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Independent Rap II

Am 13.2.09 von florence 2 Kommentare

Astronautalis sprudelt vor Ideen, reflektiert seine Umwelt und besitzt einen unbändigen Lerndrang, das trat aus unserem Interview deutlich hervor. In einem Mail-Interview stand uns der Independent Artist zu seiner Musik und seinem Leben Red und Antwort.

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Kannst du dich kurz selber vorstellen?
Hey, y’all. Mein Name ist Andy Bothwell und ich mache Musik unter dem Künstlernamen Astronautalis. Ich komme aus Jacksonville Beach, Florida. Die letzten 9 Monate lebte ich in Seattle, Washington.
Ich bin der Typ, der es liebt deinen edlen Scotch zu trinken, auf deinem Sofa zu schlafen und deine Lebensgeschichte kennen zu lernen.

Wie würdest du deine Musik beschreiben?
Ich bin ein südländischer Gentleman, der Rapmusik über Geschichte mit Klavieren, Banjos und zu laut aufgedrehten Drums macht.

Was sind deine ersten musikalischen Erinnerungen?
Ich sitze auf dem Schosse meines Vaters im Familienschaukelstuhl und er singt “The Night They Drove Old Dixie Down” für mich, bis ich einschlafe. Dieser Song ist noch heute einer meiner stärksten Einflüsse.

Seit wann machst du Musik?
Als ich 13 Jahre alt war, begann ich mir selber beizubringen, wie man rappt. Mein älterer Bruder (er war Hip-Hop DJ) hatte mir zuvor ein Tape mit “Return of the Funky Man” von Lord Finesse auf der A-Seite und “Jazzamatazz: Volume 1” auf der B-Seite gegeben. Während zwei Jahren hielt ich meine Rap-Selbstversuche geheim, bis ich begann die anderen Kids beim Mittagessen in der High School zu batteln. Von da an begann ich in der ganzen Stadt zu batteln, dann im ganzen Staat und schliesslich im ganzen Land… das ganze College hindurch. In der letzen Hälfte des Colleges wurde mir das Batteln langweilig und ich begann zusätzlich zu singen und Musik zu machen… das war vor acht Jahren, und es wurde niemals langweilig.

Was für eine Ausbildung hast du absolviert?
Ich habe einen Abschluss in Theaterdirektion.

Kannst du von deiner Musik leben?
Ich habe die letzten fünf Jahre von meiner Musik gelebt, aber man kann dabei kaum von einem wirklichen Lebensunterhalt sprechen. Da ich entschied, dass ich aus dem Haus meiner Eltern ausziehen und mir auch von Zeit zu Zeit ein paar Schuhe kaufen musste, zog ich nach Seattle, wo ich Teilzeit im „The Frye“ – Museum arbeite. Die restlichen Monate des Jahres verbringe ich unterwegs. Es ist ein Museum für freie Kunst, die sich Münchner Nachwuchsmalern und zeitgenössischer, gegenständlicher Kunst widmet. Das ist einer der besten Jobs, die ich je hatte.

Was bedeutet es, ein Independent Künstler zu sein?
Drei Jahre lang zu hungern, dann zwei Jahre geradeso finanziell durchzukommen, bevor man überhaupt Geld verdient, und dabei muss man für alles doppelt so hart arbeiten… für deine ganze Karriere! Im Gegenzug bist du in deiner Kunst sehr frei (kein grosses Label schreibt dir vor, was du zu tun hast) und du machst so ziemlich was immer du willst in deinem Business… dafür lohnt sich die harte Arbeit.

Was assozierst du mit der Kategorisierung Hip-Hop?
Hip-Hop ist sehr gross und universell geworden. Hip-Hop ist stark in unsere globale Gesellschaft eingebettet, sodass es nicht mehr allein mit Musik zu tun hat. Es ist der Titel einer allumfassenden kulturellen Bewegung, die mit Barock oder Bauhaus zu vergleichen ist. Eigentlich wäre es viel einfacher aufzulisten, was ich NICHT mit Hip-Hop assoziiere.
Du kannst Hip-Hop-Kultur in Musik, Mode, Tanz, Kunst, Sprache, Literatur, Film, Theater, Fernsehen, sogar Architektur finden… ich nenne mich selber einen Rapper…und bin mir gar nicht sicher, ob ich in die Kategorie Hip-Hop gehöre. Gleichzeitig ist es unmöglich jung zu sein und in unserer modernen Ära zu leben, ohne dass die Hip-Hop-Kultur in irgendeiner Weise in dein Leben eindringt / einfällt.

Was bedeutet dein neues Album „Pomergranate“ für dich?
Es ist das Album, das ich immer machen wollte, mir aber nie zutraute. Es war eine der furchterregendsten und schwierigsten Sachen, die ich in meinem kreativen Leben gemacht habe und ich bin echt stolz drauf.

Wie läuft deine Tour?
Das ist meine erste Europatour und sie verläuft bestens. Die Deutschen waren herrlich zu mir und ich kann es kaum erwarten, die tollen Leute der anderen sechs Länder, die ich bereisen werde, kennenzulernen.

Wie sieht ein Tag auf Tour aus? Reist du alleine?
Trotz des Sprachen- und Landschaftswechsels verläuft der durchschnittliche Tag jeder Tour ungefähr gleich, egal wo man tourt. Wir ( mein Manager Brock und ich) wachen auf, wo immer wir unseren Kopf zum Ausruhen hingelegt haben (wir haben überall geschlafen, vom fünf Sterne Hotel zu Parkplätzen… meistens verweilen wir im Hause irgend eines netten Unbekannten/Fremden), dann packen wir unsere Sachen und brechen zur nächsten Stadt auf. Wir gehen immer direkt zum Veranstaltungsort, wenn wir den gefunden haben und noch genug Zeit vor dem Soundcheck übrig ist, erkunden wir die Stadt, sehen Sehenswürdigkeiten, probieren Essen und kaufen Bier. Dann machen wir den Soundcheck und ich suche mir ein feines, ruhiges Plätzchen, um mein Set vorzubereiten (mein Set variiert täglich). Dann gibt’s ne kleine Siesta (ich schlafe ständig zwischendurch, dafür Nachts nur wenig). Sobald die Türen des Lokals geöffnet werden, versuche von den Shows der Pre-Show Acts etwas aufzuschnappen, bevor ich in meine eigenen Vorbereitungsrituale verfalle. Ich mache viel vokales/stimmliches Aufwärmtraining, um körperlich parat zu sein, dann höre ich Musik, um mich geistig und emotional auf die Show vorzubereiten. Nach dem Konzert hänge ich gerne mit Fans rum, bis der Klub dicht macht. Meistens ziehen wir dann zu jemandes Haus, trinken Bier und chillen, schlafen ein und wiederholen das Ganze am nächsten Tag. Ich habe den besten Job auf der Welt!

Was ist deine Passion neben der Musik?
Ich liebe es, über fast alles etwas zu lernen, besonders angezogen fühle ich mich von Geschichte, Wissenschaft, Weltpolitik oder Sprache. Vor kurzem war ich ziemlich besessen von zeitgenössischer Physik, von bizarren Geschichten über wissenschaftliche Experimente im 18. Jahrhundert und von der Skulptur von Michael Haizer. Wer weiss, was ich in sechs Monaten sein werde? Mein Freund John hat das mal sehr treffend formuliert: „Andy, du bist ein Inspirations-Junkie“.

Was sind deine Ziele und zukünftigen Projekte?
Ich fühle mich endlich bereit die Basis meines nächsten Albums zu legen und damit die lange Vorbereitungs- und Recherchezeit abzuschliessen. Die meiste Zeit toure ich nonstop und arbeite an einigen Nebenprojekten, die bald Früchte tragen sollen:
Das Projekt Max Moon wird ein sonderbarer Mix aus Pop, Dance und meiner eigenen Verrücktheit mit dem ausgezeichneten Rap-Produzenten Picnic Tyme, der schon mit jeglichen grossen südländischen Musikern (Erykah Badu, Paul Wall, Devin the Dude) gearbeitet hat.
Das Projekt Boyfriends INC mache ich mit meinem besten Freund Bleubird (gunporn/endemik records). Wir planen ein Malbuch, ein Fitnessvideo und ein „Ringtonalbum“.
Nebenbei arbeite ich auch an meinem Album mit dem Rapper P.O.S. (rhymesayers), ein paar Ausschnitte sind schon auf meinem Album „Pomegranate“ und seinem neuen Album „Never Better“ zu hören.

Was inspiriert dich für deine Songs und deine unglaublichen Freestyle-Parts?

Freestyle ist eine Kollaboration in ihrer grundlegendsten Form, meine Laune und Gedanken vermischen sich mit beliebigen Ideen und Begriffen, die mir das Publikum zuspielt.
Die Alben und Songs hingegen sind ziemlich überlegt, alles untersteht einer These, einer Überzeugung und einer Motivation. Ich verbringe Monate mit Recherchen, bevor ich überhaupt mit Schreiben beginnen kann. Erst wenn all diese Abklärungs- und Sucharbeiten erledigt sind, geht’s auch mit den Lyrics und der Musik voran. In letzter Zeit wende ich mich in meiner Musik vermehrt dem Leben anderer zu. Ich übernehme viel von historischen Persönlichkeiten, fiktiven Personen und auch Charakteren, denen ich in meinem verrückten Leben über den Weg laufe. Hoffnungslos hingebungsvolle Personen voller Geschichten,  das sind Leute, zu denen ich mich angezogen fühle, in meinem Leben und in meiner Musik!

Was sind deine all-time-favourite Platten?
“(ausgesprochen leh-nerd-skin-nerd)” von Lynyrd Skynyrd
“Y’s” by Joanna Newsom.  “Thug Motivation 101: Let’s Get It!” von Young Jeezy
“Don’t Tell Me Now” von The Halo Benders
“London Calling” by The Clash
“Selling Live Water” von Sole
“The Glow pt 2” von The Microphones
“Knock Knock”  und “Red Apple Falls” von Smog
“…is a real Boy” von Say Anything
“Music for Egon Schiele” von Rachel’s
Und alles D.I.T.C zwischen 1994 und 99 gemacht hat. Mann! Diese Liste könnte ewig so weitergehen…

Wenn würdest du gerne zu einer Teeparty einladen?
Erstmal streiche man den Tee und ersetze ihn durch eine Flasche 25 Jahre alten Bowmore… Ich würde Mark Helprin, Tom Waits, Herman Melville, und meinen Vater (bevor er sein Gehör verlor) einladen, solange nicht über Politik und Religion diskutiert würde!

Vielen Dank für das Interview, und weiterhin viel Erfolg!

Astronautalis auf Myspace

Astronautalis in der Schweiz:

16. Feb. 2009  20:00    L’Usine     Genf
17. Feb. 2009     20:00    Bad Bonn     Düdingen

Foto: June Zandona

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