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Interview mit Ane Brun und Nina Kinert

Am 27.7.2009 1 Kommentare
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Zwei Nordlichter auf Reisen: Im Mai tourten die zwei nordischen Singer-Songwriterinnen Ane Brun und Nina Kinert durch Europa und beehrten auch die Schweiz. Mit ihren einfühlsamen Stimmen und ihrer jeweils eigenen Art verzauberten sie das Publikum. Sowohl auf der Bühne als auch im Interview traten die Damen einzeln wie gemeinsam auf und zeigten, dass sie sich – trotz augenfälliger Unterschiede – gekonnt ergänzen.

 

Nina Kinert und Ane Brun live

 

Seit geraumer Zeit hat sich die skandinavische Grande Dame des Songwriting, Ane Brun, in die Herzen all jener gespielt, die sich gerne von akustischer Gitarre, Piano und wohligen Sinnesklängen umgarnen lassen. Obgleich in musikalischer Hinsicht eine Spätzünderin, war ihr sehr schnell grosser Erfolg beschieden. Bis anhin sind sechs Alben veröffentlicht worden, auf denen Ane zwischen Country, Folk, Blues und Pop schwelgt und damit eine treue Zuhörerschaft in Europa und insbesondere in ihrer Heimat Norwegen und Schweden bezirzt. Als Gebürtige Norwegerin zog sie von ihrer Geburtstadt Molde nach Bergen und Oslo, zwischenzeitlich auch nach Barcelona, und schliesslich der Liebe folgend nach Schweden, wo sie unverhofft musikalisch Fuss fasste.

Dieses Jahr zog Ane Brun begleitet von der schwedischen "Märchenfee" Nina Kinert durch Europa. Zu meiner Freude konnte ich die beiden Liedermacherinnen bei ihrem Konzert in der Schweiz zu einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen treffen. Zuerst sprach ich mit Ane, dann kam Nina hinzu und schliesslich verliess uns Ane… Entstanden ist ein Interview in allen möglichen Konstellationen.


Ane Brunkinki magazine: Seit wann machst du Musik?
Ane Brun: Ich mache Musik und singe seit ich 21 bin, vorher habe ich wahrscheinlich auch oft gesungen, aber niemals für jemanden oder vor anderen. Eher zufällig habe ich in die Musikwelt gefunden, als ich eine alte Akustikgitarre meiner Familie mit nach Oslo nahm. Gelernt habe ich eigentlich etwas anderes: Ich habe ein Jahr Spanisch, dann Jura, dann wieder Musik- und Kulturgeschichte sowie Musik-Improvisation studiert. Als ich mein erstes Album veröffentlichte, war ich gerade an meiner Abschlussarbeit in Kulturgeschichte. Diese ist dann auf der Strecke geblieben.

Bist du in musikalischer Hinsicht Autodidakt?
Absolut, ich habe mir das Gitarrespielen selbst beigebracht, indem ich Musiker, die ich mochte, nachgespielt habe.

Wie würdest du deine Musik beschreiben?
Irgendwie melancholisch und mit persönlichen Lyrics auf Englisch.

Weshalb auf Englisch?
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe, die Sprache passt zu der Art Musik, die ich machen möchte. Aber es ist auch, weil ich sehr gerne fremde Sprachen spreche, es spannend finde, nach Wörtern zu suchen, manchmal ist es sogar einfacher in einer anderen Sprache Lieder zu schreiben. So ist es weniger nahe und intim. Ich habe zwar ein paar Aufnahmen auf Schwedisch gemacht, aber nie auf Norwegisch, das ist viel schwieriger.

An dieser Stelle wird das Interview von Nina Kinert unterbrochen, die mit Hut und Luftigkeit in den Saal wirbelt, und sich zu uns gesellt. Ane macht auf mich einen sehr freundlichen, ruhigen und zurückhaltenden Eindruck, der mich an das reservierte Wesen zweier schwedischen Bekannten erinnert, und somit ganz meinen skandinavischen Klischeevorstellungen entspricht. Der aus Stockholm stammenden Nina kann man diese Wesenszüge und Verhaltensweisen hingegen nicht zuschreiben. Nina Kinert spricht laut, macht Witze und teilt sich gerne mit. Sofort taut auch Ane auf und wir führen unser Gespräch fort, das sich nun auf einmal so gar nicht mehr wie ein Interview anfühlt.

Wie ist es in Europa auf Tour zu sein? Wie läuft diese Tour?
Ane Brun: Wir waren beide schon oft in Skandinavien und auch in Europa auf Tour.
Nina Kinert: Dennoch unterscheidet sich diese Tour stark von den anderen. Dieses Mal sind wir nur vier Mädels, drei Männer und die Fahrer, das ist nicht viel. Aber wir kennen uns alle, es ist, als würde man mit seiner Familie reisen, es fühlt sich nicht wie Arbeit an. Andererseits ist es manchmal doch sehr harte Arbeit, man reist teilweise sehr lange und mit vielen Leuten umher, die man nicht kennt. Die Touren sind wirklich sehr unterschiedlich, man kann das nicht in ein paar Worten zusammenfassen. Eine lange Tour dauert bei uns fünf Wochen, das ist für uns wirklich lange, gell?
Ane Brun: Ja, länger könnte ich nicht von meiner Familie und meinen Freunden getrennt sein.

Und wie unterscheidet sich das Touren in Skandinavien und im restlichen Europa?
Nina Kinert: Ich denke, besonders in der Schweiz ist es eigentlich sehr ähnlich. Der Lebensstandard ist vergleichbar, die Natur und die Leute ebenso. Das ist recht witzig, weil man Schweden und die Schweiz in Amerika oft verwechselt.
Ane Brun: Es ist sehr einfach, mit Schweizern zu kommunizieren, Schweizer sprechen gut Englisch. Wir waren vor ein paar Tagen in Milano, das war ganz anders. Wir haben abends mit den Leuten diniert, das war ziemlich seltsam, wir haben uns überhaupt nicht verstanden, von der Sprache wie vom Temperament her.
Nina Kinert: Die waren so italienisch, so laut und fröhlich und wir sind eben doch sehr schwedisch und reserviert und haben natürlich kein Wort verstanden.

Was vermisst ihr, neben Freunden und Familie, wenn ihr auf Tour seid?
Nina Kinert: Ich vermisse diese Tage, an denen ich nichts Spezielles geplant habe und lange Spaziergänge machen kann.
Ane Brun: Ich vermisse es, einfach an einem Ort zu sein, in meiner Wohnung, meinem Bett. Es ist schon so, dass das Reisen an sich die Tour schwierig und anstrengend macht, nicht die Interviews, die Soundchecks und die Shows, sondern das Reisen und das Warten. Aber es ist wirklich schön, wenn man mit Freunden reist, dann kann man auch mal was zusammen unternehmen, wie gerade eben, da waren wir in Luzern und haben die Kapellbrücke gesehen, da waren wir wie richtige Touristen.

Ane BrunAne Brun: Kennst du Heidi Happy?

Ich habe ihr eben auf MySpace geschrieben und gefragt, ob sie Lust hätte, heute Abend auf die Bühne zu kommen und ein Lied mit uns zu singen. Ich habe sie in New York kennen gelernt.

Würdet ihr eure Musik als typisch skandinavisch bezeichnen?

Ane Brun: Ich denke, dass die Musik, die aus Schweden und Norwegen kommt, stark von amerikanischer und englischer Musik beeinflusst wird, deshalb weiss ich nicht, ob wir unsere Musik skandinavisch nennen können.
Nina Kinert: Diese Frage wird uns oft gestellt, und auch, weshalb so viel gute Musik aus Schweden kommt. Ich weiss nicht, ob es eine Antwort auf diese Fragen gibt.
Ane Brun: In Norwegen ist es anders, aber Schweden hat seit ABBA die Tradition, Musik zu exportieren. Ausserdem ist Schweden ein sehr trendiges Land, das ist vielleicht auch ein Grund, weshalb die Musik so gut ankommt.
Nina Kinert: Andererseits ist Musik etwas sehr Natürliches in Schweden, ich bin mit Musik aufgewachsen, meine Schwester und mein Bruder haben Musik gespielt und mein Grossvater hat sehr gut Klavier gespielt. Bei dir war das aber anders Ane, oder?
Ane Brun: Ich bin eigentlich überhaupt nicht mit Musik gross geworden, erst mit 21 Jahren begann ich aktiv Musik zu machen.

Nina Kinert: Eigentlich finde ich es sehr schade, wenn ich daran denke, dass es solche banalen Erklärungen dafür gibt, viel lieber würde ich sagen können, dass unser Musiktalent von den langen Nächten herrührt und von einer grosse Eule, die mitten in der Nacht über den Hügeln wacht und allen, die um sie geschart sind, musikalische Muse verteilt. Dann wäre also die grosse Eule dafür verantwortlich, dass es in Schweden so viele tolle Musiker gibt. Eine etwas magischere Erklärung würde mir wirklich besser gefallen.

Nun muss Ane zu einem anderen Interview, zu dem sie dank tüchtigem Gespräch und Getuschel mit Nina eine Viertelstunde zu spät kommt. Ich bleibe mit Nina Kinert und ihrem grossen azurblauen Hut, der die klaren blauen Augen noch stärker betont, zurück. Nina ist – anders als Ane – musikalisch eher ausserhalb ihrer Heimat erfolgreich. Obwohl die musikalischen Einschläge beider Musikerinnen von Country über Folk und Blues bis Pop reichen, erzeugen sie jeweils eine ganz andere Wirkung und sprechen – wie man der Erfolgsgeschichte der beiden Damen ansieht – auch andere Leute an. Ninas Lieder klingen nach unkonventionellem Pop mit einem prägnanten Folk-Einschlag, ihr Gesang ist glasklar und durchdringend, weit weniger warm als Anes charismatische Stimme. Auf ihrer MySpace-Seite schreibt Nina: "Ich bin 24 Jahre alt. Ich bin in einem pinken Haus ausserhalb Stockholms aufgewachsen. Geboren wurde ich am sechsten Geburtstag meiner grossen Schwester. Russisches und finnisches Blut fliesst in meinen Adern. Mein Onkel hat mir kürzlich erzählt, dass wir mit einem der Typen von Lordi verwandt sind, es kam aber heraus, dass das nicht stimmte, was sehr enttäuschend war." Die Selbstbeschreibung steht trotz bescheidenen Inhalts sinnbildlich für Ninas Wesen. Man weiss nicht genau, welchen Worten man trauen soll und welchen nicht, doch wähnt man sich mit ihr sowieso in wohliger Sicherheit, denn alles, was Ninas Lippen ausformulieren, klingt verspielt, märchenhaft und auch humorvoll, wie die Anekdote über ihre Verwandtschaft mit Lordi beweist.

Nina KinertWie hast du begonnen Musik zu machen?
Nina Kinert: Eigentlich weiss ich nicht, weshalb ich Musik machen wollte, aber irgendwie war es schon immer mein Traum. Mit zehn Jahren verglich ich mich immer mit Michael Jackson. Im Alter von 10 bis 15 Jahren besuchte ich eine Art Musikschule, wo ich eine klassische Gesangsausbildung absolvierte. Als ich 16 war, wollte ich weg vom Klassischen und ging auf ein Pop-Gymnasium, welches von Musikschülern aus ganz Schweden besucht wurde. Dort haben sich für mich viele Wege eröffnet, ich habe in verschiedenen Bands gespielt und viele Leute kennen gelernt. Die zwei Schlagzeuger, die teilweise mit mir auftreten, habe ich damals am Pop-Gymnasium getroffen.

Wie würdest du deine Musik beschreiben?
Das ist sehr schwierig. Ich würde gerne sagen, dass sie irgendwie verträumt und weiblich ist.
Ich denke auch, dass es viele junge Mädchen gibt, die meine Musik hören, vor allem das neue Album. Das Publikum meiner ersten Alben war etwas älter als die neueren Zuhörer. Wenn ich beispielsweise in die Niederlande fahre, stehen immer viele Mädchen in der ersten Reihe. Das gefällt mir sehr. Ich bin auch ein Mädchen! Ich finde das wirklich schön, wenn andere Mädchen verstehen, worüber du singst und was du zu vermitteln versuchst.

Worüber singst du?

Über Sachen, die mir passiert sind oder meinen Freunden, und solche, die mir nicht passiert sind. Und ich singe natürlich sehr viel über Träume, Tagträume und Nachtträume und natürlich über Liebe. Liebe ist die Grundlage aller Dinge. Ich denke, ich bin sehr empfänglich für Gefühle, zum Beispiel wenn dir etwas zustösst, das sich eigentlich total unreal anfühlt, als hätte es in einem Film vorkommen können. Mein Leben hat sich das letzte Jahr ständig so angefühlt, total surreal, das ist sehr inspirierend. Das ist ein tolles Gefühl.

Singst du nur auf Englisch? Weshalb?

Ja, schon. Vermutlich, weil ich selber immer amerikanische und englische Musik gehört habe.
Ich denke, dass man wirklich gute Lyrics schreiben muss, wenn man auf Schwedisch singen will. Es ist mir viel angenehmer, Texte auf Englisch zu schreiben. Auf Schwedisch fühlt sich das viel zu nackt an. Aber der Hauptgrund ist wohl, dass ich immer englische Musik gehört habe… und dass ich im Ausland spielen möchte und mir wünsche, dass die Leute die Texte verstehen können.

Nina KinertWas inspiriert dich?
Ich lasse mich gerne von Filmen inspirieren, von David Lynch, Tim Burton, Filme haben mich schon immer beeinflusst, schon als Kind. Anfangs war ich von der kleinen Meerjungfrau besessen, weil sie sang, dann kam das Phantom der Oper, beides Storys, die sich um eine Frau drehen, die mit ihrer Stimme alle Leute verzaubern konnte. Das hat mir wahnsinnig gut gefallen. Später bin ich zum Star Wars Fan geworden.


Als sehr inspirierend empfinde ich auch das Reisen: man lernt so viele Leute kennen, die interessant, anders oder auch seltsam sind, ich mag verrückte Dinge. Wie erwähnt, gehe ich oft spazieren, das reinigt meinen Geist. Und Träume beeinflussen mich auch sehr. Im Moment träume ich sehr viel, das ist manchmal sehr unangenehm. Heute hat mir Tina, die Merchandice-Verkäuferin, erzählt, dass sie mich weinen gehört hat. Ich hatte tatsächlich einen schrecklichen Traum, dachte am Morgen aber, dass jemand anderes in der Nacht geweint hätte. Das finde ich sehr cool, wenn Träume so echt wirken. Obwohl die Träume oft total absurd und unrealistisch sind, wacht man auf und braucht erstmal fünf Minuten, um sich in der Realität zu orientieren. Ich finde das sehr spannend, das wirft schon Fragen auf, was wirklich real ist. Ausserdem sind unsere Träume gar nicht mehr so verrückt wenn man mal überlegt, was für abgefahrene Dinge wirklich existieren. Zum Beispiel Oktopoden, die Hunderte Meter tief im Wasser leben. Das ist unglaublich, wenn man sich das überlegt.

Schreibst du deine Träume auf?
Hm, manchmal wenn ich in der Nacht aufwache und weiss, dass ich mich am Morgen bestimmt nicht mehr daran erinnern kann, dann schreibe ich was auf. Jedoch kann ich das am nächsten Morgen meistens nicht mehr lesen. Oder ich verstehe es nicht, weil es total absurd klingt. Das hört sich dann an, als käme es von meinen verrückten Nachbarn.

Nach dem angenehmen Gespräch am Nachmittag ist auch das Konzert am Abend eine Wonne der Entspannung und eine Wiege guter Musik. Nina tritt, optisch einer Wahrsagerin mit riesigen Fledermausärmeln und überlangen Wimpern ähnelnd, mit der Cellistin Linnea Olsson als Vorband auf. Nina weiss sich zu präsentieren, sich auch am Piano sitzend tänzerisch zu bewegen und das Publikum mit ihrer überwältigenden, feinfühligen und gleichzeitig starken Stimme zu bezirzen. Auf Nina folgt Ane, in einem schlichten, eleganten schwarzen Kleid legt sie in gewohnter Manier mit komplexem Gitarrenspiel los. Auf der Bühne ist sie in ihrem Element, sie beherrscht ihre Gitarre, derer sie drei zur Verfügung hat, und ihre Stimme dermassen gut, dass sie den ganzen Raum erfüllt. Noch schöner und vielfältiger wird das Bühnenbild als Nina Kinert und Linnea Olsson die Grande Dame als Backing Vocalists begleiten. Ein Dreiklang ausserordentlicher Stimmen bietet den begeisterten Zuschauern einen aussergewöhnlichen Hörgenuss, und man merkt, wie sich Nina Kinert als zweite Stimme gesanglich und auch von der Bühnenpräsenz her geradezu zurückhalten muss. Und zum Schluss ergänzt – wie versprochen – Heidi Happy das Trio, ein wirklich starkes Programm! Die Zeit ist wie im Flug vergangen – einem langen, seichten, wunderschönen Flug, der einen später als gedacht sanft in der dunkeln frühsommerlichen Nacht absetzt, und nun hält sich auch das Publikum (mit Applaus) nicht mehr zurück!

Text und Interview: Florence Ritter

Links:
Ane Brun auf MySpace
Nina Kinert auf MySpace

Website von Ane Brun
Website von Nina Kinert

Tags: Singer-Songwriter, musik, magazin nr 16, ane brun, nina kinert

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