You ain't Street - Die Sache mit der Credibility
In Zeiten, in denen jeder, der in der Lage ist, einen Stift zu halten, ein T-Shirt-Label startet und nahezu jede kleine Grafik-Bude schon mit den Nikes und Adidas' dieser Welt kooperiert hat, fragt man sich: Wie authentisch kann Streetwear heute eigentlich überhaupt noch sein? Wir haben mal nachgehakt. Auf der Bright in Frankfurt.

Bright 2008: Der Eingang zur Fachmesse
Wenn im Bahnhofsviertel der Mainmetropole überall Rollen auf dem Asphalt klackern, die New Era-Käppi-Dichte steigt und an jeder Ecke schnieke Schals, limitierte Sneaker und coole Rucksäcke erscheinen, ist klar, es ist wieder Bright-Zeit. Zweimal im Jahr treffen sich auf der Fachmesse im ehemaligen, charmant-verlodderten Polizeipräsidium all jene, die in Sachen Strassenmode wissen, wo oben und unten ist. Knapp 300 Aussteller und 4500 Besucher waren es im Juli, ein Rekord, denn 2005 startete die Bright noch als kuschelige Nischenveranstaltung.

Bright 2008: Das Entrée
Dass sich der Erfolg so schnell einstellte, ist bezeichnend für die Szene, denn Glaubwürdigkeit und Community gehen nach wie vor über alles. Die Bright-Initiatoren Thomas Martini und Marco Aslim stehen mit derlei Gänsehautwörtern auf Du und Du. Seit dreizehn Jahren arbeiten die Beiden als Agenten und Distributeure für Labels wie Lakai, Onitsuka Tiger, Fenchurch, Matix oder The Quiet Life, sie kennen die Bedürfnisse der Händler genauso, wie die der Marken, verfügen über feste Netzwerke; dass das Duo auch seit Ewigkeiten skateboardet, braucht kaum noch erwähnt werden.

Bright-Initiator Thomas Martiny mit Familie.
"Das Family-Gefühl ist eine wichtige Komponente für uns, ich kenne 99 Prozent der Leute, die hier arbeiten vom Ausgehen oder Skaten", erklärt Thomas Martini "Ich denke den Firmen ist die Atmosphäre und das Markenumfeld wichtig. Ich bin happy mit dem Portfolio, selbst Brands wie Stussy, X-Large oder Crooks & Castles, die Messen sonst strikt meiden, sind da."
Obgleich die Streetwear-Industrie längst ein Milliarden-Geschäft ist, schwingen der feine Hauch von Solidarität und das schöne, warme Wir-Gefühl noch immer mit. "Never forget where you coming from" ist mehr als eine Phrase, Netzwerke und soziale Kompetenz entscheiden über Erfolg und Mißerfolg, man bleibt gerne unter sich.
Auf der Bright stellt sich dann auch schnell mal der Eindruck eines Klassentreffens ein. Die Atmosphäre ist entspannt, ab Mittag fließen die ersten Bierchen und statt überteuertem Messe-Catering löffelt man unprätentiös Gulaschsuppe und selbst gemachte Salate. Auch wenn Gediegenheit und Laid-back-Stimmung überwiegen, Business wird gemacht, nur eben nicht steif wie sonst auf Messen üblich, sondern irgendwo im Vorbeigehen oder auf einer der abendlichen Parties.
Don Brown, Vizepräsident von Sole Technology, dessen Brands Etnies, éS und Emerica auf der Bright dabei sind, beschreibt die Entwicklung wie folgt:
"Der Markt hat sich vor allem durch das ganze Geld verändert. Früher war Skateboarden reine Leidenschaft, heute fahren einige der Kids so verbissen, weil sie wissen, dass man damit richtig Kohle verdienen kann. Dennoch ist die Branche immer noch voller positiver Energie." Don selbst gehörte zu den wichtigsten Pro-Fahrern der 1980er und 90er Jahre und wurde 1989 Weltmeister im Freestyle. Um Authentizität muß er sich keine Kopfschmerzen machen. "Es ist wichtig, die Wurzeln zu bewahren. Für uns heißt das, die besten Fahrer zu unterstützen, immer ein Auge auf den Nachwuchs zu werfen und vor allem die Qualität der Produkte aufrecht erhalten." Den Nachwuchs konnte man in Frankfurt bestens begutachten, im liebevoll hergerichteten Skatepark rollte der gemeinsam mit bekannten Namen drei Tage lang für Show, Fame und Preisgelder.

Bright 2008: Klassentreffen nicht nur für die Grossen.
Aber auch in Sachen Brands zeigte sich einiges Frisches in Frankfurt und Labels wie Prism, Wemoto oder Yeahboy Department beweisen, dass die Chancen, einen Fuß in den prall gefüllten Markt zu bekommen, gar nicht so schlecht stehen. Voraussetzungen: man hat ein stimmiges Produkt, die richtige Connece und benimmt sich nicht völlig daneben. Ja, große Klappe und nix dahinter kommt selbst in dieser wahrlich große-Klappen-gespickten Szene nicht sonderlich gut an.
Erfüllt man diese Attribute wird die Ware alsbald durch sämtliche Blogs à la Hypebeast, SlamXHype und Beinghunted gereicht, ein Phänomen, das die Branche in den letzten Jahren veränderte. Gregor Garkisch von Wemoto: "Heutzutage braucht man als Anfänger keine Ahnung vom Biz haben. Jede Nase – uns eingeschlossen (lacht) - kann T-Shirts gestalten und ins Netz stellen. Wenn der Style stimmt, spricht sich das rum." Beim 2003 gegründeten, sympathischen Label aus Mainz stimmt der allemal, fast 80 internationale Shops haben das mittlerweile erkannt und verkaufen die Tees, Jacken und Hoodies des Jungs-Trios.
Dass gute Laune und Herzblut oftmals der beste Motor sind, beweist auch Prism, eines der wenigen Schweizer Labels auf der Bright. "Ich habe 2006 angefangen und Prism ist meine ganze Leidenschaft, ich wollte mich und das Lebensgefühl meiner Crew zum Ausdruck bringen. Mir geht’s um good vibrations und den Ausdruck meiner selbst." erklärt Fabien Baudin seinen Ansatz. Wegen der positiven Resonanz, bricht mittlerweile Streß im beschaulichen Örtchen Vevey aus, denn Prism wächst beständig.

Bright 2008: Das warme Wir-Gefühl schwingt noch immer mit.
"Ich denke, dass die Majors, gerade im Bereich Sneaker und T-Shirts, schon spüren, dass sie verstärkt Prozente an kleine, neue Labels verlieren," denkt Thomas Martini. Dass diese "Kleinen" in einem Umfeld wie in Frankfurt, wo sich die Stylo-Elite trifft, oftmals die "Großen" sind, ist bezeichnend. Immer wieder laufen T-Shirts mit Logoschriftzügen von Brands wie Alife, Supreme oder Anything oder die signifikanten Drucke des Toasts von Clepto oder der schrägen Schnabeltiere von Parra (Rockwell-Shop) durch die Gänge. Das Code-System funktioniert – dafür muß das T-Shirt noch nicht mal sonderlich schön sein und man erschrickt, wie gleichgeschaltet am Ende dann doch alles ist.
Erkennbar wird dies nicht zuletzt auch an der Struktur der Streetwear-Shops. Ist eine Marke einmal in bei Norse Kopenhagen, The Three Threads London, Colette Paris oder WoodWood Berlin vertreten, muß sie sich nicht mehr viele Sorgen machen. Diese A-Liga-Läden sind fixe Orientierungshilfe für viele andere Händler, ein Manko daran, das Portfolio vieler Shops ist mittlerweile fast eins zu eins das Gleiche. "Ich denke diese Entwicklung ist auch eine Chance für neue Labels und Läden", findet Thomas und ergänzt: "Die Leute suchen immer frische Impulse. Man sieht das ja auch am Look, die individuelle Mischung macht’s. Momentan gibt es so viele Strömungen. Selbst wir haben da unsere Probleme, den Überblick zu behalten und diskutieren viel über die Qualität oder den Look der Sachen."
Und was ist jetzt inhaltlich der Trend? Im Großen und Ganzen dürfte im Sommer 2009 alles ein wenig erwachsener und legerer werden. Betont schlampig ist vorbei, die ganz junge Fraktion nu-ravet noch ein bißchen mit Neonfarben und offensiven Drucken. Für die grauere Eminenz gehört ein Hemd, gerne kariert, zur Basisgarderobe, die Jeans ist nicht zu eng und nicht zu weit, eigentlich tut es die gute alte Levi’s 501. Einflüsse aus Altherrensportarten wie Segeln oder Golf lassen sich an Details der Schuhe und Jacken festmachen, auch spießige Paisleymuster und Argyles, die typischen Golf-Rauten, sind vor der Reanimierung nicht mehr sicher. Ansonsten ist generell ein bißchen Retro dabei, dazu Punk, Rock’n’Roll, Hip-Hop - fertig ist die credibile Street-Uniform fürs immer wieder amüsante In-is-wer-drin-is-Spiel.
Text: Romy Uebel
Schöne Stücke Street-Fashion sowie einige Impressionen von der Bright 2008:

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