Interview mit Múm.
Das anfängliche Duo um Gunnar Örn Tynes and Örvar Þóreyjarson Smárason, dessen Nachnamen in etwa so einfach auszusprechen sind, wie eine Katze zu baden, formierte sich seit dem Gründungsjahr 1998 immer wieder neu und in verschiedenen Konstellationen und mit unterschiedlichsten Einflüssen. Es herrscht ein ständiger Austausch an Mitgliedern, welcher der Band den nötigen frischen Wind zur innovativen musikalischen Note beiträgt.
Die experimentelle, elektronische Combo aus den nördlichen Breitengraden ist unverwechselbar an ihren sanften Stimmen, den elektronischen Beats und den doch eher ungewöhnlichen Musikinstrumenten zu erkennen, die man nie mit einer normalen Pop-Band in Verbindung bringen würde.
Spielerische Melodien, sowie die Verschmelzung zwischen analog und digital verleihen der Musik ihren eigenen und prägnanten Charakter, sodass es einen nicht wundern muss, wenn man neben elektronischen Beats aus dem Laptop auch Aufnahmen von einer alten Kassette hört, untermalt mit der Stimme eines Vogels.
Diese Offenheit gegenüber neuen Menschen und Instrumenten, der Versuch, immer das zu probieren, von dem man eigentlich das Gefühl hat, es nie erreichen zu können, führte dazu, dass Múm sich in den letzten Jahren immer wieder neu erfand, neue Formen annahm und mit verblüffenden und verwirrenden Klängen auf dem Musikmarkt auftauchte. Die Vielfältigkeit der Band spiegelt sich in allen möglichen Bereichen wider: Neben unzähligen Live-Auftritten auf der ganzen Welt, schrieben sie den Soundtrack für den "Sergei Eisenstein"-Film "Battleship Potekin", spielten mit Orchestern, schreiben Musik für andere Bands und bleiben trotz ihrer unglaublichen Vielfalt immer ihrem eigenen Stil treu.
Vor kurzem erschien ihr fünftes Album "Sing along to songs you don’t know", welches im Gegensatz zu früheren Werken ruhiger und besinnlicher daherkommt. Die Familie mit wechselnden Mitgliedern ist auch hier ganz klar mit dem Statement vertreten, dass Múm von Anfang an einen eigenen Weg ging und bis heute nichts daran geändert hat.
kinki sprach mit Frontmann Gunnar über Kreativität, Singen unter der Dusche, ausgestorbene Instrumente, einen lustigen Vogel und Zukunftsmusik.
Interview mit Múm:

Múm Band Shot
kinki Magazin: Was verbirgt sich hinter dem Namen Múm?
Gunnar: Es gibt keine genaue Bedeutung für das Wort, es ist mehr als ein
Ton zu verstehen. Als wir den Namen wählten, waren wir auf der
Suche nach etwas, das vielversprechend klingt aber auch nicht wirklich
einen tieferen Sinn birgt. Wir wollten nicht spezifisch etwas in Englisch
oder gar Isländisch, um die Herkunft der Band zu unterstreichen, sondern
etwas dazwischen.
So entstand der Name schon vor langer Zeit, als wir in einem Café sassen
und eine deutsche Person neben uns fragten, wie sie denn Múm
aussprechen würde. (Anm.d.Red: Das "ú" in Múm spricht sich wie das
"oo" in "moon" aus.)Aufgrund seiner Aussage fühlten wir uns im
Namen bestärkt und entschieden uns dann definitiv ihn als Bandnamen zu verwenden.
Was für eine Beziehung besteht zwischen dem Album-Namen "Sing along to songs you don’t know" und der Band?
Er steht im Bezug zur Band und ihrer Grösse, mit den vielen Menschen
die mit uns zusammen spielen. Es kommt immer wieder etwas
Neues dazu, das verleiht der Band einen spielerischen Geist. Wir
lieben es, miteinander zu musizieren und können nie genug
davon bekommen, unter anderem weil es auch mit Spass verbunden ist.
Ich glaube also, dass der Name des Albums sehr mit uns in Relation
steht, weil wir es geniessen, miteinander zu spielen und zu singen.
Unsere Verspieltheit halt…
Singst du zu Songs die du nicht kennst? Unter der Dusche vielleicht?
(lacht). Ja, unter der Dusche vielleicht. In der Band bin ich die Person, die am meisten singt. Ich versuche schon etwas davon loszukommen. Mich verfolgen schon wieder seit zwei Tagen Melodien eines japanischen Künstlers.
Eure Fans mussten zwei Jahre warten, bis das neue Album endlich erschien. Wie und wo verbrachte Múm diese Zeit?
Nach "Go go smear the poison ivy" tourten wir sehr viel. Überall auf der
Welt zu spielen, zieht dir dann halt auch einen Strich durch die
Rechnung mit neuen musikalischen Plänen und Projekten zu beginnen.
Nach der ganzen Tourzeit waren wir echt glücklich, endlich wieder
zusammen an neuen Dingen herumzupröbeln.
Wir geniessen das Spielen miteinander enorm und konnten es kaum
erwarten, ein neues Album zu erschaffen. Aber das geht halt nicht
mehr ohne so grosse Zeitlücken dazwischen wie früher.
Múm begann als Duo, jetzt sind es teilweise mehr als 20 Bandmitglieder. Wie viele seid ihr momentan? Und wie viele werdet ihr wohl in 10 Jahren sein?
(lacht). In der aktuellen Formation bestehen wir normalerweise aus sieben Mitgliedern, manchmal auch acht oder neun. Wir waren aber auch
schon mehr, daher ist es schwierig darüber eine genaue Aussage zu
machen. Ich finde, eine Band ist eine Sache, die ständig im Wandel
ist: einmal wird sie grösser, mal wird sie kleiner.
Das ist etwas, was wir einfach akzeptiert haben und versuchen, gezielt
zu geniessen, anstatt daraus ein Drama zu machen. Für einige
Menschen ist es ein Weltuntergang, wenn jemand eine Band verlässt
oder zu einer anderen wechselt. Davon steht ja genügend in der
Klatschpresse. Bei uns ist das überhaupt nicht der Fall.
Manchmal wollen Menschen neue Wege gehen, etwas anderes machen,
dann ergänzen wir Múm mit jemandem, der wieder frischen Wind
in die Band bringt. Wie viele wir daher in zehn Jahren sein werden,
ist schwierig zu sagen. Vielleicht Hunderte...
Ist es denn nicht auch schwierig eine Art Familiengefühl in der Band entstehen zu lassen, wenn die Mitglieder konstant wechseln?
Nein, es fühlt sich auch so wie eine grosse Familie an. Du hast immer
wieder neue Menschen, die kommen und alles von sich in die Musik
einfliessen lassen. Wir stehen einander sehr nahe und sind sehr eng
miteinander befreundet.
Was war seit der Gründung 1998 ein konstanter Faktor, der nicht verändert wurde?
Grundlegend Örvar und ich. Wenn du dir das ganze wie einen Film
vorstellst, wären wir beide die Regisseure. Die Band ist natürlich
wichtiger als wir zwei und steht im Vordergrund. Aber wir "segelten
wohl das Schiff", oder so etwas in der Richtung.
Múm spielt immer wieder mit speziellen Musikinstrumenten. Welches fehlt euch noch, und sollte unbedingt in einem Lied gespielt werden?
Ich weiss gar nicht. Es gibt ja noch so viele Instrumente, die ich gar nicht
kenne. Es ist immer ein Vergnügen, ein neues Instrument zu
entdecken, was bei uns meist in der kreativen Phase des Liederschreibens
geschieht, weil du einen neuen Ton dazu brauchst.
Das Instrument, welches ich jetzt gerade sehr gerne hätte, ist leider bereits ausgestorben und heisst "Dulceola". Eine Art Zither oder Harfenzither
mit Piano-Keybord. Dazu kommt mir Washington Phillips in den Sinn, den
ich immer allen zum Hören empfehle.
Ich habe gelesen, dass der Vogel von Örvars Eltern einige Songs begleitet hat. Kannst du mir mehr darüber erzählen?
(lacht) Ja. Das war, als Örvar im Haus seiner Eltern ein Piano-Set aufnahm
und der Vogel sich auch sehr musikalisch fühlte und so bei jedem
angeschlagenen Akkord mitsang. So endete der Vogel, ohne es zu wissen schlussendlich auf dem Album, auch weil es einfach ein lustiger
Moment war. Aber das ist immer so eine Sache, wenn wir aufnehmen.
Wir mögen das Studio zwar nicht so besonders, weil einem bei den
Aufnahmen oder der Kreativität die Freiheit geraubt wird, aber
oft hört man dann halt Stimmen im Hintergrund, Menschen die sprechen
oder lachen oder andere Hintergrundgeräusche.
Auf eurer Homepage entdeckte ich "Sillas drawing of the day". Ist Kunst eine wichtige Sache in eurem Leben oder für die Band allgemein?
Ja auf jeden Fall. Ich habe viele kreative Freunde um mich herum, die das Unterschiedlichste machen, einfach kreieren. Für mich sind diese
Menschen, oder die Kreativität an sich eine grosse Inspiration und
Energiequelle. Ich liebe es, sie in meinem Umfeld zu haben, weil
es mir selber einen Putsch und die nötige Energie für meine Sachen liefert.
Es beeinflusst dich auf eine sehr positive Art und Weise. Und Silla hat
Millionen von Zeichnungen gemacht, weshalb uns der
Entschluss, sie auf die Homepage zu stellen, leicht fiel.
Es scheint auch, dass ihr das Kreative Spannungsfeld zwischen analoger und digitaler Arbeit sehr schätzt?!
Sehr. Gut, es sind zwei verschiedene Dinge, und der Weg unserer Arbeit
ist jedes Mal erneut anders, spontan und vielleicht auch mit dem
Weg des Suchens zu umschreiben. Wir geben uns die Freiheit, Dinge
zu probieren, von denen wir keine Ahnung haben. Oder wir tun
etwas, was wir sonst nie machen würden. Du erhältst diesen grossen
Nutzen, einen immensen Gewinn auf diesem Wege der
digitalen Arbeit.
Im Gegenzug legt dir das Analoge Beschränkungen auf, was aber auch
spannend ist. Du findest in beidem verschiedene Vorteile. Es ist
zu vergleichen mit einem Maler: auch er braucht mehrere verschiedene
Pinsel, um ans Ziel zu gelangen.
Múm ist ziemlich komplex: ihr schreibt Soundtracks für Film und Theater, schreibt Musik fürs Radio. Was kommt als nächstes, habt ihr schon irgendwelche Pläne?
Wir sprachen schon vorher kurz über die Umgebung von kreativen
Menschen. Wir springen immer wieder ins kalte Wasser und
machen Projekte, die wir von der kreativen Perspektive her gesehen
enorm interessant finden.
Ich glaube dich selbst herauszufordern, etwas zu tun von dem du denkst,
dass du es gar nicht kannst, gibt dir mehr für deine Arbeit und das
Leben. Das ist übrigens auch eine gute Relation zu "Sing along to songs
you don’t know". Wir machten damals gerade eben eine weitere
Radioaufnahme, produzierten und schrieben Musik für andere Künstler
und sind immer offen für Neues.
An welchem Ort würdest du gerne mal spielen? Oder was sonst würdest du in deinem Leben gerne mal tun?
Ich würde liebend gerne für fünf Jahre durch Afrika touren. Musik machen und spielen und die Menschen dort kennenlernen.
Text und Interview: Katja Alissa Müller
Mehr über mum gibts auf ihrer Website und in ihrem MySpace Profil.

Kommentare (1)
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