Patrick Watson - All Music Inclusive
Spielt man Freunden die Musik von Patrick Watson vor, läuft die Szene immer gleich ab: Zuerst stellt sich der Blick der Zuhörer auf unendlich und dann fallen auch schon die Striche der Lautstärkeanzeige von leise nach laut - So schnell wie Dominosteine. Kein Wunder, denn schon beim ersten Hören kann man sich den faszinierenden Klanglandschaften der Band aus Montreal nicht entziehen.
Patrick Watson, das namensgebende Mastermind der Band, schafft Melodien, die man direkt neben dem Namen der grossen Liebe abspeichert - unvergesslich und jederzeit abrufbar. Einfach für all die Big Points im Leben, die einem so zwischen Arbeit, Einkaufen und Schlafen bleiben.

Dem Debütalbum "Close to Paradise", das 2007 den begehrten "Polaris Music Prize" in Kanada einheimste und nebenbei einer Band wie Arcade Fire auch mal klar machte, dass der zweite Podestplatz nicht einfach nur die letzte Stufe zum ersten Platz ist, steht der nun erscheinende Nachfolger "Wooden Arms" in nichts nach.
Das Album ist nach zahllosen Konzerten auf der ganzen Welt ein Roadmovie im CD-Format geworden. Man spürt der Musik an, dass sie all die Orte der Tour verbinden will, doch eine Adresse sucht man vergeblich. Stattdessen steigt man bereits beim ersten Song in den musikalischen Tourbus ein und bekommt einen Einblick in die Gefühlswelt einer Band, die sich auf die unterschiedlichsten Orte einliess, Menschen und Stimmungen aufsog, um sie später auf der neuen Platte zu vereinen. So kommt dann neben den träumerischen Klanggerüsten mit Einflüssen aus Klassik, Jazz und Psychedelic auch einiges an weiteren Stilen auf "Wooden Arms" zusammen: der fast lupenreine Swing-Song "Machinery of the Heavens" oder der Country-Pop-Song "Big Bird in a Small Cage" sind nur zwei Tracks, die beweisen, dass Patrick Watson einen Musikkosmos in sich tragen, dessen Grenzen sie wohl selbst nicht kennen. Gut so.
Stimmig sind auch die Vergleiche mit dem grandiosen Jeff Buckley, welche der verstorbene Songwriter bestimmt mit einem zustimmenden Lächeln quittiert hätte. Lebt die Musik der Band doch auch von der Stimme Patrick Watsons, die scheinbar ohne es zu merken, mühelos mehrere Oktaven durchlaufen kann. Eine Erfahrung, die der Interviewtermin zwar nicht brachte, dafür erfuhren wir aber, warum man grosse Vögel am besten in einen kleinen Käfig packt.
kinki magazine: Die neue Platte habt ihr in kurzer Zeit aufgenommen. Warum war die Produktion diesmal so schnell und was erwartet uns aus deiner Sicht auf "Wooden Arms"?
Patrick Watson: Wir verstehen "Wooden Arms" schon als Folk-Platte, aber nicht nur im klassischen Sinn, wir nennen es gern Science-Fiction-Folk. Die Leute sollen aber auf jeden Fall merken, dass die Musik handgemacht ist. Sie enthält musikalisch unglaublich viele Elemente, die die Leute hoffentlich berühren. Die Produktion hat wirklich nicht viel Zeit gebraucht, was vor allem daran lag, dass wir vorher ja zwei Jahre fast ununterbrochen getourt haben. Wir wollten also nicht lange warten, denn wir hatten Angst, dass die Eindrücke der Tour sonst verblassen. Aber genau um all die Storys ging es uns, in den Texten und in der Musik. Wir haben deshalb auch versucht, es spontaner zu halten als auf der letzten LP, um das Tourfeeling so besser abzubilden. Ausserdem hatten wir so viele Ideen auf der Tour gesammelt, dass wir eben gleich loslegen konnten.

Die Platte ist also eine Art Tourtagebuch geworden?
Na ja, die Musik reflektiert nun mal immer das eigene Leben, deshalb besteht unsere LP hauptsächlich aus den Geschichten, die wir bei der Tour erlebten. Ein Beispiel ist der Song "Big Bird in a Small Cage", bei dem ich gleich zwei Erlebnisse reingepackt habe. Die erste Story dreht sich um das Haus von einem Musiker, den wir auf der Tour trafen. Bei ihm zu Hause standen massenweise Käfige mit Vögeln rum. Total abgefahren; vor allem waren die meisten Vögel viel zu gross für die Käfige. Auf die Frage, warum er das mache, sagte er trocken, dass grosse Vögel in einem kleinen Käfig am besten singen... Die andere Geschichte in dem Song handelt von einer unserer besten Nächte auf der Tour, sie war in New Orleans, als wir in einer kleinen Bar nachts abhingen. Plötzlich ging die Tür auf und es marschierten mindestens ein Dutzend Bluesmusiker herein, die sofort anfingen in dieser viel zu kleinen Bar zu spielen. Der Sound war grandios und in dem Moment erinnerte ich mich an die Wörter von diesem Typen, dass grosse Vögel in kleinen Käfigen besser singen. Der Typ hatte vollkommen Recht.
Die letzte Platte war ein ziemlicher Erfolg und eure Musik findet man mittlerweile auch in grossen US-Fernsehserien, wie z.B. Grey’s Anatomy. Wie fühlt es sich an, seinen Song in so einem Umfeld zu hören?
Seltsam. Als ich das Lied hörte, dachte ich mir nur, oh Gott, jetzt hören Millionen Leute, wie du Piano spielst. Aber ich finde es cool, ich habe kein Problem damit, meine Musik für so eine Serie herzugeben. Es ist kein Sell-Out, ausserdem erreichst du so Leute, die ansonsten niemals auf ein Konzert von dir gekommen wären. Ich bin auch nicht versnobt und sage, das ist Fernsehen und somit nur für Idioten. So etwas interessiert mich nicht; den Leuten immer zu erzählen, was sie machen sollen, ist doch Zeitverschwendung.
Welche TV-Serien schaust du dir denn selbst an?
Ich mochte eine Serie wie "Six Feet Under" und momentan finde ich vor allem "Carnivàle" toll. Es gibt aber echt viele Serien, die ich mir anschaue, besonders wenn sie von HBO sind. Der Sender produziert unglaublich gute Sachen, die phantastisch geschrieben sind und mich perfekt unterhalten.
Zurück zur Musik. Am Anfang deiner Karriere hast du nur instrumental gearbeitet, warum hast du dich entschieden, ab einem bestimmten Zeitpunkt auch Vocals zu verwenden?
Ich mag es einfach zu singen. Aber ich habe einen festen Anspruch an die Musik. Es gibt Leute wie Björk, bei denen merkt man, dass die Lieder auch ohne den Gesang funktionieren würden. So soll es auch bei unseren Stücken sein, der Gesang ist ein wichtiger Part, aber ohne ihn, würde es auch gehen. Zu Beginn war ich noch ein lausiger Songwriter, ich habe dann viel von klassischen Bluessongs gelernt, wie man einen Song einfach aufbaut, ohne es zu kompliziert zu machen.
Wer inspiriert dich noch, Leute wie Jeff Buckley?
Jeff war grossartig, aber ich finde den Vergleich überstrapaziert. Ich denke, viele Leute da draussen machen es sich damit zu einfach, die hören die Stimme von mir und sagen sich dann, alles klar ganz schön hoch, das ist ja wie bei Jeff Buckley. Musikalisch sehe ich da aber nicht so viele Gemeinsamkeiten. Ansonsten kann ich auch keine bestimmten Namen nennen, denn ich nehme mir immer nur einen kleinen Teil von einer Band, die ich mag. Ich denke diese Bands oder Musiker haben es vorher genau so gemacht, deshalb setzt sich Musik immer aus vielen Facetten zusammen.
Du hast vor kurzem auch am Album des Cinematic Orchestra mitgearbeitet, darf man weitere Kollaborationen mit Bands erwarten?
Nein, momentan komme ich nicht dazu. Wir haben für unser Album aber mit der grandiosen Sängerin Lhasa de Sela zusammengearbeitet, die ebenfalls in Montreal lebt. Sie hat einige Gesangparts übernommen. Eine echter Glücksfall für uns, denn sie hat eine erstaunliche Stimme. Als ich sie bei den Aufnahmen gehört habe, dachte ich mir, verdammt, da klinge ich ja grauenhaft im Vergleich zu ihr...
Als Band habt ihr bereits mit sehr unterschiedlichen Künstlern getourt. Besonderes Highlight war doch aber sicherlich die gemeinsame Zeit mit James Brown?
Klar. Es war ein Jahr bevor er gestorben ist und es hat unendlich viel Spass gemacht. Du siehst ihn vor dir und du siehst das alte Showbusiness. Ich mein, ich habe ihn während all der Zeit immer nur im Anzug gesehen. Was ich so toll an ihm fand war, dass er das Publikum dazu bringt, ein Teil der Band zu werden. Persönlich war er immer entspannt und beweist mal wieder die These, dass die ganz Grossen im Geschäft eben auch am lockersten sind.
Eure Band ist fest in Montreal verwurzelt, wie steht es um die viel gelobte Szene im Moment?
Immer noch sehr gut, würde ich behaupten. Das coole an Montreal ist kurz gefasst die Vielfalt der Bandszene. Die Szene ist klar kleiner als z.B. in New York oder London, aber die Bands sind in ihren Stilen unterschiedlicher als in anderen Städten. Die Abwechslung haut mich jedes Mal aufs Neue um. Ich rate auch immer jedem, den ich unterwegs auf der Tour treffe, dass er unbedingt mal aufs Montreal Pop Festival gehen soll – einfach weil es das beste Festival der Welt ist. Spätestens dort merkst du, wie kreativ die Stadt ist.
Text und Interview: Mathias Bartsch
Foto: Brigitte Henry
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