Hartz IV mit Konfetti!
Ich denke an vergangene Zeiten. Als Agglomerationsteenie um 04.30 Uhr im Strassenkleid per pedes zur Fritschi-Tagwache auf dem Kapellplatz marschiert und per Urknall und Fötzeliräge die fünfte Jahreszeit willkommen hiessen. Minuten später hatte man – dank Holdrio, Hooch und Hefeweizen – bereits ordentlich einen sitzen und der nächstbesten Halbfertigen wurde unter das Kostüm gefasst. Was war ich für ein Opfer…
Jahre später habe ich die beiden erstgenannten alkoholischen Getränke gänzlich aus meinem Repertoire verbannt und das Strassenkleid gegen H&M-Ramsch von der Stange getauscht. Ich betrachtete mich bis vor kurzem als von der Luzerner Fasnacht geheilt und hatte bis anhin auch keinerlei Rückfälle, fand mich allerdings vergangene Woche inmitten der Luzerner Altstadt mit reizender Bieler Begleitung wieder und mimte den Fremdenführer. Der touristische Rundgang durch die altertümlichen Gassen sollte sich allerdings zu einer äusserst grotesken Begegnung der dritten Art entwickeln. Als wäre ich Protagonist in einem Film von David Lynch, spazierten skurrile Figuren an mir vorbei, teils maskiert, teils unmaskiert, produzierten sich, stellten sich dar und trieben mich mit ihrer apokalyptischen Art und der Offenbarung ihrer schwarzen, vom Wahnsinn besessenen, Seelen zum schieren Gang durchs weisse Licht.

Obwohl ich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Tropfen Muntermacher intus hatte, ist die Vermutung naheliegend, dass selbige Szenerie mit einem ordentlichen Storno höchstens ein Glücksgefühl in der Grössenordnung eines Milbenlümmels hervorgerufen hätte und ich dementsprechend froh war, mich nüchtern aus dieser bizarren Albtraumsequenz in den nächsten Laden zu retten. Dieser war zwar gänzlich frei von Gestalten wie Jack Sparrow, Artverwandten von Butch Cassidy und Sundance Kid oder genetischen Ebenbildern von Jason Voorhees, allerdings hat der Teufel ja bekanntlich viele Gesichter und scheut sich dementsprechend auch nicht, in der Gestalt eines Schnäppchenjägers in Erscheinung zu treten. Vom Regen in die Traufe wäre schön gewesen, wir aber gerieten direkt zwischen die Fronten von stark burnout-gefährdetem Kassenpersonal und hysterischen Hausfrauen mit unstillbarem Durst nach Ausverkaufsware.
Die Werbetafel am Eingang hätte uns eigentlich warnen sollen, versprach sie doch eine Preisgarantie aller, aller Artikel der Damenoberbekleidung von läppischen CHF 10.- bis 16.00 Uhr und danach die totale Anarchie, sprich alle Artikel gratis! Ich hatte das mal in Chemnitz im KIK Textil Diskount erlebt und schön war das nicht! Hunderte von Hartz IV-Empfängern, bewaffnet mit Ellbogenschützern, faltbaren Tragtaschen und Rabattmarken stürzten sich auf Festbänke, beladen mit Anziehsachen, die sich gerade noch vor der Verarbeitung zum Wischlappen hatten retten können, und lieferten sich erbitterte Kämpfe um ein paar runtergesetzte Slipper oder nen neuen Liebestöter für Mutti.

Bevor hier nun also gefühlte zwei Tonnen Feminismus versuchen würden, die Boutique auf den Kopf zu stellen, als wären sie Wasserträger in Mali, konnten wir uns aus dieser Art von Sonderangebots-Sadomaso gerade noch vor Ablauf der genannten Deadline wieder hinaus ins Freie retten…
Ich habe nun glücklicherweise wieder ein ganzes Jahr Zeit, möglichst viele Romero-Filme zu gucken, um diesen Seuchen beim nächsten Outbreak endgültig ein Ende zu setzen. Und weil die Luzerner Zünftler anscheinend Gefallen daran gefunden haben, sich mit selbstbewussten Phrasen (Bspw.: “Lucernensis Fidelitas non plus ultra”) zu produzieren, schliesse ich diesen Beitrag ebenfalls mit einem Wahlspruch Schottischer Natur als Antwort auf dieses erbrochene Latein:
“Nemo me impune lacessit” (Niemand reizt mich ungestraft!)
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