Fluoreszierend und flüchtig
Als vor über zweihundertzwanzig Jahren die britischen Chemiker
William Ramsay und Morris William Travers in ihrem Labor
auf das Edelgas Neon stiessen, hätten sie sich wohl nicht erträumen
lassen, dass das neue Element nicht nur mit der Nummer zehn in die naturwissenschaftlichen Gefilde des chemischen
Periodensystems eingehen würde,
sondern in seinen modernen Ableitungen immer wieder die schön-
geistige Welt der Mode und Musik prägen würde. Von
London bis nach Kuala Lumpur. Immer und immer wieder.
Dementsprechend bunt findet sich an
einem sonnigen Sonntagmorgen
denn auch die malaysische Musikerin
Namens Zé (alias Zebra in Pink,
a.k.a. Searze) im Industriequartier am
Fusse des Zürcher Uetliberges ein.
Den zierlichen Körper hat sich die
hübsche junge Frau ganz
ihrem Namen entsprechend in
schwarz-weiss gestreifte Leggins
gesteckt, in ihrem kleinen
Gesicht funkeln verschiedenste
Farbtöne in Form von Schminke
auf- und nebeneinander um die Wette.
Die gestrige lange Konzertnacht im
Zürcher Superzero Club scheint
jedoch keine Spuren darin hinterlassen
zu haben, oder aber diese
unter ebendiesen Leuchtpartikeln
begraben zu haben.
Nach einer zurückhaltenden Begrüssung
schleppt die Musikerin ihre
Kleidersäcke ins Untergeschoss der Fotolocation und zeigt uns dort die grell leuchtende Ausbeute ihres Berliner Shoppingausflugs und eine Sammlung verschiedenster Bühnenoutfits: Bikinis mit Sternchen, leuchtende Regenmäntel aus Latex, Hüte, Leibchen und Schuhe werden fein säuberlich auf dem Sofa drapiert und dem Fotografen zur Auswahl geboten.
Zusammen mit ihrer Schwester führt Zé in Kuala Lumpur eine Fashion-
boutique, wo die beiden ihre fluoreszierenden Kollektionen unter
dem Namen "Osixnine" der fashionhungrigen Jugend der Millionenstadt
feilbieten. "Das ist etwas, das wir eigentlich immer schon
machen wollten", erklärt Zé die Entstehungsgeschichte ihrer Designer-
karriere.
Ob es sich denn bei den Kleidern um passende Outfits zum Soundtrack
der quirligen Dame handelt, weiss Zé auch nicht so genau:
"Vielleicht scheint das so, ja. Das liegt vielleicht einfach
daran, dass wir nur Sachen entwerfen, die uns selbst
gefallen, genauso ist das auch mit meiner Musik."
Mit einem Berg leuchtender Klamotten verlässt Zé den Raum, um sich
umzuziehen und wenig später in einer Hülle aus Neonfarben
zurückzukehren, die an den wichtigen Stellen auch viel Haut durchblicken
lassen, welche wiederum selbst an Bauch und Hüften über und über mit leuchtendem Glitter überzogen ist.
Auch wenn die fälschliche sprachliche Ableitung des Wortes Neon
eigentlich nichts mit dem in den 1890er-Jahren in London
gefundenen Edelgas aufweist, so ist der Name dennoch geblieben, und
ebenso wie die Verbindung zum Geburtsort des Elements an
der Themse. Dort räkelte sich in den 80ern und 90ern des vergangenen Jahrhunderts die gleichgültige Jugend zu nächtlicher Stunde in phosphoreszierendem Tuch zu elektronischen Klängen.
Man bewegte sich zu einer Musik, die einem das Gefühl vermittelte, die
Zukunft habe gerade in diesem Moment eben angefangen, und
nehme alle mit auf eine galaktische Reise, durch das grelle Universum
des verklanglichten Hedonismus. Menschen kleideten sich wie
Markerstifte, Schminke war nicht Schminke, wenn sie nicht sogar den
Schweiss in fluoreszierende Lava verwandelte und der Schnuller im
Gesicht wies die Aussenwelt daraufhin, dass das Erwachsensein
höchstens zum längeren Aufbleiben etwas zu bieten hatte.
Die Technobewegung entzog sich jeglicher Verantwortung. Fast
unvorstellbar erschien einem die politische Lethargie eines
Kurt Cobain, der sich aus lauter Weltschmerz fast zeitgleich das
Gewehr in den Rachen steckte, unverständlich die Wut
linksradikaler Punkvereinigungen, die in besetzten Häusern zu
brachialen Gitarrenklängen farbige Banner mit Totenköpfen
und Karikaturen der Weltgeschichte bepinselten.
Zé sieht sich selbst nicht als politische Musikerin. Auch will sie die
Leute in ihrer Heimat, wo sie dank durchschlägiger Erfolge – unter
anderem bei der asiatischen Antwort auf den Grand Prix Eurovision,
dem "Sutasy Songcontest" – schon ein gewisses Mass an
Berühmtheit erlangt hat, mit ihren Songs nicht provozieren.
Viel eher scheinen ihr die Leute in Malaysia noch nicht bereit zu sein
für ihre schimmernde Welle aus Electropunk und Pop, mit
welcher sie deshalb lieber erst mal das europäische Publikum beglückt:
"Viele Leute in Malaysia hören sich traditionelle Musik an oder
Rock und Pop – Dancemusic ist kaum verbreitet in Malaysia.
Man würde sich dort nie für eine Party ausgefallen auftakeln oder so. Als
ich das erst Mal nach Berlin gekommen bin und dort auf eine
Electro-Party ging und mir angesehen habe, wie sich die Leute dort
anziehen, dachte ich mir: Oh mein Gott, endlich Leute, die mich wirklich verstehen!"
Ihr geht es darum, "den Leuten eine laute und eindrückliche
Performance zu liefern". So tanzt sie sich zu Tracks wie
"I am Glam" oder "Hello Disco" auf ihrer Tour derzeit durch die
Lichtkegel verschiedener europäischer Clubs und feiert in ihren
Performances die Verschmelzung von Fashion, Tanz und Musik: "Ich
habe viele verschiedene Genres ausprobiert, in verschiedensten
Bands gespielt, doch der Electropop bot mir die Möglichkeit, meine
Liebe zur Mode mit der Musik verschmelzen zu lassen", erklärt Zé.
Sich selbst beschreibt die 26-Jährige auf ihrer Homepage mit den Worten
"Zé is one loud and bitchy electropop singer and songwriter".
An diesem Sonntagnachmittag ist allerdings von "loud" und "bitchy" nicht
das Geringste zu spüren. Bereitwillig und geduldig posiert Zé vor der
Kamera und bittet mit Gel und Vaseline bewaffnet freundlich darum, ihr
doch die Haare noch ein bisschen wilder zu stylen.
Der Jahrtausendwechsel brachte wenig kreative Neuerfindungen mit
sich, dafür viel Fantasie zur Kombination retrospektiver
Trends. So erschien vor wenigen Jahren denn auch die Kombination
des bislang grössten modischen Fauxpas, dem neonfarbenen
Overall, mit Punkattitüde und rauchigen Kellerclubs auf einmal alles andere als verfehlt.
Zu den hämmernden Beats von M.I.A, CSS, Santigold und vielen weiteren schreienden hyperaktiven Damen in zu weiten Oberteilen und zu
engen Hosen feierten Punk und Techno ihre laute, farbenprächtige
Hochzeit. Modelabels wie Cassette Playa steckten die
tanzhungrige Jugend der englischen Hauptstadt in riesenhafte
Smiley-Shirts und der vorangegangene Garage Rock Hype verlieh den Tanzwütigen das Auftreten kunterbunter Siffköpfe, die sich zwar
immer noch gerne die Nächte auf dem Dancefloor um die Ohren schlugen,
sich den ernsteren Seiten des Lebens allerdings nicht komplett zu
entziehen vermochten.
Fortan spülte man die bunten Pillen mit einem Schluck Dosenbier
runter, trug opulente Goldketten mit Maschinenpistolen
dran und bewies mit einer breiten Musikauswahl auf dem iPhone nicht Charakterlosigkeit, sondern viel eher Individualität.
So sieht denn auch Zé – die mit bürgerlichem Namen eigentlich Sarah
heisst, wie das krakelige Adressschildchen an ihrem riesenhaften
Rucksack verrät – den Vergleich zu ihren grossen Vorbildern und den
Vorwurf der fehlenden Neuartigkeit dann auch weniger als Vorwurf
denn als Kompliment: "Ich glaube, als unbekannter Künstler wird man
immer mit irgendjemandem verglichen, den es schon gibt, auch wenn man
eigentlich etwas anderes macht.
Ich sehe das allerdings als Kompliment, da M.I.A und Santigold wirklich
grosse Vorbilder für mich sind." Aber lauter als ihre
Musikgenossinnen sei sie, meint Zé mit einem scheuen Lächeln. Und
man darf sich sicher sein, dass die Multiinstrumentalistin auch
keinerlei Mühe haben dürfte, die Lautstärkeregler selbst in die Hand
zu nehmen.
Durch ihre Ausbildung als Sound Engineer sowie jahrelange Erfahrung an verschiedensten Produktionen in unterschiedlichen Genres hat sich
Zé ihre musikalischen Sporen mit Sicherheit abverdient und den Weg für
eine Karriere geebnet. Die Frage ist nur, wie lange der Electro
Hype noch anhalten wird. Lange genug für laute Malaysierin, um das
schnellebige Londoner Clubleben noch für sich zu gewinnen?
Bei Neonfarben handelt es sich um nichts anderes als um Farben, deren
ansonsten schlechter sichtbaren Spektralanteile des Tageslichts
durch Fluoreszenz heller und leuchtender erscheinen. Anders formuliert: Neonfarben müssen ins richtige Licht gerückt werden, um
in ihrer ganzen Helligkeit zu erstrahlen. Doch was passiert, wenn die
Lichtquelle plötzliche erlischt? Was, wenn die Laufstege lieber auf
zeitlose Eleganz setzen und die Musikwelt sich wieder nach
nachdenklichen Indie-Strebern sehnt?
Was passiert, wenn von London bis nach Berlin wieder dunkle Erdtöne die Kleiderschränke schmücken und der quietschbunte Partydress neben der Trillerpfeife im Altkleidersack landet?

Zé (Zebra in Pink, a.k.a. Searze)
Mittlerweile hat sie sich weitgehend abgeschminkt und wirkt viel jünger,
als sie wirklich ist, wie sie so vor Brownie und Orangensaft auf der
Wiese im Park sitzt. Ihre weiblichen Reize hat sie grösstenteils unter
einem Oversized Shirt versteckt. "Natürlich unterscheidet sich
die Kunstfigur der Zé von meiner privaten Person", erklärt Sarah ihr
Verhältnis zu ihrem Alter Ego. "Ich würde sagen, sie ist ein
kleiner Teil von mir, der einfach manchmal zum Vorschein kommt."
Doch was, wenn diese Kunstfigur weder durch ihre schrillen Outfits noch
durch laute Shouts und pumpende Beats mehr aufzufallen
vermag, weil sich die einst so bunte Meute in einen weitgehend
grauen Mob zurückverwandelt hat? "Ich glaube definitiv, dass ich
bei der Musik bleiben werde, auch wenn der Electro-Hype
vielleicht bald schon ganz vorbei sein wird", garantiert uns Zé
und trommelt mit ihren feingliedrigen Fingern auf ihrem Rucksack.
"Vielleicht kann ich, wenn ich mal ein bisschen älter werde, nicht
mehr so exzessiv tanzen (lacht), aber Musik machen werde
ich wohl mein Leben lang."
Vielleicht wird das nächste Album ja auch ganz anders tönen als dieses,
wer weiss. Bedenkt man die vielen Namen, unter denen
sich die Malaysierin in der Vergangenheit zu präsentieren wusste, die unterschiedlichen Musikgenres, in denen sie sich schon zu
Hause fühlte, so hegt man kaum Bedenken, dass ihr eine weitere
Neuerfindung allzu schwer fallen dürfte.
"Ausserdem gefallen mir visuelle Projekte sehr gut, ich könnte
mir also auch vorstellen, zweigleisig zu fahren. Ich werde
aber auf jeden Fall keinen Nine to Five Job machen, mir macht
dieser verrückte Lebensstil viel zu viel Spass!"
So setzt sie, so lange der ratternde Electro-Hype noch durch Europa
rattert, alles auf eine Karte, noch immer träumt die Künstlerin
von einem Plattendeal bei ihrem Traumlabel Ed Banger.
Und wer weiss, vielleicht sehen wir Zé ja schon bald wieder, vielleicht
wird sie sich schon bald eine Gitarre um den Hals hängen und den
Lautstärkeregler mit einer Träne im Auge halt doch ein wenig leiser
stellen. Zuzutrauen wäre es ihr, und das ist nicht als Kritik
gemeint. Viel eher sollten wir uns verneigen vor Zé, Pink Zebra, der
Lady in Pink und Searze, auf dass schon bald eine weitere
– auch ohne Neon – schillernde Kunstfigur das Tageslicht erblicken wird.
Seien wir ehrlich: Ziggy Stardust hatte mit David Bowie doch eigentlich
auch nicht das Geringste gemeinsam, oder? Und wer heute allen
Ernstes von sich behauptet, er sei musikalisch oder modisch ein
Individualist, der lügt noch mehr als alle Generationen vor ihm.
Fotos: Thomas „Creager“ Stöckli
Interview: Rainer Brenner
Weitere Info zu Zé findet ihr auf ihrer Website.
Wir danken der Fotolocation soussol.


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