Good Evening Miss Jewel
Ihre Musik ist quasi elektronisch (analog) und quasi tanzbar (langsam). Sie bringt uns von Spiritualismus zu Synthesizern und von Heidegger zu Deutschland als Faszinosum. Ein Gespräch mit Ramona Gonzalez, die jetzt noch in Los Angeles und wohl bald schon in Berlin lebt.

Nite Jewel
Es lief sozusagen parallel. Im Club tanzte man zu Cosmic, Boogie und New Disco. Privat hörten dieselben Leute Indiepop. Nötig war eine informierte Eklektikerin wie Ramona Gonzalez aka Nite Jewel, um diese Welten mit einem Mix aus analogen Discorhythmen und ambientartigem Lo-Fi-Gesäusel zu vereinen. Heraus kam das, was manche "Bedroom Dance" nennen. Ramona selbst betitelte ihr Debut "Good Evening", wohl weil es zwischen Tag und Nacht steht.
Nicht alle sind überzeugt von den rauschenden, analogen Halbprivatheiten der 25-jährigen Musikfanatikerin, die eher Plattensammler sammelt als Platten. Doch auch wenn sie mit ihrer beinahe esoterischen Sanftheit renommierte Kritiker wie "Pitchfork" und "Other Music" spaltet, ist der Philosophiestudentin die öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Seit ihrem selbstveröffentlichten Debut "Good Evening" hat Nite Jewel beinahe nonstop getourt und produziert. Die Bühne teilte sie sich bereits mit Acts wie Deerhunter, Geneva Jacuzzi und Glass Candy – unter anderem auf ihrer Europatour diesen Herbst.
"Good Evening" wurde mehrfach nachgepresst. Zuletzt veröffentlichte sie auf dem Label "Italians Do It Better" ihre Maxi "Want You Back".
Gleichzeitig ist die 1,55 m kleine Amerikanerin mit mexikanischen Wurzeln Epitom eines kreativen Künstlermikrokosmos, der in L.A. eng verflochten ist. Hier scheint denn auch die eingangs erwähnte Behauptung am augenfälligsten bewiesen: Nite Jewels discoides Rauschen mit dem ätherischem Gesang schafft ein Bindeglied zwischen L.A.s virulenter Indie-Szene um die weissen Popintellektuellen von "Ariel Pink’s Haunted Graffiti" und schlaue schwarze Funk-Eklektiken wie Stones Throws "Dam-Funk".
Interview

Nite Jewel
kinki magazine: Ramona, dein Debut ist kein Jahr alt und schon gibt es Leute, die dich in die Kiste mit Washed Out und Beach House stecken, und behaupten, ihr wäret eine Bewegung: Bedroom Dance oder Dreambeat – generell ultra-verlangsamter Lo-Fi-Synth-Pop mit ätherischem Gesang.
Ramona Gonzalez: Weisst du was? Bewegungen können mich mal. Beach House machen doch was ganz anderes. So was hör ich nicht. Manche glauben das scheinbar wirklich und senden mir ihre Musik, Zeug wie Wavves. Das hat doch keine Halbwertszeit.
Ich höre das einmal an, dann schmeiss ich es aus dem Fenster. Oder Times New Viking. Ich kenn die Kids aus L.A., die sind total nett. Jetzt siehst du sie überall auf Postern und grossen Anlässen.
In zehn oder zwanzig Jahren hört das kein Mensch mehr. So viele Leute rennen einfach rum und wollen schnell berühmt werden, irgendwas bauen, hinstellen, schnell, schnell. Milan Kundera schrieb einmal, das sei schlichtweg Angst vor dem Tod.
Sie wissen, sie werden vergehen, deshalb beeilen sie sich so sehr. Ich bin nicht im Stress. Ich lebe in slow motion. Ich will einfach Schönheit erschaffen. Ich arbeite an meiner einen Manifestation von Schönheit.
Dein Erstling Good Evening ist sanft, langsam und discoid, hat aber viele Feinde. Pitchfork zum Beispiel werfen dir Mittelmässigkeit vor.
Pitchfork sagen kein Wort über die Komposition. Die kritisieren die Produktion, alles sei so fuzzy. Aber sie verstehen nicht, wo Good Evening herkommt.
Das sind private Aufnahmen, die ich zu Hause in L.A. mit Synths auf einem Achtspurgerät vor mich hin produzierte, als mit meinen Bands nichts lief. Das sollte gar nie irgendwo rauskommen. Ich zeigte die Aufnahmen einem Freund. Der sagte: das ist super, bring’s doch raus. Ich fragte wo. Und dann haben wir ein Label namens Gloriette gegründet und 1000 Vinyls gepresst.
Irgendwie hat Other Music die Scheibe angefangen zu pushen. Bald war alles ausverkauft, Human Ear Music gab CDs heraus und jetzt auch noch No Pain in Pop. Ich selber bin weiterhin glücklich mit Good Evening. Es ist ein tolles Album. Das Cover zeigt auch einen der glücklichsten Momente in meinem Leben. Mein Hochzeitsfoto.

Nite Jewel
New Yorks tonangebender Plattenladen "Other Music" hat dich sogar mit Arthur Russell verglichen.
Der Vergleich hat mich umgehauen. Ich meine, ich liebe Arthur Russell. Eine ganze Weile lang habe ich die Springfield EP fast täglich gehört. Ehrlich, der Song bringt mich immer noch zum Weinen, er hat genau das, was an Russells Musik so einzigartig ist.
Dunkelheit ohne Traurigkeit. Aber mittlerweile interessiere ich mich mehr und mehr für die New Age Szene. Da gibt es unglaubliche Musik. Zum Beispiel Woo aus England. Oder Collie Ryan. Oder Deuter. Seit neuestem vor allem Iasos. Ein Genie! Auf einem Level mit Arthur Russell. Eigentlich hören mein Mann und ich nur noch Iasos derzeit (lacht).
Die Preise für New Age Vinyls steigen, Grafiker malen überall Dreiecke, Katzen und Kristalle, und jetzt kommt auch noch die Veröffentlichung des Roten Buches von C.G. Jung. Manchmal frage ich mich, warum diese kulturellen Phänomene gleichzeitig innerhalb völlig verschiedener Umgebungen auftauchen. Wusstest du, dass die mechanische Uhr in mehreren Ländern gleichzeitig erfunden wurde?
So was find ich interessant. Dieses Phänomen simultaner Emergenz ist sogar Thema einer universitären Arbeit, die ich gerade vorbereite. Da geht es um das, was Heidegger Angst nennt. Ich will das analysieren, aber es ist in Vorbereitung, ich kann da noch nicht so viel drüber sagen. Ich habe auch meine Bachelor-Arbeit in Philosophie über Heideggers Denken geschrieben.
Es ging um eine ontologische Analyse der kunsthistorischen Separation zwischen Avantgarde und Populärkultur. Ich habe versucht, mit Heideggers Argumenten Noël Carrolls Prämissen aus "A Philosophy of Mass Art" zu widerlegen. Und kam lustigerweise zu anderen Schlüssen als Heidegger und Carroll.
Ich frage mich auch was die Signifikanz solcher Phänomene ist. Zum Beispiel Lo-Fi. Was bedeutet die Benutzung dieses Stilmittels?
Oh, da gibt es so viele Gründe für. Und es sagt etwas aus. Nimm beispielsweise den Klassenkampf. Lo-Fi sagt, dass du nicht im Besitz der Mittel bist, kein Geld hast, um ins Studio zu gehen. Das Ablehnen von modernsten Produktionstechnik kann ein Zeichen dafür sein, dass ein Musiker ein Bewusstsein entwickelt hat über die Wahl der Mittel, die seine Gefühle transportieren sollen.
Wie man Spiritualität mit elektronischen Mitteln lebt. Was wiederum auch auf diese New Age Synthesizer Pioniere zutrifft. Da ging es darum, Spiritualität mit elektronischen Instrumenten zu transportieren.
Deine Tour war hektisch, jeden Tag ein andrer Ort, ein andres Land. Wie nimmst du Europa wahr? Ist es "Old Europe" oder modern?
Für mich ist Europa weitläufig. Und so divers, sogar innerhalb kurzer Strecken. Auf eine Art ist es weich wie ein Kissen, so gefällig. In meinen Augen ist es die perfekte Kombination von Tradition und Moderne.
Man muss nur mal überlegen wie fortschrittlich es ist bezüglich Umweltfragen, öffentlichem Nahverkehr oder Architektur. Vielleicht ist L.A. ein Organic Food Mekka, aber wenn man mal quer durch die USA fährt, denkt man, das Land sei in den 1980ern stecken geblieben. Wir scheinen einfach das Update vergessen zu haben nach der Industrialisierung.

Nite Jewel
Sogar bevor du das erste Mal in Berlin warst, wolltest du schon dorthin ziehen. Auch jetzt noch, nach deinem Konzert dort?
Oh ja! Es stimmt immer noch. Ich will nach Berlin ziehen. Und das Konzert hat das bestätigt. Die Leute, die nach dem Gig zu uns an die Bar kamen, haben so intelligente Bemerkungen gemacht. Meine Liebe für Berlin hat viele Gründe. Ich war schon begeistert von meinem Ostberliner Deutschlehrer in der High School.
Dann gibt es Gudrun Gut, deren aktuelles Album ich richtig toll finde. Sie bringt diesen weibliche IDM Sound in Zeitlupe, wirklich toll. Wir sitehen auch in E-Mail-Kontakt miteinander.
Meine Freundin Erin Weber von Crack We Are Rock lebt auch seit Jahren in Berlin und ist glücklich damit. Ich habe soviel deutsche Musik gehört, Harmonia, Faust, Die Partei... Ich bin besessen von Deutschland.
Schau dir die ganze Musik- und Philosophiegeschichte dieses Landes an. Sogar an der Universität letztes Semester hab ich mich auf die Frankfurter Schule konzentriert, vorher Heidegger und übrigens auch Wittgenstein. Ich nahm Kurse in Deutsch, Deutscher Kunst und Architektur. Ich habe zur Zeit den Wunsch, mich auf etwas zu konzentrieren. Und deutsche Philosophie ist da natürlicherweise für mich das Interessanteste.
Und die Deutschen?
Was ich an ihrer Kultur interessant finde, ist, dass so viel auf dem Spiel zu stehen scheint. Egal, was die Deutschen kommunizieren, es wird gemessen an ihrer Geschichte des Faschismus. Ich habe das Gefühl, die Deutschen kümmern sich mehr um Inhalte, um Tiefgründigkeit.
Und das sehe ich auch so in meiner Musik. Es geht um Inhalte. Und für mich als Eklektikerin ist ebenso Methodik interessant. Und das will ich aus der deutschen Philosophie lernen. Ich will meinen Master machen in Berlin.
Du selbst lebst in L.A., der angeblichen Mutterstadt der Oberflächlichkeit.
Ich bin von New York nach L.A. gezogen, weil es da möglich ist Jobs und Wohnungen zu finden – und weil dort ein paar der tollsten und freiesten Musiker unserer Generation leben. Es ist eine kleine Szene mit gemeinsamen, aber sehr breit gestreuten Interessen. Anti-Hipster, Schallplattensammler, Eklektiker.
In Los Angeles bekam ich die Möglichkeit, zum ersten Mal Installationen auszustellen, ich nahm an Performances mit Human Ear Music teil, ich habe hier meine Platte veröffentlicht. Über meine Tourpartnerin Emily kam ich auch in Kontakt mit Musikern wie Ariel Pink. Ein beeindruckender Mensch. Ich glaube er ist unglaublich intelligent. Es klingt komisch, das zu sagen, aber ich befürchte er ist ein Genie.
Auch ausserhalb der Musik. Mein Mann Cole MGN spielt Gitarre für sein Bandprojekt Holy Shit. Über ihn habe ich auch erst R. Stevie Moore kennengelernt. Und über Human Ear Music habe ich Julia Holter kennengelernt. Ebenfalls eine unglaubliche Künstlerin aus diesem Umfeld. Man sollte die Augen aufhalten nach ihr. L.A. ist eine Stadt, die mich nicht unter Dauerstress setzt. L.A. ist relaxed.

Nite Jewel
Du redest über Inhalte, aber nicht mal Muttersprachler verstehen deine verhallten, leise abgemischten Texte. Denkst du, die Musik allein transportiert deine Inhalte?
Oh nein (lacht). Ich weiss, man versteht mich schlecht. Dabei sind mir Texte wichtig. Ich will mein Debut noch mal rausbringen, diesmal mit Textsheet. Good Evening war einfach eine Heimproduktion auf meinem kleinen Tascam 238 Achtspur Kassettengerät.
Na ja. Darüber hinaus finde ich, dass man vorsichtig sein muss mit dem, was man sagt. Die Leute sind wie Schwämme. Wenn man einfach so irgendetwas sagt, könnte man die Hörer vergiften.
Text und Interview: Jean Legras
Mehr von Nite Jewel gibt's auf ihrer Website und ihrem Myspace- Profil.

Kommentare (2)
wow. die ist so sexy. sowas findet man selten.
von Anonymous am 5.1.2010 00:24