Happy Art
Im kinki magazine #25 berichteten wir ausführlich über den russischen Designer, Kurator, Dozent und Performance-Künstler Andrey Bartenev. Doch so viele beschwingte Antworten, wie das Multitalent uns gab, hatten im Bericht schlichtweg nicht Platz. Auch für die schrulligen, liebenswürdigen und fantasievollen Wesen, die sich in seinen Performances allein schon wegen ihres Äusseren – alle Kostüme werden von Bartenev selber designt – gegenseitig ausstechen, wurde es im Magazin zu eng. Deshalb sind sie hier in bewegten Bildern versammelt und geben endlich Einblick, in die im Heft beschriebenen Shows und ergänzen mit einzelnen Fragen aus dem Interview Bartenevs Universum.

kinki magazine: Was bedeutet es für dich, fröhliche Kunst zu machen?
Andrey Bartenev: In meinem Kopf und in meinen Gefühlen folge ich einer Art emotionaler Orientierung. In allem, was ich tue, versuche ich Emotionen und eine neue Art von Humor zu finden, die mich und die Zuschauer glücklich machen. Als ich eine Installation für die Willem de Kooning Stiftung machen sollte, stand zu Beginn des Projekts die grosse Frage: was kann ich gut gebildeten Zuschauern wie Kuratoren, Galleristen und Personen, welche die moderne Kunst sehr gut kennen, noch zeigen? Ich brauchte drei Wochen, um den Schlüssel zu finden, wie ich meine Inspiration einbringen und ein solches Publikum noch überraschen könnte. Meine Orientierung zu "Happiness“ und meine Empfindlichkeit halfen mir dabei. Ich fühlte, dass wenn ich etwas finden würde, das meine Seele emotional oder energisch berührt, dann könnte es auch ein solch professionelles Publikum bewegen.
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Gibt es zu wenig Humor in der zeitgenössischen Kunst?
Wenn wir umherschauen, gibt es tatsächlich nicht so viel Humor, oder zumindest keinen Humor um des Humors willen. Es gibt nur Humor für Geld und Geschäfte.
Du scheinst Musik, Mode, Theater und Tanz besonders zu mögen, welche Musiker, Designer etc. inspirieren dich im Speziellen?
Es ist die Energie! Wenn alles voller Fröhlichkeit, voll von Leben und der Schönheit der Bewegung ist!
Was prägte dich und deine Arbeit am stärksten?
Die Abwesenheit von Gedanken. Wie die grenzenlosen Schneewüsten im Norden. Es fühlt sich an, als würde Leere den Raum verführen… Erst von diesem Moment an ist es möglich, noch mal von vorne zu beginnen.
Definierst du dich ständig neu?
Früher war meine Kunst sehr geradlinig, ich hatte einige Ideen und verfolgte diese. Dann realisierte ich, dass die emotionale Welt einiges grösser ist, als meine praktische Sicht von ihr. Ich versuche heute ständig neue Ideen zu eröffnen und beziehe neue Technologien, Kompositionen und Ideen von Objekten ein. Für mich war es grossartig, Robert Wilson in Amerika kennenzulernen, er hat mir anfangs 2000 sehr viel beigebracht. Ich habe unterschiedliche Installationen und Performances für sein Watermill Center gemacht.
Wilson hatte also einen starken Einfluss auf dein künstlerisches Denken?
Ja. Wilson ist sehr mathematisch, er arbeitet mit Linien und Ecken, ich hingegen arbeite mehr mit Kreisen. Er ist ein Genie der Linien und konnte mir beibringen, wie ich meine Aufmerksamkeit gegenüber Kreisen verändern und öffnen, sie von einer anderen Seite sehen kann. Ich bin dafür sehr dankbar.
Du arbeitest mit diversen Kunstformen und Materialien, dient das ebenfalls der ständigen Erneuerung / Neudefinierung?
Ja, du hast absolut Recht. Aus diesem Grund mag ich es auch, zu unterrichten, Workshops zu machen und Lektionen zu geben. Dabei kann ich junge Künstler treffen und wir können unsere visuellen Ideen verbinden und austauschen. Wir können neue Ideen erfinden, die keinerlei gemeinsame Vorgeschichte benötigen.
Du arbeitest meistens mit deinen Studenten zusammen, oder wer sind die Darsteller bei deinen Performances?
Das ist richtig, es handelt sich zum grossen Teil um Studenten. Ich war gerade in Sibirien und habe die Performance "Bubbles of Hope" präsentiert. Dafür haben wir Studenten von der Theater Akademie und vom Institut für technisches Design eingeladen. Grundsätzlich kann aber jeder mitmachen, der sich dafür interessiert, was ich mache und etwas lernen möchte.
Magst du es, das Publikum bei deinen Performances einzubeziehen?
Manchmal, ja. Zum Beispiel haben wir das bei der Performance "Shaking Angles" für den National Arts Club in New York gemacht. Da habe ich meine Schauspieler in einer Linie aufgestellt und ihnen gegenüber die Zuschauer plaziert. Zwischen den beiden tingelten Objekte umher, welche die Schauspieler in Richtung der Zuschauer stiessen. Diese "Shaking Objects" mussten die Zuschauer dann zurück stossen, weil sie sonst einfach auf sie drauf gefallen wären. Ich beziehe das Publikum ein, indem wir mit ihm interagieren.
Welches sind dein liebsten Performance Stücke?
"Gogol-Mogol", "Underpants on the Stick" und "Bubbles of Hope". Eine meiner allerliebsten Performances ist sicherlich Gogol-Mogol: damit man Gogol-Mogol trinken kann, muss man Eier und Milch schütteln. Wir haben die Performance mit Skulpturen gemacht, dafür haben wir 6000 Eier verwendet. Die Besucher trugen alle Regenmäntel und Plastikplachen. Eine weitere Performance mit einer Tortenschlacht haben wir letztes Jahr gemacht. Wenn das Publikum partizipiert, können sich sehr schöne Elemente ergeben.
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Was war die Idee hinter der Performance "Bubbles of Hope" und was hat es mit diesem Catwalk auf sich? Sieht ein bisschen aus wie eine Fashionshow, oder?
Wir beeinflussen alle unsere Träume. Wir geben viel Energie in unserer Träume rein, schlussendlich werden daraus Blasen, die wegfliegen, die aber auch explodieren können. Nein, es ist keine Fashionshow! (lacht). Es wurde aber tatsächlich im Kontext der Fashionweek gezeigt. Aber es ist wirklich Kunst! Ich werde in meinem Leben nie im Fashionbusiness arbeiten (lacht). Wir nutzten einfach den traditionellen Weg, um andere Ideen zu präsentieren.
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In zeitgenössischen Kunstformen tritt auffallend viel Nacktheit auf, du scheinst das Gegenteil zu machen, indem du die Leute verkleidest.
Mein transkosmisches Wissen zielt durch die Kreation von multifunktionalen Druckanzügen auf den Schutz des fragilen menschlichen Körpers ab. Die Bedeckung der Schauspieler als Objekte verfolgt ebenfalls exakte Ziele: Ablieferung, Verschraubung und Hypnose. Auf der einen Seite versuche ich – passend zum Grundton meiner Kunst – die Leute an Uniformen zu gewöhnen, auf diese Weise sehen die "flu-gaze-bandages" (die Anzüge) sehr natürlich aus. Auf der anderen Seite erforsche ich die japanische Schule der enganliegenden Ganzkörperanzüge – die Zentai. In Anlehnung an diese Philosophie kreiere ich sehr enganliegende Kostüme ohne Schlitze für die Augen und den Mund, es ist kein Millimeter Haut zu sehen. Es ist wie eine "Kokon-Meditation", in welcher die Beschränkung des Sehens und des Hörens es ermöglicht, die (Tast-)Sinne zu stärken.
Was für Projekte stehen an?
Im Sommer werde ich mit meinen Studenten eine Ausstellung für das Museum of Modern Art in Moskau kreieren. Die Ausstellung heisst "Kamasutra Spoon" und wird die sexuelle Anarchie in der Kreativität behandeln: Wie kann Kunst sexuelle Interessen transformieren, sie zu Kunst machen? Wie kann sexuelle Evolution visuelle Bilder beeinflussen? Anfangs Mai gehe ich nach Norwegen, wo ich drei Wochen mit meinen Studenten arbeiten werde. Wir werden auch in Kontakt mit meinen Studenten in Amerika, in Russland und in Europa stehen, denn es werden 40 Künstler ausstellen.
Ist es eigentlich anstrengend, ständig zu reisen?
Nein, es ist sehr interessant, ich mag es sehr. Du lernst neue Leute kennen und bekommst neue Ideen, wie du deine alten Ideen mit anderen Leuten umsetzen kannst.
Du nimmst oft selber an deinen Performances teil, gibt es überhaupt noch eine Differenz zwischen deiner privaten Person und deiner Kunstfigur?
Nicht wirklich. Mein Alltag beeinflusst meine Kunst, deshalb ist mein normales auch mein öffentliches Leben.
Du fühlst dich also einfach in deiner Kunst zu Hause und kannst deshalb überall hinreisen?
Ja, mein Zuhause ist wie ein ganz langer Körper, es ist wie ein anderer Teil meines Körpers.
Text und Interview: Florence Ritter
Neben seinen Performance Stücken arbeitet Andrey Bartenev auch mit zahlreichen anderen Kunstformen, die es zu bestaunen gilt. Zum Beispiel seine grafischen Arbeiten, Installationen, LED-Skulpturen und animierten Videos.
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Kommentare (2)
crazy stuff
von hubert am 10.6.2010 12:03