You Can't Kill A Dead Man!
Sie sind tot und erlangen dadurch die grösstmögliche Freiheit sowie eine Präsenz, die stärker ist als diejenige von manch einem Lebenden.
Ob als Totengräber, Streicher oder Moritatensänger: Die Dead Brothers führen uns musikalisch dem Tode näher, um uns die Angst davor zu rauben.

Mal treten sie zu dritt, mal zu zehnt auf. Sie spielen von Gospel bis Bluegrass alles, was die Geburt des Rock'n'Roll in Amerika beeinflusst hat. Sie sind eine Totenkapelle, die noch nie für Beerdigungen gebucht wurde. Eine Musikgruppe, deren Ende von den einen Mitgliedern verkündet und von den anderen überlebt wird.
Dead Alain von The Dead Brothers stand kinki-Autorin Florence Ritter ausführlich Red und Antwort.
Hier gibt es das ungekürzte Interview zu lesen:
Woher kommt euer Bandname?
Als wir das Projekt "Dead Brohters" begonnen haben, mochte ich Musikstücke, die die wichtigen Momente des Lebens behandeln, weil man in solchen Momenten die stärksten Emotionen hat. Zweifelsohne gehört auch der Tod zu diesen Momenten. Deshalb gibt es sehr viele Musik- oder Theaterstücke, die ich mag, die vom Tod sprechen. Da kann ich nichts dafür. Diese Stücke haben aber auch immer einen gewissen Humor, das gefällt mir. Und meine Frau kommt aus Wien, in dieser Stadt ist der Tod rein geschichtlich allgegenwärtig, das finde ich sehr spannend.
Ausserdem wollte ich dieser kapitalistischen Produktion widerstehen (lacht). Man spricht nicht genügend vom Tod. Würde man den Tod wieder zentraler ins Leben einbinden – so, wie er es eigentlich verdient – würde es weniger Gründe geben, so viel zu arbeiten, überzuproduzieren und zu konsumieren, dieser Kapitalismus ist eine Art Widerstand gegen den Tod. Im 16. Jahrhundert oder im Mittelalter war es kein Problem zu sterben; der Tod war natürlich und omnipräsent. Diese Präsenz haben wir einfach eliminiert, und ich denke, wir sollten die Thematik wieder mitten in unser Leben aufnehmen, das würde uns sehr viele Ängste ersparen.

Andererseits sieht man doch in den Zeitungen und den Nachrichten nur Todes- und Unfallmeldungen?
Ja, aber die sind stilisiert, sie sind bearbeitet und bringen das Thema den Menschen nicht näher, sondern machen es nur bedrohlicher. Das sollte nicht so sein. Über den Tod zu sprechen, sollte erleichtern und etwas die Angst nehmen. Aber die Leute mögen das nicht wirklich, wenn man über den Tod spricht (lacht).
Es gibt viele Spielereien mit dem Namen Dead Brothers: man kann den Namen als die "Toten Brüder" oder die "Brüder des Todes" verstehen...
Eines unserer Prinzipien ist, dass wir schon tot sind, das verleiht uns eine enorme Freiheit. Andererseits sind wir Totengräber und treten als Totenkapelle auf. Wenn man vom Tod singt, liegt es nahe, dass man auch an Beerdigungen spielt. Obwohl wir vom Tod singen, wurden wir bis jetzt noch nie auf eine Beerdigung eingeladen. Wir haben einmal bei einem Friedhof in Lausanne angefragt, der Mann war entzückt, aber wir haben ein Marketing-Problem. Viele Leute sagen uns: an meinem Begräbnis sollt ihr spielen. Das Problem ist, dass wenn sie tot sind, sich niemand mehr darum kümmert (lacht).
Die Grundidee ist schon, dass wir mehr wissen als ihr! Natürlich werde ich euch nicht sagen was, das bleibt unser Geheimnis. Aber wir waren auf der anderen Seite und wir sind zurückgekommen und sagen euch: Es ist nicht schlimm, freut euch. Meiner Meinung nach ist heutzutage neben der Todesthematik auch Musik zu wenig präsent. In Serbien steht Musik für Hochzeit, Geburt und Begräbnis – für alle wichtigen Momente des Lebens. Bei uns ist Musik nicht präsent, sondern einfach nur ein Produkt, das wir konsumieren. Musik ist aber weit mehr als ein Konsumgut, es ist eine Ausdrucksform der Menschen.
Wir wollen die Hörgewohnheiten der Leute "abbauen"; dazu gehört es auch, die "vierte Wand" zwischen Publikum und Musikern zu durchbrechen. Unsere Konzerte können nicht einfach passiv konsumiert werden: wir steigen von der Bühne herab und zeigen, dass wir hier sind! Der Tod ist da!
Sind auch schon Leute verkleidet an eure Konzerte gekommen?
In England machen sie das immer, das ist grossartig. Das Beste war, als wir vor zwei Jahren in London gespielt haben. Da haben wir auch in diesem Burlesque-Milieu gespielt. Da kam diese junge Kanadierin als Frankensteins Braut – ganz in Weiss und überall Blut – sie ist auf die Bühne gestiegen und hat sich vorne hingelegt, wo sie auch das ganze Konzert über geblieben ist. In Amsterdam sind auch schon Leute verkleidet gekommen und in Utrecht, ebenfalls in Holland, sind plötzlich 10 Männer mit einem Sarg auf den Schultern reingekommen, und haben ihn vor die Bühne gelegt. So läuft das bei uns, ein Konzert der Dead Brothers ist nicht wie passives Fernsehschauen (lacht).
Und wie sind eure Shows, das Konzept entstanden? Was für eine Stimmung wollt ihr heraufbeschwören?
Wir haben dieses Konzept der Dead Brothers mit akustischen Instrumenten wie Banjo, Tuba, und mit Kostümen und Hüten, die eine Geschichte des Theaters erzählen, mitten in der Techno-Ära begonnen. Diese Art Spektakel gab es damals nicht. Wir denken, dass ein Auftritt auf der Bühne etwas Aussergewöhnliches ist, und dass es solch ein Spektakel braucht.
Also sind wir mit unseren akustischen Instrumenten in Cafés aufgetreten und haben kleine Spektakel geliefert. Anfangs interessierten wir uns sehr für die Wurzeln des Blues: Wie damals die Ärzte, die zu Fuss Amerika durchquerten und immer einen Sänger bei sich hatten, um Käufer für ihre Medizin anzulocken, zogen wir durch Cafés und Bars, und versuchten durch unser Spektakel unsere Medizin – oder waren’s Bloody Marys? – an den Mann zu bringen.
Dann waren wir mit einem Zirkus, einem elektrischen Zirkus, unterwegs. Das war ein Zirkus, in dem es nur Musiker gab und mit dem wir durch Europa tourten. Während drei Jahren haben wir das gemacht, da war übrigens auch Reverend Beatman mit dabei.
Warst du schon immer der Kopf der Gruppe?
Ich habe das Projekt auf die Beine gestellt, von mir kommt ein Grossteil der Ideen. Und dann kamen immer wieder andere Musiker hinzu. Es ist gut, ein Instrument spielen zu können, man braucht aber auch Ideen, was und wie man spielen will. Da ich gelernter Historiker bin, habe ich einen anderen Zugang zur Musik: ich höre Musik und habe das Gefühl, sie geschichtlich zu verstehen. Musik kommt nicht aus dem Nichts. Ich merke immer, woher eine Art von Musik kommt und weshalb sie irgendwo hingelangt ist. Ich versuche zu verstehen woher Punkrock, Hardcore oder Hip Hop kommen. Sogar diese neue Pop-Kultur hat eine Geschichte, die ist dann zwar eher ökonomischen Ursprungs. Der wirtschaftliche Aspekt war aber immer ein Teil der Musik, das ist nichts Neues. Die Erfindung der Schallplatte, der CD, diese ganze Plattenindustrie hat eine enorme Wichtigkeit. Auch die Erfindung des Radios – auch des kommerziellen Radios. Ich denke, dass das auch heute noch sehr wichtig ist.
Zuerst waren wir zu dritt: zwei Tubas und eine klassische Gitarre, dann waren wir zu zweit: eine klassische und eine elektronische Gitarre, dann waren wir bis zu zehn Leuten – für die Drei Groschen Oper zum Beispiel. Es waren immer ganz unterschiedliche Leute mit dabei, die mit den vorherigen Zusammenstellungen nichts zu tun hatten.
Jetzt hat sich gerade eine grosse Änderung ergeben: wir haben das Schlagzeug aufgegeben, das ist ein grosser Schritt für eine Rock-Gruppe. Aber das Ziel ist natürlich, dieselbe Energie und Dynamik auch ohne Schlagzeug beizubehalten.
Die Dead Brothers sind keine kommerzielle Gruppe, die Konstellation wird sich immer verändern. Als zum letzen Mal zwei wichtige Bandmitglieder ausgestiegen sind, haben diese die Auflösung der Gruppe im Internet angekündigt, aber so ist es nicht. Wir haben uns leider etwas unschön getrennt, da war ich schon enttäuscht, aber das ist wie bei einem alten Ehepaar. Nichtsdestotrotz, die Dead Brothers sind nicht tot. Im Moment sind wir als Dead Brothers’ Sweet String Orchestra unterwegs. Ich persönlich mag Gruppen, deren Form und Konstellation sich verändern, ich mag Will Oldham oder die Dallas Brothers, der Geist bleibt immer bestehen.
Was sind eure Einflüsse?
Unsere Einflüsse kommen eigentlich von viel früher, vermutlich haben wir dieselben Einflüsse wie die Coen-Brüder oder wie Tom Waits, also Leute, mit deren Schaffen heute unsere Musik assoziiert wird. Wir haben vielleicht ähnliche Platten wie Tom Waits gehört, Tom Waits war aber kein direkter Einfluss. Wenn du diese Art von Musik magst und machst, kreuzt du ständig Tom Waits’ Weg. Aber wir interessieren uns natürlich noch für sehr viel mehr Musik. Ich denke da an die 20er- und 30er-Jahre, das war so ein Scharnier-Moment, wo es sehr viele Musikstil-Mischungen gab. Und ich denke, dass auch heute wieder so ein Moment ist; Stile werden vermischt, wir verkörpern ebenfalls diese Stil-Vielfalt. Heute hört man nicht nur eine Musik, wie Rock damals in den 80er-Jahren.
Wir sind irgendwo schon Singer- / Songwriter, wir lieben die Chansons, das Konzept von Liedern und erzählten Geschichten. Ich mag Leute wie Pownes van Zandt, der Country macht, weil er Geschichten erzählt, auch sehr tragische Geschichten. Er überträgt sehr viele Emotionen. Wir mögen aber auch Jazz, Louis Armstrong ist super, Charlie Chaplin aber auch. Aber es gibt auch unzählige tolle Menschen, die unbekannt sind. Anstatt Namen zu nennen, kann ich nur sagen, dass es sehr viele unbekannte Leute gibt, die unsere Musik beeinflussen. Die traditionelle Bergmusik der Appalachen, Gospel und Banjo-Musik. Vom Gospel denkt man heute beispielsweise, dass es schwarze Musik sei, dabei ist diese Musik ursprünglich "weiss", und kam im 16. Jahrhundert aus England zu uns. Dann gibt es französische Chansoniers und und und… Im Grunde genommen beeinflusst einen alles, was man auf seinem iPod hört.
Welcher Teil des Musikberufes gefällt dir am meisten?
Das ist sehr einfach zu beantworten: das Konzert! Dieser kleine, magische Moment. Während der ganzen Tour, dem Reisen, dem Soundcheck etc., da wäre ich ehrlich gesagt lieber zu Hause oder bei Freunden. Wir machen das alles nur für den verhältnismässig kurzen Moment des Konzerts. Auf der Bühne finden wir unser Glück und die Antwort für das Warum und Wieso unserer Arbeit. Wenn man die Ramones hört, dann hat man ihr Konzert vor Augen. Bei anderen Musikstilen ist das vielleicht anders, aber wir, wir leben für den Moment des Glücks auf der Bühne.
Text und Interview: Florence Ritter
Konzertfotos von Michael Matter
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Kommentare (3)
Wunderbar!
von william s blake am 20.5.2009 14:34Ich freue mich auf 2010. Denn dann gehen die wieder auf Tour und bringen ein neues Album raus !!!!!!!!!!!!! Long live the dead !
von Anonymous am 22.12.2009 15:24