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Tourist im eigenen Leben

Am 24.2.2010 2 Kommentare
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Auswandern in einen anderen Kontinent, Neubeginn in einer fremden Sprache, das Leben auf Tour: ist von Ortswechseln die Rede, weiss der US-amerikanische Singer-Songwriter Chris Garneau genau, wovon er spricht.

 

Chris Garneau

Chris Garneau - Foto Credit: KYLE & JOFF



Geboren in Boston, zog Chris Garneau als Kind mit seinen Eltern nach Frankreich und verbrachte dort den grössten Teil seiner Jugend. Zurück in New York ergatterte sich der talentierte Schauspieler eine heiss begehrte Hauptrolle in der Broadway-Produktion "Frühlings Erwachen" von Duncan Sheik. Doch Garneau hatte eine andere Vorstellung vom Leben als Künstler und verzichtete zugunsten seiner Solokarriere auf das Ruhm versprechende Engagement. Als Singer-Songwriter tingelte er durch die kleinen Pianobars im East Village und in Manhattans Lower East Side, später mit seiner Band durch die halbe Welt. Drei Alben danach und das vierte bereits in Aussicht, scheint sich der sensible Musiker, dessen melancholischen, mit fragiler Stimme vorgetragenen Songs schon längst nicht mehr nur Insider begeistern, noch immer nicht wirklich an den Rummel um seine Person gewöhnt zu haben. Ungläubig, fast schon schüchtern erzählt er im Interview von seinen Erlebnissen auf Tour und von seinen Fans.

Garneau, der erklärte Tierfreund und reichlich schräge Hüter kleiner Schätze, kombiniert Elemente aus Folk und Americana geschickt mit ruhiger Popmusik und spickt die kleinen, feinen, vom Piano getragenen Songs gerne mit einer Prise Troubadour-Romantik. Seine Musik, besonders auch seine Stimme werden gerne mit der von Rufus Wainwright verglichen. Garneau selbst zählt zu seinen Vorbildern die Perlen des Singer-Songwriter-Genres – Jeff Buckley, Nina Simone, Elliott Smith oder auch Chan Marshall von Cat Power – die, wie er selbst, ihr Publikum mit zauberhaft zerbrechlichen Songs umgarnen.

 

 

kinki sprach mit Chris Garneau über sein Leben auf Tour, sein Zuhause sowie eine Epiphanie, die er bei einem Auftritt in China erlebte.

 

kinki magazine: Wo fühlst du dich so richtig zu Hause, Chris?
Chris Garneau: Schwierig zu sagen, aber im Moment ist New York mein Zuhause. Als Kind hat sich das Leben unterwegs sehr natürlich angefühlt. Nach Frankreich zu ziehen und dort zu leben, war für mich etwas Spezielles. Ich fand sehr viel Ruhe dort, und als jüngstes Familienmitglied konnte ich mich noch am besten an das Leben fern der USA anzupassen. Wenn ich jetzt nach Frankreich zurückgehe, fühlt es sich an, als hätte ich einen Teil von mir dort zurückgelassen. Trotzdem habe ich das Gefühl, überall auf der Welt zuhause zu sein. Doch der Platz, der einem richtigen Zuhause am nächsten kommt, ist definitiv New York.

Also nimmst du dich eher als Amerikaner denn als Europäer wahr?
Ja, ich würde mich als Amerikaner definieren. Ich lebe wieder in den Staaten seit ich 12 Jahre alt bin, also schon eine ganze Weile.

Was ist für dich der markanteste Unterschied zwischen den USA und Europa?
Als ich in Europa gelebt habe, gab es eine grosse interkulturelle Akzeptanz. Oder zumindest waren die Leute sehr daran gewöhnt, mit Menschen aus anderen Ländern und Kulturen umzugehen. Ich habe die Europäer als sehr tolerant und pluralistisch erlebt. Während es in den USA doch vor allem den einen Weg zu denken und zu fühlen gibt. Die Amerikaner kümmern sich in erster Linie um Amerika, sie sehen weniger das globale Bild.

Du bist eben von deiner Europatour zurückgekehrt. Magst du es, auf Tour zu sein?
Ja und Nein. Diese letzte Tour war gut, weil sie lediglich eine Woche gedauert hat. Das Touren macht mich mittlerweile etwas müde. Es ist anstrengend. Geht es allein um den Auftritt, so geniesse ich es sehr zu performen. Es ist ein erfüllender Job und der Auftritt ist wirklich der beste Teil meines Lebens als Musiker. Aber alles andere, was mit dem Touren zusammenhängt, ist sehr ermattend. Dieses Jahr waren wir oft unterwegs und es fühlte sich ein bisschen so an, als ob ich immer weg war. Ich mochte das Touren früher mehr.



Was ist denn das mühsamste am Touren?
Am meisten nerven mich die langen Fahrten. Du sitzt im Bus und schaust nur aus dem Fenster. Dann kehrt an Tagen, an denen du auf Tour bist, auch nie Normalität ein. Natürlich ist es sehr schön, so viele unterschiedliche Leute und Fans kennenzulernen. Gleichzeitig ist es aber auch sehr anstrengend, sich immer wieder auf neue Leute einstellen zu müssen, die man nicht so gut kennt. Jeden Tag hängst du in einer anderen Bar rum, manchmal fühle ich mich wie ein Nomade. Doch man gewöhnt sich dran. Aber kurze Touren mag ich generell am liebsten. Alles, das kürzer als einen Monat ist, geht. Dauert es länger, beginn ich, die negativen Seiten zu sehen.

Ab Januar bist du trotzdem wieder auf Tour durch China, Hong Kong, Japan und Korea – ungewöhnliche Länder für einen amerikanischen Musiker. Weshalb gerade Asien?
Die Leute, die uns an das asiatische Label vermittelt haben, sahen uns vor ein paar Jahren in Paris spielen. Sie schlugen vor, eine China-Tour zu organisieren und das klang sehr aufregend. Wir waren nicht wirklich sicher, was uns erwartet, aber ein Jahr später landeten wir dann für ein paar Wochen in China. Vor Kurzem wurden meine Alben dort veröffentlicht, weswegen wir unbedingt zurück wollten, um ein paar Shows zu spielen. Im Moment ist in den asiatischen Ländern sehr viel los. Es ist eine ganz andere Musikwelt. Auch dieses Mal gehen wir einfach drauflos und schauen, was passieren wird.

Wie unterscheiden sich denn die chinesischen Fans von den Leuten, die in Europa oder in den USA zu euren Konzerten kommen?

Jede Show ist anders. Es kommt immer auf die Stadt an, aber ich erinnere mich besonders an eine Show in Shanghai. Wir spielten den ersten Song unseres Sets. Es war der Opener des neuen Albums, und als wir den Song fertig gespielt hatten, erlebten wir einen extrem intensiven Moment. Niemand klatschte oder rührte sich.

Die Leute standen einfach dort und starrten uns an. Wir wussten nicht recht, was wir tun sollten, schauten uns an und begannen dann mit dem nächsten Song. Nach dem zweiten Stück applaudierte das Publikum leise, und bei jedem weiteren Song gingen sie ein bisschen mehr aus sich raus. Die Leute, die das Konzert organisiert hatten, sagten uns später, das Publikum sei nach dem ersten Song einfach so erstaunt gewesen, dass sie fast erstarrt seien. Verglichen mit dem Westen touren in China nur sehr wenige Bands.

Die Leute lassen sich daher viel mehr auf ein Konzert ein. Man empfindet bei ihnen eine sehr grosse Leidenschaft und irgendwie auch eine gewisse Dankbarkeit, die sie einem als Künstler entgegenbringen.


 
Dein erstes Album hiess "Music For Tourists". Was hat es mit diesem Titel auf sich?

Das hängt mit meiner allerersten Show in L.A. zusammen. Ich war gerade mal 21 Jahre jung und hatte noch keine Erfahrung mit Live-Auftritten. Ich spielte also in dieser winzig kleinen Bar in North Hollywood, mitten im Touristenviertel, in dem die Themenparks, Filmsets und all dieser Kram zu finden ist. Dort kommen unvermeidlich auch eine Menge Touristen an deine Konzerte in den Bars und Clubs.

Ein paar Leute, die am Konzert waren, kamen nach der Show zu mir und meinten: "Hey, ich mag deine Musik wirklich, aber ich versteh nicht ganz, weshalb du in diesem Teil der Stadt spielst. Du gehörst an Orte, an denen die Leute wirklich leben und die Stadt kennen." Ich antwortete damals scherzhaft, dass ich eben "Music For Tourists" spielen würde, und taufte dann mein Album so. Später wurde der Albumtitel immer mehr zum Sinnbild für Menschen, die nicht unbedingt nur Touristen im eigentlichen Sinn des Wortes sind, sondern viel mehr Touristen in ihrem eigenen Leben.

Leute, die durch ihre eigene Welt reisen, Dinge zum ersten Mal entdecken, Abenteuer erleben, also ziemlich genau das, was ich mit diesem ersten Album durchgemacht habe. Es war meine erste Auswahl an Songs. Songs, die ich schrieb während sich meine Persönlichkeit gerade entwickelte, während ich vom Teenager zu einem jungen Kerl heranwuchs. Plötzlich hatte der Titel, der zu Beginn bloss ein Joke war, an Bedeutung gewonnen.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft aus?

Nach der China Tour verbringe ich den restlichen Winter zu Hause und arbeite an meiner neuen Platte. Im Frühling werde ich dann wieder in Europa auf Tour sein, um mein aktuelles Album "El Radio" zu promoten. Sicher ich werde im Frühling auch wieder in der Schweiz spielen.

Ein kleines Stück Heimat ist beim ewigen Touristen Chris Garneau auf Tour immer mit dabei. Der leidenschaftliche Lampenschirmsammler stellt, wo auch immer ihn seine Konzerte hinführen, als erstes seine Nachttischlampe aufs Elektropiano. Auch in diesem Jahr wird Chris Garneau trotz aller Widrigkeiten, die das Tourleben so mit sich bringt, erneut "on the road" sein, um sein aktuelles Album "El Radio" sowie frisches Material, an dem er zur Zeit arbeitet, in der Schweiz und in Deutschland vorzustellen.

Mehr Informationen zu Chris Garneau gibt es auf seiner Website und seiner My-Space Seite.

Text und Interview: Martina Messerli

 

 

 

 

Tags: magazin nr 22, americana, grindcore, Pop, chris garneau

Kommentare (2)

  • ich liebe euch, als ich chris garneau das erste mal hörte wurde ich in eine traumwelt geschubst, in der es rosarote apfelbäume und zuckerwattenhäuser gibt. and i'm still there. danke

    von trinkdichsatt am 2.3.2010 19:10

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