La Nouvelle Vague Suisse
Denkt man an Schweizer Musik, so fallen einem augenblicklich Urgesteine wie Polo Hofer, Mani Matter, Züri West, die unverwüstlichen Gotthard oder volkstümliche Schmachtbarden wie Oeschs die Dritten ein.
Diese recht eigentümliche, eingespielte Szenerie hat sich jedoch spätestens seit dem Auftauchen der Singer/ Songwriterin Sophie Hunger gewandelt und seither rollt eine wahre Neue Schweizer Welle auf uns zu, auf der auffallend viele frische, weibliche Talente surfen.
Wir haben das Teleskop ausgefahren und drei von ihnen genauer betrachtet. Drei Porträts der Sängerinnen Fiona Daniel, Lea Lu und Valeska Steiner.

Lea Lu
Das Konzert ist ausverkauft, als ich die winzigen, puppenstubenähnlichen Räumlichkeiten des "La Catrina" betrete. Der Andrang ist nichts Ungewöhnliches für die Mitarbeiter der Bar, immerhin lockte die junge Zürcher Musikerin Fiona Daniel bereits viermal wahre Scharen in die kleine Bar in einer Seitenstrasse der Langstrasse.
Doch um das fünfte und letzte Konzert der "La Catrina Hausband" mitzuerleben, scheint sich die Bar heute Abend noch ein wenig mehr auszudehnen als sonst. Nicht mal die kurz nach Konzertbeginn ankommende Sophie Hunger kommt mehr herein.
Als die Band zu spielen beginnt, geht es los auf den knackenden und rauschenden Bahnen, die Fionas Musik beschreibt. Ich lausche nur noch ihrer herb-süssen Stimme, die an manchen Stellen brüchig erscheint und in den Höhen charmant in der Luft zerissen wird. Fionas Musik ist geprägt von einer Lust am Ausprobieren, die für den Zuhörer immer wieder spürbar wird:
Hier tänzeln die Melodien zwischen Jazz, Folk und Bossa Nova, dort setzt sich der Bassist plötzlich auf den Boden um dem Xylofon eine kinderliedähnliche Melodie zu entlocken, die dann im Raum hängen bleibt. Probierfreudig ist Fiona auch, als sie bei einem Konzert im La Catrina einmal kurzerhand einen Beatboxer für Rhythmus sorgen lässt, als ihr Drummer ausfällt. Und obwohl man es nicht gedacht hätte, passt auch er in den Klangteppich ihrer Musik.
"Auf Züridütsch würde ich mich zehnmal nackter fühlen."
Als ich vor dem Konzert kurz die Möglichkeit habe mit Fiona zu sprechen, beschreibt sie ihre Musik selbst als etwas Winterliches, vielleicht auch Herbstliches. Tatsächlich empfindet man beim Hören einen kühlen Unterton, dem dennoch etwas Tröstendes innewohnt. Wohltuend wirkt ihr Sound hier im heissen La Catrina, wo die Zuschauer sich seit Beginn des Konzerts Luft zufächeln.
Bei dem aktuell zu beobachtenden Trend der "Neuen Schweizer Welle", bei der man fernab von Folklore-Bligg und Wieder-zurück-aus-Australien-Gölä auch jungen hausgemachten Talenten Gehör schenkt, bleibt verwunderlich, warum alle auf Englisch (oder wie Lea Lu auch sporadisch auf Französisch) singen und nicht mit Schweizer-
deutsch ihren Gefühlen Ausdruck verleihen.
Denn obwohl beispielsweise bei unserem grossen Nachbarn aus dem Norden, Künstler wieder häufiger ihre Musik in ihrer Muttersprache singen, scheint dieser Trend bei uns nicht zu existieren.

Fiona Daniel
kinki magazine: Fiona, warum singst du auf Englisch und nicht auf Schweizerdeutsch?
Fiona Daniel: Ich finde, dass Schweizerdeutsch vielleicht gut zu Hip Hop passt, aber zum Gesang passt speziell das Züridütsch – das ich ja spreche – nicht. Die Laute klingenmanchmal sehr hart und kehlig und hören sich in einem Lied gar nicht so gut an.
Mit Englisch geht das leichter. Ich glaube, dass ich auch so ein "Gspüri" für die Sprache habe. Wenn ich aber auf Züridütsch singen würde, würde ich mich zehnmal nackter fühlen als bei englischen Texten. Hinter der Fremdsprache kann man eben einfach in eine geschütztere Rolle schlüpfen.
Könnt ihr jungen Talente in der Schweizer Musiklandschaft gut koexistieren?
Das würde ich schon sagen, da wir alle sehr unterschiedliche Musik machen. Ich finde, man macht es sich schon sehr einfach, wenn man uns alle einfach in die Schublade "Singer/ Songwriter" steckt. Solche Leute beschäftigen sich doch gar nicht damit, was für unterschiedliche Musikfacetten die Schweizer Musikerinnen aufweisen.
Sophie Hunger hat für mich unter all den talentierten Schweizer Musikerinnen und Musikern persönlich übrigens eine spezielle Bedeutung.
Durch sie wurde vieles, was jetzt auch mit mir und den anderen Schweizer Künstlerinnen passiert, erst in Bewegung gesetzt. Sie hat uns sozusagen den Weg bereitet. Ihre Musik berührt mich jedes Mal. Immer wenn ich auf einem Konzert von ihr bin, rollen die Tränen. Da brechen sozusagen die Dämme. Sie ist die einige Schweizer Künstlerin, die es schafft, mich so zu berühren.
"Ein trauriges Lied ist überall ein trauriges Lied"
Einige Wochen nach dem Konzert im La Catrina flattert ein Album in das kinki Redaktionsbüro: "Dots and Lines" heisst es und darauf zu
sehen ist eine junge Frau, die sich Lea Lu nennt. Schon beim ersten Anhören erfüllt eine helle Beschwingtheit die Redaktion und ein leises Mit- gesumme mischt sich unter die sanften Klänge der Zürcherin.
Lea Lus Lieder sind in einer anderen Jahreszeit angesiedelt als die Musik von Fiona Daniel: "Dots and Lines" tönt fast wie "barfuss am Strand entlanggehen", wie die NZZ nach einem Konzert der 1984 geborenen Lea titelt. Tatsächlich sind Lea Lus Lieder flirrend federleicht und am besten bekömmlich auf einer rot-weiss-karierten Picknickdecke. Doch auch wenn sie noch so sommerlich tönen:
Die 24-Jährige mit dem nach Südsee klingenden Namen schreibt die meisten ihrer Stücke an Regentagen. Auch kein Wunder in der Schweiz. Ihre Musik assoziiert Lea selbst mit Farben und anderem. Blau, tief, pink, rot, orange, fliegend und tauchend. In anderen Worten: melancholischer Pop, eher mediterran denn nordisch. Mit ihrer eingängigen Musik ist es der Künstlerin mit den spanisch, französischen und polnischen Wurzeln bereits gelungen das Record Label Sony Music auf sich aufmerksam zu machen und sich dort einen Major-Deal zu sichern.
Dies ermöglicht ihr auch wovon andere Schweizer Künstler noch träumen: einen Album Release in Deutschland. Die Sängerin wirkt souverän, schon fast abgeklärt, wie ein alter Hase auf der Showbühne, als ich sie nach ihren Plänen für die Zukunft frage:

Lea Lu
kinki magazine: Wie siehst du deine Zukunft? Wünschst du dir, deine Karriere auch im Ausland voranzutreiben?
Lea Lu: Meine Zukunft wird sich auf der Bühne abspielen, hoffentlich auch auf der internationalen. Konzerte spielen ist das, was mich antreibt. Der Grundstein dafür ist zum Glück schon gelegt, durch Sony Music Schweiz habe ich die Möglichkeit mein Album auch in Deutschland bei Four Music zu veröffentlichen. Voraussichtlich wird mein Album "Dots and Lines" im Frühling auch dort erscheinen.
Ich glaube, dass die Musik – so abgedroschen es auch klingt – eine universelle Sprache ist, oder zumindest eine weltliche. Das, was man mit der Musik vermitteln will, wird verstanden, und zwar überall auf der Welt, auch wenn man die verwendete Sprache nicht kennt. Ein trauriges Lied ist überall ein trauriges Lied.
Kann man in der Schweizer Musikszene gut nebeneinander bestehen?
Wenn man die Ohren der Leute mit etwas Authentischem und Kreativem aufwecken kann, dann hat man grösste Chancen auf Aufmerksamkeit.
Und das ist der Grundstein für Erfolg, man muss zu allererst einmal wahr-
genommen werden. Dazu kommen natürlich Glück und ein Wille wie eine Ameise zu arbeiten dazu.
Wenn das erfüllt ist, bietet die Schweiz ein feines aber sehr kleines Musik-
business, in dem man erste Schritte üben kann. Die grösseren Schritte folgen dann, wenn man ins Ausland geht, weil das Business dort einfach viel grösser ist.

Lea Lu
Auf deinen Pressebildern inszenierst du dich sehr romantisch. Siehst du dich auch selber so?
Eigentlich müsste ich ja eine Brille tragen, aber da ich lieber fast an ein romantisches Werk erinnernde Landschaften und Bäume sehe – sozusagen Farbwolken – lass ich es bleiben.
Auch mag ich Musik aus der Romantik sehr gerne. Die ganze Epoche entspricht einer Seite in mir, deshalb ist es zutreffend, mich romantisch zu nennen. Aber es ist nur eine Seite.
Ich kann auch sehr traurig, wütend und aggressiv sein. Das Auto in meinem Videoclip kaputt zu schlagen bereitete mir äusserste Freude.
Was denkst du von deiner musikalischen "Konkurrenz" Fiona und Valeska?
Fiona war bis vor kurzem meine Backgroundsängerin und dazu noch eine langjährige Kollegin. Von Konkurrenz kann da bitteschön nicht die Rede sein! Wir sind in Zürich ein kleiner Gesangsclan.
Dazu gehören unter anderem auch Valeska Steiner und Guillermo Sohrya, alles wunderbare Sänger mit einer eigenständigen musikalischen
Sprache. Wir sind Freunde und helfen uns gegenseitig musikalisch auch
mal aus.
Wenn jemand von uns erfolgreich ist, sehe ich es als Erfolg für alle. Denn dann wird unsere Musik gehört und das ist doch schon mal gut!
Aber mit Fiona Daniel verbindet Lea Lu nicht nur gemeinsame Auftritte, bei denen Fiona als Mitglied von Leas Band die Backupvocals übernimmt. Was beide Mädchen eint, ist die Experimentierfreudigkeit, mit der sie der Musik gegenübertreten. Denn sowohl Lea als auch Fiona spielen mehrere Instrumente, von denen sie sich einige selbst durch Gehör und "Herumgeklimper" beigebracht haben. Eine weitere talentierte Zürcher Singer-/ Songwriterin, die über ganz ähnliche Wege zur Musik kam wie Fiona und Lea, ist Valeska Steiner, die mittlerweile zwischen Hamburg und Zürich pendelt.
Nicht nur auf MySpace sind die drei Mädchen Freundinnen, auch im wahren Leben verstehen sie sich gut. Genau genommen begegneten sie sich zum ersten Mal in der Zürcher Gesangsschule "FeMale Funk Project". Seither ist viel passiert und auch Valeska wird bald mit ihrer vollen und warmen Stimme aus dem CD-Player tönen, denn sie befindet sich ebenfalls gerade im Studio. Ihre Musik wird bestimmt von einer gewaltigen Bandbreite, die es ihr ermöglichte, neben andern Newcomern wie Heidi Happy auf der "The Song Circus"-Tour vor einem grossen Publikum aufzutreten. Die junge Sängerin nimmt sich während den Studioaufnahmen Zeit, meine Fragen zu beantworten.

Valeska Steiner
kinki magazine: Wie würdest du deine Musik in eigenen Worten beschreiben?
Valeska Steiner: Ich finde es immer schwer, die eigene Musik selber zu beschreiben. Vielleicht eine Mischung aus Singer- / Songwriter-Texten und Popeinflüssen. Irgendwo zwischen Suzanne Vega und Phoenix. Und ich habe schon ein paar Mal gehört, dass es Musik ist, die einem ein glückliches Gefühl gibt – was mich freut.
Du bist dieses Jahr mit Coal & Band beim "Song Circus" aufgetreten und hattest Ende August einen Auftritt zusammen mit Trummer und Nadja Stoller: stehst du lieber gemeinsam mit anderen Künstlern auf der Bühne als alleine mit deiner Band?
Ich finde, das kann man fast nicht vergleichen. In letzter Zeit habe ich mich mit meiner eigenen Sache sehr aufs Schreiben und aufs Studio konzentriert, da blieb wenig Zeit für Bandproben und Auftritte. "The Song Circus" und die Konzerte mit Trummer und Nadja waren tolle Möglichkeiten trotzdem aufzutreten. Ich finde es grossartig, mit befreundeten Musikern einen Abend zu gestalten, meistens sehr spontan und mit wenig Proben.
Die Konzerte sind ein bisschen unberechenbarer, weil man sie nicht alleine in der Hand hat, aber genau das macht sie so spannend. Und ich finde es sehr schön, dass es mal nicht darum geht, als Einzelperson im Vordergrund zu stehen, sondern gemeinsam mit Leuten mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Talenten etwas auf die Beine zu stellen. Diese Konzerte haben mir menschlich und musikalisch sehr viel gegeben und ich würde solche musikalischen Ausflüge immer wieder gerne machen, weil ich davon sehr erfüllt und inspiriert zurückkomme. Aber die eigene Sache hat natürlich schon Priorität und ich freue mich, in Zukunft ganz oft mit meiner Band aufzutreten.

Valeska Steiner
Wie empfindest du die Schweizer Musiklandschaft zur Zeit?
In der Schweiz hat man es als Singer-/Songwriterin im Moment sehr leicht und ein bisschen schwer zugleich. Einerseits schätze ich mich glücklich, dass ich eine Zeit "erwischt" habe, in der Sängerinnen in der Schweiz so viel Aufmerksamkeit und Respekt geschenkt wird.
Andererseits finde ich es manchmal schwierig, dass so viele unterschiedliche Sängerinnen oft in einen Topf geworfen werden, nur weil sie eben Frauen sind, die ihre Songs selber schreiben und aus der Schweiz kommen. Das reicht vielen als Gemeinsamkeit schon aus und dann werden z.B. Sophie, Heidi, Lea und Fiona in einem schnellen Atemzug genannt, obwohl die sich ja, wenn man genauer hinhört, stilistisch teilweise sehr von einander unterscheiden.
Aber im Grossen und Ganzen lebt es sich sehr gut in der Schweiz neben Schweizer Musikern und Bands. Ich empfinde die Schweizer Musikszene grösstenteils als sehr aufgeschlossen, wohlwollend und herzlich. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass man sich seinen Platz erkämpfen muss.
Die perfekte Welle
Ob sie während eines Konzertes einen Zuschauer bitten, die zerrissene Saite der Gitarre neu zu spannen wie Fiona Daniel oder mit einem schüchternen Lachen zugeben, dass sie und ihre Band für die Zugabe schlicht keinen Song mehr einstudiert haben wie Valeska Steiner: der

Fiona Daniel
Sound dieser Drei, die der "Neuen Schweizer Welle" angehören, ist noch ein gutes Stück davon entfernt, perfekt zu sein. Und das ist gut so. Die Musik der jungen Schweizerinnen scheint genau von diesen kleinen, beseelten Momenten zu leben. Wenn der Bass nicht mehr knackte und kein Geräusch seines Eigenlebens mehr von sich gäbe oder dieses leise, heimelige Rauschen im Hintergrund verschwinden würde, dann wäre ihre Musik ein Stück ihrer blossen Schönheit beraubt. Denn diese Momente machen die Musik echt und gelebt, ihr Fehlen würde ihr das Glück nehmen, das den Liedern trotz der besungenen, unglücklichen Liebe stets innewohnt.
Sie gehen diesen Weg alleine und doch zusammen: Er mag für alle gemeinsam in der Gesangschule begonnen haben und sich immer wieder auf den unterschiedlichsten gemeinsamen Konzertabenden kreuzen. Man kann diese Bewegung nennen, wie man will, und vielleicht ist "Schweizer Welle" auch gar nicht angebracht. Denn letzten Endes wäre dieses Phänomen sicherlich nicht so schön, wäre es in seinem Innern nicht so atemberaubend diversifiziert:
Die unangepasste Fiona Daniel, die mit Kinderspielzeug singt, hat neben andern genauso ihre Daseinsberechtigung wie Lea Lu, die uns farbenprächtige Traumwelten von unerfüllter Liebe heraufbeschwört, während Valeska Steiner uns mit ihrer vollen Stimme Schauer über den Rücken zu jagen vermag. Hoffen wir, dass aus den drei jungen Talenten die perfekte Welle wird und die stillen Wasser der Schweizer Musikwelt nicht nur von einem lauen Sommerlüftchen gekräuselt werden.
Text und Interview: Anja Mikula

Kommentare (2)
na ja, wurde ich etwas wechseln... Denkt man an Schweizer Musik, so fallen einem augenblicklich Urgesteine wie THE YOUNG GODS!!!
von erich am 30.10.2009 13:15die sind alle sooo schön!
von gordon 3k am 3.11.2009 12:43