Red Bull Storyteller - Der Siegertext
Unter den Einsendungen der Texte für den Red Bull Storyteller fanden sich verschiedenste Ideen, wie das Thema "Up and away" umgesetzt werden könnte: von unglücklich beendeten Beziehungen über Kindheitserinnerungen bis hin zu Flugangst und Fernreisen war alles mit dabei. Am meisten überzeugt hat uns aber der poetische Blick nach oben, wie ihn Corina Bosshard in ihrem Siegertext an die Decke der Ankunftshallen dieser Welt richtete.

Schon mal in der Ankunftshalle eines Flughafens zur Decke hoch geguckt? Normalerweise ist der Blick ja nach vorn gerichtet, auf die Anzeige mit den gelandeten und erwarteten Flügen und auf die sich endlos auf- und zuschiebende Milchglastür, die den Blick auf die Ankommenden immer erst im letzten Moment preisgibt, was die Spannung und Konzentration der Wartenden auf ein Maximum treibt.
Wenn all die Wartenden in den Ankunftshallen der Flughäfen der Welt den Blick mal weg reissen könnten von der Milchglastür und durch die Halle zur Decke hoch gleiten liessen, würden sie Unerwartetes entdecken: Ballons. Unzählige Helium-Ballons. Rote herzförmige "I love you’s", bunte "Welcome Back’s", "Tweety" und Co. ... Alle hängen sie da trotzig an der Decke. Denn weiter sind die Ausreisser in ihrem Drang aufwärts nicht gekommen.
Das Gehirn versucht zu rekonstruieren: Vor Freude, die richtige Person hinter der Milchglastür auftauchen zu sehen, hat jemand den Ballon glatt losgelassen. Oder er stahl sich zwischen Umarmungen und Küssen, Koffern, Reisepässen und Kindern an den Händen unbemerkt davon. Oder jemand hat nach stundenlangem Warten und Starren auf das erfolglose Auf und Zu der Milchglastür entmutigt kehrt gemacht und den Ballon sich selber überlassen.
Wie auch immer es sich zugetragen haben mag: Die Ballons, zum Fliegen bestimmt, kleben nun an den Decken der Ankunftshallen der Flughäfen der Welt und kommen vorübergehend nicht weiter. Unbemerkt von den meisten versinnbildlichen sie diesen wunderschön-schrecklichen Drang nach dem "sich einfach Davonmachen", der einen in Flughäfen, wo alles, oder zumindest eine ganze Hälfte, aufs Wegfliegen ausgerichtet ist, immer überkommt.
Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht, in jeder Ankunftshalle jedes Flughafens, durch den es mich verschlägt, einen kurzen Kontrollblick nach oben zu werfen. Immer wenn ich einen von ihnen an der Decke entdecke, schicke ich ein verschwörerisches Lächeln hoch. Und frage mich, da ich ja nun offensichtlich schon wieder durch einen Flughafen zottle, ob ich vielleicht auch irgendwie wie sie mit Helium gefüllt bin.
Am liebsten schwerelos, aber manchmal vorübergehend an Ort und Stelle klebend. So schrecklich leicht, dass gerade das Schwere irgendwie gut täte, das einen endlich mal herunterholen und ruhen lassen würde. Und wenn jemand die Schnur dann gut festhält, ist’s auch gerade noch so ok, aber der Drang nach dem "auf und davon" ist immer da. Und wehe, der lässt die Schnur mal kurz los... Flupp. Und wehe er versucht, einen entgegen den Gesetzen der Physik nach unten zu drücken... Flupp. Nichts wie weg. Auf und davon. Lieber wieder unterwegs sein. Denn im freien Flug ist’s einem doch noch am wohlsten. Sich um ein Handgelenk zu knoten, kann höchstens eine Zwischenlösung sein. Denn solange man unterwegs ist, hat man das Privileg, sich nicht auf ein Handgelenk, ja auf rein gar nichts festlegen zu müssen. Wie die Roulettekugel – solange sie in Bewegung ist, ist alles noch möglich.
Wie man wohl mit den Helium-Ballons in den Ankunftshallen der Flughäfen der Welt verfährt? Ob die Putzequipen sich jeweils die Mühe machen an die Decken zu klettern, um die Ballons runter zu holen. Was man dann wohl mit ihnen macht? Bringt man sie in die Geschäfte zurück? "Wegwerfen" kann man sie ja nicht. Vermutlich lässt man ihnen einfach ihren Drang nach oben und wartet, bis ihnen irgendwann das Helium ausgeht und sie ganz von allein runterkommen.
Die Schaffhauserin Corina Bosshard hatte nicht nur während ihres Auslandaufenthalts in Tel Aviv Gelegenheit, die Wartehallen zu erkunden, sondern ist auch sonst weit ge- reist: zum Beispiel für Feldforschungen zum Phänomen der Müllsammler in Kairo. Die 27-Jährige studierte Ethnologie, Islamwissen- schaften und Völkerrecht, arbeitet bei der HEKS und lebt in Zürich.
Der Gewinner in der Sparte Video heisst Dominik Bauer und seinen Beitrag zum Red Bull Storyteller Contest könnte ihr euch hier ansehen.

Kommentare (2)
Echt jetzt? Musste nach dem zweiten Abschnitt abbrechen und widme mich nun doch lieber wieder den Stories vom verschütteten Leben von Bukowski.
von Henry Müller am 23.6.2010 21:37