login login Passwort vergessen? Registrieren

One Life Stand

Am 17.3.2010 1 Kommentare
zu Favoriten

Labelchefs jetzt mal aufgepasst, bevor ihr eure Leute vom A&R wieder vergebens in die Clubs um die Ecke schickt: Postiert sie doch einfach mal vor der Elliot School im Londoner Vorort Putney. Die Schule besitzt zwar weder eine musikalische Ausrichtung, noch wird sie sonst in besonderer Form gefördert, doch im Nachhinein wirken die Jahrbücher der Schule, wie eine aktuelle Presseschau in den Musikmedien. So kann man unter den ehemaligen Schülern William Bevan aka Burial finden, den heutigen Dubsteb-Haudegen, oder auch Kieran Hebden, der unter dem Namen Four Tet erfolgreich unterwegs ist. Doch nicht zuletzt entdeckt man auch die Gesichter von Alexis Taylor und Joe Goddard, deren Namen längst als feste Textbausteine in den Wordprogrammen der Musikredaktionen gespeichert sind.

 

Hot Chip

 

Zusammen suchten sie sich im Jahr 2000 drei weitere Mitstreiter und gründeten die Band Hot Chip. Seitdem werden sie nicht nur in Elektropopkreisen als neues Evangelium gefeiert. Der Ausverkauf der Superlative in den Rezensionen für die CEOs der weltweiten Elektro-Indie-Bewegung wird auch bei der neuen Platte "One Life Stand" nicht zu stoppen sein. Eine LP, bei der wieder die ehrliche Songwriter-Attitüde der Band mit klassischem Chicago-House à la Marshall Jefferson oder Theo Parrish verbunden und durch Einflüsse aus der aktuellen UK-Funky-Szene in London aufgefrischt wird.

Trotz maximaler Erwartungen ist die nun erscheinende Platte noch mal drei Stockwerke höher geworden: runder, wärmer und reduzierter im Sound als alle anderen Zeitgenossen, so dass die Frage nach der Platte des Jahres bis auf weiteres schon mal beantwortet sein dürfte. kinki sprach mit Gitarrist Owen Clarke über "One Life Stand" und darüber, was sich in 10 Jahren Bandgeschichte so alles ändert und was bleibt.

kinki magazine: Würdest du zustimmen, dass die neue Platte geschlossener wirkt, verglichen mit euren früheren Platten?
Owen Clarke: Ja, das stimmt. Wir wollten ein Album machen, das überall funktioniert. Die Songs sind kürzer als früher und man soll es in der U-Bahn per Kopfhörer, beim Abwaschen oder eben auch im Club hören können.

Ausserdem wollten wir ein kohärentes Album machen, das sowohl ruhigere als auch schnellere Sachen beinhaltet. Das klingt nur auf den ersten Blick hin widersprüchlich. Ich meine, heutzutage stellst sich jeder seine Musik etwa auf dem iPod selbst zusammen und mixt dabei meistens sehr unterschiedliche Sachen. Das hat uns zu dem Konzept der Platte inspiriert.

Die Lieder sind zwar sehr ungleich, aber gerade durch diese Unterschiedlichkeit formt das Album wieder ein Ganzes. Dadurch wirkt es meiner Meinung nach viel geschlossener wie ein Album, auf dem etwa nur Clubtracks drauf sind. Verglichen mit unserer letzten Platte würde ich auch sagen, dass die einzelnen Lieder diesmal etwas in den Hintergrund treten und das Album an sich an erster Stelle steht.

 

Hot Chip

 

Ihr habt die LP im Sommer 2009 in nur zwei Monaten aufgenommen. War es so reibungslos, wie es klingt? Und wer hat noch mitgemacht?
Ja schon, die meisten Songs waren recht gut ausgearbeitet. Deshalb ging es in zwei Monaten über die Bühne. Es gab auch keine Deadline oder so, die Dinge hatten also durchaus Zeit, sich zu entwickeln.

Doch kein Druck kann auch nerven, denn dann arbeitest du mitunter 24 Stunden lang an einem 3 Minuten Popsong und hörst ihn immer und immer wieder. Aber klar, grundsätzlich ist es schon cool, wenn du dir soviel Zeit nehmen kannst, wie du willst. Neben der Band waren für die Aufnahmen auch Leo Taylor von The Invisible und Charles Hayward dabei. Charles ist Drummer bei This Heat und hat bei den Schlagzeugparts mitgearbeitet.

Es gab vor zwei Jahren diese Geschichte, dass Kylie Minogue euch einfach mal eine Trackidee schenkte. Hat sie es damit auf die neue Platte geschafft?
Ja, wir haben ihre Idee verwendet und zwar bei dem Lied "Slush". Der Song stammt hauptsächlich von Alexis, doch die Melodie am Anfang ist von dem Track, den uns Kylie damals geschickt hat. Das war wirklich lustig, weil wir eigentlich ein Lied für sie machen sollten, aber die Sache verlief irgendwie im Sande. Stattdessen bekamen wir plötzlich die E-Mail von ihr mit diesem Stück.

Stammt das Artwork zur Platte wieder von dir?
Ja, das Cover ist von mir. Ich wollte die Idee des Albumtitels, "One Life Stand", illustrieren, nämlich dass neue Dinge immer die Chance haben sollten, sich permanent zu behaupten. Es geht aber auch darum, dass wir im Leben, gerade auch in Beziehungen, häufig versuchen, an bestimmten Routinen festzuhalten. Auch wenn sie oft gar nicht funktionieren oder einem nur schaden. Dass soll das Bild mit der Büste verdeutlichen, die als eine Art überkommenes Denkmal versetzt wird.

Die Platte steht ja auch im Zeichen der gerade aufkeimenden UK-Funky-Szene. Wie siehst du deren aktuelle Entwicklung?

Ich weiss es nicht genau. Das Karussell der Trends oder neuen Stile wird immer schneller, ich kann also gar nicht so genau sagen, wie die Szene läuft oder nicht. Für mich ist das, was aktuell als UK-Funky bezeichnet wird, einfach eine weitere Entwicklung, die immer noch aus dem Garage-Ding kommt. Zudem ist die Szene, wenn man es so nennen will, eine sehr offene Angelegenheit, dementsprechend gibt es ganz unterschiedliche Ausprägungen wie beispielsweise die Bassline- oder Soca-Fraktionen.

In den letzten Jahren haben unglaublich viele Leute an eure Tür geklopft und euch um ein Remix gebeten. Wonach sucht ihr die Stücke aus?
Eine Zeit lang dachten wir, einfach alles sei eine Herausforderung. Wir waren richtig gierig danach, Musik zu arrangieren, und haben uns deshalb auf sehr viele Sachen gestürzt. Es war auch egal, ob wir die Stücke überhaupt mochten oder nicht. Wenn es uns nicht ansprach, dachten wir: "Okay, das machen wir einfach neu und besser." Wir konzentrieren uns aber jetzt wieder mehr auf unsere Musik, ich meine, wir hatten auch nie den Anspruch, möglichst gute Remixes abzuliefern oder DJs zu werden. Wir machen das zwar immer noch gern, aber an erster Stelle steht heute mehr denn je unsere eigene Musik.

Selbst werdet ihr ja auch nur zu gern geremixt. Hast du unter all den Sachen einen Lieblings-Remix?
Ich mag besonders den Remix von Max Tundra, der "Playboy" bearbeitet hat. Bei ihm erkennt man diese alte Tradition des Remixens: dass er es macht, weil es ihm gefällt, und dass er das Lied respektiert. Er bringt "Playboy" sehr gut auf den Punkt, er hat die Einflüsse in dem Lied gut erkannt und sie deshalb auch cool weiterentwickelt.

Mittlerweile ist es bereits das vierte Album geworden, wie hat sich eure Band seit den Anfangstagen verändert?

Ich glaube, im Grossen und Ganzen sind die Dinge eher gleich geblieben bei uns. Aber natürlich hat unsere Musik sich auch weiterentwickelt. Wenn ich mir zum Beispiel unsere ersten Lieder anhöre, merke ich sofort, dass der Gesang von Joe und Alexis heute anders ist. Früher waren die beiden Stimmen eher gegeneinander ausgerichtet, sie waren antagonistisch, während ich sie heute eher als ergänzend oder sogar aufeinander abgestimmt empfinde.

Ansonsten ist natürlich in all den Jahren vieles strukturierter geworden. Bildlich gesprochen: Früher waren wir eine Art Gokart und heute ist die Band zu einem richtigen Wagen gereift.

Die Presse liebt euch schon seit Jahren und preist euch als die Heilsbringer des Elektropops. Wie geht ihr mit den hohen Erwartungen um, die an euch gestellt werden?
Deswegen empfinden wir keinen Druck. Die ganzen Kritiken werden heutzutage ja allein schon durch die riesige Meinungsvielfalt relativiert. Ich meine, jeder hat doch heute eine Meinung. Dazu muss man nur mal einen Blick in all die Blogs oder Netzwerke wie MySpace werfen, wo zum Beispiel unsere Videos kommentiert werden.

Was andere über unsere Musik denken, ist also sehr abstrakt für uns und beeinflusst uns nicht wirklich. Aber natürlich gefällt es uns, wenn die Leute die Sachen mögen, wenn wir positive Kritiken erhalten, denn wir machen nun mal bewusst Popmusik. Also nicht populäre Musik um jeden Preis, aber klar wollen wir, dass die Musik ankommt, und wenn es so ist, dann wird daraus auch kein Stress für uns.

Text und Interview: Mathias Bartsch

Tags: hot chip, musik, magazin nr 23

Kommentare (1)

Kommentar schreiben

abschicken

suche

go

kinki newsletter

Willst du immer auf dem Laufenden bleiben? Dann melde dich hier beim kinki Newsletter an.

go

kinki magazine abonnieren

Hach, wir sind ja so unheimlich generös: Ihr bestellt ein Abo und wir beschenken euch dafür. Viel Spass und willkommen im kinki Kosmos!

Präsent wählen

werbung