Making On. Making Off.
Wie kann ein Ort, an dem in der Vergangenheit Einkaufswägen herumgestossen wurden und die Wände höchstens mit übergrossen Aufnahmen von Essiggurken verschönert wurden, plötzlich zu einer wahren Perle der Kunst werden? Die "vagabundierende Galerie artacks" macht’s möglich.
Urban Art, Streetart und Konsorten sind manchem ein Dorn im Auge oder, besser gesagt, etwas, woran sich Geister scheiden können. Und während manch einer die ganze Lebensphilosophie dahinter zu absorbieren und zu leben scheint, wollen andere dieser jungen Form der Kunst oftmals keine Daseinsberechtigung zugestehen. Schade drum, denn oftmals entpuppt sich die Urban Art als wahre Perle, und zwar dann und auch dort, wo man es am wenigsten erwarten würde.

artacks - Impressionen von der Finissage
So geschehen ist das in der ehemaligen Migros-Filiale am Berner Loryplatz, die die wandelnde (oder "vagabundierende", wie ich später berichtigt werde) Galerie "artacks" Ende Dezember 2009 für das Projekt "Wallume I" in einen Ausstellungsraum der etwas anderen Art verwandelte. Wo in der Vergangenheit Schweinebauchanzeigen und "3 für 2"-Angebote die Wände dekorierten, wuchsen in Zusammenarbeit mit über 20 Schweizer Malern und Sprayern Einzelbilder zu einem grossen Gesamtkunstwerk zusammen. Dass das Ganze nicht zu einem Gemischtwarenladen unterschiedlicher Styles verkam, ist einer strickten Gestaltungsvorlage von artacks zu verdanken: als einzig Grenze ihrer kreativen Freiheit mussten sich die Kunstschaffenden auf die Farben Schwarz und Weiss beschränken.
Dabei ist dieses Projekt nicht das erste, was artacks auf die Beine stellte. So organisierte die Galerie mit "GOIN`OUT" ihr erstes Installationsprojekt in einem Schiffscontainer auf dem Berner Waisenhausplatz. Und am Strassenfestival "Buskers" produzierte "artacks" letzten Herbst schliesslich mit "Take Away" auf der Münsterplattform vor Ort Kunst – zum taufrischen Kauf und sofortigen Mitnehmen.
Der Reiz des Temporären
Die Faszination für schnelle und kurzlebige Kunst zieht sich wie ein roter Faden durch alle Projekte. So mussten die bemalten Wände des Projekts nach den glorreichen Tagen im Rampenlicht der ehemaligen Migros zu guter Letzt doch Farbrollern und weisser Farbe weichen: die Räumlichkeiten wurden komplett geweisselt, die Existenz des kreativen Spielplatzes, der während "Wallume I" geherrscht hatte, wurde ausradiert. Vergessen werden die Projekte von artacks trotzdem nicht. So bietet die Non-Profit-Organistation bei jedem ihrer Events die Gelegenheit dazu, bezahlbare Kunst mit nach Hause zu nehmen.
Wir trafen artacks zum Gespräch.
kinki magazine: Was oder wer genau steht hinter "artacks"?
artacks: artacks ist ein Verein, gegründet von vier Freunden: einem Künstler, einem Journalisten, einem Kunsthistoriker und einem Moderatoren.
Warum legt ihr Wert darauf, dass "artacks" eine wandelnde Galerie ist?
Wir wandeln nicht, wir vagabundieren in der urbanen Landschaft umher, um der Kunst immer wieder neue Orte und Settings zu bieten. Das Temporäre ist eines der Charakteristika unseres Konzeptes und mitunter auch der Kunst, die wir zeigen.
Viele sehen in Graffiti und Urban Art keine "echte" Kunst. Was ist eure Meinung dazu?
Ich glaube, dass niemand die Deutungshoheit besitzt, festzulegen, was "echte" und was "falsche" Kunst ist.

Für euer Projekt "Wallume I", bei dem drei Wochen lang die Räumlichkeiten einer ehemaligen Migros-Filiale als Ausstellungsraum genutzt wurden hast du mehr mit Grafikern als mit Sprayern gearbeitet. Aus welchem Grund?
Wir wollten keinen reinen Graffiti-Jam organisieren. Das Konzept zielte auf die Durchmischung der Stile ab. Als verbindendes Element mussten die Migros-Wände herhalten.
So waren im unteren Raum, nennen wir ihn "Underground", fast ausschliesslich Graffiti-Leute am Werk. Oben waren dann Grafiker, Comic-Zeichner und vereinzelt auch Sprayer zugange.
Es gab die Vorgabe, dass die Zeichnungen bei "Wallume I" alle in Schwarz-Weiss gemacht werden sollten. Sind die einzelnen Arbeiten dadurch zu einem Gesamtbild zusammengewachsen?
Schwarz-Weiss haben wir als ästhetisches Konzept gewählt, damit der Raum nicht "auseinanderfällt", respektive zum Fruchtsalat verkommt. Das war die Absicht. Viel weiter war der Entstehungsprozess von uns nicht gesteuert, das Resultat somit nicht absehbar. So ist ansatzweise ein Gesamtbild entstanden. Bei einem nächsten Projekt könnte das Zusammenwachsen der Werke unserem Geschmack nach noch stärker angestrebt werden.
Die Wände der ehemaligen Migros wurden nach "Wallume I" weiss überstrichen. Was ist das für ein Gefühl, wen man etwas von so kurzer Dauer erschafft?
It’s all part of the process! Die verkauften Frottagen, unser "Making-Off"-Video und am Ende auch die im kinki veröffentlichten Bilder sorgen dafür, dass das Projekt in transformierter Form weiterlebt. Die Vergänglichkeit ist das Schicksal dieser Kunstformen und dies muss in einer Ausstellung stets mitgedacht werden.
Schon irgendwelche neuen Projekte in Aussicht?
Ja, ganz bestimmt gibt es eine Fortsetzung von "Take Away" und "Wallume". Werft also immer schön einen Blick auf unsere Website.
Den Katalog zur Ausstellung könnt ihr euch bei issuu anschauen.

Kommentare (3)
wer wissen will wie diese ausstellung entstanden ist schaue sich das «making off» an. auf www.vimeo.com/artacks gibts noch mehr bewegte bilder zur ausstellung zu sehen! An dieser stelle geht unser Dank ans kinki mag für die super story!
von Patrick am 17.2.2010 10:39Ich finde die Frau auf der Schaukel voll fett**
von mike am 18.2.2010 12:37