Olympia: “Ringen” um Macht

Die olympischen Spiele – das traditionsreiche Großereignis mit Wurzeln in der Antike gilt seit jeher als ein Symbol des Friedens und der Völkerverständigung. Jüngste Unruhen wie die Krise um China und Tibet zeigen jedoch, dass die Arena der internationalen Freundschaft unter Umständen schnell auf nur eine einzige Disziplin reduziert werden kann: dem Ringen um Macht. Von Florian Schneider
Peking, der 08. August 2008, Nationalstadion, 20:08 Uhr. Ganz im Zeichen der chinesischen Glückszahl Acht startet unter Fanfaren, Jubel und einem Rausch der Geschichtsträchtigkeit die Eröffnungsfeier die Olympischen Sommerspiele 2008. Millionen sportbegeisterte Menschen kleben überall auf der Welt an ihren Bildschirmen, wollen sie sich dieses Ereignis doch nicht entgehen lassen. Doch…ja, irgendwas trübt die Atmosphäre. Auffallend wenige Athleten nehmen an dem traditionellen Einmarsch ins Stadion teil. Das Spielen der Olympischen Hymne wird von einem gellenden Pfeifkonzert aus dem Publikum übertont. Und – da! – der vorletzte Läufer betritt den Ort des Geschehens mit einer erlöschten Fackel…
Diese – zugegeben etwas überspitzte – Darstellung schien aber eine Zeit lang doch das potenzielle Szenario der diesjährigen Olympischen Spiele darzustellen. Seit dem erneuten Aufflammen eines Konfliktes, der das tibetisch-chinesische Verhältnis seit Jahrzehnten prägt, war das historische Mammutereignis immer mehr zu einem Spielball der internationalen Politik geworden, der mit dem eigentlichen olympischen Verständnis nicht mehr viel zu tun hatte.
Am 10. März machten weltweit zunächst die Bilder von protestierenden Mönchen in Lhasa, der Hauptstadt Tibets, Schlagzeilen. Die anfangs friedlichen Aufstände führten bald zu sich ausbreitenden, gewaltsamen Unruhen, gegen die die chinesische Regierung mit aller Härte vorging. Hintergrund sind die stetigen Autonomiebestrebungen Tibets, die seit geraumer Zeit für eine gesteigerte Selbstständigkeit kämpfen. Am 10. März hatte sich zum 49. Mal der Tag des Tibetaufstandes gejährt, der im Jahr 1959 die Flucht des Dalai Lama, des geistigen Oberhauptes der Tibeter, zur Folge hatte. Zu diesem Aufstand kam es damals, da Tibet nach einer längeren Phase der Selbstständigkeit im Jahr 1950 erneut unter die Herrschaft Chinas fiel – gewöhnen konnte sich an diesen Zustand der Unterdrückung in Tibet aber offensichtlich niemand.

Und auch bis zum heutigen Tage hat sich die angespannte Lage nicht beruhigt, da konnte auch der stets milde lächelnde Dalai Lama nichts ausrichten. Die jüngsten Ereignisse führten weltweit zu heftigen Protesten. Einige Menschenrechts- organisationen waren mit der Wahl Pekings zum Austragungsort der Olympischen Spiele aufgrund der teils massiven Verstösse der Menschenrechte und der Ignoranz der Meinungsfreiheit bereits sowieso nicht gerade glücklich. Doch das massive, gewaltsame Auftreten gegenüber den tibetischen Protestanten und die strikte Zensur der Berichterstattung und gewollte Verschleierung der Ereignisse führte weltweit zu großer Empörung: ist eine solche Nation, die nach wie vor von teils rückständigen Auffassungen geprägt ist, wirklich geeignet, Olympische Spiele auszurichten, die wie bereits erwähnt ein Symbol für Frieden und Freiheit sind?
Proteste hatte es rund um die Olympia – insbesondere in der Zeit des Kalten Krieges – schon öfters gegeben, doch dieses Mal wurde eine beispiellose weltweite Demonstrationswelle rund um den Olympischen Fackellauf ausgelöst. In London, Paris und San Francisco wurden mehrere tausend Polizeikräfte eingesetzt, die Auseinandersetzungen jedoch doch nicht verhindern konnten.

Angesichts dieser Entwicklungen schien das eingangs geschilderte Szenario Wirklichkeit zu werden – ein Boykott der Olympischen Spiele, der Untergang des Olympischen Gedankens unter den nicht endenden Konfliktlinien der internationalen Gemeinschaft. Nach langen Diskussionen scheint sich jetzt jedoch ein Funken der Hoffnung durchgeschlagen zu haben. Eine Kopplung des sportlichen Wettbewerbs an nationale Begebenheiten soll verhindert werden, vielmehr soll im Sinne des Sports eine kritische Haltung gegenüber dem Gastgeberland entwickelt werden. Experten spekulieren darauf, dass durch die olympisch gesteigerte Aufmerksamkeit gegenüber China ein gewisser Druck aufgebaut wird und so noch viel nachdrücklicher für die Wahrung der Menschenrechte eingetreten werden könne.
Bleibt also zu hoffen, dass das faire Spiel auf dem Platz auch auf die politische Situation übertragen wird und China den Olympischen Geist als eine Chance für einen dringend nötigen Wandel begreift.
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Kommentare (2)
Boykott ist keine Lösung! Geht hin und berichtet, was ihr seht. Der ganzen Welt!
Kommentar von regu82 — 18.06.2008 @ 14:01[...] aber wenig aussagekräftig. Vor allem sollte man sich fragen, welche politische Sichtweise der Autor mit seiner Wahl eines zweidimensionalen politischen Koordinatensystems ausdrücken möchte. Es [...]
Pingback von Spiel-Magie — 25.06.2008 @ 01:43