Les Yeux Sans Visage
Les Yeux Sans Visage missachten jegliche Gebote, die heutzutage den Erfolg einer Band versprechen und kommen gerade damit besonders gut an. Überhaupt zeichnet sich die Haltung der drei Bandmitglieder – der Sänger Remo Helfenstein, der Schlagzeuger Dominic Deville und der Gitarrist Ismail Osman – durch Bescheidenheit und Unaufgeregtheit bezüglich des eigenen Schaffens aus, so dass sie noch immer überrascht sind, dass ihr "Projekt aus der Provinzstadt" eine solche Resonanz erfährt. Vor eineinhalb Jahren haben sich Les Yeux Sans Visage der Legende nach – "das gibt uns den Kunsti-Bonus" – für ein Konzert an einer Performanceausstellung zusammengetan und das Projekt aufgrund der positiven Reaktionen als Band fortgeführt.
Ihre einzigartige, post-punkige, wie eine Ode an den New Wave anmutende Mischung setzt sich aus den drei unterschiedlichen musikalischen Backgrounds der Mitglieder – nämlich Punk, Indie-Rock und Hip-Hop – als auch der Gemeinsamkeit des autodidaktischen Instrumentenspiels zusammen. Dennoch war diese Referenz genau so wenig geplant wie das Album oder der Vertrag beim Plattenlabel Little Jig.
Die drei Herren, die alles etwas anders machen und es so gerne minimalistisch mögen, standen uns im Interview Rede und Antwort. Den Artikel im kinki magazine #23 könnt ihr hier lesen.

kinki magazine: Kommt euer Bandname nun von dem Horrorfilm aus den 60er-Jahren oder von Billy Idol?
Ismail: Die Parallele zu Billy Idol ist reiner Zufall, ich kannte den Song von ihm gar nicht. Jedoch bin ich irgendwann auf den Film "Les Yeux Sans Visage" von Georges Franju gestossen und habe ihn bestellt, nur weil mir der Name so gut gefiel.
Dominic: Der Name sieht auch als Schriftbild gut aus. Unsere T-Shirts verkaufen sich fast besser als unsere Platten (lacht).
Ihr werdet fast immer mit Joy Division verglichen, was haltet ihr von solchen Vergleichen?
Dominic: Ich finde, Joy Division funktioniert als Vergleich nicht, die waren viel abgefahrener als wir, die haben vielleicht zwei Lieder, die man als einigermassen poppig bezeichnen kann, sonst sind sie sperrig und kühl.
Ausserdem sind sie viel depressiver, wir sind, wenn man uns schon Attribute zuteilen will, eher melancholisch und irgendwo "in der Musik erhaben", sage ich mal so. Ich finde auch, dass wir auf grösseren Bühnen, wie auf der Schüür oder im Papiersaal, besser zur Geltung kommen, als in kleinen Clubs.
Unser Sound dringt irgendwie nach aussen, während Joy Division immer einen verschachtelten, sehr räumlichen Sound produzierten, den wir nicht machen, den wir auch nicht machen wollen, wir sind nicht so experimentierfreudig.
Der Vergleich mit Interpol, der fast genau so häufig bemüht wird, hinkt ebenfalls, die sind viel orchestraler, in der Struktur lange nicht so einfach wie wir. Die ständigen Vergleiche sind mit der Zeit schon etwas nervig, andererseits habe ich den Leuten anfangs selber gesagt: Falls euch Interpol und Joy Division gefallen, dann gefällt euch unsere Musik bestimmt. Ich wusste selbst nicht genau, wie man unser Ding beschreiben soll.
Remo: Die Leute brauchen das einfach, Schubladen und Vergleiche und so was.
Kritiker schreiben manchmal, eure Musik sei eigentlich nichts Neues…
Ismail: Was ist heutzutage überhaupt noch neu? Ich finde es besonders lustig, diesen Spruch aus der Indie-Ecke zu hören, weil Indie-Rock nun mal grundsätzlich nichts Neues ist. Überhaupt kann man eigentlich bei jeder Band zumindest eine Referenz oder ein Vorbild ausmachen.
Dominic: Für mich ist es heute eigentlich egal, ob jemand etwas in der Musik kopiert, es muss einfach gut gemacht sein. Ausserdem sind mir "neue Sachen" schnell mal zu experimentell und einfach nicht mehr hörbar. Alles andere, war sowieso schon einmal da.
Wie viel Zeit nimmt die Arbeit mit eurer Band in eurem Leben ein?
Reto: Da wir alle selbständig oder freischaffend arbeiten, können sich alle die Zeit nehmen. Wir müssen uns nicht die Zeit "zusammenstehlen", das läuft sehr natürlich ab.
Dominic: Ich habe schon in sehr vielen Bands gespielt, die letzten zehn Jahre habe ich aber nur noch im Duo musiziert. Wir haben uns beide geschworen, nie wieder in einer Band zu spielen, da das einfach zu kompliziert ist: man hat nie gleichzeitig Zeit, muss alles absprechen, die Gagen aufteilen, gleich einen Lieferwagen mieten, wenn man irgendwo ein Konzert gibt und so weiter.
Dennoch begann ich irgendwann mit den Jungs zu musizieren, die Band ist zu einem Kumpelding geworden, wir gehen proben und vielleicht nachher ins Kino oder – da unser Studio im Musikzentrum Sedel liegt –auch mal in den Ausgang oder an ein Konzert im Sedel. Zwischendurch verschwinden wir im Proberaum und spielen eine Stunde besoffen Musik, um danach dann wieder ans Konzert zu gehen. So stimmt es für mich, es ist natürlich, wir brauchen nicht explizit zum Proben abzumachen und wir haben auch keinen fixen Probetag.
Dieses Video benötig einen aktuellen Flashplayer um es anzusehen.
Flashplayer installieren
Les Yeux Sans Visage - "Christmas"
Was sind eure Ziele mit der Band?
Ismail: Mich hat letztens jemand gefragt, was eigentlich das Ziel der Band sei: "Charts oder was?" Die Ziele sind eigentlich mit der Zeit entstanden, anfangs gab es gar kein Ziel, ausser gemeinsam Musik zu machen. Dann setzte ein Schneeballeffekt ein: Wir entschieden uns, eine Platte rauszugeben, dann mehr aufzutreten etc., das haben wir am Anfang nie geplant, wir haben auch nicht darauf hingearbeitet.
Domi: Ehrlich gesagt, habe ich am Anfang nie gedacht, dass sich irgendjemand für diese Band interessieren würde. Aber das Echo bei den ersten Konzerten war wirklich gut, das hat uns überrascht. Jetzt, wo das Ganze etwas mehr angelaufen ist, kommen schon gewisse Ansprüche, dass wir nicht einfach überall mehr spielen.
Zu einem gewissen Zeitpunkt wurden wir von der Gothic-Szene entdeckt. Da haben wir an ganz obskuren Orten gespielt, zum Beispiel vor einer Jägerhütte im Wald, wo etwa fünfzig 30- bis 40-Jährige in ihren Leder- und Lackkleidern standen. Jetzt achten wir mehr darauf, dass wir auch etwas verdienen – sprich nicht mehr rückwärts machen, das ist heute leider zumeist der Fall als Band – und an Orten auftreten, die uns entsprechen, an denen uns Leute entdecken können.
Wie kam es, dass ihr nur Vinyl raus bringt?
Dominic: Wir geben keine CDs raus und wir machen keine ganzen Alben. Wir sind allgemein der Meinung, dass man heutzutage richtig gut sein muss, dass es überhaupt eine Berechtigung dafür gibt, eine ganze Platte zu veröffentlichen. Wenn man zwölf Songs raus bringt, dann müssen mindestens zehn Stücke richtig gut sein, ansonsten ist die Platte für mich misslungen. Deshalb bringen wir nur Singels raus, wie früher. Wenn wir drei, vier Songs haben, mit denen wir zufrieden sind, nehmen wir sie auf. Dann pressen wir lieber 500 Vinyl-Platten, die sich auch verkaufen, anstatt gleich 1000 CDs zu machen, die man dann zur Hälfte im Keller stehen hat.
Remo: Wir machen einfach, was für uns selbstverständlich ist, für unsere Musikkenntnis, so, wie wir es von den Bands kennen, die wir geil finden.
Was hat es mit euren minimalistischen Bühnenshows auf sich?
Dominic: Wir liefern einfach keine Show. Reto sagt nie etwas, wir haben das nie so abgesprochen, aber es gibt ja auch nichts zu sagen. Wir reihen die Songs einfach aneinander.
Ismail: Das hört sich vielleicht etwas hochnäsig an, aber wenn ich an Konzerte gehe und da Englisch gesungen wird, während zwischen den Songs auf Schweizerdeutsch irgendwelche Sätze dazwischen geschoben werden, dann bricht das für mich irgendeine Illusion.
Reto: Man kann schon was sagen, aber dann muss man auch etwas zu sagen haben.
Wie definiert ihr euren Stil?
Dominic: Alles ist extrem reduziert! Das gilt auch für das Licht auf der Bühne, für das Artwork etc., wir wissen mittlerweile genau, wie es aussehen soll: einfach minimal. Damit sind wir bisher immer sehr gut gefahren, weil der Sound auch absolut einfach ist. Wir sind alle keine Virtuosen an den Instrumenten, wir haben sie uns auch alle selber beigebracht.
Remo: Das Minimale ist auch etwas Grundsätzliches, das vielen Schweizer Bands irgendwie abhanden kommt. Die wollen dann mit einem 100-Franken-Budget ein Video mit zehntausend Schnitten machen, wobei es wohl viel intelligenter wäre, eine Kamera hinzustellen, ohne einen Schnitt zu machen. Wir haben so angefangen und wir wollen es möglichst so belassen.
Dominic: Als wir das erste Mal aufgenommen haben, war das im Sedel, in einem 80er-Jahre Studio, alles analog. Wir haben dem Abwart des Sedles, das ist ein alter Papa, erklärt, dass wir gerne viel Hall und Echo möchten. Er fand das wahnsinnig toll, da er in den 80er-Jahren mit vielen Bands aufgenommen hat. Endlich konnte er mal wieder seine alten Echogeräte benutzen.
Er hat einen tollen Sound hingebracht, der einfach original klingt. Für die zweite Platte sind wir in ein richtiges, digitales Studio gegangen, wo es einfach schneller und einfacher geht. Der Typ, mit dem wir zusammengearbeitet haben, hat ebenfalls seine alten Aufnahmen hervorgeholt und angehört, er musste aber gleich gestehen, dass man digital einen solchen Sound nicht mehr hinbringt. Er hat es probiert, dennoch tönt es viel geschliffener und popiger, damit sind wir natürlich nicht ganz zufrieden.
Man hat das Gefühl ihr seid ziemlich in der Luzerner Szene verwurzelt.
Dominic: Unser Standardsatz lautet eigentlich: Raus aus Luzern. Immer weg, das gilt bei mir für alle Bereiche. Aber natürlich haben wir unseren Freundeskreis hier.
Ismail: Wenn du in Luzern drei Konzerte nacheinander spielst, dann haben es wirklich alle gesehen. Deshalb ist es viel besser, wenn man dazwischen etwas Zeit verfliessen lässt. Das behält es frischer. Ich finde es wichtig, eben nicht in Luzern zu spielen, wo dich Alle kennen.
Remo: In Luzern ist es immer relativ schwierig und verhalten, weil es sehr viele Bands gibt. Sobald jemand ein bisschen Erfolg hat, ist Neid spürbar, das ist unangenehm, es freut uns nicht, dass die Musikszene in Luzern so ein (kleiner) Kuchen ist.
Die Szene in Luzern ist allerdings ziemlich aktiv, oder?
Dominic: Die Szene ist sehr aktiv, aber es gibt wenig Gutes. Es gibt sehr viele Bands, aber ich kann mir davon nur drei Bands anhören, der Rest kann mir gestohlen bleiben. Eigentlich gibt es in ganz Luzern nur eine Band, die ich ernst nehmen kann, das sind Marygold, die machen etwas Eigenes.
Remo: David Lynch hat mal gesagt: "Es hat alles Berechtigung, das aus keinem kommerziellen Zweck erschaffen wurde", sei es im Film oder in der Musik. Hier beobachte ich oft, dass man sich zu viele Gedanken darüber macht, wie man klingen und was man darstellen soll. Das hemmt musikalisch stark, weil man nicht sich selbst ist. Ich singe so, weil ich nur so singen kann, ich möchte mich da nicht in irgendein Format quetschen lassen, nur um zu gefallen. Es gibt aber schon einige gute Bands: Marygold und Seed of Pain sind sehr gut.
Wie geht es weiter?
Dominic: Bei uns muss alles sehr schnell gehen, da sind wir glücklicherweise gleicher Meinung. Wir wollen schnell viel herausgeben. Ich bin auch schon 35, ich habe auch nicht mehr ewig Zeit, in Bands zu spielen, ohne dass es seltsam wirkt. Mir war es immer wichtig, dass wir schnell Songs machen, wenn möglich viele Auftritte absolvieren, viel Output haben.
Text und Interview: Florence Ritter
Fotos: Daniel Tischler

Kommentare (4)
für mich das überzeugenste was die schweiz zu bieten hat mometan
von michi am 1.4.2010 02:07Die sind wirklich sehr cool! Mehr Konzerte, bitte!
von Anina am 6.4.2010 10:34mehr davon!
von susanne q am 8.4.2010 15:51