Red Hot-Sampler - Popkultur vs. AIDS
Moralvorstellungen à la "Born in the USA" produzieren schon tolle Auswüchse. Ein Beispiel ist die legendäre Liste sieben "schmutziger" Wörter, deren Verwendung im TV & Rundfunk per Gesetz(!) seit 1978 verboten ist. Shit oder Fuck sind prominente Piep-Wörter für den Wortindex, der auch als "Four-Letter-Words" bekannt ist - da fast alle aus vier Buchstaben bestehen.
So wie AIDS, das ist zwar nicht dabei, aber in den letzten Jahren hätte man meinen können, es wäre irgendwie mit reingerutscht. Nicht nur in den USA, sondern überall auf der Welt scheint es medial immer mehr weggepiept zu werden. Nur noch am Rande taucht die Krankheit in den Meldungen auf. Weltweit sind aber rund 33 Millionen Menschen mit HIV infiziert.
Besonders erschreckend ist, dass seit 2000 die Zahl der Neuerkrankungen wieder zunimmt. Nicht zuletzt weil viele in dem Irrglauben leben, dass die endgültige Heilung schon morgen per Medizin-Nobelpreis bekannt gegeben wird. Die amerikanische Organisation Red Hot gehört nicht dazu, sie sammelt seit ihrer Gründung im Jahr 1989 Gelder, um Aufklärungskampagnen zu unterstützen. Der Unterschied zu anderen Hilfsorganisationen ist, dass Red Hot komplett auf die Mittel der Popkultur zurückgreift.
Neben produzierten Fernsehsendungen gibt sie regelmässig Sampler der musikalischen Extraklasse heraus. Bereits die erste Ausgabe der Red Hot-Compilation von 1990 war ein riesiger Erfolg. Seitdem wird am bewährten Erfolgsrezept festgehalten, das schon weltweite Hits wie Neneh Cherrys "I've Got You Under My Skin" produzierte. Etablierte oder auch junge Künstler, die nicht wie sonst gern bei Charity-Samplern ihre Tonstudioreste recyceln, sondern exklusive Tracks oder Covers beisteuern. Die Sampler weisen stets in eine andere Stilrichtung. Fast 10 Millionen Dollar wurden bis dato auf diese Weise gesammelt.
Zum Anlass der aktuell 20. Veröffentlichung mit dem Titel "Dark Was The Night", die mit einem grandiosen "Who is Who" der derzeitigen College-, MySpace- und Indieszene aufwartet, sprach kinki mit dem Gründer der Red Hot Organisation, John Carlin.

John Carlin mit Bryce und Aaron Dessner von The National
kinki magazine: Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit den Dessner Brüdern von The National, die den aktuellen Sampler zusammenstellten?
John Carlin: Ich kenne vor allem Aaron schon lange. Bevor er mit The National so erfolgreich wurde, arbeitete er einige Jahre in meiner Webdesignfirma "Funny Garbage" in New York. Er fragte mich dann vor drei Jahren, ob er mit seinem Bruder die neue Zusammenstellung übernehmen könnte. Ich war sofort begeistert, denn die Musikszene, der er mit The National angehört, ist für mich momentan unglaublich kreativ. Deshalb bin ich sehr glücklich, dass speziell diese nordamerikanische Bewegung von Arcade Fire über Feist bis hin zu einer Band wie Yo La Tengo in dem Sampler abgebildet wird.
Welches Stück gefällt dir denn am besten auf "Dark was the Night"?
Hängt von meiner Stimmung ab, aber meistens bleibe ich beim Duett von den Dirty Projectors mit David Byrne hängen. Ich kenne David schon viele Jahre und bin ihm für den Rest meines Lebens dankbar. Er war damals, als wir anfingen, der erste Künstler mit seiner Band Talking Heads, der uns sofort seine Zusammenarbeit zusagte. Red Hot wäre ohne ihn nicht so erfolgreich geworden.
AIDS kommt in den Medien heutzutage viel weniger vor. Woran liegt diese Entwicklung?
Na ja, wir leben eben in einer Kultur, die ständig mit neuen Sachen stimuliert werden will. Das Thema AIDS ist jetzt über Jahrzehnte bekannt und für die Leute deshalb nichts Neues mehr. Ein Prozess, der gefährlich ist, denn natürlich wächst jedes Jahr eine neue Generationen heran, die anfängt Sex zu haben. Sie muss genau so aufgeklärt werden über die Gefahr.
George W. Bush war ja eher als kriegstreiberischer Ex-Präsident denn als Gutmensch in der Welt bekannt. Gleichzeitig attestieren ihm Leute wie Bob Geldof, dass er mehr als alle anderen Präsidenten vor ihm für den Kampf gegen AIDS getan hat. Wie siehst du die Sache?
Schwierige Frage, ich würde dem Satz von Bob aber nicht zustimmen. Es ist wahr, dass die Bush-Administration mehr Geld investiert hat. Seit 2003, dem Jahr als Bush in Washington den Notstandsfonds des Präsidenten zum Kampf gegen AIDS ins Leben rief, haben die USA nun in mehr als 100 Ländern etwa 19 Milliarden Dollar ausgegeben. Die direkte Entwicklungshilfe für Afrika wurde unter Bush auf gut vier Milliarden Dollar jährlich verdreifacht. Das klingt natürlich alles gut, aber Bush hat dies vor allem im Rahmen von Initiativen gegen den Terrorismus aufgelegt, sozusagen als Beiwerk. Ich glaube nicht, dass ihn die Leute, die an AIDS leiden, wirklich interessieren. Ausserdem unterstützte er gleichzeitig viele absurde Kampagnen bei uns im Land, die den jungen Leuten Enthaltsamkeit statt Kondome als besten Schutz vor AIDS raten...
Welche Projekte werden durch den Erlös des Samplers finanziert werden?
Das ist noch nicht entschieden, denn der Sampler ist ja gerade erst herausgekommen. Die Musikindustrie ist auch zu seltsam geworden und der Erfolg der Platte ist immer weniger planbar. Red Hot hat selber keine Infrastruktur, wir haben keine Büros und ich mache meine Arbeit auch unbezahlt. Deshalb leiten wir die Gelder an andere Hilfsorganisationen weiter. Wir haben in den Jahren viele Kontakte aufgebaut, so unterstützen wir Aufklärungsprojekte in der afrikanischen Sub-Sahara, aber genauso auch Projekte direkt in den USA.
Was hat dich damals motiviert, die Red Hot-Organisation ins Leben zu rufen?
Vor allem zwei Sachen. Ich verlor damals in meinem beruflichen und privaten Umfeld viele Freunde durch AIDS. Gerade zu Beginn der Krankheit waren das extrem verstörende Momente, denn man fühlte angesichts des Sterbens zunächst nur Hilflosigkeit. Der zweite Grund war, dass ich von einer angeblichen Hilfsorganisation erfuhr, die Gelder gegen AIDS sammelte, aber nicht weitergab. Da dachte ich mir: Alles klar, so etwas kann ich besser.
Red Hot versucht ja über den Weg der Popkultur den Kampf gegen AIDS zu unterstützen. Warum glaubst du, ist dies ein erfolgsversprechender Ansatz?
Wir denken, um Aufmerksamkeit zu erreichen für das Thema AIDS, ist dieser Weg sehr gut geeignet. Musik zum Beispiel ist ein stark verbindendes Mittel, mit dem man vor allem junge Menschen sehr gut erreicht.
Welche Aktionen plant Red Hot als nächstes?
Also momentan organisieren wir ein grosses Benefizkonzert in der New Yorker Radio City Music Hall. Ausserdem gibt es auch schon Pläne für den nächsten Red Hot-Sampler, der wahrscheinlich eine Fortsetzung von Red Hot + RIO aus dem Jahr 1996 wird.
Vielen Dank für das Gespräch!
Text & Interview: Mathias Bartsch
Bilder: Tim Soter
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