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Lang lebe die Tradition

Am 16.4.2009 1 Kommentare
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Es ist Samstagabend und eine Hand voll Mitglieder des traditionellen, fast hundertjährigen britischen Frauenverbandes Women's Institute hat sich zum gemeinsamen Nähen versammelt. Bei selbstgebackenen Plätzchen und würzigem Apfelmost werden stolz neugekaufte Vintagekleider herumgezeigt und Tipps zum Austauschen von Knöpfen weitergegeben.

 

Shoreditch Sisters

 

Interessanterweise handelt es sich aber hier nicht um eine Gruppe von älteren Hausfrauen in einer ländlichen englischen Grafschaft, sondern um junge Frauen, die sich einmal im Monat im angesagten Londoner Stadtteil Shoreditch treffen.

Die "Shoreditch Sisters", wie sie sich stolz nennen, sind typisch für eine Trendwende, die sich in Grossbritannien immer mehr bemerkbar macht. Anstatt den neuen Modetrends zu folgen, wird lieber Vintage gekauft, anstelle von Ikea sind auf einmal Flohmärkte angesagt und man strickt auch schon mal einen neuen Pulli nach einem original 40er-Jahre Muster von Vogue.

Schon längst vor der derzeitigen globalen Wirtschaftskrise, die Grossbritannien besonders hart getroffen hat, hatten sich die ersten am nichtendenwollenden Angebot der Ladenketten einfach sattgekauft. Während es vor ein paar Jahren noch zwei Modekollektionen pro Jahr gab, kommen inzwischen wöchentlich perfekte Kopien von Designerkleidern in die Läden, vom Laufsteg auf den Grabbeltisch in wenigen Wochen.

So wird suggeriert, dass man ständig neue Dinge kaufen muss, um mithalten zu können und um zu zeigen, dass man weiss was "in" ist. Kein Wunder, dass immer mehr Leute keine Lust mehr haben beim Trendwettrennen mitzumachen. Wer statt Topshop Blazer mit aktuellen Schulterpolstern oder H&M-Holzfällerhemd lieber ein Vintagekleid aus den 50er-Jahren trägt, setzt ein deutliches Zeichen: Individualität an Stelle von Massenkonsum.

Dabei geht es nicht etwa darum einer bestimmten, retro-orientierten Subkultur angehören zu wollen. Während zum Beispiel Rockabilly-Anhänger ihre Vorliebe konsequent in ihrer Mode und durch ihren Stil zum Ausdruck bringen, so mixt der neue Individualist querbeet alle Modejahrzehnte, trägte heute ein Blumenkleid aus den 50er-Jahren und morgen eine Lederjacke aus den 80ern, oder auch mal beides auf einmal.

Shoreditch SisterSo tragen auch die "Shoredich Sisters" meistens Vintage und kombinieren feine Blusen aus den 40ern mit rotem Lippenstift, Hüten und Jacken, die sie für ein paar wenige Pfund in einem der typisch englischen "charity shops" gefunden haben. Damit setzen sie sich klar von der Mehrheit der trendigen Londoner ab, die legginsbekleidet in den neusten schwindelndhohen Lederstiefeln jeden Abend wie geklont durch Shoreditch stöckeln.

Viele der Sisters arbeiten in kreativen Berufen, in der Modeindustrie oder als Designer. Ihre monatlichen Treffen bieten so vorallem auch die Möglichkeit zum Austausch unter Gleichgesinnten. Gerade dadurch kommen sie der Philosophie und den Werten ihrer Vereinsgründer nahe.

Das Women‘s Institute wurde 1915 ins Leben gerufen, um der britischen Landbevölkerung einen Anlaufpunkt zu geben und um die Lebensmittelproduktion während des Ersten Weltkrieges zu fördern. Der Frauenverein sollte zum Mittelpunkt des Dorflebens werden, eine Möglichkeit bieten, sich über den ländlichen Alltag zu unterhalten, Tipps auszutauschen und natürlich auch den neuesten Klatsch zu erzählen.

Shoreditch SisterÄhnlich ist der Shoreditcher Ableger des Vereins heute ein familiärer Anlaufpunkt in einer Stadt, in der Fremde selten ins Gespräch kommen und selbst in der Enge der U-Bahn betretenes Schweigen herrscht. Wer wissen möchte, wo es die besten Vintagekleider zu kaufen gibt, wie man einen Rock enger macht oder wer am Wochenende wo auflegt, der ist bei den Sisters gut aufgehoben.

Noch ein weitere britische Tradition hat einen deutlichen Einfluss auf die Sisters. "Make do and mend" war die berühmte Parole während des Zweiten Weltkrieges, die das von Warenlieferungen abgeschnitte Inselvolk dazu aufrief, mit den wenigen vorhandenen Rohstoffen zurechtzukommen und sparsam umzugehen. Stopfen, Umnähen, Flicken und Wiederverwerten wurden so zur patriotischen Pflicht, an die in der jetzigen finanziell schwierigen Lage gerne wieder erinnert wird.

Um Geld zu sparen, stopft man inzwischen dann doch lieber das Loch im Socken, schneidert die billige Vintagejacke um und bäckt seine Muffins selbst, anstatt zu Starbucks zu gehen. Dabei ist das Umändern und Zueigenmachen von Altem und Gebrauchtem auch wiederum ein klares Zeichen der neuen Individualität, man drückt eben gerne allem seinen eigenen Stempel auf.

 

Live-Musik

 

Warum auch nicht, nichts ist schlimmer als die Vorstellung, auf einer Party zu erscheinen, auf der man auf seine Doppelgängerin im gleichen Kleid trifft. Nichts ist lanweiliger als die dutzendfachen, ewig gleich aussehenden "fashionistas", die alle wie die Schaufensterpuppen in American Apparel aussehen. Und nichts ist nichtssagender, als seinen Stil eins-zu-eins irgendeiner Schauspielerin anzugleichen.

Die Shoreditch Sisters organisieren ihre eigenen "Make do and mend"-Abende, an denen man lernen kann, wie man gemütlich einen Ipod-Schutz schneidert, eine Amy Winehouse Puppe häkelt oder einem Kleid mit Hilfe eines  Kissenbezuges einen neuen, von Vivienne Westwood inspirierten Schnitt gibt. Alte Traditionen und Fertigkeiten werden so in einen modernen Kontext gesetzt.

Wem das zu spiesig klingt und zu hausfraulich scheint, der darf den rebellischen, provozierenden Ansatz, der durchaus hinter den Shoreditch Sisters, hinter Strickzirkeln und Vintageliebhaberei steckt, nicht übersehen. Neben der Konsumverweigerung und dem Verlangen nach Individualismus ist die Rückbesinnung zum schneidernden Heimchen auch eine bewusste Abgrenzung zum Feminismus der 70er, zur Karrieregeilheit der 80er und dem Hedonismus der 90er. Genauer gesagt: sich abends zu besaufen, ist schon längst keine Provokation mehr. Stricken zu gehen schon.

 

Make do and mend

Dass die Werte des ehrwürdigen Women's Institute einmal provozierend sein könnten, hätten seine Gründer vor fast hundert Jahren sicherlich nicht gedacht. Die Shoreditch Sisters zeigen aber gerade das und darüber hinaus, dass die Rückbesinnung auf alte Werte sehr modern sein kann.

Tags: Fashion, london, magazin nr 13, vintage

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