Tanz mit der Windmühle
Nicht mal Don Quijote würde gegen Windmill antreten, geschweige denn das Talent des Briten mit der grossen Brille und der hohen, schrulligen Stimme anfechten. Windmill, das ist der Sänger und Produzent Matthew Thomas Dillon, der live mit seiner Band auftritt und seine Alben in Zusammenarbeit mit Tom Knott produziert. Sein vokales Gefecht liefert Windmill auf ganz eigene Weise mit viel Piano, wonach man sich sofort ergibt und sich von seinem Sound davon tragen lässt, der einen aber manchmal auch ein bisschen traurig stimmt.
Nachdem Dillon mit dem ersten Album "Puddle City Racing Lights" schon von der englischen Indie-Szene in den Himmel gelobt wurde, hebt er mit seinem neuen Album "Epcot Starfields" thematisch in andere Sphären ab. Bei Titeln wie "Airsuit", "Epcotman", "Shuttle" und "Spaceship Earth" fühlt man sich schon mal den Sternen und seinen Kindheitsträumen, in denen ein Flug zum Mond oder ein Dasein als Astronaut noch ganz realistisch schienen, ganz nahe.
sillhouette_credit_rupert_noble.jpg)
Matthew Thomas Dillon | Photo-Credit: Rubert Noble
Irgendwo daher rührt auch Dillons Wahl der Space-Thematik des zweiten Albums. Über das Bild des Künstler Jonah Buckley, welches ein schwebendes Paar vor dem Epcot Center in Florida zeigt, stiess Dillon gedanklich auf seine Kindheitserinnerungen und die schönen, unbeschwerten Momente der Kindheit. Dies und die Science-Fiction-Ästhetik der 70er-Jahre zeigten sich dann auch als perfekte Metaphern für seine Vision, nach der die Menschheit ihrem Schicksal verfallen dem Untergang geweiht ist.
Wer sich jetzt tief in die akustisch mitschwingende Melancholie reinhängen will, sollte dennoch dem Text horchen und sich der Botschaft Dillons keinesfalls verschliessen. Mit seiner Untergangsvision pflegt er nämlich nicht schwarz zu malen, sondern er möchte die Leute aufrütteln und sie daran erinnern, jeden Moment zu geniessen – schliesslich sind wir nun mal alle vergänglich.
Dies und mehr erzählte mir Matthew Thomas Dillon bei einem Telefoninterview mit seinem wunderbar klingenden – im Nachhinein schwer verständlichen – "bloody british english", lest selbst, was davon ich verstanden habe.
Wer sich für das Lesen des Interviews den passenden Flow ins Ohr setzen möchte, dem präsentieren wir hier die Songs "Ellen Save Our Energy" und "Big Boom" von Windmill:
Windmill - "Ellen Save Our Energy" (auf den Play-Button klicken)
mp3
Windmill - "Big Boom" (auf den Play-Button klicken)
mp3
Interview mit Matthew Thomas Dillon
kinki magazine: Wolltest du jemals Astronaut werden?
Matthew Thomas Dillon: Vielleicht. Ich denke, mit der Rakete in die Atmosphäre zu schiessen, wäre jetzt ein bisschen zu viel für mich. Aber als ich kleiner und weniger ängstlich war, da wollte ich das.
Und dann wolltest du Sänger werden?
Eigentlich gar nicht, das war eher ein Zufall. Ich hatte es nie darauf angelegt, das Singen zu meiner Karriere zu machen. Schlussendlich ist es dann aber so gekommen.
Wann hast du realisiert, dass du von der Musik leben kannst?
Ich glaube, das war vielleicht als ich mein erstes Album herausgab und es so schien, als würden es einige Leute mögen.
Du bist für ein Jahr untergetaucht und hast an deine Album gearbeitet:
Wie hat sich deine Musik auf dem zweiten Album verändert?
Durch mein erstes Album wurde ich überhaupt erst selbstsicher, weil ich gemerkt habe, dass die Leute gut auf meine Musik reagierten. Diese Zuversicht hat mir sehr geholfen. Ich hatte sehr viele Songs geschrieben, mit denen ich schlussendlich nicht wirklich zufrieden war. Also habe ich alles, was ich geschrieben hatte, verworfen. Dann hatte ich plötzlich eine neue Idee für das Album. Ich habe die Idee aber erst ein bisschen mit mir rumgetragen und erst noch mal von vorne mit dem Texten und Aufnehmen begonnen, als ich fertig getourt hatte.
Die Musik hat sich ganz natürlich entwickelt, ich habe aber nie bewusst darüber nachgedacht oder etwas stilistisch ändern wollen.
Es existiert ja fast so etwas wie ein roter Faden mit den Sternen, der Raumfahrt und dem All auf deinem neuen Album. Wie bist du darauf gekommen?
Als ich dieses Bild sah, mit dem schwebenden Mädchen und dem Jungen, die sich vor dem Epcot Center umarmen (Anm. d. Red.: das Bild stammt vom Künstler Jonah Buckley), begann ich darüber nachzudenken, dass auch ich die perfekten Momente des Lebens umarmen sollte. Auch realisierte ich, dass ich irgendwann mal sterben würde und deshalb die guten Dinge meines Lebens geniessen sollte. Also versuche ich heute – diese Vergänglichkeit im Hinterkopf – alles zu schätzen, ich denke genau darum geht es auch in diesem Bild. Das ganze Album wurde auf diesen Gedanken aufbauend geschrieben.
Man sollte also bewusster leben?
Ja, ich denke schon. Das ist heutzutage sehr schwer, weil man sich schnell an etwas gewöhnt. Man muss versuchen, die Dinge von einem anderen Standpunkt aus zu sehen und sie nicht als selbstverständlich zu betrachten, das ist auf gewisse Art fast schon idealistisches Denken.
Hat das Album auch diese Message?
Ich glaubee schon. Wir sollten wirklich die Tatsache akzeptieren, dass wir alle unserem Schicksal ausgeliefert sind. Und auch, dass wir alle eine sehr begrenzte Anzahl Ideen in unserem Kopf haben und dass wir den Moment nutzen sollten.
Du wirst oft mit anderen Musikern verglichen: nervt dich das oder ist es eine Ehre?
Wenn ich mit Leuten verglichen werde, die ich selbst mag, ist das natürlich sehr schmeichelhaft. Da ich aber noch nicht so viele Alben habe, dass andere mit mir verglichen werden würden, bin ich schon auch mal neidisch.
Welcher Vergleich hat dir geschmeichelt?
Das ist schwer zu sagen. Es ist lustig, dass viele sagen, meine Musik klinge wie die Flaming Lips – die ich sehr schätze – aber wir (mit der Band) klingen überhaupt nicht so. Die Musik ist sehr anders. Ich denke, dass die Leute in musikalischen Belangen nicht sehr weit denken oder viel überlegen. Auch werde ich manchmal mit Bands verglichen, von denen ich noch nie gehört habe. Ich denke es ist sehr schwierig, die Musik zu kategorisieren, alle klingen anders, egal wie klein die Unterschiede sind, es ist nie ganz dasselbe. Es kommt wirklich nicht darauf an, wie oft die Leute mich mit anderen gleichsetzen, ich benutze meine Ausdrücke und meine Gedanken, das ergibt meine eigene Musik.
Freust du dich auf die anstehende Tour?
Ja, wahnsinnig! Ich habe gerade ein Jahr alleine an meinem Album gearbeitet, da freue ich mich sehr darauf, unter die Leute zu gehen und meine Musik mit ihnen zu teilen. Ich war gerade an einem Festival, das war ziemlich verrückt, weil dort Leute waren, die schon die neuen Songs mitsangen. Das ist überwältigend. Es ist dann auch immer eine grosse Erleichterung, wenn die Leute deine Musik verstehen und Gefallen daran finden.
Text und Interview: Florence Ritter
Zum Abschluss des Artikels geben wir noch einen drauf: Das Musikvideo zum Song "Big Boom" von Windmill.
Dieses Video benötig einen aktuellen Flashplayer um es anzusehen.
Flashplayer installieren
Tourdaten von Windmill in der Schweiz und Deutschland im 2009:
26.09 @ FZW, Dortmund
27.09 @ International Love-Nerd Festival Kamp, Bielefeld
30.09 @ KulturhausIII&70, Hamburg
01.10 @ Beatpol, Dresden
02.10 @ Nato, Leipzig
03.10 @ Dot Club, Berlin
04.10 @ Kulturkeller, Fulda
08.10 @ Mariaberg, Rorschach
09.10 @ Kulturwerk 118, Sursee
10.10 @ Swamp, Freiburg
"Epcot Starfields" erscheint am 25. September 2009 für Nordamerika bei Friendly Fire Recordings und in Europa bei Melodic. Probehören kann man auf dem MySpace-Profil von Windmill.
Kaufen könnt ihr "Epcot Starfields" bei iTunes oder cede.ch:

Kommentare (1)