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Kunst aus dem Karton: Beni Bischof

Am 17.4.2009 1 Kommentare
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Beni Bischof, der Schachtelmann – wie ich ihn zu nennen pflege – hat sich am besagten Tag im Zürcher Grafikbüro, als er uns sein Bergwerk von künstlerischen Arbeiten vorführte, spontan die Zeit genommen, mir ein paar Fragen zu beantworten. Hier findet ihr die unverblümte, ungekürzte Geschichte des B.B.

 

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Beni Bischof im Atelier


Wie würdest du dich jemandem vorstellen, der nicht weiss, wer du bist und was du machst?
Ich arbeite seit drei Jahren als freischaffender Künstler, ursprünglich habe ich die Grafik-Fachklasse in St. Gallen besucht. Ich mache Collagen, Zeichnungen, Fotomanipulationen und vor allem Malerei - ein sehr breiter Mix. Deshalb ist ursprünglich auch die Idee entstanden, dass ich so ein Heftchen als Plattform benutzen könnte, um meine Kunst in die Aussenwelt zu transportieren, so eine Art Galerie in Heftform. Mein Atelier habe ich nämlich in St. Gallen, wo ich auch wohne. Und St. Gallen ist klein (lacht).

Ich arbeite den ganzen Tag, ich zeichne extrem viel, mache Collagen und dann entstehen Berge von Arbeiten, wirklich schachtelnvoll, manchmal 60 Arbeiten am Tag, also 40 Zeichnungen, davon überleben dann aber nur drei bis vier, die Besten einfach. Ich muss immer wieder aus diesen Schachteln selektieren. Die wirklich schlechten werfe ich weg. Die anderen landen in irgendwelchen Schachteln, das ist eben ein bisschen schlimm, ich habe kein strukturiertes Archiv. Im Moment mache ich auch grad Tonskulpturen.

Bricked Castles von Beni BischofJe länger ich an meinen künstlerischen Werken arbeite, desto mehr spüre ich einen roten Faden, der sich mir selber verdeutlicht. Dazu gehört das Manipulieren von Dingen, absurde Veränderungen wie bei den Burgen zum Beispiel. Die Burgen sind Scans aus einem Brockenhausbuch, ich habe einfach das Bild aufgeräumt, oder einfach prägnanter gemacht. Störende Elemente im Hintergrund habe ich entfernt, aus dem Wald einen homogeneren Hintergrund geschaffen und das wesentliche aus der Form der Burg herausgeholt. Ich habe die Fenster, die Tore weggelassen, die Türme weggenommen. Dann mache ich auch ganz gerne Originalbücher, in die ich direkt hineinmale.

Du hast eine Grafik-Fachklasse absolviert, hast du vor deiner Selbständigkeit in deinem Beruf gearbeitet?
Ja, ein Jahr lang habe ich in einer Werbeagentur gearbeitet. Dann habe ich auch mal ein Austauschsemester an der Academy of Fine Arts in Warschau gemacht. Ich wollte, was ich gelernt hatte, mal praktisch anwenden, aber nach 12 Monaten hatte ich dann genug davon. Natürlich habe ich vorher schon nebenbei meine eigenen Sachen gemacht, aber die Zeit war mir schliesslich einfach zu Schade, um so viele Stunden in der Woche für jemand anderen zu arbeiten. Im Moment könnte ich mir nicht mehr vorstellen in einem Büro zu arbeiten, höchstens als Freelancer, wie ich das heute schon mache.

Wann hast du gemerkt, dass dir das Zeichnen liegt?
Als ich etwa 10 Jahre alt war, habe ich gemerkt, dass ich sehr lange vor Zeichnungen verweilen kann. Es war schon auffallend, dass ich viele meiner Ideen auf Papier ausdrücken konnte. Dass ich die Kunst zum Berufe machen könnte, habe ich aber erst durch Feedbacks und Lichtpunkte gemerkt. Nach dieser Zeit in der Agentur habe ich immer wieder Werkbeiträge oder Atelierstipendien gewonnen, das hat mich immer wieder motiviert. Oder auch nur, wenn jemand mal ein Heft oder ein Bild gekauft hat. Ohne diese Bestätigung wäre es sehr schwer gewesen.

Bodybuilder von Beni BischofGibt es bestimmte Künstler, die dich beeinflusst haben, oder inspirieren dich ganz andere Sachen?
Dieter Roth, Albert Oehlen, Martin Kippenberger und Raymond Pettibon, die gefallen mir schon, aber ich lasse mich nicht zu stark beeinflussen. Manchmal halte ich mich gar vor Museumsbesuchen zurück, um nicht zu stark verwirrt und beeinflusst zu werden. Aber die Kompromisslosigkeit von Dieter Roth und die Ironie von Kippenberger, die gefallen mir sehr.

Mit welchem Material arbeitest du im Moment am liebsten?
Mein Herz schlägt für die Malerei und fürs Zeichnen. Beim Zusammenstellen der Heftchen kommen noch graphische Aspekte dazu, das ist eine sehr willkommene Abwechslung, eine ganz andere Art zu arbeiten, das nütze ich für meine Hirnhälften. Wenn ich Lust habe, dann mache ich ein Heft mit Arbeiten, die über Wochen entstanden sind. Und manchmal entsteht ein Heftchen in einer Stunde, wobei die Arbeiten natürlich schon länger da sind. Offiziell sollten meine Abonnenten sechs Heftchen pro Jahr erhalten, wenn es dann mal weniger sind, dann dauert das Abo eben zwei Jahre. Aber wenn ich so Abonnenten-Hefte mache, dann brauche ich eine Auflage von 50, 60 Stück, das ist sehr viel Arbeit. Die Abonnenten zahlen 150 Franken für sechs Hefte. Das sind vor allem so Kunst-Verlage, Galerien etc. Dann war ich letztes Jahr an der Art Book Fair in New York, da haben sie eine eigene Sektion mit Zines (handgemachte Heftchen, Kleinauflagen), die ‹Friendly Fire› heisst. Da waren Leute aus der ganzen Welt, die an kleinen Tischen solche Heftchen und Zeichnungen verkaufen.

Du machst auch Installationen?
Also eigentlich arbeite ich als Künstler und mache Gemälde, Zeichnungen und Collagen. In den letzten Jahren habe ich aber Ausstellungen gemacht, an denen ich alles intuitiv an die Wand und am Boden plaziert habe. Das mache ich im Moment aber nicht mehr. In Zusammenarbeit mit dem ‹Kunstgriff› habe ich zwar noch mal Bildarbeiten so plaziert. Das ist eigentlich mehr aus den Schachteln heraus eine Best of Wall. Eigentlich ist diese Darstellungsform eine Art Konglomerat, im Gesamtbild gibt es aber immer Synergien zwischen den einzelnen Arbeiten, das ergänzt sich, das ist spannend, deshalb ist es am Schluss eigentlich schon eine Wandinstallation. Am Ende ergibt sich viel mehr als für sich stehende Einzelteile. Es ist ein absurder Kosmos, der auch meine Arbeitsweise widerspiegelt, es entsteht wirklich sehr viel schachtelweise. Aber für die Zukunft habe ich vor, mehr und stärker zu selektieren.

Bricked Castles von Beni BischofArbeitest du schubweise?
Das Gute am freien Arbeiten ist, dass ich wirklich nach dem Lustprinzip arbeiten kann, dann gibt’s ein zwei Monate lang eine Malereiphase und dann entstehen an einem Tag wieder ein paar Collagen. Wenn ich Lust auf Zeichnen habe, zeichne ich zwei Tage lang. Einfach lustorientiertes Arbeiten: Malerei, Collage, was auch immer.

Dann kennst du keine Blockaden oder Schwierigkeiten, wenn du unter Druck stehst?
Wenn ich Aufträge zum Zeichnen  ? meist Illustrationen ? habe, dann versuche ich das doch noch recht frei zu erledigen, es soll nie zu illustrativ werden. Aber unter Druck zu arbeiten, ist schon problematisch. Deshalb bin ich ja freier Künstler geworden. Aufträge habe ich schon regelmässig, aber so was interessiert mich einfach weniger. Die Auftraggeber wollen meist zu illustrative Sachen und genau das, versuche ich in meiner Kunst eigentlich zu unterbinden.

Möchtest du mit deiner Kunst etwas mitteilen oder hängt die Message von den jeweiligen Projekten oder Arbeiten ab?

Was man sicher feststellt, ist, dass ich viel mit Machtsymbolen arbeite, das ist bestimmt ein roter Faden. Gerne manipuliere ich auch bestehende Sachen damit sie einen absurden Aspekt erhalten. Wie die Burgen beispielsweise oder die Portraitmalereien ohne Gesicht. Manipulierte Köpfe, verflossene Gegenstände usw.

Inhaltlich mag ich Ironie und Absurdität, wobei ich eigentlich nicht unbedingt politisch sein möchte. Oft merke ich aber im Nachhinein schon, dass es eigentlich einen politischen Touch hat. Zum Beispiel diese Gewehre: es wäre sehr plakativ zu sagen, dass es sich dabei um ein Pazifisten-Heftchen handelt. Da war mehr das Formale spannend für mich; etwas zu dekonstruieren und anders wieder zusammensetzen, nachher kann man natürlich eine Botschaft reininterpretieren. Die Burgen kann man schon als ein zu starkes Abschotten interpretieren: Man geht zu Grunde ohne Licht und wenn man nicht rausgehen kann. Aber das überlege ich mir vorher nicht, das entsteht intuitiv aus meinem Interesse heraus. Es ist immer so ein Mix. Zum Beispiel das Ufo-Projekt: das sind geworfene Radkappen, in den 60er-Jahren fand man ja immer solche gefälschten Ufo-Bilder, bei denen später rausgekommen ist, dass die eben mit Radkappen gemacht wurden. Und das fand ich irgendwie witzig, das gefiel mir, auch weil ich mich für Astronomie interessiere.

Widerspiegeln deine Werke oder deine Art zu Arbeiten deine Persönlichkeit?
Das ist schwer zu sagen, das müsste eher jemand Aussenstehendes beurteilen.

 

Gewehr von Beni Bischof


Was hat es mit den ganzen Explosionen auf sich?
Die Explosions-Zeichnungen habe ich als Auftrag für die Buchvernissage gemacht. Das war aber eine Arbeit, die ich früher mal gemacht habe, unabhängig von diesem Auftrag. Die Explosionen haben schon einen formalen Aspekt, der mir gefällt. Besonders im Zusammenhang mit dem Inhalt: das Brutale der Explosion und das Zarte der Wölkchen. Da wollte ich möglichst viele Variationen machen, das war zumindest die Idee. Ich habe mich von Palästina-Bildern inspiriert, die gibt es ja zu genüge, oder auch Autoexplosionen aus Filmen. Aber da bin ich immer noch dran, ich bin noch nicht so zufrieden.

Und bei den Muskeltypen auf den Autos, das ist eigentlich wie ein Machtkonglomerat: das Machtsymbol Auto kombiniert mit den testosteronisierten Muskelprotzen. Auf diese Bilder bin ich im Brockenhaus gestossen. Flugzeuge haben mich schon früher immer interessiert, das sind alte Heftchen aus meiner Kindheit, die ich hier verwendet habe. Und Bodybuilder finde ich einfach so absurd, unglaublich absurd. Schlussendlich haben sich diese Collagen aus meinem Interesse für Flugzeuge, Autos und für die Bodybuilder ergeben, die ich alle auf einem Bild versammelt habe. Die inhaltlichen Aspekte kommen erst im Nachhinein dazu, vielleicht erst nach Wochen, wobei ich jetzt schon merke, dass man beim Betrachten der Collagen schnell an den Inhalt denkt. Aber darum geht es mir im ersten Moment nicht, das Absurde zieht mich an. So war es auch bei den Gewehren, die haben mich auch einfach interessiert wie diese Machtsymbole. Die Waffen an sich sind eigentlich recht schöne Objekte, abgesehen davon, dass sie einfach dumm sind. Das ist wie bei den Explosionen, sie sind ästhetisch schön, aber sehr negativ, ausser vielleicht Feuerwerke.

Zufälle spielen bei meinen Arbeiten auch eine sehr gross Rolle, manchmal sind sogar die Inhalte zufällig. Besonders auch bei Heftchen, wenn sich aus einer Doppelseite was anderes ergibt, oder eben auch bei Ausstellungen, wenn ein Objekt mit einem anderen Teil kommuniziert.

Wie findest du das, wenn Leute verschiedene Inhalte und Aussagen in deinen Bilder verwirklicht sehen?
Ich verstehe das schon, aber das wäre mir fast ein bisschen zu sachlich. Es ist eine emotionale Sache, irgendwie bin ich politisch schon sehr interessiert, ich möchte wissen, was auf der Welt vorgeht. Da ich oft Printmedien benutze, sind meine Bilder automatisch geschichtlichen oder politischen Inhalts.

Wie und wodurch lässt du dich inspirieren?

Von der Musik und der Literatur, die ich lese aber auch von Nachrichten oder von Klatschheftchen, das ist je nach dem passiv oder aktiv. Nur ins Brockenhaus gehe ich wirklich aktiv zum Stöbern, da finde ich Bücher oder Magazine mit super Bildmaterial.

Was sind deine beruflichen Ziele?
Einfach als Künstler zu bestehen und kompromisslos das weiter führen zu können, was ich mache. Es besteht immer die Gefahr, dass man sich verfälscht. Zum Beispiel besteht ein grosses Interesse am Burgenheft. Da ist die Gefahr schon gross, dass man noch mal was Ähnliches macht. Das gelingt aber eigentlich nie. Oder zum Beispiel sind Anfragen von Redesigns von Heftchen gekommen. Grafikdesign interessiert mich schon, aber irgendwie ist mir die Zeit zu schade, ich möchte lieber malen und zeichnen.


Sinnlose Sachen sind spannend. Ich meine, was ich mache ist auch völlig sinnlos. Aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass es mir etwas bringt und vielleicht auch den anderen.

 

Text und Interview: Florence Ritter

 

Links:

Wettbewerb: Burgenheft von Beni Bischof gewinnen

Website von Beni Bischof

Tags: Interview, kunst, magazin nr 13, beni bischof

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