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Interview mit Ole Schell

Am 18.9.2009 1 Kommentare
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Für reich, perfekt und erfolgreich werden sie gehalten. Als Musen der Designer und begünstigt mit Gratis-Kleidern stellen Models einen von vielen Mädchen bewunderten Übermenschen dar. Dass der Schein hier oftmals trügt und die Realität weniger schön ist als die Gesichter ihrer Protagonistinnen glauben machen, wissen meist nur die wenigen, die selbst Akteure im Modezirkus sind. Vielleicht scheint es uns aber auch nur einfach eine absurde Vorstellung, dass diese Mädchen, die 100 000 Dollar für einen einzigen Job verdienen können und Beine haben, die bis zum Himmel reichen, tatsächlich nicht das sind, was sie zu sein scheinen.

Einen einzigartigen Insider-Blick in diese Welt wurde dem amerikanischen Filmemacher Ole Schell gewährt, der sich über einen Zeitraum von fünf Jahren an die Fersen seiner damaligen Freundin Sara Ziff – ihres Zeichens Topmodel und Gesicht so namhafter Labels wie Calvin Klein, Stella McCartney und Dolce & Gabbana – heftete. Entstanden ist exklusives Material, das Ole in seinem Dokumentarfilm "Picture Me" verarbeitet, der die unbekannte Variable hinter der Mode-Glitzerwelt beleuchtet. Dabei erzählt er nicht nur von der viel zitierten Begleiterscheinung Magersucht, die alle Jahre wieder in der Presse breitgetreten wird; den beiden ist ein realistischer Blick hinter die Kulissen der Industrie gelungen, die von den schönsten Frauen dieser Welt profitiert.



Wenig glamourös ist die andere Seite der Modeindustrie, die das Model und der Dokumentarfilmregisseur aufdecken: Themen wie sexueller Missbrauch am Set und das viel zu junge Alter der Mädchen werden hier behandelt, sodass uns beim Betrachten einer Hochglanz-Modekampagne oder einer Modestrecke in einer Zeitschrift wohl in Zukunft noch andere Gedanken begleiten werden als nur schiere Bewunderung für den uns dargebotenen entblössten Cellulite-freien Körper in teurer Mode.

Zu Beginn mutet "Picture Me" noch wie eine videotagebuchartige Dokumentation an. Hier wird der Zuschauer Zeuge von der surrealen und abgezäunten Jet-Set-Welt, in der Sara Ziff sich mit immer höher werdendem Bekanntheitsgrad wieder findet und in die sie ihren Freund Ole Schell mit einweiht. Die anfänglichen Szenen im Film reflektieren die fröhlichen Seiten des Business, wie zum Beispiel die Kameradschaft zwischen den Model-Mädchen und das Surren und Summen backstage bei einer Modenschau. Einen recht intimen Einblick erhält der Zuschauer zudem in das Beziehungsleben von Sara und Ole. So durchlebt man mit den beiden einige Streits – zum Beispiel weil er bei Weitem nicht mit ihrem Gehalt mithalten kann – oder auch persönliche Unterhaltungen im Badezimmer.


Tatsächlich entwickelt sich "Picture Me" im Laufe seiner 94 Minuten aber zu einem aufklärenden Dokumentarfilm, der mittlerweile auf dem Internationalen Film Festival in Mailand erste Preise gewonnen hat und auch auf anderen internationalen Filmfestivals für Furore sorgt. Trotz aberwitzig kleinem Budget gelingt es den beiden mit 5 Jahren an Material umzugehen und das ehrliche Porträt einer Industrie aufzuzeigen, die auf Künstlichkeit beruht. Durch die Gegenüberstellung von Hochglanzmaterial aus Fotoshootings und den selbstreflexiven, verwackelten Handkamerabildern aus dem Privatleben der Models rechnet der Film mit der Traumwelt der Modeindustrie ab und bringt uns eine harsche Realität näher.

Auf dem Weg zum Flughafen, steht uns der junge Regisseur Ole Schell am Steuer seines Autos Rede und Antwort, während er sich einen Weg durch die nicht gerade beruhigte Verkehrslage von New York City bahnt.

 

 

 

Ole SchellInterview mit Ole Schell


Hallo Ole. Du hast deine damalige Freundin Sara Ziff 5 Jahre lang auf alle Modeljobs begleitet. Ist es eigentlich üblich, dass Freunde da immer mit dabei sind?
Es ist kaum üblich, da die Mädchen natürlich einen ziemlich stressigen Job haben und die Freunde ihnen dann eher auf die Nerven fallen. Ich war so ziemlich der einzige, der seine Freundin immer begleitet hat. Und manche haben das eben akzeptiert, manche nicht.

Wie reagierten Angestellte (Sicherheitsleute) bei Modeevents darauf, dass du mit einer Kamera unterwegs warst?
Es gab schon einigen Widerstand während der Dreharbeiten und ich wurde von mehr als einem Event herausgeworfen. Es gab einen Zwischenfall, als Sara eine sehr private Gucci Fashion Show auf dem Gelände des berühmten Restaurant Besitzers Mr. Chow in Beverly Hills machte. Ich versuchte mich ein bisschen umzusehen und drehte einige Zwischenbilder als ein paar bewaffnete Securities mich plötzlich vor ca. 40 A-Listers wie Steven Spielberg, Jeremy Piven und Adrien Brody entfernen liessen. Mit den Waffen im Anschlag wurde ich dann nach unten in einen separaten Raum gebracht und durfte diesen nicht verlassen. Sie konfiszierten all meine Tapes und auch meine Kamera. Ich versuchte noch Scherze zu machen, ob sie denn jetzt auch Waterboarding anwenden würden, aber das kam leider nicht ganz so gut an.



Wie war es denn überhaupt der Freund eines Topmodels zu sein?
Es ist nicht immer einfach an der Seite eines Topmodels zu bestehen. Es gab Zeiten, da machte Sara unglaublich viel Kohle mit nur einem oder zwei Tagen Arbeit. Bei manchen Gelegenheiten verdiente sie über 100 000 Dollar für einen einzigen Job. Es war schwieirg damit umzugehen, dass sie soviel Geld verdiente auf diese doch scheinbar leichte Art und Weise wohingegen ich nicht in der Lage war in der selben Zeit so viel Geld zu verdienen. Es gab auch Zeiten, in denen ich irgendwo eine Strasse enlanglief und eine 50 foot Billboard sah mit Sara daruf, die einen anderen Mann küsste. Damit muss man natürlich auch erstmal umgehen können. Überhaupt gab es oft Männer, die sie einfach ansprachen und ihre Telefonnummer haben wollten, obwohl ich direkt daneben stand. Es machte ihnen scheinbar nichts aus, dass sie mit mir zusammen war. Die Männer waren oft sehr respektlos ihr aber auch mir gegenüber wenn wir abends aus waren. Das war ziemlich verrückt eine zeitlang.

Habt ihr den Dokumentarfilm wirklich geplant oder habt ihr euch dazu während der Dreharbeiten entschlossen?
Ich kam gerade aus der Filmschule New York University und trug zu diesem Zeitpunkt einfach überall hin meine Kamera mit mir. Sara begann zu dieser Zeit gerade ihre Karriere und ich war oft an ihrer Seite und filmte sie mehr so zum Spass während sie arbeitete. Ich schnitt kurze Sequenzen von Saras Castings, Fotoshoots und Reisen zu exotischen Locations zusammen. Das war in erster Linie als Geschenk an sie gedacht. Ich zeigte allerdings dieses Material auch meinem Vater, der Journalist ist und er fand, dass dahinter eine echte Geschichte steckte.
Ab diesem Zeitpunkt verbrachte ich einige Jahre und Saisons an Saras Seite und folgte ihr backstage. Ich versuchte ein Gespür für die Industrie zu entwickeln. Wir waren vom Anfang an daran interessiert  das reale Leben der Models zu zeigen und nicht nur das geairbrushte endgültige Bild von ihnen in einer Anzeige oder auf dem Laufsteg.
Das Material schnitten wir in meinem Wohnzimmer in der Lower East Side in Manhattan und verbanden dort dieses persönliche Home Video mit backstage Material und Interviews mit Designern wie Nicole Miller, Photographen wie Gilles Bensimone und den Models Lisa Cant, Missy Rayder und Cameron Russell.
Wir gaben auch kleine Kameras an befreundete Models und baten sie, ihr Leben backstage zu filmen. EInige der Models führten Videotagebücher, in denen sie direkt in die Kamera über ihre Hoffnungen, Ängste und Sorgen in der Industrie sprachen.
Während dieses Prozesses entschieden wir uns dazu das glänzende endgültige Bild der Mode Industrie der inneren, persönlicheren Welt der Models gegenüberzustellen indem wir Hochglanzmaterial von Shoots, das der Zuschauer gewöhnt ist, den verwackelten der Handkamerabilder hinter den Szenen gegenüberstellten. Diese Gegenüberstellung war eine gute Art und Weise den Gegensatz von Realität und Fantasie zu beleuchten.



Was ist die Intention des Films?
Wir hatten ursprünglich nicht geplant die sexuelle Ausbeutung dieser Industrie aufzudecken, aber je weiter wie vordrungen, desto mehr realisierten wir, dass es zahlreiche Models gibt, die diesen unerzählten Geschichten von sexuellem Missbrauch mit sich herumtragen. Viele von ihnen haben sich verständlicherweise geweigert vor der Kamera darüber zu reden, aber einige waren mutig genug, um diese Story vor der Kamera zum ersten Mal zu erzählen. Das bewegenste Material ist in den Momenten entstanden, wenn die Mädchen alleine vor dem Videotagebuch gesprochen haben. Wir wollten den Models eine Plattform geben über ihre Erfahrungen so ungefiltert wie möglich auszusprechen.

Was kritisiert der Film in erster Linie?
"Picture Me" soll nicht kritisieren, sondern erforscht vielmehr. Er gewährt lediglich Einblick in die Modewelt und zeigt die Menschen, die darin mitwirken. Zwar gibt es das Kapitel über Schlankheit, aber das würde ich nicht als Zentrum der Kritik betiteln. Viel eher würde ich sagen, der Film zeigt hauptsächlich das Problem auf, dass sehr viele Mädchen sehr jung – oftmals mit 13 – anfangen zu Modeln.



Während der Dreharbeiten konntest du einen sehr intimen Blick auf die Modewelt gewinnen. Was ist dein persönlicher Eindruck von dieser Welt?
Ich komme aus Kalifornien und wuchs mit meinem Vater, der als Journalist arbeitet und meiner Mutter – eine deutsche Fotografin – fernab der Modewelt auf. Ich hatte zuvor keinerlei Eindruck oder Meinung von der Modewelt. Ich erlebte diese Industrie allerdings als aufregend, voller Spass und Kreativität. Vielleicht nicht die wichtigste Sache der Welt, aber definitiv eine sehr kreative. Natürlich ist es eine Welt mit Problemen, zum Beispiel dem sehr jungen Alter der Models. Aussenstehende haben häufig viele Vorurteile gegenüber Models, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es sehr intelligente und liebenswerte Leute sind, die allerdings häufig nicht wissen, was sie nach dem Modeln mit ihrem Leben anfangen sollen.

Ihr habt immer wieder die Kamera an andere Models übergeben und sie aus ihrer Perspektive erzählen lassen. War das eine spontane Idee? Und war es schwierig für dich als Regisseur einen Teil deiner Verantwortung abzugeben?

Das war tatsächlich eher spontan am Anfang. Es begann eigentlich damit, dass Sara irgendwann begann zu Filmen und die Kamera auf ihre Jobs mitzunehmen. Wir gaben dann Catriona – ein irisches Model, das sehr viel um die ganze Welt jettet – die Kamera und den Auftrag junge Models zu interviewen. Es sind dann auch tatsächlich sehr gute Interviews während der Dolce und Gabbana Show entstanden. Und irgendwann hat Catriona dann begonnen auch ihre eigene Geschichte der Kamera anzuvertrauen. Wenn du ihnen soweit vertraust, selbst Regie zu führen, dann beginnen sie eben einfach zu reden, wenn sie bereit dazu sind.

Wenn du dann das Material der Mädchen im Nachhinein angesehen hast: gab es jemals Szenen, die dir zu privat waren, sodass du sie nicht verwenden wolltest?
Absolut. Es ereignete sich die Situation, dass eines der Mädchen uns einen Tag vor der Premiere des Films in New York uns darum bat, ihre Szenen zu entfernen. Sie hatte im Film davon erzählt, wie sie mit damals 16 Jahren von einem bekannten Photographen missbraucht worden war. Sie flehte uns regelrecht an, die Szene herauszuschneiden, da sie noch nie jemandem von dieser Sache erzählt hatte und schlichtweg Angst hatte vor der öffentlichen Reaktion.
Zu Beginn des Films hatte auch Sara gemischte Gefühle und war sich nicht sicher, ob sie den Film wirkliche machen wollte.
Einerseits hatte ich die Gelegenheit Sara in ihren verletzlichen Momenten zu zeigen, zum Beispiel in der Badewanne nach einem anstrengenden Tag. Andererseits musste ich aufpassen, dass sie sich durch die Kamera nicht noch mehr objektifiziert vorkam. Einige dieser Spannungen sind im Film zu sehen, aber wir entschieden uns letzten Endes dazu diese Szenen herauszunehmen. Letzten Endes fanden wir eine Balance und erzählten die Stories von Sara und den anderen Models um so die weniger bekannten Seiten der Industrie ins Licht zu rücken.

 


Als du von dieser "dunklen Seite von Mode" erfahren hast, hattest du jemals Angst, dass auch Sara diese Dinge widerfahren könnten?
Ich wusste natürlich im Vorfeld, dass die Modeindustrie einen gewissen ruf hat und ein Ort ist, an dem den Mädchen etwas widerfahren konnte und so habe ich mich bestimmt manchmal auch Sorgen gemacht um Sara. Ich war auch häufig beunruhigt, wenn sie Castings  oder Shootings weit weg von zuhause hatte.
Die Linie zwischen Arbeit und Privatleben wird von den Photographen oft übertreten. Diese Mädchen sind häufig erst 14 oder 15 Jahre alt, wenn sie in die USA, nach Paris oder Mailand kommen. Viele sprechen kein Englisch und haben ihre Eltern nicht dabei und zudem schärft ihnen die Agentur ein, dass ein Photograph ihre Karriere entweder aufbauen oder zerstören kann.

Was müsste deiner Meinung nach getan werden um die Mädchen vor sexuellem Missbrauch zu schützen?
Ich denke, eine Union wäre eine gute Idee. Kinderschauspieler haben z.B. strenge Regeln bezüglich ihrer Arbeitszeiten und auch Maße, die sie beschützen sollen. Oft sind ihre Mütter am Set und die Kinder haben Tutoren, die ihnen zum Beispiel beim Üben helfen. Aber in der Modeindustrie werden diese jungen Mädchen einer Erwachsenenwelt ausgesetzt in der es nicht besonders viel Überwachung gibt. Darum geraten sie häufig auch in Schwierigkeiten.
Aus diesem Grund denke ich, dass das Alter eines der grossen Themen in der Modeindustrie ist. Ich denke, die Mädchen sollten mit 18 beginnen anstatt mit 14 oder 15. Auf diese Weise hätten sie auch normale Lebenserfahrung und wären so fähig, mit Erwachsenen Situationen umzugehen, denen sie ausgesetzt werden.

 


Wie war es für dich mit so einer riesigen Menge an Material umzugehen?

Das war ziemlich schwierig. Wir hatten ja Material von 5 Jahren, mit dem wir umgehen mussten. Letztendlich haben wir aber das gesamte "Behind the Scenes" Material verbunden mit "Sit-down" Interviews. Es dauerte ein paar Jahre bis der Film auf eine Weise funktioniert hat.
Was sehr geholfen hat war ein Interview, dass Professor Arlie Hochschild mit Sara führte. Sie ist eine Professorin an der Universität in Berkeley und eine Spezialistin auf dem Gebiet von Frauen Themen ("Women Issues"). Sie führte ein Interview mit Sara, das den ganzen Tag lang dauerte und stellte ihr dabei einige spannende und auch komplizierte Fragen zur Rolle der Frau in der heutigen Gesellschaft. Dieses Gespräch bereicherte den Film wirklich um eine weitere Ebene.

 


Siehst du "Picture me" als deine eigene Meinungsäusserung oder als Darstellung von Fakten?
All die Stimmen des Filmes sind Menschen, die innerhalb der Modeindustrie arbeiten: Models, Designer, Photographen. Deswegen denke ich, es handelt sich hierbei um eine wahre Insider Perspektive. Viele dieser Mädchen sind wirklich sehr kluge Personen, die nicht besonders häufig diese Art von Fragen gestellt bekommen. Viele von ihnen nutzten die Gelegenheit um in einen realen Dialog über die Modewelt und das Modeln zu treten. Insofern handelt es sich um eine Darstellung von Fakten.

Was sind deine Pläne für die Zukunft? Wirst du dich auf Dokumentarfilm spezialisieren?
Ja. ich habe einen anderen Film, der diesen Herbst herauskommen wird: "Win In China". Das wäre übrigens auch guter Stoff für einen Artikel!

 


Tatsächlich tönt das neue Projekt von Ole Schell zu dem die Dreharbeiten diesen Herbst beginnen sehr spannend: "Win in China" erzählt vom spektakulärsten und weltweit grössten Business-Plan-Wettbwerb, der in Peking gehalten wird: über 120 000 Unternehmer treten hier in den Ring für ein Preisgeld von knapp 1.5 Millionen Dollars um ihren Business Plan umzusetzen. Der Wettbewerb, der im Rest der Welt eher klanglos über die Bühne geht wird für die 1.3 Milliarden starke chinesische Bevölkerung im landesweiten Fernsehen übertragen.
Dabei rückt der Film einige der weltweit berüchtigsten Businessmänner in China als auch Rapper, Punk Rocker und Ferrari-Verläufer der Szene ins Licht.


Noch mehr informationen und ausschnitte aus der Picture Me gibts auf der MySpace Seite.

Über Win in China gibts was auf youtube und auf der Website zu sehen.

 

Text und interview: Anja Mikula

Tags: magazin nr 17, ole schell, Interview, sara ziff, Fashion

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