Interview mit KWEST
Vielleicht kennt der ein oder andere von euch das auch: für jede Gelegenheit möchte man die perfekte Playlist dabei haben.
In meinem Mp3-Player tummeln sich somit unzählige solcher Mixe, die Namen wie "Hello Sunshine", "I Hate Myself For Loving You" oder "Rainy Days" tragen und die betitelten Stimmungen und alles, was dazwischen liegen möchte, untermalen.
Nun, das Playlisten-Bauen hat für mich erst einmal ein Ende gefunden mit dem allumfassenden Mix, mit dem Jonas Leuenberger a.k.a. KWEST so etwas rundum perfektes wie das Ei des Kolumbus gelegt hat.
Jonas Leuenberger hat bereits als Remixer ein sicheres Gespür für den perfekten Mix bewiesen und sich unter dem Pseudonym KWEST, sowie als Drummer, Produzent für Rapper und Soundtrack-Komponist schweizweit einen Namen gemacht. Nicht weiter verwunderlich mag es aus diesem Grund erscheinen, dass KWEST endlich der bereits allzu lang wartenden Meute den Knochen in Form seines ersten Soloalbums "Jonas And His Homemade Retro Futuristic Ornamental Bling Bling Music" hinwirft.
Zeit wird es, diese kleinen Goldminen-Songs endlich auch ausserhalb seiner vielbesuchten Myspaceseite zu präsentieren. Genug Material müsste KWEST ja mittlerweile zusammen haben: immerhin baute er alleine während seinem Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Basel auf jeder Zugfahrt von Langenthal nach Basel einen Beat. Pro Fahrt ein Song.
Diese allumfassende Playlist - KWESTs Soloalbum - ist vielseitig: Fühlt man sich manchmal durch die klassische Inszenierung mit Piano, Bass und zurückhaltenden Drums an die späten 90er Jahre erinnert, so schafft es KWEST an anderen Stellen Raum zu öffnen und elektronische Impulse aufzunehmen, die antreiben. Im Gegensatz zu manch anderer Schweizer Produzentengrösse verzichtet er auf ausgefeilte, überperfekte orchestrale Klänge und glaubt weiterhin an das klassische Sample. Aus diesen kleinsten Musikfetzen fremder Stücke kombiniert er neue Songs, die durch den Rhythmus zusammengehalten werden. So kommt die Musik nie überladen daher und lässt Platz für Rap und Gesang.
In seinem musikalischen Spaziergang trifft KWEST auf Musiker unterschiedlichster Genre: Von Mundartisten-Bandkollegen Chocolococolo und Knackeboul, über Mimmo Digità von Tre Cani oder Cookie the Herbalist zu Anemon-Sängerin Anna, der es mit ihrer Stimme auf "Graber" gelingt, dass das Stück sich stilistisch tänzelnd irgendwo zwischen Portishead und Morcheeba bewegt, gleichzeitig aber über echte Bodenhaftung und eine starke Dynamik verfügt. Immer bleibt die Stimmung des Albums warm und man fühlt sich wohl in KWESTs angenehm, ungeschliffener Musikwelt, in der es auch einmal knacken und rauschen darf.
Fast unbemerkt beginnt man KWEST zuzunicken, wie er sich seinen Weg durch die Lautsprecher bahnt. "Jonas And His Homemade Retro Futuristic Ornamental Bling Bling Music" bewegt sich mühelos zwischen Bling Bling Crystal Champagner und Bläsern aus der 50er Jahren. Der Name ist Programm.
Nachdem er sein Album heil in der Pressung abgeliefert hatte, beschloss Jonas, sich bis zur Veröffentlichung der Scheibe erst einmal eine Auszeit zu nehmen und verschwand für ein paar Wochen in die Staaten, um sich einem sprichwörtlichen Roadtrip hinzugeben.
Der eidg. dipl. Gestalter in Visueller Kommunikation hat seinen Trip fotografisch mit äusserst ansehnlichen Bildern auf seinem Blog dokumentiert. Wir zeigen nach dem Interview eine Auswahl an Bildern.
Kurz vor seiner Rückkehr in die Schweiz verabredete ich mich mit KWEST, um ihm ein paar Fragen zu stellen.
Interview mit KWEST
kinki magazine: Hallo Jonas, wo erwische ich dich gerade?
KWEST: Wieder in Santa Fe, NM, Home of the atomic bomb and Area51. Bin hier am Chillen. Ich war schon oben in San Francisco und habe dann gedacht, ich geh wieder dahin wo es mir am besten gefallen hat.
Und wo bist du bis jetzt gewesen?
Ich bin in Denver gestartet und habe nachts um elf meinen Rental gemietet. Einen silbergrünen Pontiac g6. Nice ride. Nice stereo. Dann bin ich ohne Karte und ohne GPS nach Boulder gedonnert. Ich habe mich prompt dreimal verfahren. In Boulder traf ich Tres Altman. Wir wurden von einer Freundin über Facebook bekannt gemacht. Wir sind dann zusammen nachts zu seiner Hütte in Eldorado Springs gefahren. Eldorado und die Umgebung von Boulder im Allgemeinen sind alte Hippie Destinationen. Du spürst das immer noch sehr stark. Speziell in Eldorado sind eigentlich alle immer noch Hippies.
Bist du von da aus mit Prinzip weitergereist oder hat es dich ein wenig mehr von Person zu Person gezogen?
Auf meinem Roadtrip ergab sich ein ganz neues System des Reisens, das auf dem Prinzip der Vernetzung beruht: Von Anfang an wurde ich von allen Leuten, die ich traf, gleich weiter an deren Freunde vermittelt, wo auch immer ich hinwollte. Ich bin immer bei irgendwem untergekommen. So eine Art Lifesurfing, wo ich jede Menge mitnehmen konnte an Erfahrung und Bekanntschaften mit coolen Leuten. Tres war der perfekte Einstieg. Er kennt Leute überall. Ich habe dann in Boulder Greg kennengelernt. Einen Musiker. Nach einer Woche Eldorado bin ich mit ihm und seinem Violinisten Jeb für drei Tage herumgezogen in Richtung Süden. Die starteten gerade ihre Tour. Danach war ich in Salida, CO, dann in Taos, NM, von da dann nach Santa Fe, NM wo ich wiederum eine Woche hängenblieb, weil das Leben und die Leute hier ziemlich nach meinem Geschmack sind, von Santa Fe bin ich dann nach Durango gefahren. Da ich dort niemanden kannte, kam ich in einem Motel unter. Danach bin ich weiter nach Zion Nationalpark in Utah.
Ich habe mich beim Durchsehen deiner Bilder auf dem Blog oft gefragt, warum du mehr in so kleinen Gegenden hängen bleibst und die grossen Städte (ausser jetzt Vegas und San Francisco) eher meidest. Woran liegt das?
Gute Frage. Ich denke, es liegt definitiv an den Leuten, die ich kennengelernt habe. Andererseits sind die Städte, speziell LA wirklich irgendwie zu gross und zu unpersönlich. Mich interessiert ja das Land als Ganzes irgendwie. Und Städte sind halt Städte. LA ist total Fake. Ein Moloch. Jeder gibt vor etwas zu sein, jeder ist ein Poser. Der Vibe dort hat mich überhaupt nicht geflasht. San Francisco dagegen hat schon einen ziemlich grossen Charme. Und eine interessante Geschichte was Populärkultur betrifft. Man denke an die ganze Gaybewegung und die Hippies etc...
Ich habe mich auch nach dem Grund gefragt, warum du auf diesen Trip gegangen bist. Ich glaube, du wirst ja bald 30. Hängt das irgendwie damit zusammen?
Mhmm. Es liegt sicherlich daran, dass ich in meinem Leben bisher noch nie wirklich gereist bin. Ich war immer ziemlich "stuck with my things". Vor Allem wegen der vielen Konzerte mit den Mundartisten habe ich zum Beispiel auch kein Austauschsemester gemacht während des Studiums. Ehrlich gesagt hatte ich auch nie wirklich das Bedürfnis dazu, das kam erst letzten Sommer über mich wie eine Welle. Dann war da auch immer diese Angst (früher waren wir noch viel mehr eine Band im wahrsten Sinne des Wortes), nicht mehr dazuzugehören wenn man von wo zurückkommt. Diese Situation hat sich definitiv geändert. Wir werden immer eine Band sein egal wo, wie und wann. Ich denke, wir machen deswegen alle unsere Solosachen, weil wir uns das auch erlauben, und niemand irgendwie Angst haben muss. Ausserdem ist es eine extreme – vor allem musikalische – Bereicherung für alle von uns. Mit meinem Alter hat das glaube ich wenig zu tun. Es war einfach an der Zeit. Und ich konnte mir die Zeit nehmen, deshalb hab ich es gemacht. Aber grundsätzlich interessiert mich dieses Land einfach wegen seines Rieseneinflusses auf die Welt. Und in meinem Fall vor allem auch wegen dem Einfluss auf populäre Kultur. 80% von den Sachen die mich faszinieren kommen aus den Staaten. Sei es Musik, Kunst, Fotografie, Literatur etc.
Du bist ja vor allem bei Musikern untergekommen während deines Trips - hat dich das musikalisch verändert?
Ja definitiv. Ich habe mich zuvor herzlich wenig mit "Folkmusik" oder amerikanischer Rootsmusik auseinandergesetzt. Ich bin hier in Kreisen gelandet wo jeder Zweite ein Vollblutmusiker ist. Ich kam mir manchmal etwas doof vor bei Jamsessions, weil die einfach alle sooo gut sind. Da kannst du halt auch nicht mithalten mit einem Laptop und einem Midiboard. Das ist eine andere Welt.
Wie haben die auf deine Musik reagiert?
Ehrlich gesagt sind sie ziemlich "überrascht" von der musikalischen Qualität. Vor allem mein Album und das von Choco kommen sehr gut an. (Sein Bandkollege Chocolococolo, Anm. d. Red.). Die Leute sprechen von "Beautiful" und "Extremly Talented".
Wie klingt dein neues Album?
Mit Songs hatte ich bisher wenig am Hut. Ausser dieser eine auf meinem neuen Album, wo mir bewusst wurde, das dies mein nächster Fokus werden würde. Was ich hier in Amerika mit Musikern erlebt habe, hat seinen Anfang irgendwie mit diesem Song genommen. Ich bin also sozusagen immer noch auf der Welle.
Das Album ist ansonsten bis zum Rand gefüllt mit 19 Songs voller experimenteller Beats: mal hart und rough, mal sanft vermischt mit Melodien.
Wäre das Album, hättest du es erst nach deiner Reise fertiggestellt, ein anderes?
Wenn ich noch einmal ein halbes oder ein Jahr daran gearbeitet hätte sicher. Aber ich mache lieber ein nächstes Projekt. Vor allem der Einfluss des "Songwritings" wird in Zukunft stärker spürbar sei, obwohl ich ja eigentlich von den Beats und der elektronischen Musik herkomme. Priorität hat jetzt trotzdem erstmal die Band.
Was waren die Momente, in denen du während deines Trips an deine eigenen Grenzen gestossen bist?
Bevor ich abreiste, hatte ich etwas Respekt vor dem Alleinsein. Aber ich war eigentlich nur sehr selten alleine und wenn habe ich es extrem genossen. Nun, ein schwieriger Punkt war als ich nach acht Stunden Fahrt in Las Vegas angekommen bin ohne Hotelreservation, ohne Telefon und ohne eine Möglichkeit zu Wireless Internet. Ich war ziemlich am Arsch. Nachdem ich einige namhafte Adressen wie das Bellagio, das Mirage, das Caesars oder das Mandalay abgeklappert hatte, hatte ich den Lichtblick im MGM Grand für ein Zimmer für lasche 299.- Dollars. Das hätte ich nehmen sollen, denn im Excalibur bin ich dann mit 211.- Dollars auch nicht wirklich billig davongekommen. Soviel zum Thema Reiseplanung. Es ist das erste mal, dass Lifesurfing nicht funktioniert hat. Die Kontakte in Las Vegas haben sich wegen Platzmangels nicht als übernachtungstauglich erwiesen.
Hast du auf deinem Blog ein Lieblingsfoto, hinter dem sich ein besonderes Gefühl oder eine Geschichte verbirgt?
Ich mag das mit den Schuhen, an denen Erde klebt, allerdings nicht aus ästhetischen Gründen. Mehr symbolisch. Das war irgendwo in Arizona an der Grenze zu Utah ziemlich in der Nähe vom Monumental Valley. Und das aus Las Vegas. Das ist Las Vegas, baby. Genau so! Nicht von dieser Welt.

Man sieht auch, wie du dich da fühlst
Mh genau.. das ist übrigens morgens um 8 Uhr.
Wirst du demnächst eine reine "USA-LP" machen? Oder wird diese Erfahrung des Roadtrips alles beeinflussen?
Ich denke nicht, dass es eine reine USA-LP geben wird. Ich bin zwar sehr interessiert an der Zusammenarbeit mit den Leuten, die ich hier getroffen habe, aber die Erfahrungen prägen mich und werden grossen Einfluss auf mein Schaffen haben. Vor allem werde ich mehr Gitarre spielen wenn ich zurück bin. Ich werde aber ganz sicher
nicht der nächste Bob Dylan.
Interview: Anja Mikula
Fotos: Jonas Leuenberger
KWESTs Album "Jonas And His Homemade Retro Futuristic Ornamental Bling Bling Music" wird am 10. Juli 2009 bei Mundartisten Records erscheinen.
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Kommentare (1)
....ja.will auch weg.bitte!
von Anonymous am 22.6.2009 17:14