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Hoja Blanca / Weisses Blatt

Am 26.4.2011 1 Kommentare
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Dass Kreativität ein Segen ist, braucht man nicht zu hinterfragen, doch wird man sich dessen erneut bewusst, wenn man sich ansieht, durch wie viele Möglichkeiten man Kunst erschaffen kann, basierend auf einem Stück weissen Papier. 26 Künstler aus Zürich und Guatemala stellten in den vergangenen Wochen ihre schöpferische Kraft unter Beweis, indem sie aus einem 30x30 Zentimeter grossen Blatt die vielfältigsten Kunstwerke kreierten. Rémi Jaccard und Stefan Ege, zwei Kunstschaffende, -interessierte und -studierte aus Zürich realisierten ein Projekt, das die Kunst zweier völlig unterschiedlicher Welten für einmal zusammengebracht hat.

 

Im von Armut geprägten Guatemala spielt zeitgenössische Kunst eine vermeintlich zweitrangige Rolle. Dieser Tatsache zum Trotz geht das Kunstprojekt "Hoja Blanca", zu Deutsch "weisses Blatt", in Mittelamerika auf Tour und wird gleich an drei Orten zu sehen sein. Im als Hochburg für Kunst geltenden Zürich fanden die 26 Werke gerade mal während zwei Wochen im ehemaligen Silberschmied-Atelier am Weinplatz 7 eine temporäre Unterkunft. In Zürich sei der Kunstmarkt halt übersättigt, erklärt der Kurator des weissen Blattes Rémi Jaccard. Hier fällt es schwer, auf Interesse zu stossen, während in Guatemala kunstmässig kaum etwas passiert. Die Unterschiede der beiden Kulturen würden sich bei den entstandenen Werken aber kaum bemerkbar machen. Ein schöner Beweis dafür, dass wir Menschen, im Grunde unseres Wesens, alle gleich sind oder zumindest dann, wenn das Herz für ein und dieselbe Art sich auszudrücken schlägt: Für die Kunst.

 

 

kinki magazin: Rémi, wieso bleiben die Werke des Hoja Blanca Projekts eigentlich anonym?
Rémi Jaccard: Es gibt schon eine Liste, in der alle Personen namentlich erwähnt werden, aber die Bilder bleiben unbeschriftet. Wir wollen, dass der Betrachter möglichst unvoreingenommen an die Ausstellung herangeht und nicht mit seinen eigenen Vorurteilen konfrontiert wird. Die Schweizer haben ja oftmals die gleichen Kunstschulen besucht, da wird auch ein immer wiederkehrender Stil sichtbar, aber das soll nicht von uns vorgegeben werden. Man soll auch nicht wissen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelt, von dem das Werk stammt und natürlich auch nicht, ob es in Guatemala oder in Zürich entstanden ist.

Gibt es zwei Werke, bei deren Vergleich der Unterschied der beiden Kulturen krass bemerkbar wird?
Nicht direkt, aber die Individuellen Unterschiede sind wirklich extrem. Man sieht eine weite Bandbreite von Techniken, Herangehensweisen, von künstlerischem Schaffen. Es sind auch sehr unterschiedliche Hintergründe, die hier zusammenkommen. Das macht meiner Meinung nach mehr aus, als die rein kulturellen Hintergründe. Es gibt natürlich schon einzelne Werke, bei denen die Herkunft rasch bemerkbar wird.

Zum Beispiel?
Auf einem Bild sind beispielsweise indigene Kinder abgebildet, was ja wirklich nicht typisch schweizerisch ist. Dann ist es relativ klar zuzuordnen. Bei anderen eher abstrakten Werken gibt es aber kaum Möglichkeiten, das zu unterscheiden.

 

 

Was sind denn das für Leute, die an diesem Projekt teilnahmen?
Also vom Alter her zwischen Mitte 20 bis 50 oder 60 ist alles vertreten. Hälfte Frauen und Hälfte Männer, ein bischen mehr Schweizer als Leute aus Guatemala. Auch welche, die sonst wenig mit Kunst zu tun haben, Amateure sozusagen und parallel diejenigen, die schon in Venedig bei der Biennale ausgestellt hatten.

Und wie seid ihr ausgerechnet auf Guatemala gekommen?
Ich hatte schon vorher mit Stefan Ege, der ja in Guatemala lebt, zusammengearbeitet, es hat sich daher einfach so angeboten. Von Anfang an hatten wir eigentlich die Idee, diese Situation zu nutzen. Ist schon spannend mit diesen zwei unterschiedlichen Welten zu arbeiten. Kunst hat in Guatemala einen komplett anderen Stellenwert als in der Schweiz.
 
Ohne die Kunst abwerten zu wollen: Aber in Guatemala geht es wahrscheinlich um grundlegendere Dinge im Leben als um Kunst.
Genau, dort sieht man sich mit anderen Schwierigkeiten konfrontiert. Auch das Stipendien-System an all den Kunstschulen, so etwas existiert in Guatemala einfach nicht. Um irgendeinen Status der Vergleichbarkeit zu erreichen, entstand dann eben das Projekt "weisses Papier", wir wollten etwas schaffen, bei dem alle die gleichen Voraussetzungen haben.

Warum ausgerechnet ein weisses Papier?

Weil ein weisses Papier immer am Anfang von allem steht, am Anfang von neuen Konzeptionen zum Beispiel. Es ist etwas ganz Universelles, gleichzeitig bietet es aber auch sehr weitreichende Möglichkeiten. Es war ja auch nicht die Idee, dass jeder einfach etwas draufzeichnet, sondern man sich weitere Ideen einfallen lässt. Ob man etwas fotografiert oder abdruckt, ob man es zerschneidet oder was auch immer damit anstellt.

Fühlten sich manche Künstler dadurch nicht eingeschränkt, dass sie nur ein weisses Blatt zur Verfügung hatten?
Also es war bestimmt keine einfache Aufgabe. Eingeschränkt fühlten sich wohl primär die Leute, die normalerweise mit Ölfarben auf Leinwand malen. Aber ansonsten hatte ich schon den Eindruck, dass es ein Format ist, das immer noch sehr viele Freiheiten erlaubt.

Gab es denn irgendwelche Schwierigkeiten während des Projektes? In Guatemala vielleicht?
Also zu Guatemala ist zu sagen, dass das Projekt gleich auf sehr viel Anklang gestossen ist, die Leute hatten Freude als sie davon erfuhren und wollten auch gleich mitmachen. Das war kein Problem. Einen Ausstellungsraum in Guatemala zu finden, war dann schon eine grössere Sache. Die Kommunikation war nicht so einfach, vor allem so über die Distanz hinweg.

 

 

In der Einleitung zum Hoja Blanca Konzept schreibt ihr, dass zeitgenössische Kunst im globalen Vergleich immer ähnlicher wird. Warum ist das so?
Das hat viel mit dem Kunstmarkt zu tun. Es ist heute immer und überall möglich, sich zu informieren auf der Welt. Es gibt eine Schicht von Sammlern, Kuratoren und Kritikern die sich weltweit bewegt und ihre Information akquiriert. Dadurch ist es viel schwieriger geworden, dass irgendeine Stadt ihren eigenen Stil entwickeln kann. Abgeschottet von der Welt gibt es sozusagen nichts mehr zu entdecken. Ständig passiert ein Austausch und auch eine Angleichung an das, was Erfolg hat oder gerade gehyped wird.


Nochmal zurück zum weissen Blatt. Welches ist das eindrücklichste Werk, das geschaffen wurde?
Es fällt mir schwer, das so zu sagen. Ich sehe das auch nicht als meine Rolle an, darüber zu urteilen. Die Werke sind so dermassen vielfältig. Erstaunt hat, dass niemand einen Papierflieger oder so gemacht hat (grinst).

Hat dich das Projekt verändert, deine Einstellung, Weltanschauung beeinflusst?

Nein, ich habe nach wie vor Freude daran, mit Kunst zu arbeiten. Ich kann dir im Moment echt noch nichts dazu sagen. Vielleicht aber nachdem ich an der Ausstellung in Guatemala gewesen bin, am besten fragst du mich dann nochmal.

Was ist dein nächstes Projekt? Geht es in eine ähnliche Richtung?

Ich konzentriere mich jetzt zuerst auf dieses Projekt. Weiteres ist noch nicht in Planung.

 

 

Text und Interview: Katja Fässler

Werkabbildungen des Projekts Hoja Blanca / Weisses Blatt

 

 

Tags: hoja blanca, weisses blatt, remy jaccard, stefan ege, kunst, guatemala, Ausstellung, Interview

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