Die Büchse der Pandora: Interview mit Martina Windler
Martina Windler (lic. phil.) ist Rechtspsychologin am Forensischen Institut Ostschweiz Forio in Frauenfeld und beschäftigt sich unter anderem mit pädophilen und pädosexuellen Menschen. Unsere Autorin Ramona Demetriou hatte während der Recherche zu ihrem Artikel "Die Büchse der Pandora", der in kinki magazine Ausgabe 29 erschienen ist, Gelegenheit einige grundsätzliche Fragen zu stellen.
kinki magazine: Wie definieren Sie Pädophilie, Kernpädophilie und Pädosexualität?
Martina Windler: Pädophilie ist eine sexuelle Neigung in machen Fällen auch die Liebe zu vorpubertären Kindern. Bei einem Kernpädophilen gibt es ausschliesslich diese Neigung. Sie empfinden keine altersadäquaten Präferenzen zu altersentsprechenden Personen. Dazu muss man jedoch sagen, dass sich nicht jeder Pädophile oder Kernpädophile an Kindern vergeht. Pädosexualität wiederum bezeichnet die sexuelle Handlung mit Kindern. Wobei man auch hier keine voreiligen Schlüsse ziehen darf, denn nicht jeder, der Sex mit Kindern hat, ist auch pädophil veranlagt. Es bedarf in jedem Fall einer genauen Analyse des Sachverhalts.
Welche Therapiemöglichkeiten gibt es für Pädophile und Kernpädophile, die nicht straffällig geworden sind?
Präventionsprojekte wie das Projekt "Kein Täter werden" von der Berliner Charité können helfen. Auch Forio ist in Kooperation mit Prof. Beier und seinem Team von der Charité in Berlin im Aufbau eines solchen Angebots. Es ist auch wichtig, dass die Pädophilen ihre Neigung akzeptieren, denn sie ist unveränderbar. Sie müssen Strategien erlernen und aufbauen, die es ihnen möglich machen, mit der Pädophilie zu leben, ohne sie dabei auszuleben. Es gibt auch medikamentöse Behandlungen zur Triebdämpfung.
Wie sehen solche Strategien aus?
Viele Täter behaupten, der Missbrauch ist plötzlich passiert. Das stimmt so nicht, denn es ist meistens ein Prozess. Und über diesen Prozess müssen sich Pädophile bewusst werden. Das Muster einer Tat sieht immer ähnlich aus, das bedeutet, viele Täter durchlaufen ähnliche Stufen bis sie letztendlich die Tat begehen. Es fängt mit Fantasien an, es folgt eine innere Auseinandersetzung mit dem Gewissen und geht zur konkreten Planung durch das Überwinden von externen Hindernissen (beispielsweise Vorkehrungen, dass sie nicht erwischt werden, gefügig machen, potentielles Opfer finden) über und endet dann in der Tat. Nichtstraffällige und straffällig gewordene Pädophile müssen sich dieses Muster zunutze machen und bestimmte Warnsignale rechtzeitig bemerken, sodass es zu keiner Tat kommt.
Und wie sieht eine medikamentöse Behandlung aus?
Durch Medikamente wie Antiandrogene wird die sexuelle Lust ausgebremst oder verringert. Viele Pädophile empfinden diese Abnahme der Lust als Befreiung, denn sie sind oft überflutet mit Fantasien. Begleiterkrankungen wie Depressionen werden mit den entsprechenden Medikamenten wirksam behandelt und haben zudem einen lustdämpfenden Effekt.
Kann ein Pädophiler, beispielsweise nach einer Tat, zur medikamentösen Kastration gezwungen werden?
Nein, die Medikamente werden mit Einwilligung des Patienten verordnet.
Was halten Sie von privaten Präventionsstellen wie ITP arcados?
Das Angebot ist sicherlich nicht schlecht, aber es erscheint mir wichtig, dass an spezialisierten, fachlich und wissenschaftlich abgesicherten Stellen Angebote für Pädophile gemacht werden. Reine Information reicht als Prävention nicht aus. Täterarbeit ist Opferschutz und muss sich unbedingt zielgerichtet an der Senkung des Rückfallrisikos orientieren. Es muss mit dem individuellen Täter gearbeitet werden und eine Therapie muss an dessen spezifischen Denk- und Verhaltensmustern orientiert sein. Das macht die Qualität und die Nachhaltigkeit einer Behandlung aus.
Ab wann macht man sich nach dem Schweizer Gesetz eines pädophilen Sexualdelikts strafbar?
Eines pädosexuellen Delikts macht sich strafbar, wer sexuelle Handlungen mit oder vor Kindern vollzieht und wer Kinderpornografie konsumiert.
Wie häufig werden Menschen mit pädophiler Neigung tatsächlich sexuell mit Kindern aktiv?
Viele werden nicht mit einem sogenannten Hands-on-Delikt straffällig, weil die Hemmschwellen oft gross genug sind. Pädophile sind sich darüber bewusst, dass sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern von der Gesellschaft nicht toleriert werden. Viele Pädophile konsumieren jedoch Kinderpornografie, denn sie haben dabei fälschlicherweise das Gefühl, anonym zu bleiben und nicht aufzufliegen.
Gibt es nach ihren Erfahrungswerten einen Auslöser für pädosexuelle Straftaten?
Ein Bedürfnis nach Sexualität ist menschlich. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Sexualpräferenzen darf Pädophilie nicht ausgelebt werden. Pädosexuelle haben starke kognitive Verzerrungen, sprich sie reden sich ein, dass "es das Kind auch so will" oder es mit dem Pädophilen "kokettiert" hat. Wenn diese interne Hemmschwelle erst überwunden ist, müssen noch externe überwunden werden, wie beispielsweise ein potentielles Opfer finden, ein potentielles Opfer gefügig machen und eine Aufdeckung verhindern.
Prof. Dr. Dr. Klaus M. Beier von der Berliner Charité vertritt die Meinung, dass eine pädophile Neigung nur lebenslang kontrollierbar, aber nicht heilbar ist. Welche Konsequenzen hat diese Theorie für die Wissenschaft und die Arbeit mit pädosexuellen Straftätern?
Es bedeutet, dass es bei dieser Sexualstörung nicht um Heilung geht, sondern darum, einen straffreien Umgang mit Pädophilie zu finden. Für viele Pädophile ist diese Diagnose natürlich erschütternd, denn sie suchen sich diese Neigung nicht freiwillig aus. In Fällen, in denen die Betroffenen eine pädophile Nebenströmung aufweisen, also auch altersentsprechende Präferenzen aufweisen, kann diese gefördert werden und somit dem pädophilen Anteil weniger Platz eingeräumt werden. Bei einem Kernpädophilen ist dies aber nicht möglich.
Welche Aufgaben übernimmt das Forensische Institut Ostschweiz?
Forio bietet Pädophilen ein therapeutisches Angebot, dass einerseits daran arbeitet Rückfälle bei Straftätern zu vermeiden, und andererseits auch präventiv Straftaten verhindern soll. Das heisst, wenn Menschen eine pädophile Neigung an sich bemerken, können sie uns kontaktieren. Viele Pädophile kennen keine Leidensgenossen. In einer Gruppentherapie können sie erfahren, wie andere mit der Neigung umgehen und diese bewältigen. Kognitive Verzerrungen können in einer Gruppe am besten behandelt werden. Und ganz wichtig ist, dass vor Beginn einer jeden Behandlung eine qualifizierte und sorgfältige Diagnostik gemacht wird.
Wie alt sind die jugendlichen Straftäter, die Sie betreuen?
Im Forio werden unter anderem Jugendliche ab 13 behandelt, die ein Sexualdelikt begangen haben. Bei den Jugendlichen sind es Jungs, die auf gleichaltrige Mädchen oder Jungen oder auf jüngere Kinder sexuelle Übergriffe verübt haben. Bei diesen Jugendlichen kann man jedoch nicht von Pädophilen sprechen. Pädophilie kann lege artis erst ab dem 18. Lebensjahr diagnostiziert werden. Bei einem sehr kleinen Teil unserer Jugendlichen zeichnet sich eine pädophile Entwicklung bereits ab.
Wie sieht die Arbeit mit jugendlichen Sexualstraftätern in der Praxis aus?
Es gibt verschiedene Behandlungsziele: Die Jugendlichen werden beispielsweise über Sexualität aufgeklärt. Man spricht über die Folgen einer Tat für Opfer und Täter. Es wird der Missbrauchskreislauf besprochen, also die bereits erwähnten verschiedenen Stufen bis zur Tat. Wenn die geklärt sind, wird mit dem Täter eine kognitive Neustrukturierung gemacht. Die Täter sollen von alten Denkmustern wegkommen. Es wird auch besprochen, wie Pädophile ihr Risiko wahrnehmen und erkennen können und für riskante Situationen Bewältigungsstrategien zur Verfügung haben. Das Selbstbild wird reflektiert und persönliche Perspektiven erarbeitet.
Wie wird die pädosexuelle Straftat eines Jugendlichen im Vergleich zur pädosexuellen Straftat eines Erwachsenen juristisch gewertet?
Straftaten von Jugendlichen fallen unter das Jugendstrafgesetz, was ein Erziehungsstrafrecht ist. Massnahmen zur Veränderung und Behandlung werden verordnet und überwacht. Bei Erwachsenen gibt es Gefängnis- oder Geldstrafen, aber immer öfter auch verordnete Therapien.
Welche Schwierigkeiten tauchen bei der Urteilsfindung mit einem jugendlichen Straftäter auf?
Zwei Fehler können passieren. Ein Kardinalfehler bei Jugenddelinquenz ist, zu stark strafen, denn das stigmatisiert die Jugendlichen. Falsch ist es aber auch zu wenig zu intervenieren. Im Idealfall gibt es nach einer Tat eine individuell abgestimmte Massnahmenplanung, wofür psychologische Gutachten notwendig und die Grundlage sind. Die persönliche Situation des Jugendlichen und der Zusammenhang zur Delinquenz muss vor der Behandlung verstanden werden, sodass eine Massnahme optimal geplant werden kann.
Wie hoch ist die Rückfallquote von jugendlichen Sexualstraftätern in Therapie im Vergleich zu erwachsenen Sexualstraftätern in Therapie?
Wenn bereits einmal ein Sexualdelikt von einem Erwachsenen auf ein Kind verübt wurde, ist die Rückfallwahrscheinlichkeit mit 40 bis 50 Prozent circa doppelt so hoch wie bei anderen Sexualstraftätern. Die höchste Rückfallquote gibt es bei erwachsenen Pädophilen, deren Präferenzschema vorpubertäre Jungen sind. Die Rückfälligkeit bei Jugendlichen in Therapie wurde bis jetzt nicht genügend untersucht. Forio startet aber jetzt eine Rückfallstudie bei Jugendlichen Sexualstraftätern.
Welche Rolle spielt das Internet bei pädophilen Sexualstraftätern?
Internet spielt häufig eine grosse Rolle, besonders was den Konsum von Kinderpornografie betrifft. Viele Täter empfinden den Konsum von Kinderpornografie weniger schlimm als einen Übergriff.
Wie beurteilen Sie die Internetseiten Jungsforum.net?
Das Forum ist heikel und gefährlich. Grundsätzlich ist der Austausch über die Neigung oder Problematik sinnvoll und entlastend, dies gehört jedoch in fachliche Hände. In solchen Foren werden häufig Grenzüberschreitungen ausgetauscht und die Pädophilen spornen sich gegenseitig an.
Wie hat sich der Umgang der Öffentlichkeit mit dem Thema Pädophilie über die Jahrzehnte verändert?
Früher war Pädophilie ein wenig beachtetes Thema, dadurch war man weniger aufmerksam. Heute sind die Menschen sensibler, aber leider immer noch nicht sensibel genug. Es muss noch mehr getan werden, auch was die Forschung betrifft. Ein weiteres Problem ist, dass Pädophilie immer noch tabuisiert wird und Pädophile verachtet und ausgestossen werden. Stattdessen sollte die Neigung selbst enttabuisiert werden, damit Betroffene auch die notwendige Behandlung in Anspruch nehmen können. Die pädophile Neigung an sich ist noch nicht verwerflich oder gar kriminell, erst das Ausleben ist strafrechtlich verfolgbar und muss dringend verhindert werden, dass keine Opfer entstehen.
Wie sollte die Öffentlichkeit Ihrer Meinung nach in Zukunft mit dem Thema Pädophilie umgehen?
Die grosse Aufmerksamkeit im Bezug auf Kinderschutz ist auf jeden Fall positiv. Die Stigmatisierung von Pädophilen ist jedoch problematisch, weil sie durch eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft in eine Isolation geraten. Das kann dazu führen, dass sie Straftaten im Internet begehen. Durch die Stigmatisierung und Verachtung von Pädophilen ist auch die Gefahr grösser, dass diese sich nicht outen wollen und deshalb keine präventive Hilfe in Anspruch nehmen. Wichtig für die Zukunft ist es, Therapieprogramme und Ausbildungen von Therapeuten und Fachkräften stärker zu etablieren. Auch Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden und vor allem Richter und Gerichte müssen besser sensibilisiert werden, damit die Urteile bei Sexualdelikten effizienter ausfallen. Nur Strafe bringt gar nichts und nur Therapie ist auch zu wenig. Am besten funktioniert eine verbindliche Therapie zur Senkung des Rückfallrisikos. Pädophilen Männern muss geholfen werden, dass es keine weiteren Opfer gibt. Die Tat wird eindeutig verurteilt, die pädophile Neigung und der Mensch an sich jedoch nicht.
Weitere Informationen zu Martina Windler (lic. phil.) und zum Forensische Institut Ostschweiz gibt es auf der Website von Forio.
Interview: Ramona Demetriou

Kommentare (3)
Guten Abend Ich finde in ihrem Bericht eine sehr gute, differenzierte Auskunft zum Thema Pädophilie / Pädosexualität. Ich, selber pädophil, hätte vor 3 Jahren ohne die Hilfe von itp-arcados, nicht mehr ein noch aus gewusst. Frau Tanner hat mir damals in meiner `coming-in`- Phase entscheidend geholfen, mit meiner Neigung umzugehen. In diesem Sinne ist die Hompage zwar als Informationsquelle, das Angebot aber auch als Hilfe wahr zu nehmen. Frau Tanner hat hier in den letzten 10 Jahren Pionierarbeit geleistet. Sie ist leider letzte Woche ihrem Krebsleiden erlegen. Ihre Arbeit im Bereich Pädophilie / Pädosexualität wird europaweit an verantwortlichen Stellen geschätzt und hoch geachtet. Ich hoffe ihre Leistungen werden auch in der Schweizer Öffentlichkeit einmal die verdiente Würdigung erhalten. Man muss auch festhalten, dass das Angebot von Forio nicht bekannt ist. Ich lese hier zum ersten Mal davon. Wenn man erst als Sträffälliger damit in Kontakt kommt, läuft etwas falsch. Ein riesen Anliegen ist mir, dass solche Stellen wie Forio auch gegen Pauschalisierungen in den Medien antreten. Gerade die 10vor10 Serie von letzter Woche, bzw. die `Pädoseiten` auf der Hompage von SF sind extrem stigmatisierend und für jeden sexuell abstinenten Pädophilen eine Persönlichkeitsverletzung. Eine hysterische Medienpräsenz in der Thematik `Kindsmissbrauch` dient vielleicht dem Monatseinkommen einiger Moderatoren, aber nicht den Kindern. Wenn ich Herrn Klapproth und den beteiligten Produzenten einen Leserbrief schreibe, erhalte ich keine Antwort. Meine Erfahrungen mit Medien und Politikern: Arroganz ohne Ende! Solche Diskriminierungen dürften nicht toleriert und müssen offensiv bekämpft werden. In diesem Sinne werden anerkannte Beratungsstellen wie Forio noch viel Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit übernehmen müssen. Meine Erfahrung: als Pädo ist man da anscheinend nicht glaubwürdig - selbst wenn man sexuell abstinent lebt. Ich wünsche dem Forioteam viel Erfolg bei ihrer wertvollen Arbeit zum Schutz der Kinder! (Ich hoffe mein Kommentar wird wegen Selbstschutz mit Nick akzeptiert)
von Mowgli am 23.10.2010 22:33Man muss es schon begrüßen, wenn ein solches Magazin dieses brisante Thema der Pädophilie auf diese Weise aufgreift und berichtet. Eigentlich will diese Thematik nicht so recht in das Konzept von "kinki" passen. Frau Windler vertritt hier klar die Positionen des Berliner Charite-Projektes. Mehr ist offenbar bei der gegenwärtigen Situation der Hysterie nicht zu erwarten. Die überwiegende Mehrheit der Pädophilen benötigt keine Therapie und nimmt diese auch nicht in Anspruch. Die Forderung nach totaler Enthaltsamkeit der Pädosexualität ist utopisch, denn das kann man einfach von einem Menschen nicht verlagen, sein ganzes Leben auf Sexualität zu verzichten. Gerade solche Enthaltsamkeit macht langfristig psychisch krank. Das weis natürlich auch Frau Windler und andere Psycholgen, aber traut es sich nicht offen aussprechen, weil es dann Kritik hageln würde. Nun, eine Folgeartikel soll in der nächsten Ausgabe erscheinen. Man darf gespannt sein...
von DieterG-K13 am 24.10.2010 21:02