencontainer (von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger) einen Pflanzenkosmos, der reichhaltiger ist als die ganze Bieler Flora!

Somit hält die Ausstellung auf mehreren Ebenen Überraschungen bereit, zum Beispiel auch, wenn die “Groupe Bélier” sich als Jura-Aktivisten entpuppt, die in einer Manifestation den Unspunnenstein in einem Alambic zu Schnaps destillieren.

An der Utopics geht es um die künstlerischen Systeme, Utopien und Weltentwürfe von Künstlern, Spassvögeln, Idealisten, Autokraten und Exzentrikern, die sich sehr subtil physisch wie virtuell in die Realität der Stadt eingliedern. So sei es jedem empfohlen, sich mit einem Führer (der Stadtrundgang dauert 1-2 Stunden) oder mit dem Touristguide auf die Entdeckungsreise zu machen.

Abschliessend kann gesagt werden, dass es sich bei der Utopics um eine sehr konzeptionelle Ausstellung handelt, deren Grundgedanken und Ideen sehr interessant und schön verfasst wurden, auf die man sich aber auch einlassen (wollen) muss, um die Früchte der Ausstellung kosten zu können. Und auch wenn einige Besucher ob des ein oder anderen Kunstwerkes visuell etwas enttäuscht sein dürften, so kehrt man doch voller geistiger Anstösse und anregender Ideenwelten von der Ausstellung zurück!

Utopics – 11. Schweizerische Plastikausstellung
Wann: 30. August–25. Oktober 09,
Wo: In der ganzen Stadt Biel
Infos gibt es auf der Website von Utopics sowie am Infostand am Bahnhof Biel, wo jeder Besucher für den Stadtparcours ausgestattet und über Veranstaltungen und Manifestationen informiert wird.
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Kommentare (2)
Ein sehr sehr schöner Bericht, zu einer überaus spannenden und ausserordentlich mutigen ausstellung! Danke!
Kommentar von spucki — 06.09.2009 @ 12:46we love it:-)
Kommentar von Anonymous — 08.09.2009 @ 10:25