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Kreativität ist wie eine Zitrone

Am 18.9.2009 1 Kommentare
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Bart Wasem über Inspirationen aus dem Küchengestell, waschechte Berner, Ideen, die nicht unter der Dusche entstehen, Hunde im Werbespot, Überprofessionalität und seine Zukunft.

Bart Wasem und Neil Stubbings
Bart Wasem (links) und Neil Stubbings von LeMob.

Was erwartet einen, wenn man sich als Redaktor über Bart Wasem schlau gemacht hat und von einem gewissen "Online-Gesichtsbuch" weiss, dass er ein grosser Fan von "Franz und Rene" ist? Dann hofft man natürlich, dass mehr Antworten fliessen, als Renes altbekanntes "Ich sägä nüt". Bart Wasem, bekannt als Director, Writer, Producer, Editor oder Programmverantwortlicher des onedotzero_ch hat sich Zeit für uns genommen und mich im LeMob Büro in Zürich empfangen. Anstatt der erwarteten "ich sägä nüt"-Haltung erwartete mich das komplette Gegenteil.

 

Drei aufgestellte, redselige Männer, immer um mein leibliches Wohl bedacht – wenn ich alle angebotenen Getränke angenommen hätte, bräuchte ich wohl für lange nichts mehr zu trinken – um keinen faulen Spruch verlegen und ohne aufgesetztes Image, dass sie verteidigen müssten. Ich fühlte mich beinahe zu Hause, der Kickerkasten und die Discokugel im Foyer erinnern einen an WG-Atmosphäre, die geräumigen Arbeitsplätze lassen den Platz erahnen, den die Kreativität hier einnehmen muss, und die Sammlung alter Fernsehgeräte komplettiert das Büro. Bart Wasems Liebe zu alten Dingen bemerkt man, als ich das Aufnahmegerät auf den Tisch vor uns lege und er die ersten fünf Minuten lang sich begeistertz über dieses schicke Ding mit 80er Jahre Touch auslässt.

 

 

 

Interview mit Bart Wasem

Was steht hinter dem Namen "onedotzero"?
Das ist eine gute Frage. Ich weiss es selber auch nicht, da es ja ursprünglich aus London kommt und wir den Namen eins zu eins übernommen haben. Aber Wunder nimmt’s mich eigentlich schon auch. Das kann man im Herbst vielleicht jemanden aus London fragen, wenn sie uns besuchen kommen. Aber ich könnte dir noch erzählen, warum es das onedotzero_ch gibt: Als das onedotzero das erste Mal nach Zürich ans Film Festival kam, und ich Wind bekommen habe, dass dies ein Programmteil sei, fragte ich kurzerhand den Festivaldirektor Karl Spoerri an, ob ein Schweizer Fenster in dieser Art nicht auch produziert werden könnte. Die Idee ist bei der  Festivalleitung auf offene Ohren gestossen und diese wiederum haben es dem onedotzero in London weitergeleitet welche uns ebenfalls in der Realisierung bestärkten. Bis anhin war das onedotzero_ch eigenständig, dieses Jahr wird zum ersten Mal das onedotzero London vertreten sein, um aktiv bei der Auswahl der Clips teilzunehmen.

Was erwartet den Gewinner vom onedotzero nach seinem Sieg?
Der Markt  zeigt, was mit dem Gewinner passieren wird. Dieser ist bekanntlich noch nicht so sensibilisiert, dass er den Gewinner gleich als neues Talent sieht und international hypen würde. In der Schweiz sowieso, hier ist ja alles ein bisschen kleiner mit dem Propheten im eigenen Land und so. Man schaut aber schon vom Ausland auf die Gewinner, nur schon dadurch, dass die onedotzero_ch-website mit der internationalen verlinkt ist und die ausgewählten Clips jeweils mit London in Kontakt kommen.

Nach welchen Kriterien beurteilst du Filme? Was macht ein Film für dich sehenswert?
Für mich persönlich, und nicht in der Funktion des Programmverantwortlichen fürs onedotzero_ch, liesse es sich so beschreiben, dass ich als Director und Motion Designer überrascht werden will. Es muss mich mitreissen und in den Bann ziehen. Es muss mich logischerweise faszinieren und meine Aufmerksamkeit einfangen. Nicht nur auf das Visuelle bezogen. Eine Geschichte dazu ist immer das Schönste. Die Menschen wollen Geschichten sehen, egal auf welche Art sie erzählt wird, auch wenn sie ganz abstrakt ist. Bei experimentellen und abstrakten Sachen ist der Zugang sicherlich erschwert, aber für mich als visuellen Menschen besteht da keine Hemmschwelle. Mich fasziniert Abstraktes; Korrespondenzen aus Musik oder Bild. Vor Kurzem sah ich was aus der Schule in Lausanne, was ziemlich abgefahren war: Ein drei Minuten langer Film, nur mit grafischen Formen und ziemlich harten Beat-Rhythmen hinterlegt. Bei solchen Dingen merkst du aber auch bei Teilen des Publikums, dass ihnen der Zugang dazu fehlt. Aber für die Auswahl und Beurteilung faszinieren mich Welten, die visuell ansprechend und mit einer Geschichte kombiniert sind. Das ist die Krönung einer Arbeit.

Kannst du überhaupt noch gemütlich Filme schauen, oder schaut das Grafik- und Filmauge immer mit?
Nein, das wäre ja der Horror. Wenn du es analysieren willst, kannst du dich nicht mehr mitreissen lassen. Wenn, dann analysiere ich im Anschluss. Der erste Eindruck ist immer rein emotionell. Es muss mich bewegen oder interessieren, ansonsten wird es gleich "gecancelt". Wenn es mich mitreisst, will ich es auch analysieren und gehe Bild für Bild durch oder schaue es mir immer wieder an, um den Hintergrund zu ergründen, weshalb es mich eigentlich so fasziniert.

Woher nimmst du die Inspiration für die Erschaffung der Welten in deinen Stills und Filmen?
Von da. ("da" ist ein Gestell mit kreativen Büchern, welches in der Küche aufgestellt ist. Bart deutet mit dem Finger darauf und lacht). Aus meiner Schublade. Die Frage ist extrem schwierig. Ich könnte dir jetzt eine Standard-Antwort liefern wie: "Ich habe einfach die Augen offen. Lass mich von allem und überall inspirieren". Vielleicht stimmt es ja auch. Wenn ich Hefte lese, Gratis-Zeitungen oder abonnierte Designer-Hefte, oder Dinge aus dem Internet verarbeite, kommt alles in meinen Kopf und wird gefiltert. Ich kann dir nicht sagen, wie ich es mache, es passiert einfach, die Ideen existieren einfach irgendwo. Es gibt keinen Schlüssel dafür. Es gibt auch keine klischeehaften Aussagen, dass mir nur unter der Dusche gute Ideen kämen. Höchstens vor dem Einschlafen, wenn ich mich in der "Chill-Phase" befinde. Dann kann ich mich extrem gut in Dinge hineinversetzen. Schlafen geht dann oft nicht mehr, weil ich aufstehe und alles aufzeichnen muss. Das ist die einzige Ruhepause, die ich habe, in der ich danach richtig kreativ denken kann. Es ist aber oft so wie mit einer Zitrone: du kannst sie ausdrücken und entweder kommt was oder es kommt nichts. Wenn nicht, gehe ich oft genervt und frustriert nach Hause und frage mich, weshalb ich das eigentlich mache was ich mir da als Beruf ausgesucht habe. Andererseits kommt dann unverhofft plötzlich manchmal die beste Idee. Es ist ähnlich wie mit den Drogen: manchmal hast du den Kick, dann bist du wieder frustriert, findest im einen Moment was super und dann wieder schlecht.

Was muss ein Film - aufs onedotzero_ch bezogen - haben, damit er visuell ansprechend ist?
Es müssen schon einige Kriterien erfüllt werden um überhaupt in die Kategorie des onedotzero rein zu kommen. Das heisst konkret: klassische Zeichentrickfilme oder animierte Zeichentrickfilme dürfen es schon mal nicht sein. Die sind schon auch super, spannend und interessant aber entsprechen nicht unbedingt der Idee des onedotzero_ch. Für die gibt’s andere Festivals wie das Fantoche. Mich interessieren vor allem visuelle Grenzerfahrungen. Dinge, bei denen du merkst, dass sich jemand auch was dazu überlegt hat, was mit Design und der Geschichte dahinter zu tun hat. Spannend sind auch Kombinationen von Life Action, Visual Effect oder Design. Ich würde mal sagen, dass diese Kombinationen den inneren Kern des onedotzero_ch ausmachen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Musikclip von Justice zum Lied "D.A.N.C.E", auf dem man grafisch animierte Tricks auf den Shirts von verschiedenen Menschen sieht. Das ist eine super Idee und ein eigener visueller Style. Mich interessieren diese Kombinationsmöglichkeiten von verschiedenen Techniken, die du auf neue oder erfrischende Art zusammen bringen kannst. Da kann auch Playart - also Stop Motion - Platz haben, wenn es nicht klassisch behandelt, sondern vielleicht neu und mit weiteren Elementen kombiniert wird.

Ich habe gelesen, dass ihr vier Monate lang am IWC Spot gearbeitet habt. Wie wirkt sich das auf den Alltag aus? Kann man da noch abschalten oder an was anderes denken?
Nein, da kann man nicht mehr abschalten. Es konzentriert sich gegen Schluss immer stärker. In diesem Fall waren es sicher die letzten zwei Monate, in denen echt nur das Eine Thema war. Wir mussten deswegen auch viele Aufträge deswegen absagen und das Privatleben "umschiffen".

Was für Wege und Mittel hast du, um von der Arbeit Abstand zu halten oder dich zu erholen?
Also Neil, mein Geschäftspartner, geht biken und kriegt davon den Kick als Ausgleich. Aber ich als unsportliche Person… Was mache ich? Ich glaube chillen. Ruhe für mich haben. Filme schauen, im Internet surfen und mich inspirieren lassen. Auftanken ist für mich eigentlich Inspiration. Wenn ich von dem, aufgrund der vielen Eindrücke, ebenfalls die Nase gestrichen voll habe, dann kann ich auch mal vollkommen abschalten. Ich kann auch ohne Probleme zwei Wochen in Urlaub fahren und einfach nichts machen. Weder über Design nachdenken, noch über Motion Graphics oder Ähnliches. Einfach Hirn ausschalten und am Ende wieder frisch zurück kommen.

Du als waschechter Berner: wie kommt man zu einem Namen wie Bart Wasem?
Wasem ist mein bürgerlicher Name und kommt ursprünglich aus Schweden. Bart ist nicht mein Taufname. Aber so heisse ich einfach schon seit Ewigkeiten. Den habe ich mir auch nicht selbst gegeben, sondern er ist in meinem Kollegkreis entstanden.

LeMobWoher kennen sich Neil Stubbings und du?
Neil war mal mein Angestellter, als ich noch meine erste Firma Namens "Regardez" hatte. Als wir dann aber Regardez schlossen und "Dejavu" gründeten, war Neil bei uns als Freelancer im Netzwerk engagiert. Das entwickelte sich weiter und seit zwei Jahren sind wir LeMob. Zusammen mit Matthias, der für Technik und Compositing zuständig ist. Neil und ich sind quasi Klone im Director Design.

Aber Neil hat nicht wegen dir das onedotzero_ch letztes Jahr gewonnen?
Darüber wird natürlich viel geredet. Aber da es sich seit letztem Jahr um ein Publikumsvoting handelt - davor hatte ich immer eine Jury nominiert - lag es keineswegs in meiner Hand. Sonst wäre es mir glaube ich sehr unangenehm gewesen. Aber ich war natürlich stolz und froh, dass er gewonnen hatte. Da kommen wir wieder zu dem Geschichte-Thema: Style und Story sind die Dinge, die dich, wenn sie über einen Überraschungseffekt verfügen, bewegen.

Ihr arbeitet hauptsächlich mit nationalen Auftraggebern. Wie sieht’s mit dem internationalen Markt aus?

Wir wollen sicher international auch hoch hinaus. National zu bleiben ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, aufgrund dessen, dass hier einfach nicht so viel geboten wird. Und falls Schweizer Kunden mal was Grosses hätten, gehen sie mit dem Auftrag lieber ins Ausland. Nach London oder irgendwohin. Daher sind wir ganz klar international ausgerichtet und geben dort Vollgas. Gerade haben wir etwas für Nestlé in Paris gedreht.


Für was oder wen würdest du liebend gern mal einen Film drehen, schneiden oder Regie dazu führen?
Das ist eine extrem wichtige Frage für die persönliche Motivation, damit du fokussiert weiter gehen kannst. Vor neun Jahren war es MTV, bei denen ich dann einen internationalen Pitch gewonnen habe. Danach kam arte mit einer Produktion. Und heute wäre es immer noch traumhaft, eines Tages mit Coca Cola zu arbeiten. Als einstiger Björk-Fan, wollte ich auch lange einen Clip für sie drehen, oder für die Chemical Brothers. Autowerbung wäre natürlich auch sehr interessant für uns, egal welche Marke, gut wäre eine, die mit ein bisschen Prestige verbunden wäre. Mit Autos kann man eben schon tolle Sachen machen. Aber hier in der Schweiz gibt es natürlich keinen Autowerbemarkt, die Budgets liegen allesamt im Ausland. Wenn hier eine Werbeagentur ein Automarkenbudget bekäme, wäre das ein absolutes Novum, vor allem wenn sie noch dazu von Schweizer Motion Directors und Designern produziert würde. Wichtige Kunden sind halt immer die, die mit einem Image zu tun haben. Auch Kleiderlabels, bei denen man merkt, dass sie mit Styles ein Image generieren müssen.


Wenn du für kinki einen Spot kreieren müsstest: wie würde der aussehen?
Jetzt gerade? Ich bin nicht so ein spontaner Mensch. Nicht in einem Moment wie jetzt, wenn ich die Person gegenüber nicht gut kenne. Bei guten Freunden käme mir jetzt etwas Blödes in den Sinn. Aber ich bin schon beinahe zu "überprofessionalisiert", dass mir gleich Gedanken kommen wie: wie lang wäre der Spot, was willst du verkaufen, wie viel Budget steht zur Verfügung? Aber ich finde die Frage so betrachtet ganz gut, im Sinne davon, dass ich völlig frei bin, etwas zu machen aber gleich ins kalte Wasser geworfen werde. Das mache ich eigentlich nur bei eigenen Projekten so. Also wieder zurück: es müsste logischerweise irgendwas Freches sein. Wenn ich mir das kinki so anschaue mit seiner Zielgruppe, bei der es sich doch eher um junge Leute handelt, würde ich bestimmt etwas mit Sound machen, mit Humor, und einer Pointe am Schluss. Vielleicht irgendwas mit einem Hund? Das ist echt eine fiese Frage, die werde ich mir merken.

Was für Projekte stehen in naher und ferner Zukunft bei dir an?

Ich kann natürlich keine Einzelheiten verraten, oder du kannst nicht konkret darüber schreiben, da sich um inoffizielle Dinge handelt. Aber eines ist ein Projekt ist die Verpackung für eine neue Doku-Soap fürs Fernsehen und dann haben wir noch eine relativ spezielle Ausstellung, in der es um ein ganzheitliches Erlebnis gehen wird. Ähnlich wie in einem Hollywood-Studio, wo du irgendwo drin sitzt und audio-visuelle Effekte erfährst. Wir sind mit der Animation unter anderem auch dafür verantwortlich, dass dem Besucher etwas suggeriert wird. Man taucht in eine Welt voller Bilder, Animation und Audio, die echt wirkt aber keineswegs real ist. Dazu kommen noch physische Erfahrungen. Erschütterungen und solche Dinge. Die Animationen sind nichts Neues für uns, aber ein Endprodukt in dieser Art hatten wir noch nie.

 

 


Nicht verpassen: Das onedotzero_ch findet am 1. Oktober mit anschliessender Party im Seefeld-Razzia statt. Am 2. Oktober erwartet den Besucher Programme vom onedotzero London.

 

onedotzero_ch

Wann: Donnerstag, 1. Oktober 2009

Wo: Seefeld-Razzia, Zürich


Text und Interview: Katja Alissa Müller

Tags: onedotzero, magazin nr 17, bart wasem, neil stubbings, Interview, lemob

Kommentare (1)

  • "Wasem ist mein bürgerlicher Name und kommt ursprünglich aus Schweden." Hahaha...

    von Anonymous am 4.2.2010 00:49

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