Over the Rainbow
Wer mit CocoRosie ein Interview führen will, der muss sich darauf gefasst machen, dass die zwei Schwestern auf sich warten lassen, oder eben mal gerade nicht den Drang oder die Lust verspüren, ein Interview zu führen. Eigenwillig und unangepasst, das sind sie schon seit Anbeginn ihrer Karriere – sowohl auf als auch neben der Bühne.
kinki wollte wissen, wie es sich anfühlt, im schnellebigen Musikzirkus erfolgreich mit Maskerade und Theatermontur zu bestehen und welche Pläne sie für die Zukunft schmieden. Bei ihrem Schweizer Konzert in der Schüür gelang es uns, Bianca Casady für ein kurzes Gespräch zu gewinnen, bei dem sie sich ebenso speziell und unnahbar zeigte, wie wenn sie mit ihrer überirdischen, hohen Stimme auf der Bühne summt.
CocoRosie, zwei ausgefallene Divas auf ihrer Theaterbühne? Viel eher zwei Künstlerinnen, die im "CocoRosie-Land" leben, während die Welt aussen ihre gewohnten Runden dreht. Ihre Welt besteht nicht nur aus Musik, sondern aus künstlerischen Projekten und den Charakteren, die sie privat weiterführen. So spiegeln auch an diesem Abend ihr stets befremdendes Aussehen sowie die üppige Kostümierung ihren Charakter wieder, den wir Dank der hervorragenden stimmlichen Leistung mittlerweile auch ein bisschen in unser Herz geschlossen haben. Ein Gespräch über die Welt da draussen, über zukünftige Projekte und über solche, die auf der Strecke geblieben sind.
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Interview mit CocoRosie
kinki magazine: Wie hat sich eure Musik über die Jahre hinweg verändert?
Bianca Casady: Ich weiss nie, wie ich diese erste Frage beantworten soll… Ich denke, dass unsere Musik eigentlich Pop Musik ist, unsere Musik ist Pop, weil sich Pop Musik überall bedient, auch bei anderen Kulturen. Auch wir betonen unterschiedliche Stile und bringen sie alle gleichzeitig zusammen, das ist es wohl, was Pop Musik ausmacht.
Ihr sucht auch ausserhalb der Musikwelt nach Geräuschen, oder?
Ja, wir pflegen eine Art "Sounddesign-Annäherung". Zum Beispiel orientieren wir uns am Sounddesign von Filmen, das ist eigentlich mehr als Musik, weil sie gezielt versucht, die Leute an einen Ort oder in ein Gefühl zu transportieren. Das ist nicht nur eine musikalische Erfahrung, sondern fast ein bisschen wie eine Reise.
Versucht ihr das auch mit eurem Image zu bewirken? Mit den Kleidern und den entfremdenden Elementen wie dem Schnauz oder den Perücken?
Ich denke, das ist ungefähr dasselbe. Das ist eine visuelle Manifestation von dem, was in unserer Musik vor sich geht. In den Ideen und den Lyrics besteht immer eine visuelle Beziehung zu allem, nicht nur zu unseren Kleidern, auch zu den Videos: es gibt keine Hierarchie zwischen dem Visuellen und dem Akustischen. Beides repräsentiert das Gleiche, was immer es auch sein mag. Und es beeinflusst sich gegenseitig: Zum Beispiel begannen wir diese Seemanns- und Piratenkleider zu tragen, danach begannen wir musikalisch in diese Richtung zu experimentieren und wie betrunkene Seemänner zu singen und schliesslich endeten wir bei fernöstlicher Musik, oder einfach Musik, die man im Norden nicht finden würde. Wir bemerken das selbst gar nie genau, mal kommt ein Input von der Mode her, mal von der Musik, das geht hin und her. Es gibt wirklich keine Hierarchie, jedoch ist die Kleidung im Alltag vermutlich bedeutender, denn auch wenn wir keine Musik machen, führen wir unser Projekt dadurch weiter.
Im Moment gibt es viele weibliche Sängerinnen oder Gruppen, die eine Art Konzept-Band haben und nicht nur auf ihre Musik setzen, sondern auch auf Kleidung.
Wir achten nicht sehr darauf, was andere machen. Wir bekommen das nicht wirklich mit, mal kennen wir die Musik von einem Musical-Komponisten oder mal einen bestimmten Mainstream-Sänger, was ansonsten in der Welt so vor sich geht, wissen wir nicht genau.
Was hörst du im Moment für Musik?
Ich finde es im Moment sehr schwierig, neue Musik zu finden, die mir gefällt. Aber generell mag ich R’n’B und Musik, die bewirkt, dass ich mich gut fühle, wie zum Beispiel jene von Akon. Ich weiss nicht… wir hören nur Musik, wenn wir tanzen und dann fühlen wir uns auch gut. Sierra und ich haben schon einen ähnlichen Geschmack, natürlich hat sie immer mehr klassische Musik gehört als ich, aber ich mag diese Musik mittlerweile auch sehr gerne. Wir haben also früher ziemlich unterschiedliche Sachen gehört, heute mögen wir so ziemlich dasselbe.
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Man sieht vermehrt Musiker mit Kinderspielzeug oder kleinen elektronischen Gerätschaften, denkst du, dass ihr eine Vorbildfunktion habt?
Ist das so? Das ist mir eigentlich ziemlich egal. Aber ich denke, dass das irgendwie schon Sinn macht. Uns wurde oft das Label "seltsam" aufgedrückt, denn irgendjemand muss schliesslich diese Rolle übernehmen. Natürlich ist es nicht immer einfach, als seltsam kategorisiert zu werden. Aber ich denke, dass man viele gute und berühmte Dinge auf ihre Anfänge zurückführen kann, und da wurden sie auch mal als schräg und unangepasst bezeichnet. Ich denke, dass es immer eine Frage der Zeit ist, das Massenpublikum braucht immer Zeit, bis es sich an einen aussergewöhnlichen Künstler gewöhnt hat und ihn aufnimmt. Wir selbst sehen uns als Künstlerinnen, nicht nur als Musikerinnen. Wahrscheinlich dauert es sogar länger, wenn man ein Künstler ist, der nur als Musiker wahrgenommen wird.
Was ist mit älteren Projekten geschehen, zum Beispiel mit der Galerie in Paris? Oder dem Artspace in Brooklyn?
Die Galerie in Paris lief ein Jahr lang ganz gut, jetzt ist sie geschlossen und wird verändert und niemand weiss, was daraus werden wird. Aber wir hatten einige sehr interessante Projekte dort und viele Events, da lief ständig was. Aber im Moment liegt das nicht mehr in meinem Fokus. Mit dem Artspace in Brooklyn hatte ich schon abgeschlossen, bevor ich die Galerie in Paris eröffnete.
Und dein Record Label Voodoo Eros?
Wir haben nichts mehr rausgebracht seit "Quinn Walker’s" vor einem Jahr, einige der Musiker sind jetzt auch bei anderen Labels, das Projekt ist sozusagen in den Ferien (lacht). Das war einfach so eine verrückte Idee! Ich kann irgendwie nicht damit aufhören, neue Dinge zu beginnen, das ist meine Obsession. Ich bin zwar sehr beschäftigt als Künstlerin, aber ich habe auch eine "Kuratorenseite", deshalb habe ich auch viele Projekte mit anderen Künstlern begonnen. Das Label sollte ja Künstler unterstützen, die ich selbst mag. Sierra hatte zum Beispiel mal eine One-Album-Band, aber das war ebenso kurzweilig wie einzigartig.
Was sind deine nächsten Pläne und Projekte?
Meine Schwester und ich haben gerade einen Film gedreht. Ich weiss noch nicht einmal, ob es ein langer Film oder ein Kurzfilm wird, das wird sich erst bei der Bearbeitung herausstellen. Keine Ahnung, aber es steht uns viel Arbeit bevor. Das ist unser "latest big thing". Und natürlich arbeiten wir an unserem Album, das Anfang nächstes Jahr herauskommen soll, sobald es endlich fertig produziert ist.
Wird der Film, von dem du da sprichst etwas mit CocoRosie zu tun haben?
Irgendwie ist alles, was wir machen miteinander vernetzt, nur schon weil ich den Film mit meiner Schwester gedreht habe. Und da wir die einzigen Charaktere sind und die ganze Musik machen, hat dieses Projekt unweigerlich auch etwas mit CocoRosie zu tun. Ausserdem übernehmen wir die Charaktere auch auf der Bühne. Also: ja.
Wie hat eure wachsende Bekanntheit euer tägliches Leben verändert?
Ich denke, sie hat unseren Alltag nicht verändert. Sie hat gar nichts verändert.
Gab es für euch jemals so etwas wie ein Ziel, das ihr erreichen wolltet, oder habt ihr in erster Linie für euch selbst Musik und Kunst gemacht?
Wir haben die Musik für uns selbst gemacht, denke ich. Dass wir die Musik dann veröffentlicht haben, war einfach eine natürliche Entwicklung. Ich glaube, wir behalten uns eine Art Bewusstsein vor, wir sind sehr dankbar für die Möglichkeit, an der Welt teilnehmen zu dürfen. Es ist ein Glück, Dinge erforschen zu können, die uns interessieren, und damit das Interesse der Leute zu wecken.
Weitere Informationen gibt's auf der MySpace Seite und auf der Website von CocoRosie.
Text und Interview: Florence Ritter

Kommentare (2)
entfremdet – arrogant – faszinierend
von Anonymous am 1.10.2009 17:38