Alles falsch, alles richtig

Die "Rap-Generation" der Schweiz wird älter und es stellt sich die Frage, was mit all dem geschieht, was hinter ihr liegt. Im Kinofilm "OFF BEAT" von Regisseur Jan Gassmann stolpert Rapper Lukas durch sein Leben im winterlichen Zürich.
Nachdem Jan Gassmanns erster abendfüllender Dokumentarfilm "CHRIGU" ziemlich erfolgreich war und 2008 mit dem Züricher Filmpreis und dem Prix Walo ausgezeichnet wurde, läuft mit "OFF BEAT" nun seine zweite Produktion in den Schweizer Kinos.
Wir haben den Regisseur getroffen und mit ihm über Erfolgsdruck, Melancholie im bitterkalten Zürich und darüber, dass viele "OFF BEAT" zu unrecht für einen Schwulenfilm halten, gesprochen.
kinki magazin: Dein letzter Film "CHRIGU" war ziemlich erfolgreich. Hast du bei "OFF BEAT" den Druck verspürt, noch erfolgreicher werden zu müssen?
Jan Gassmann: Zu Beginn des Projekts war schon so eine Art Druck da, wieder eine Doku zu machen. Die Idee, einen Spielfilm zu drehen, war dann irgendwie befreiend. Etwas zu tun, das wir vorher noch nie gemacht haben, nahm den Druck weg. Es war ein Experiment, das im Laufe der Arbeiten immer ernster wurde. Auf diese Art und Weise konnte ich mich austoben und etwas anderes ausprobieren.
Es gibt aber viele Regisseure die eine Linie fahren und immer dasselbe machen...
Ich fand, dass es für mich irgendwie noch zu früh ist, mich da festzulegen.
"OFF BEAT" ist stellenweise ziemlich düster: Es ist Winter, eine graue Stadt… Du hast schon eine melancholische Ader, oder?
Ja, ich denke schon, dass da viel von mir selber mit drin steckt. Aber ehrlich gesagt wollte ich auch ganz einfach schon lange einmal einen Film drehen, der im Winter spielt. Das trägt natürlich viel zur Stimmung bei. Ich fand es interessant, diese Seite der Schweiz oder der Stadt Zürich zu zeigen. So, dass man diese Melancholie spürt, die natürlich stark mir der Geschichte und dem Hauptdarsteller verbunden ist.
Es war bestimmt nicht gerade gemütlich, bei diesen Temperaturen zu drehen…
Ja, wir waren monatelang unterwegs und haben oft wahnsinnig gefroren. Wir sind teilweise mehrere Stunden in der Stadt herumgelaufen. Das war dann wohl ziemlich witzig anzuschauen, da mit der Zeit die ganze Crew in Decken und mehrere Jacken eingehüllt war. Im Nachhinein sind wir uns alle einig, dass das der härteste Winter aller Zeiten war. Obwohl es wahrscheinlich ein Winter war wie viele andere. Aber die Bedingungen haben auf jeden Fall viel zur Stimmung des Films beigetragen.

Da scheint der Dokumentarfilm ja doch wieder durchzuschimmern. Inwiefern konntest du Erfahrungen daraus einbringen?
Schlussendlich haben wir eigentlich alles im Film irgendwie auch selbst gelebt. Wenn also eine Party im Film zu sehen ist, dann haben wir eben wirklich eine Party gefeiert. Aus der Erfahrung mit Dokumentarfilmen wusste ich, wann sich eine Szene für mich richtig anfühlt. Darum war es mir wichtig, dass die Darsteller die Szenen auch irgendwie lebten. Die Szenen sind sozusagen "in Echt" gedreht und die Schauspieler waren fast alle Laien, die sich sehr stark selber mit einbrachten. Die Wohnungen zum Beispiel, waren auch alle so konstruiert, dass man darin tatsächlich leben konnte. Der Hänsu (Hans-Jakob Mühletaler) hat dann auch ab und zu da gepennt…
Zwei der Hauptdarsteller im Film sind homosexuell. Das ist für den Film eigentlich nicht zentral, ich frage mich aber trotzdem, ob du in Interviews nun nicht ständig über Schwule in der Hip-Hop-Szene sprechen musst?
Ja, das ist schon so. Wir haben das auch bereits beim Schreiben diskutiert und waren uns im Klaren darüber, dass wenn wir das so rein nehmen, der Film auch irgendwie ins Genre des schwulen Films fällt.
Und wie gehst du jetzt, wo der Film im Kino läuft, damit um, wenn Leute "OFF BEAT" als einen Film über Schwule in der Hip-Hop-Szene bezeichnen?
Das ist halt einfach super reduziert und verkürzt. Aber so ist das einfach, da kannst du nicht viel machen. "OFF BEAT" ist definitiv kein Schwulenfilm. Es geht ja auch nicht um ein klassisches Coming-out und nicht darum, dass sich Lukas in der Hip-Hop-Szene nicht ausleben kann, weil er schwul ist. Es ist einfach eine Tatsache in dem Film. Der Kern liegt eigentlich in dieser Figur, die versucht einige Beziehungen zu kitten. Aus einer kommerziellen Sicht hätte man natürlich schon voll auf dieses Gay-Thema setzen und noch einen homophoben Kumpel oder so einbauen können…
Ein zentraleres Thema im Film ist aber die älter gewordene Schweizer Rap-Kultur. Du hast viel Kontakt zu den Berner Mundartisten und bist vertraut mit dieser Szene. Wie erlebst du sie heutzutage?
Entweder du hast ein wenig Erfolg und kannst im Laufe der Zeit davon leben oder du musst dir halt was anderes suchen und gewisse Träume begraben. Hip-Hop ist mittlerweile so kommerziell etabliert, dass man einen Rapper auch mal zum Freestylen in eine Fernsehsendung einlädt und der dann fast schon eine Art Komiker darstellt. Ob er das will, muss jeder für sich selber entscheiden. Aber es gibt schon auch Gründe, warum der Film gerade in diesem Setting angelegt ist. Er ist eben irgendwie auch ein Requiem an die Zeit, in der wir diese Kultur intensiv gelebt haben.
Wird es in Zukunft weitere Spielfilme von dir zu sehen geben?
Sowohl Dokumentarfilm als auch Spielfilm: beides hat seinen Reiz. Wenn in einer Doku vor der Kamera etwas wirklich Relevantes geschieht, dann hat das halt eine ganz eigene Qualität, die man so im Spielfilm nicht wirklich fertigbringt. Diese Art von Spielfilm wie wir sie jetzt bei "OFF BEAT" gedreht haben, also mit grossen Freiheiten bei den Dialogen und den Drehorten, finde ich aber auf jeden Fall sehr spannend und würde auch gerne so weiter arbeiten. Die öffentliche Unterscheidung zwischen Dokumentarfilm und Spielfilm ist auch irgendwie falsch. Eine Dokumentation ist ja auch immer sehr gestaltet und inszeniert. Ich kenne Leute, die in ihren Dokus mehr inszenieren, als ich das bei "OFF BEAT" getan habe. Ich fand es schlussendlich aber wirklich sehr spannend, Szenen entstehen zu lassen, sie zu entwickeln und zu proben. Ich habe mich sehr wohl gefühlt mit dieser Art zu arbeiten und würde sofort wieder etwas in diese Richtung machen.
Text und Interview: Antonio Haefeli

Kommentare (2)
super film :)!
von Anonymous am 16.1.2012 22:53