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Animalistic Behaviour

Am 29.11.2011 0 Kommentare
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Heutzutage braucht besonders der Grossstädter ein Ventil, um seinen Frust zu entladen. Der täglich auf den "City-Gentleman" einprasselnde Arbeitsfluss, dem er als Selbst-Ernährer numal ausgesetzt ist, muss kompenisert werden. Modedesignerin Genevieve Devroey hat diesen Alltagsalbtraum in pures Strick-Gold verwandelt.

 

Mit ihrer Abschlusskollektion "Breaking Free" an der Kingston University greift die Designerin visuell auf, was einer ganzen Gesellschaft widerfährt. Ihre Strickdesigns lösen sich an manchen Stellen auf, an andern scheinen sie von einer unbändigen Kraft verzerrt worden zu sein. Neben fragiler Knitwear integriert Devroey eine selbstentwickelte Technik der Materialverarbeitung in ihre Mode und schafft aus Garn und Fell das wohl begehrenswerteste Material ever.

 

Ein ähnlicher Hulk-Effekt findet sich auch in Volumenexperimenten und Schnittverzerrungen wieder. Eine starke Message – wunderschön und subtil umgesetzt – für die Genevieve Devroey für den "Stewart Peters Visionary Knitwear Award" nominiert wurde.

i-D hatte sie diesen Herbst bereits unter der Rubrik "You're so hot right now, you could be the sun" zur Verantwortungsfrage innerhalb der Mode-Nation befragt. Wir waren dann doch eher am Ursprung der animalischen Begierde interessiert. Die Absolventin im Kreuzverhör.

kinki magazin: Genevieve, was hat dich zu deiner Abschlusskollektion "Breaking Free" inspiriert?

Genevieve Devroey: Ich hatte immer schon ein persönliches Interesse an Extremsport. Das hat mich dazu geführt, meine Aufmerksamkeit auf den "City-Gentleman" zu richten, der – vermutlich frustriert vom Büro-Alltag – versucht aus seiner Routine auszubrechen. Die typischen Outdoor-Sportarten eines Städters wie Joggen oder Parkour-Training scheinen eine Möglichkeit zu sein, der Frustration Luft zu machen. Meine Kollektion verweist also im Grunde auf das doch etwas animalische Grundbedürfnis der Menschen, draussen und aktiv zu sein. Ausserdem hab ich Konzepte aus Filmen wie "Fight Club" und "Thelma und Louise" als Grundlage genommen. Die Filme machen deutlich, wie natürliche Instinkte einzelner Menschen einen radikalen Wandel in deren Leben auslösen können.


Du hast eine sehr spezielle Technik benutzt, um diese umwerfenden Fell-/Strick-Teile zu kreieren. Wie kamst du darauf und wie macht man sowas?

Ideen wie diese entstehen bei mir während der Recherchephase. In diesem Fall hatte ich mich über längere Zeit damit beschäftigt, Material zu sammeln und meine eigene Bildwelt zu erschaffen. Ich fand eine sehr inspirierende Skizze einer Figur, die quasi aus allen Nähten platzt – mit vielen leuchtend roten Linien, die das illustrierten. Das hat zur Idee geführt diesen animalischen Aspekt über die Materialität von Fell im Kleidungsstück aufzugreifen. Es war eigentlich nur logisch, dass ich mit meinem Strick-Hintergrund versuchen würde, die beiden Materialien – Garn und Fell – in einer neuen Technik zu verbinden. Es hat aber recht lange gedauert und war mit vielen Experimenten verbunden bis ich den besten Weg gefunden hatte, das umzusetzten, was ich mir tatsächlich vorstellte. Garn und Fell sind hinsichtlich Gewicht und Elastizität sehr unterschiedlich, was es schwierig machte. Um sie miteinander zu verweben, musste ich wirklich „back to basics“ und das Fell quasi im Garn selbst integrieren, um es im Anschluss von Hand stricken zu können. Das war sehr zeitintensiv, aber das Endresultat war wunderschön.




Ja, auf jeden Fall. Und du stehst also auf Extremsport?

Ich bin leidenschaftliche Snowboarderin. Und tatsächlich kam die erste Inspiration für die Kollektion auf meinem Urlaub letztes Jahr. Es ist so ein unbeschreiblich gutes Gefühl – wenn ich in den Bergen bin, bin ich völlig relaxed und kann mal wirklich klar denken. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich meine Ferien immer in den Bergen und mit Schnee verbringen. Es ist sehr wichtig für mich hin und wieder für eine Weile abzuhauen. Ausserdem teste ich gerne neue Sportarten aus. Ich würde nie behaupten, dass ich in einer davon besonders gut bin, aber ich liebe den Adrenalin-Kick. Mittlerweile habe ich auch einiges ausprobiert: Kite Surfing, Scuba Diving, Motorcross – eigentlich alles, was irgendwie mit Geschwindigkeit zu tun hat.

Würdest du sagen, dass diese Leidenschaft ein grosser Einfluss für deine Designs ist?
Ja, massiv... Und wenn es sich nicht direkt in meinen Design niderschlägt, dann wird es zumindest meine Laune derart positiv beeinflussen, dass sich allein das schon in meiner Arbeit reflektiert. Ich werde wohl immer eine Streetwear- respektive Casualwear-Designerin sein. Es spielt einfach eine so grosse Rolle in meinem Leben – Sport an sich, besonders aber die Leute, die involviert sind. Ich liebe, was ich täglich in meinem Beruf mache, aber ich werde auch immer wieder ein paar Tage etwas völlig anderes tun wollen. Allein um dieses berauschende Gefühl zu erleben, das mich Montag morgen wieder glücklich an meinen Arbeitsplatz bringt.



"Breaking Free" handelt vom frustrierten City-Gentleman, der versucht aus seiner Routine auszbrechen. Das macht mich neugierig: Wo bist du aufgewachsen?

Ich wuchs auf dem englischen Land auf und ja, das hat sicher viel damit zu tun, wie "Breaking Free" entstand. Ich hatte damals kaum Möglichkeit für Extremsport, aber eben das drängende Bedürfnis draussen zu sein und irgendwas zu tun. "Breaking Free" bezieht sich darauf, wie ich mich damals fühlte. Um zu studieren, ging ich dann nach London. Und ich liebte es inmitten all des Trubels zu sein, trotzdem brauchte ich auch dort eine regelmässige Dosis "Ausbruch".  Ich schätze das Projekt basiert auf meiner Angst vor dem Eintritt ins Arbeitsleben... Ich hatte schon Erfahrung, aber nichts hat mich darauf vorbereitet, was folgen sollte. Ich denke, die Kollektion widerspiegelt meine Angst, irgendwo festzusitzen. Oder eben meine Sturheit, die Verweigerung es soweit kommen zu lassen. 


Wolltest du immer schon Modedesignerin werden?
Ich würde nicht sagen, dass ich mir das schon immer für meine Zukunft vorstellte. Ich war nie sicher, an welchem Ort sich mein kreativer Output finden würde, mir war aber klar, dass es irgendwo im Kunstbereich sein wird. Ursprünglich schreckte mich dieses "Rüschig-Mädchenhafte", das man der Mode gerne zuschreibt, ab. Ich hab nie in dieses Schema gepasst. An der Uni fühlte ich mich aber wirklich zuhause. Ich hörte immer auf mein Bauchgefühl, was mir erlaubte Männermode zu machen und meinem eigenen Style treu zu bleiben.




Ja, warum eigentlich Männermode?

Das scheint mir irgendwie ganz natürlich zuzukommen. Ich hab eigentlich nie irgendwas anderes gemacht. Das soll aber nicht bedeuten, dass ich mich anziehe wie ein Mann oder ich Stapelweise Männerkleidung horte – wobei ich tatsächlich einige Teile besitze. Ich liebe es einfach, für Männer zu designen. Das ist schwer zu erklären. Für mich ist es einfacher, mit ihnen zu arbeiten. Wobei es ganz schön hart sein kann, Mode für Männer zu machen. In dem Gebiet liegt noch so viel unerkundetes Land und es wird grad zu einem Bereich, der unheimlich viele Möglichkeiten bietet.

Wo geht's von hier aus für dich hin?
Momentan arbeite ich bei ASOS.com für deren Männer-Department. Das ist eine grossartige Chance für mich und ich fühle mich auch sehr wohl dort. Das Unternehmen und mein Stil passen sehr gut zusammen und ich bin mir sicher, dass es ein toller Ort für mich ist, um mich weiterzuentwickeln. Ich weiss nicht genau, wo's für mich noch hingeht. Ich würde liebend gerne irgendwann die Möglichkeit haben mit Funktionsbekleidung zu arbeiten. Da könnte ich meine Sport-Leidenschaft mal so richtig einbringen.

 

Mehr Infos über Genevieve Devroey gibt es auf ihrer Website.

 

 

Text und Interview: Melanie Biedermann

 

Tags: design, strick, fell, genevieve devroey, mode, Interview, modedesign

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