Exhibitionismus als neuester Jugend-Trend
Im Wohnzimmer krachen HipHop-Beats aus den Lautsprechern. Betrunkene Jugendliche grölen die Songtexte mit und tanzen ausgelassen. Eine Gruppe von Party-Gästen misst sich im Wettsaufen. Im Garten hinter dem Haus hat sich eine Menschentraube gebildet. Unter Pfiffen und Anfeuerungsrufen winden sich drei nackte Körper am Boden, gelegentlich erhellt vom Blitzen der Digitalkameras. Zwei Mädchen und ein Junge sind enthusiastisch damit beschäftigt, sich gegenseitig zu lecken, zu masturbieren und zu penetrieren. Es ist eine Szenerie, wie sie dieser Tage häufig an amerikanischen College-Parties anzutreffen ist.
Der neueste Party-Trend in den USA sind Blowjobs und Gruppensex. Zwar wurden Partys schon seit jeher als Gelegenheit zu betrunkenem Sex genutzt. Während man sich früher aber in ein separates Zimmer zurückzog, wird der Akt heute immer öfter vor allen Party-Gästen vollzogen. Es geht somit weniger um den Sex an sich, sondern vielmehr um seine öffentliche Zurschaustellung. Der performative Aspekt der Sexualität rückt ins Zentrum. Für die Akteure ist es eine Art Mutprobe, durch die sie aus ihrem geregeltem Alltag ausbrechen können. Öffentlicher Sex als letzte Möglichkeit, Nonkonformität auszuleben in einer Gesellschaft, die kaum noch Tabus kennt. Gleichzeitig ist es auch ein Weg, um Feedback zu erhalten über die eigene Attraktivität und Liebhaber-Qualitäten.
Der Trend zu sexuellem Exhibitionismus ist Teil einer allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung, bei der das Private immer mehr öffentlich wird. Seit Anfang der 1990er Jahre sind Reality-TV Formate im Fernsehen geradezu explodiert. Heute gibt es kaum noch einen Bereich des Lebens, der nicht von Reality-TV Kameras eingefangen und dem prüfenden Blick der Zuschauer vorgesetzt wird. Mit dem Web 2.0 ist Selbstdarstellung zum Massenphänomen geworden. Auf YouTube, Flickr und Facebook geben Normalo-Bürger Einblick in ihr Privatleben. Präsentieren und bewerten ist das Kredo einer zunehmend auf das äussere Erscheinungsbild fixierten Kultur am Anfang des 21. Jahrhunderts geworden. Heute gilt: Nur was für alle sichtbar und damit verifizierbar ist, ist wahr. Erst in der vollkommenen Zurschaustellung der intimsten Details sind wir ganz wir selbst.
Dass auch Sexualität von dieser Entwicklung nicht ausgespart bleibt, liegt auf der Hand. Stars und Starlets wie Britney Spears oder Paris Hilton machen es vor. Wenn man nicht mit neuen Songs von sich reden machen kann, tut’s auch das Herzeigen der eigenen Intimrasur. Ein Sex-Tape zur rechten Zeit auf YouTube platziert, verleiht so mancher ins Stocken geratenen Karriere neuen Auftrieb. Die Veröffentlichung von pornographischen Bildern hat sich mittlerweile zur veritablen Marketing-Strategie entwickelt. Was noch vor kurzem als skandalös galt, ist heute zunehmend normal. Die Blowjob-Technik von Paris Hilton wird in Online-Foren genauso ausführlich diskutiert wie ihr neuestes Kleid oder ihre Frisur. Sex als Mittel zur Selbstdarstellung und Identitätskonstruktion ist damit in den popkulturellen Kontext eingetreten.
Einen ersten Höhepunkt erreichte die Porno-Welle um die Jahrtausendwende, als der Porn-Chic in der Mode-Branche aufkam. Für Werbekampagnen bedienten sich Mode-Labels wie Gucci und Sisley einer Bildsprache, die sich hart an der Grenze zur Pornographie bewegte. Hauptakteur des Porn-Chics war der Fotograf Terrry Richardson. Sein Markenzeichen war es, Fashion-Models bei echtem Sex abzulichten. Richardson fotografierte mit einer einfachen Snapshot-Kamera, wodurch die Bilder simplen Amateuraufnahmen glichen.
Heute ist die Amateur-Ästhetik im Web allgegenwärtig. Immer mehr ‹normale› Menschen fotografieren sich beim Sex und stellen die Bilder online. Sex ist zu einem Mode-Statement geworden, durch das man sich selbst ausdrückt und anderen seine Persönlichkeit offenbart. Sexueller Exhibitionismus hat sich als schicker Tabubruch im Mainstream etabliert – und wurde damit zu einem Massenphänomen.
Für die leicht zu beeinflussenden Kids in den USA ist es nur natürlich, den medialen Vorbildern nachzueifern und Exhibitionismus als neusten Fashion-Trend aufzugreifen. Die Situation ist vergleichbar mit den 1950er Jahren, als die damaligen Jugendlichen den Rock’n’Roll für sich entdeckten. Der Rock’n’Roll-Tanzstil stand für Nonkonformismus, Wildheit und das Übertreten von sittlichen Normen und Werten. Heute braucht es keinen Tanz mehr, um diese Botschaft zu transportieren. Die moralischen Masstäbe haben sich verschoben: An die Stelle des Tanzes ist der sexuelle Akt getreten.
Bereits haben findige Unternehmer einen Weg gefunden, um aus der sexualisierten Kultur Kapital zu schlagen. Überaus erfolgreich ist die DVD-Serie Girls Gone Wild: Betrunkene Jugendliche werden auf Partys bei sexuellen Ausschweifungen gefilmt und so als Real-Life Pornostars in Szene gesetzt. Joseph Francis, der Erfinder und Produzent der Serie, fährt mit seinem Filmteam von College-Stadt zu College-Stadt, immer auf der Suche nach der ausgelassensten Studenten-Fete. Dort werden Mädchen animiert, sich für die Kamera auszuziehen oder mit ihren Freunden zu schlafen. Zur Belohnung gibt’s ein T-Shirt. Obwohl hierzulande kaum bekannt, hat sich Girls Gone Wild in den USA zu einem regelrechten Kult entwickelt. Die Filmteams werden an College-Parties richtiggehend von jungen Frauen bedrängt, die vor der Kamera in Aktion treten wollen. Von einem Mangel an zeigefreudigen Kandidatinnen kann somit keine Rede sein.
Auf den Grund angesprochen, warum sie sich beim Sex filmen lassen, antworten die meisten Girls Gone Wild-Teilnehmerinnen, dass es ihnen um den Spass geht oder darum, etwas ‹Verrücktes› zu tun. Für manche ist es auch eine Bestätigung dafür, dass sie körperlich attraktiv oder gut im Sex sind. In den Girls Gone Wild-Videos werden oft die körperlichen Merkmale oder die sexuellen Techniken der Akteure thematisiert. Das Filmteam kommentiert beispielsweise das Aussehen der Geschlechtsteile oder die Blowjob-Technik. Somit hat der sexuelle Exhibitionismus auch eine Komponente der Selbstversicherung. Durch die Kommentare und Reaktionen der Umstehen werden Fragen wie ‹Sehe ich gut aus› , ‹Mache ich es richtig?› und ‹Bin ich gut genug?› indirekt beantwortet. Damit funktioniert Girls Gone Wild wie eine pornographische Version von Deutschland Sucht Den Superstar oder Germany’s Next Top Model. Der Sex ist die zu bewertende Darbietung und die Umstehenden geben die Jury. Anstatt eines Platten- oder Modelvertrags kriegen die Teilnehmerinnen ein T-Shirt, welches sie als Trophäe und Beweis für die eigene Hemmungslosigkeit herzeigen können.
Da die meisten Teilnehmerinnen von Girls Gone Wild bei ihren Aktionen betrunken und damit unzurechnungsfähig sind, ist die DVD-Serie umstritten. Es gab mehrere Gerichtsverfahren wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. In Anbetracht der grossen Menge an DVD-Veröffentlichungen ist die Zahl der Klagen jedoch verschwindend gering. Pro Jahr macht die DVD-Serie geschätzte zehn Millionen Dollar Umsatz. Joseph Francis ist mittlerweile Multimillionär mit mehreren Villen und einem eigenen Privatjet. Mit einem solch erfolgreichen Produkt liegt es nahe, das Geschäftsfeld zu diversifizieren: In Planung ist eine Girls Gone Wild Modelinie sowie eine Restaurantkette unter demselben Label. Exhibitionismus und Promiskuität wird damit zu einer massenkompatiblen Lifestyle Brand. Anders als beim Porn-Chic sind nicht mehr Models die Pornostars, sondern die Studentinnen aus der Parallelklasse. Sexueller Exhibitionismus ist endgültig in die Sphäre des Alltäglichen eingetreten. Willkommen beim Intimitäts-Fetischismus des 21. Jahrhunderts – bei dem öffentlicher Sex nichts weiter ist als eine weitere Plattform zur Selbstdarstellung.
Max Celko ist Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Seine Themenschwerpunkte sind gesellschaftliche Trends und neue Entwicklungen in Medien, Marketing und Technologie. Max studiert Medienwissenschaft und Film in Zürich, Berlin und Peking.
Illustration: Karolina Pyrcik

Kommentare (16)
Coole Story. Ich ziehe mich an der nächsten Party auch aus.
von Jonny am 29.9.2008 22:43Eben. Und wer kann mir nun gleich nochmals sagen, wieso sich in unserem Land die Politiker und Moralapostel so dermassen über Bottelons aufregen? Seid doch froh, betrinken sich die Jugendlichen hierzulande nur um zu rebellieren und ihre Nonkonformität auszudrücken.
von Biff am 1.10.2008 08:45Macht nicht nur wesentlich mehr Spass, sondern ist besser und viel, viel gesünder als Botellons und Besäufnisse!
von Rosvelta am 1.10.2008 09:52Decadente Postmoderne Gesellschaft ohne Werte !!! das ist die Ergegnis von MassMedien VIVA, MTV und Co. Wenn die Eltern schon verloren und pervertiert sind, wie sollen die Kinder sein???
von Britney Spears am 1.10.2008 11:22gopf, das hättet ihr doch auch machen können, als ich noch jünger war...
von neidhammel am 1.10.2008 15:12...die Würde verlieren und alle schauen zu - hoffentlich mit Gummi.. Whats next? tztztztzt...don't get it...sick sick sick sick
von wischiwaschi am 2.10.2008 17:28jede generation hat sich etzwas gesucht womit sie bestehende tabus brechen konnte, heute gibt es eben nur noch den öffentlichen sex...
von Betty am 2.10.2008 19:46ui, das hätte ich aber fast nicht für möglich gehalten. die jungs aus den usa gehen auch in fremde länder und erschiessen kinder in aller öffentlichkeit. das ist auch eine krasse mutprobe im fall! mich erstaunt das gar nicht das generation viva jetzt auch x-rated-videoclips zuhause nachspielen tut. der andere trend sind amokläufe und sonstige mutproben. alles just easy as a-b-c.
von frank am 3.10.2008 05:18Also ich finde es noch cool. Warum denn nicht? Ok, Gummi wäre schon nicht schlecht, aber dann ist es eigentlich easy.
von Peter am 4.10.2008 12:40Ich bin mir nicht sicher, ob ich das machen würde... wenn aber ein T-Shirt im Spiel ist:-D
von Eel am 26.4.2009 18:42Da werden wir uns wohl damit abfinden müssen, dass der sexuelle Exhibitionismus und öffentlicher Sex immer mehr zur Alltagskultur gehören wird. In den vielen Cam-to-Cam-Portalen wird dies schon seit langem praktiziert. Masturbation aber auch kompletter Sex (M+F oder M+M) vor der cam ist im Trend. Der größte Kick dabei ist, sich vollständig, also auch mit Gesicht, zu zeigen. Zuschauerzahlen von bis zu 2000 aus aller Welt z.B. bai cam4 sind der Anreiz sich hier so öffentlich zu zeigen.
von dani am 15.5.2009 13:05solange die nachfrage da ist, scheint ja genuegend zu geben die das sehen wollen - als ob sie kein eigenes oder unzufriedenes (sex)leben haetten ... oh man, und dass dabei ein voellig falsches bild von sexualitaet vermittelt wird und der junge von morgen glaubt, jede ist immer und ueberall willig - wohin soll das fuehren?
von tinkabout am 22.6.2009 12:47Wir leben in einer Gesellschaft die fast ausschliesslich von Medien kontrolliert und geprägt wird. Einerseits spiegelt sich das in der absurden Konsumfreudigkeit, andererseits in der völlig orientierungslosen Ich-und-die-Welt-Bezogenheit wieder, ich nenn das jetzt einfach mal so. Wenn es normal ist, dass ein Jugendlicher 2GB Pornos auf seiner Festplatte hat und sich jedes zweite Mädchen Paris Hilton oder irgendeine MTV-Hure als Vorbild nimmt, die beweisen, dass man im Leben weder Charakter noch Intellekt braucht um sich nen reichen Typen zu angeln oder Popstar zu werden, sollte sich eigentlich niemand mehr wundern wies soweit kommen konnte. Oberflächlichkeit und Materialismus sind das Ying und Yang unserer Zeit. Fragt sich nur was als nächstes kommt? Vielleicht Live-Cam Übertrageungen von Vergewaltigungen? hauptsach "voll chrasss, scho gseh?!" oder afach "chenni, isch ganz normal"?
von Anonymous am 20.8.2009 00:22ach ja.. 22 und ich muss jetzt schon sagen; damals bei uns war das noch nicht so! lg mandrinle
von Anonymous am 20.8.2009 00:40lass ihn raus frischluft tut gut
von Anonymous am 14.12.2009 18:30das gibts doch auch schon bei uns, in der immer grösser wachsenden Club- und Pornokinoszene. Vor allem letztere sind für Exhis doch super geeignet.
von loverman13 am 13.4.2010 13:49