Interview mit Dark Captain Light Captain

Die britische Band mit dem etwas umständlichen Namen, der bereits nach zweimal aussprechen zu Abkürzungen verführt, beeindruckte auf ihrem Debüt "Miracle Kicker" mit fast schon choralen Stimmharmonien und den zeitlosen Melodien, die sich sofort im Ohr festsetzen. So feierte die sechsköpfige Londoner Kapelle denn auch schon beeindruckende Erfolge in- und ausserhalb des Königreichs. Trotzdem sind Dark Captain Light Captain am Boden geblieben und sehen sich auch in Zukunft viel eher als Indie-Act und scheinen keine grosse Ambitionen zu haben, sich in den Mainstream einzugliedern. Allgemein scheint es, als lasse sich die Band nur sehr ungern in eine Schublade drücken, aus welcher sie nicht mehr entfliehen könnte.
kinki-Redakteur Rainer Brenner befragte den schlagfertigen Frontmann Dan Carney zur Bandgeschichte, Zukunftsvisionen und Einflüssen.
Gratuliere zu eurem Debüt! Meiner Meinung nach war "Miracle Kicker" eines der besten Alben des vergangenen Jahres. Wie haben die Leute darauf reagiert?
Wir hatten ein paar super Reviews, viel Blogcoverage in den USA und Europa, sowie sehr viele nette MySpace-Kommentare, also eigentlich alles, was man sich nur wünschen kann. Ausserdem liefen die Songs auf vielen Radiostationen hier in England – bei Radio 2 kürte man einen unserer Songs gar zur "Single of the Week" – als auch in Deutschland. Allgemein scheint es, als mögen uns die Leute in Deutschland fast lieber als die Engländer selbst, das ist allerdings nur eine Vermutung, denn über die genauen Verkaufszahlen weiss ich noch nicht Bescheid. Der grösste Erfolg, den wir in letzter Zeit erzielten, war allerdings, dass "Jealous Enemies" auf iTunes US zur "Single of the Month" gewählt wurde. Was uns allerdings am meisten freut, sind nicht diese Titel und Radiochartplatzierungen, sondern, dass es scheint, als gäbe es eine Handvoll Menschen überall auf dieser Welt, die sich gerne unsere Musik anhört. Das ist ein unglaubliches Gefühl!
Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich zu den Songs, die ich mir anhöre leise eine Harmonie singe oder pfeife. Bei euch ist das allerdings ein Ding der Unmöglichkeit: Ihr scheint bereits alle Harmonien zur Leadstimme mit aufgezeichnet zu haben. Was genau ist die Absicht dahinter?
Wenn man mal eine Harmonie im Kopf hat, fällt es schwer, sie nicht auszuprobieren. Das gibt dann dieses Chroal-Gefühl, das eigentlich auch immer zu passen scheint, deshalb zeichnen wir auch die meisten Gesangsharmonien auf. Ausserdem bin ich ein grosser Fan von Elliot Smiths Double-Vocal-Tracks, denn ich habe irgendwie immer den Komplex, dass meine Stimme sich ein wenig schwach anhört, wenn sie nicht übereinandergelegt wird. Irgendwie hört sich das in meinen Ohren viel sauberer und sanfter an. Allerdings würde ich nicht soweit gehen, die Gesangsharmonien als typisches Stilmittel unserer Band zu bezeichnen, es ist einfach unser momentaner Geschmack, vielleicht verändert der sich ja auch schon bald. Ich muss allerdings zugeben, dass mir das Harmoniensingen extrem viel Spass macht. Mehr als das Gitarrespielen, ehrlich gesagt.
Eure Songs hören sich sehr homogen und persönlich an, obwohl ihr eine sechsköpfige Band seid. Gibt es bei euch ein Mastermind, jemand der alle Songs und Lyrics schreibt, oder macht ihr das alles gemeinsam?
Die meisten Texte stammen von mir, aber ansonsten trägt eigentlich jeder seinen Teil zu den Songs bei. Giles bringt gerne seine herzschmelzenden Gitarrenparts ein, ebenso ist Neil für seine Inputs selber verantwortlich. Wir sind eigentlich so demokratisch, wie man als Band nur sein kann, niemand spielt sich als Chef auf. Allerdings sind wir oft auch ziemlich brutal zueinander, was Kritik betrifft, ich denke, anders geht das nicht, wenn man etwas erreichen will.
Wie wurde die Zweimann-Band zum Kleinorchester?
Wir spielten zu Beginn ziemlich reduziert, merkten allerdings mit der Zeit, dass das live irgendwie nicht so richtig funktioniert, also erweiterten wir die Band, um ein wenig mehr Power in unseren Sound zu bringen. Versteh mich nicht falsch, wir sind immer noch kein Vergleich zu Bands wie Motörhead oder so, aber ich glaube, es war eine gute Entscheidung, unsere Band zu erweitern. Heute fühlt es sich live einfach viel solider an. Ausserdem ist es nicht mehr so stressig wie früher, als ich immer dieses Loop-Pedal benutzte und somit live schon mit diesem Teil voll und ganz ausgelastet war. If you go out of time with yourself, then you have a problem!
Ihr habt alle vor DCLC schon in anderen Bands gespielt, oder?
Ja, wir kommen aus den unterschiedlichsten Sparten. Neil spielte mit dem Jazzdrummer Steve Reid in dessen Steve Reid Ensemlbe. Auf der Platte "Spirit Walk" ist er immer noch als Klarinettist zu hören. Chin war in einer Band namens "Quickspace", die waren grosse klasse! Mike, unser Bassist, und Laura, die das Flügelhorn spielt, waren zuvor bei einer grossartigen Alternative-Country/Folk-Band, die nannten sich "Whole Schebang".
Als ihr noch zu zweit musiziert habt, spielte der Computer eine grosse Rolle, jetzt seid ihr fast schon eine akustische Band. War das das Ziel?
Anfangs sahen wir uns eigentlich gar nicht als Band, sondern machten einfach so zum Spass ein bisschen Musik miteinander. Irgendwie kam es dann aber zum ersten Gig und danach zur ersten Aufnahme, alles verlief irgendwie auf ganz natürliche Art und Weise, dieser Prozess kam zustande, ohne dass wir irgendetwas geplant hätten. Aber schon ganz am Anfang war die Gitarre ein wichtiger Bestandteil unserer Instrumentierung und spielte neben dem Computer eine grosse Rolle in unserem Sound. Und zwar aus keinem anderen Grund als diesem, dass die Gitarre einfach das einzige war, das wir zur Hand hatten. Als wir dann anfingen, vermehrt Gigs zu spielen, hatten wir ziemlich bald die Nase voll vom Verstärkerschleppen, da wir immer mit dem Zug unterwegs waren. So hat sich die Akustik-Schiene schliesslich ganz durchgesetzt. Wir sind jetzt zu sechst, da kann man auch ohne viel Verstärkung rocken, ich geniesse das ziemlich. Allerdings weiss man ja nie, was die Zukunft bringt, nicht wahr? Vielleicht verändert sich das ja irgendwann einmal. Ich denke aber, es ist manchmal gut, leise zu spielen. Man kriegt viel mehr Aufmerksamkeit von den Leuten.
Wie seid ihr auf euren Bandnamen gekommen? Hat der "Dark Captain" etwas mit den Texten, und der "Light Captain" etwas mit den süssen Melodien zu tun?
Nein, ganz und gar nicht. Der Name hat keine Bedeutung, aber – auch wenn ich mich wenn ich das sage wie ein kompletter Idiot anhöre – wir mochten die Symmetrie der Phrase Dark Captain Light Captain. Ist ein bisschen "wordy", ich weiss. Ich finde übrigens, dass der Name geschrieben viel besser rüberkommt, als wenn man ihn ausspricht.
Viele eurer Songs sind ziemlich düster, vor allem die Texte. Dennoch scheint da immer ein Funken Hoffnung in euren Liedern mitzuschwingen. Ist diese Sichtweise sinnbildlich für euer Weltbild zu verstehen?
Nicht wirklich. Oder besser gesagt, ich versuche, eine andere Sichtweise als diese der Welt gegenüberzubringen. Die negativen Texte rühren eher daher, dass ich dazu neige, Dinge, die mich ankotzen, in Songs zu verarbeiten. Ich fühle mir ziemlich schnell auf die Füsse getreten, wenn jemand falsch reagiert, und das verarbeite ich dann in meinen Songs. Keine Ahnung, ob das gesund ist, aber es scheint zu funktionieren. Dieses Album hat schon einen ziemlich negativen Touch, doch
ich denke, das wird nicht ewig so bleiben – fürs nächste Album muss ich mir vielleicht ein anderes Ventil für persönliche Missstände suchen als die Songs.
Eure Musik ist ziemlich zeitlos. Verhält es sich auch so mit eurem Musikgeschmack?
Total. Ich mag Musik aus verschiedensten Zeiten, bei den anderen verhält es sich meines Wissens nach genau gleich. Ich finde es auch immer komisch, wenn manche Leute Dinge sagen wie: "2004 war musikalisch ein schlechtes Jahr." Gute Musik gibt es zu jeder Zeit und in den unterschiedlichsten Genres und an den verschiedensten Orten dieser Welt. Man muss sie nur finden. Ich finde, das habe ich ziemlich schön formuliert, oder?
Was meinen persönlichen Geschmack angeht, höre ich mir sehr gerne Spotify an. Die laufen übrigens gerade im Hintergrund. Ausserdem gefallen mir Sophia, Pharoah Sanders, Sun Ra, Terry Callier und einige Hip-Hop-Sachen auch ziemlich gut. Robyn Hitchcock und The Screaming Trees kommen mir auch in den Sinn, wenn ich an gute Musik denke.
Von wem stammt die Idee zum Albumtitel "Miracle Kicker"?
Ich glaube von mir. Der Titel bezieht sich darauf, dass wir unseren Mitmenschen ihr Glück nicht vollends zu gönnen scheinen. Zwar freut man sich, wenn es dem Anderen nicht zu schlecht geht, doch zu grosses Glück – so scheint es mir – bleibt unvergönnt. Das war in England irgendwie der allgemeine Vibe, als wir in den Aufnahmen zum Album steckten.
Werdet ihr noch auf Tour gehen?
In England sind wir schon herumgetourt, das lief ziemlich gut. Da wir kein besonders grosses Budget haben, kommen längere Tourneen für uns allerdings nicht in Frage.
Lebt ihr eigentlich von der Musik oder geht ihr noch anderen Jobs nach?
Wir leben nicht von der Musik. Ich persönlich habe eigentlich auch gar keine Absicht dazu. Ich schreibe gerade an meiner Doktorarbeit in Psychologie. Ich arbeite seit einem Jahr daran und möchte das eigentlich nur ungern aufgeben, denn das ist etwas, was ich gerne zu Ende bringen will. Auch die Anderen haben sehr unterschiedliche und äusserst interessante Berufe, die sich mit den momentanen Anstrengungen für die Band ziemlich gut weiter ausführen lassen. Ich bin eigentlich ganz glücklich mit dieser Situation, möchte aber natürlich nicht für die Anderen reden. Um uns als sechsköpfige Band in London von der Musik alleine ein Leben über dem Existenzminimum zu finanzieren, müssten ausserdem wir nicht nur im hiesigen Musikmarkt wie eine Bombe einschlagen, sondern auch von Uganda bis Qatar in aller Munde sein, denke ich.
Ist es eigentlich nicht hart, sich in der Londoner Musikszene zu behaupten? Es scheint manchmal, als werde dort täglich eine neue Band entdeckt.
Es kann durchaus schwierig sein, sich hier zu behaupten. Aber wir alle leben nun mal hier, daher können wir ziemlich gut damit umgehen. Gute Musik gibt es, wie schon gesagt, überall auf der Welt und ich denke, dass das Publikum einen früher oder später von selbst findet.
Was sollen die Leute zu eurer Musik tun? Tanzen? Sich küssen? Oder doch eher einschlafen?
Mir ist egal, was die Leute tun, während sie unsere Musik hören. Solange sie unsere Musik dazu hören, dürfen sie dazu tun und lassen, was sie wollen. Am besten vielleicht zuerst etwas Ruhiges, damit sie ein wenig in sich gehen können, um gleich danach in heftigste Gymnastikübungen überzugehen. Best of both worlds!
Wie ist es, bei einem kleinen Indie-Label wie Loaf unter Vertrag zu sein? Denkst du, sie kümmern sich besser um euch, als es ein Major tun könnte?
Auf jeden Fall. Ich glaube, es lohnt sich, bei einem Label zu sein, das es sich nicht leisten kann, dich einfach irgendwo verstauben zu lassen. Sie haben uns extrem unterstützt und ermutigt, es ist ehrlich eine super Zusammenarbeit!
What’s next? Werdet ihr weiter auf Tour gehen oder sind schon nächste Aufnahmen geplant?
Wir sind eingeladen worden, im März am SXSW in Texas zu spielen, also überlegen wir uns gerade, ob wir uns das leisten können. Ende des Jahres werden wir Frankreich und Deutschland besuchen und ein paar weitere Gigs hier in England spielen. Und dann werden wir wieder einmal etwas aufnehmen, denke ich. Wir haben allerdings überhaupt keine konkreten Pläne, ansonsten wäre es nur halb so lustig.
Bitte versprecht mir, weiterhin so grossartige Songs zu schreiben.
Wir tun unser Allerallerbestes!
Text und Interview: Rainer Brenner
Links:
Website von Dark Captain Light Captain
MySpace-Profil von Dark Captain Light Captain

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