Entstaubter Kampf

Die Ökonomisierung ist nicht nur in Zürich sondern weltweit ein Thema. Laura Koerfer widerstrebt diese Bewegung, denn sie beginnt unsere persönlichen Beziehungen zu dominieren. Mit ihrer zeitgenössischen Darstellung von Rainer Werner Fassbinders "Faustrecht der Freiheit" will die Jungregisseurin das Publikum auf diese Entwicklung aufmerksam machen.
Der Kampf gegen die Klassengesellschaft, die Macht des Geldes und die Ausbeutung der Gefühle geht in eine neue Runde. Die ge-bürtige Zürcherin studierte an der ZHdK Theaterregie und absolviert zurzeit ihr Masterstudium. In der Spielzeit 2010/2011 debütierte sie am Theater Neumarkt mit dem Drama "Magic Afternoon". Laura Koerfer hat mit sich kinki darüber unterhalten, wie sie "sich Menschen reinzieht" und warum ein Zoobesuch das Schauspiel lustvoller macht.
kinki magazin: "Faustrecht der Freiheit" handelt von der ökonomischen und emotionalen Ausnutzung. Fassbinders Film ist im Schwulenmilieu angesiedelt und sehr gesellschaftskritisch. Wie hast du zu diesem Film gefunden?
Laura Koerfer: Der Film wurde mir empfohlen. Ich habe ihn mir angeschaut und fand spontan keine Berührungspunkte. Ich konnte nichts damit anfangen, weder mit der Zeit in der dieser Film spielt noch mit dieser Szene. Ich lehnte den Film innerlich ab. Doch die Inhalte haben stark mit mir gearbeitet und je länger ich mich mit dem Film auseinandersetzte, umso mehr Parallelen konnte ich entdecken. Die ökonomische und emotionale Ausnutzung ist in unserer heutigen Zürcher Gesellschaft weit verbreitet. Ich beobachte, wie Menschen mit ganz bestimmten Absichten Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen. Ich nehme mich da nicht aus, aber eigentlich ist es erschreckend.
Was hat dich dann doch angetrieben, ein Theaterstück aus Fassbinders Film zu machen?
Zuerst musste ich den Staub der 70er-Jahre wegschaufeln und mich zum Kern des Filmes durch-kämpfen. Ich finde es spannend, dass Themen, die uns Menschen schon vor 40 Jahren beschäftigten auch heute noch topaktuell sind.
Du bezeichnest deine neue Produktion als zeitgenössisches Märchen, obwohl Fassbinders Film ja eigentlich aus den 70ern stammt.
Fassbinder setzt einen märchenhaften Katalysator ein. Der Protagonist verliert am Anfang alles und gewinnt kurz darauf im Lotto. Ein Wunsch wird Wirklichkeit und lässt so die ganze Geschichte über-haupt entstehen. Hier fand ich die Strukturen eines Märchens wieder. Das Clevere bei Fassbinder ist, dass der Film in den 70er-Jahren spielt, er aber ein Thema behandelt, das schon immer da war und auch immer da sein wird. Wir sind im Moment dran, den Film in die Ge-genwart zu transportieren: Unter welchen Umständen leidet dieser Mensch heute, was beschäftigt ihn? Es ist also eine Reininterpretation der Figuren. Und dann glaube ich auch einfach an intelligente Zuschauer, der den Sprung von den 70er-Jahren ins Heute schaffen.
Dem Theater fehlt ja bekanntlich das Publikum – vor allem das junge. Eine häufige geäusserte Kritik ist, dass es zu elitär sei. Muss Theater eigentlich immer provozieren und kritisieren? Wo bleibt da der Genuss?
Es ist tatsächlich eine Gefahr, dass nur die Leute ins Theater gehen, die sowieso immer ins Theater gehen. Ich mache bewusst kein Theater nur fürs Bildungsbürgertum. Ich versuche keine Stoffe zu verweben, bei denen ich voraussetze, dass sie diese kennen. Egal wer dort sitzt, jeder soll etwas mit-nehmen können.
Genuss und Ernsthaftigkeit widersprechen sich meiner Meinung nach nicht.
Fassbinder zum Beispiel hat immer auf schönes Licht gesetzt, obwohl die Geschichte mies und traurig ist. Das fasziniert mich.
Klingt schon wieder etwas abgehoben. Das schreckt das junge Publikum doch ab.
Kann gut sein. Ich glaube, man müsste ihnen Theater wieder schmackhafter machen, eben in ein anderes Licht rücken. Es müsste eine Selbstverständlichkeit werden, einen Abend mit Theater zu beginnen. In anderen Städten ist das eher der Fall. Wie man das genau anstellt, versuche ich heraus-zufinden.
Welche Botschaften willst du mit deinem Theater verbreiten? Was ist dein Ziel?
Das ist eine grosse Frage! Ich glaube immer noch daran, dass Theater eine sehr direkte Spiegelung von unserer Zeit sein kann. Ich will mich mit meiner Zeit auseinandersetzen und hoffe, dass es Ande-ren auch so geht. Ich möchte einen Ort schaffen, an dem die Zuschauer die Möglichkeit bekommen, über ihr Leben nachzudenken.

Du bist in Zürich aufgewachsen, hast auch hier studiert. Was reizt dich an dieser Stadt? Woher holst du deine Inspirationen?
Für mich ist Zürich eine Stadt, in der ich mich extrem gut konzentrieren kann. Es lenkt mich nichts ab. Es ist nicht wie Berlin, nicht wie New York. Und Zürich ist auch einfach wahnsinnig schön. Das faszi-niert mich noch immer. Eigentlich ist es völlig irrsinnig, wo wir leben.
An wem oder was orientierst du dich?
Ich betreibe Selbstbildung und versuche, mir möglichst viel Theater, Filme oder Bücher reinzuziehen. Auch von meinem Freundeskreis erhalte ich viele Inputs. Ich bewege mich eher in der Kunstszene. Ich finde den Diskurs sehr spannend zwischen der bildenden Kunst und dem Theater. Ich gehe viel in Ausstellungen, Museen, versuche zu reisen und die Hauptarbeit der Regie ist für mich vor allem das Beobachten. Ich liebe es, Menschen zuzuschauen – wie sie sich bewegen, was sie machen. Das ist so wie eine Brille, die du anziehen kannst und dann läufst du durch die Stadt und siehst Theatralitä-ten. Wenn mir also die Inspiration fehlt, dann ‹ziehe ich mir Menschen rein›.
Für ein Projekt an der Zürcher Hochschule der Künste hast du mit Schauspielern der National Aca-demy of Chinese Theater Arts zusammengearbeitet. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?
Das war eine super Erfahrung! In der Regieschule lernt man vor allem zu reden. Vieles davon ist heis-se Luft, mehr ‹Argumentenschlacht› als etwas anderes. Die chinesischen Schauspieler konnten alle kein Englisch, also mussten wir ohne Sprache kommunizieren. Es entwickelte sich eine eigene Spra-che so ganz ohne Rhetorik. Es geht ja schlussendlich um die Sache und nicht darum, dass man mög-lichst hochstehend reden kann. Das habe ich da gelernt.
Das ist sicherlich interessant, wenn man merkt, wie da zwei Kulturen aufeinanderprallen.
Ja sehr und je länger ich dort war und je mehr ich versuchte zu verstehen, umso weniger habe ich überhaupt verstanden. Der emotionale Austausch wird sehr intensiv, wenn man sich nicht mit sprach-lichen Mitteln verständigen kann. Wenn man zum Beispiel kein gemeinsames Begrüssungsritual hat, steht man einfach voreinander und lacht einander an
Gäbe es denn noch eine andere Kultur, die du gerne durch deine Arbeit entdecken würdest?
(Denkt lange nach) Stimmt eigentlich, beim Theater denkt man sehr oft im deutschsprachigen Raum. Österreich, Deutschland und die Schweiz sind wie eine Insel. Mich würde Amerika interessieren, aber als ich es mir angeschaut habe, merkte ich, dass es dort eine dermassen breite Fläche von Theater gibt, die eigentlich unüberschaubar ist. Es gibt so viele arbeitslose Schauspieler, so viele Leute, die für kein Geld Theater machen. Das hat mich erschreckt. Kultur sollte meiner Meinung nach bezahlt sein. In der Schweiz ist die Förderung vorhanden. Es gibt die Möglichkeit spannende Projekte zu realisie-ren.
Heute probt ihr ja nicht. Zoobesuch ist angesagt. Was willst du mit einem Besuch im Reich der Tiere hinter Gittern erreichen?
Ich habe herausgefunden, dass mich Tierbewegungen sehr interessieren. Menschen machen auch sehr viele tierischen Sachen. Wir meinen nur, wir seien Menschen und keine Tiere mehr. Wenn Schauspieler ‹das Tier aktivieren›, dann haben sie viel mehr Präsenz. Es entstehen ganz neue Dy-namiken, das Schauspiel wird viel lustvoller. Am Anfang haben sie mich ausgelacht. Das sei völliger Humbug, aber langsam sind sie davon angetan.
Text und Interview: Selma Wick
Mehr Infos zum Programm vom Theater Neumarkt gibts auf ihrer Webseite.

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