Diamanten im Dreck
In einer geräumigen Ecke der trendigen Zürcher Kaufleuten-Lounge sitzt Bela B lächelnd vor seinem Laptop. Er scheint glücklich, beantwortet die Fragen ausführlich, verliert zwar von Zeit zu Zeit den Faden, allerdings nur, um mit geschickten Worten wieder zurück zur ursprünglichen Frage zu finden.
Bela B
kinki magazine: Du hast einen harten Promotag vor dir, und ich habe das Glück, noch ziemlich früh dran zu sein. Wiederholt man sich gegen Abend da manchmal?
Bela B: Ich gebe mir Mühe, mich nicht zu wiederholen, denn ich möchte auch mich selber nicht langweilen. So verhält sich das übrigens auch mit meinen Live-Ansagen.
In Interviews finde ich auch oft Sachen über mich heraus, da man von
den Leuten Dinge gefragt wird zu den Songs, die man sich so vielleicht vorher noch gar nicht überlegt hat. Man reflektiert die Sachen ganz anders.
Zum Song "Altes Arschloch Liebe" fragte mich zum Beispiel letztens
ein Titanic-Mitarbeiter, ob ich mit dem Stück meine Kotliebhaberei thematisiere (lacht).
Du wolltest in jungen Jahren ja anscheinend Polizist werden, liest man. Stimmt das, oder war das ein PR-Gag?
Ja, das ist wahr. Ich habe auch nie einen Hehl daraus gemacht, ich habe das in meinen Punkzeiten schon ziemlich früh bekannt gegeben, damit man mir keinen Strick daraus drehen konnte.
Die Idee, Polizist zu werden, kam mir, als ich 15 war, das Schulende stand bevor, Geld, um Abitur zu machen, hatte ich nicht, ausserdem hatte ich auch kein wirkliches männliches Vorbild, Papa war schon lange nicht mehr präsent und mein Onkel war bei der Polizei.
Bei der Polizei gab’s im ersten Lehrjahr halt einfach ziemlich viel Geld, wirklich an die Zukunft dachte ich damals natürlich noch nicht.
Schliesslich habe ich mich dann also dort beworben und einen – erschreckend leichten – Anforderungstest bestanden. Im darauffolgenden Jahr kam aber Punkrock in mein Leben und mit ihm natürlich auch die Zweifel an diesem Beruf.
Das Thema ist bis heute immer noch ein gefundenes Fressen, was ich natürlich auch verstehe. Ist ja auch absurd, dass jemand, der bei den Ärzten spielt und eine gewisse Nonkonformität predigt, mal bei der Polizei war.
Wo wir schon beim Thema Nonkonformität sind: was hättest du gedacht, wenn du mit 18 vorausgesehen hättest, dass du mal hier in der Kaufleuten-Lounge Interviews geben und in 5-Sterne-Hotels wohnen würdest?
Als ich 18 war, traute ich grundsätzlich niemandem über 30. Mittlerweile habe ich ja bereits die 40 überschritten (lacht). Ich hoffe und denke aber schon, dass ich mir selbst in gewisser Weise treu geblieben bin.
Wir haben früher ja vor allem versucht, uns von diesen Deutschrockern abzugrenzen, nicht so zu werden wie die, und ich finde schon, dass uns das irgendwie gelungen ist.

Bela B
Hat Punk eigentlich überhaupt je etwas bewirkt oder verändert? Leute, die sich als Punks bezeichnen, sind doch eigentlich nichts anderes als Hippies mit gefärbten Haaren, findest du nicht?
Klar, da gebe ich dir recht! Doch genau das war es ja eigentlich, was wir in den Anfangszeiten nie wollten. Dass man irgendwann nur noch vergangenen Zeiten nachheult.
Das ist eine Falle, in die viele Bands und Fans leider getreten sind. Für mich ist der Punk eine erstarrte Szene.
Man sieht da zum Beispiel ein Interview mit Blink 182, und der Drummer simst im Hintergrund mit Paris Hilton… Punk ist halt einfach im Establishment angekommen.
Es gibt etliche Boybands, die mittlerweile tätowierter sind als ich.
Das Ganze ist einfach zu einer Pose erstarrt, Shirts auf denen "Punk" geschrieben steht, kann ich mir im H&M kaufen, genauso wie Ramones-Leibchen.
Einerseits mag das traurig sein, dass die Leute deshalb etwas tragen, einfach weil’s geil aussieht und gar nichts über den Hintergrund wissen, andererseits ist es doch eigentlich total im Sinne der Idee von Punk, die Sache dermassen einstürzen zu lassen.
Du bist ja politisch doch ziemlich engagiert, zum Beispiel für Attac oder "Gegen Nazis". Bringt es denn überhaupt etwas, wenn sich ein linker Musiker wie du, von dem man gar nichts anderes erwartet, für solche Zwecke einsetzt? Deine Botschaft erreicht doch sowieso nur Gleichgesinnte, oder?
Ja, das hat etwas. Das ist auch genau die Sache, die wir an Punk früher so scheisse fanden: man steht da vor hundert Gleichgesinnten und predigt das, was jeder im Kopf hat oder auf der Jacke trägt. Ich merke aber, dass durch die grosse Popularität der Ärzte, die wir mittlerweile erreicht haben, schon auch ein anderes Publikum erreicht wird.
Als wir zum Beispiel letztes mal im Hallenstadion gespielt haben, sind wir über Blocher hergezogen und haben da nicht nur Zustimmung von
unseren Zuschauern empfangen. Vielleicht ist das Publikum mittlerweile etwas breiter gefächert, sodass solche Äusserungen teilweise schon auch Menschen erreichen, die nicht gleich denken wie wir.
Ich gebe dir grundsätzlich schon recht, aber solche Organisationen brauchen halt Öffentlichkeit und sind auch wichtig. "Kein Bock auf Nazis" oder "Gegen Nazis", die ich beide unterstütze, sind ein Hafen für junge Leute, die gerne etwas verändern wollen und sich dort auch aktiv beteiligen können.
Manchmal erreicht man dann mit den organisierten Konzerten vor Nazimahnmalen so schon mal die Leute, die man anspricht, meistens geht es aber wohl einfach darum, den anderen Gleichgesinnten Mut zu machen.
Lässt das Bedürfnis, die Welt verändern zu wollen, nach ein paar Jahren im Musikbusiness ab?
Ehrlich gesagt hatte ich mit 16 oder 18 nicht das Bedürfnis, die Welt zu verändern, von daher würde ich sagen, dass das Bedürfnis eher wächst. Wir haben 1993 unseren ersten bewusst politischen Song geschrieben,
"Schrei nach Liebe",
weil wir wussten, dass wir als Band, die von vielen Menschen wahr-
genommen wird, nicht einfach auf die Bühne gehen und Party feiern können, während in Rostock die Asylantenheime angezündet werden – nicht nur von rechtsradikalen Skinheads, wohlgemerkt, sondern auch vom normalen Mob.
Damals wollten wir ein klares politisches Statement machen. Früher dachten wir uns halt, dass es reicht, den Menschen einfach den Nonkonformismus und ein bisschen Anarchie vorzuleben, doch mittlerweile kann man sich ein politisches Statement manchmal einfach nicht verkneifen.
Wir thematisieren die Missstände vielleicht auf unsere ironische Art, aber kritisieren gewisse Dinge ganz bewusst.

Bela B
Apropos Ironie: In einer Presse-
mitteilung verschreist du die
Ironie und feierst stattdessen den
Widerspruch. Doch überall, wo
Widerspruch ist, kann auch Ironie
entstehen.
Wieso sträubst du dich so gegen
diesen Begriff? Hast du Angst,
dass man dich nicht genügend
ernst nimmt?
Ich sträube mich gar nicht gegen dieses Wort, Ironie ist ja auch ein fester Bestandteil der Ärzte. Das Problem ist nur, dass Ironie ein Mittel ist, um
Sachen zu schwächen.
Man schwächt mit ihr andere Dinge,
oder auch sich selbst, so werden
gewisse Sachen vielleicht einfach als
Spass abgetan und gar nicht richtig
reflektiert.
Ich verstecke mich auf meiner neusten
Platte einfach nicht hinter der Ironie,
bin auch deutlich weniger ironisch als die Ärzte es sind. Ich finde aber auch, dass die zu ernste Beschäftigung mit Dingen ebenfalls nicht richtig ist.
"Schrei nach Liebe" war zum Beispiel gerade darum so erfolgreich, weil das Lied ein ernstes Thema ironisiert darstellte; das macht es leichter für die Leute, das Thema anzunehmen, als wenn man das so bierernst präsentiert.
Ich möchte einfach nicht, dass ernsthafte Aussagen von meiner Seite von den Leuten als ironisch verstanden werden.
Ich denke, in der Kunst wird das Wort Ironie vielleicht einfach zu schnell mit Trash gleichgesetzt.
Ja, vielleicht, auch wenn ich dazu sagen muss, dass Trash natürlich ein ganz wichtiger Bestandteil meines Lebens ist. Aber nehmen wir das Beispiel Hamburger Schule: eine extrem ironiefreie Bewegung.
Allerdings gibt es auch in Blumfeldsongs eine gewisse Ironie, vor allem
aber bei Tocotronik, was wohl auch begründet, warum sie die
erfolgreichste Band dieser Bewegung sind. "Let there be rock" ist zum
Beispiel ein unglaublich lustiger Song, auch wenn er nicht so klingt.
Als wir mit dem Muszieren angefangen haben, war halt die Ernsthaftigkeit so grauenhaft verbreitet im deutschen Rock, alle hatten sich "Die Kinder vom Bahnhof Zoo" durchgelesen, kifften sich die Birne voll und arbeiteten in ihren Songs politische und soziale Themen ab. Dagegen war die Ironie der Punkbewegung natürlich eine willkommene Waffe.
Heute möchte ich manche Themen auch ernsthafter ausdrücken, auch wenn die Ironie teilweise sogar in ganz ernste oder schöne Songs einfliesst, manche mögen sich da denken "Wie kann er das Lied nur so versauen?", aber das ist halt einfach ein Teil von mir.
Würdest du Trash als Lebenshaltung bezeichnen?
Mir macht es einfach total Spass, den Diamanten im Dreck zu finden.
Letztens habe ich Tarantino mal interviewt, und da er ja so
unglaublich viel weiss über Trashkultur, habe ich ihn gefragt, ob das
nicht wahnsinnig mühsam sei, sich diese Sachen alle anzugucken,
denn das Meiste ist ja echt totale Scheisse und wird zurecht als C-Kultur
klassifiziert.
Auch er hat mir darauf entgegnet, dass es ihm darum geht, die Perlen zu finden, dann hat sich die ganze Arbeit gelohnt.

Bela B
Wie schwierig ist es denn, als Bela B
eine neue Platte aufzunehmen?
Einerseits musste du dich weiteren-
twickeln, weil es sonst heisst: "Der
macht das Gleiche wie auf der
letzen Platte", andererseits darfst
du dich nicht komplett neu
erfinden, sonst sind die Jungs mit
den Wadentattoos empört.
(Lacht.) So überlege ich mir das natürlich nicht, wenn ich ein Album aufnehme.
Eigentlich lebe ich auf meinen Soloplatten meine Liebe zu verschiedenen alten Musikstilen der 50er- und 60er-Jahre aus, gepaart mit Power Pop und Rockeinflüssen.
Ich habe kein Bedürfnis, nur weil ich privat ganz gerne Peaches höre, ein Elektroalbum zu machen, sondern ich will ein Bela B Album machen, verstehst du?
Ich produziere nicht trendbewusst in eine Richtung, oder gar weg vom Musikstil der Ärzte, sondern einfach, weil es mir ein Anliegen ist, meine Musik unter die Leute zu bringen, und ich bleibe dieser Musik auch treu, weil es das ist, was ich spielen kann.
Ich liebe zum Beispiel auch Heavy Metal, aber kann ihn nicht singen, das tönt grauenvoll wenn ich es versuche, deshalb bleibe ich bei meinen Leisten (lacht).
Du bist ein leidenschaftlicher Sammler verschiedener Dinge: Filme, Gitarren und vieles mehr. Bist du denn ein ordnungsliebender Mensch, so wie die meisten Sammler?
Nein, da muss ich dich enttäuschen. Ich bin vielleicht nicht desorientiert, und habe mir über die Jahre angewöhnt, einigermassen pünktlich zu werden, auch das ständige Sich-Gehen-Lassen bringt mir nicht mehr so viel Spass wie früher, zumal ein Kater mit über 40 länger anhält als früher, aber ordentlich bin ich wirklich nicht geworden.
Da ist schon viel Chaos in meinem Leben, und zwar sowohl innerlich als auch äusserlich. Das ist nichts worauf ich besonders stolz bin, aber auch nichts was mir Angst macht.
Unordnung ist wohl einfach ein Teil von mir.
Gibt es denn eine Frage, die du schon immer beantworten wolltest, aber noch nie gefragt wurdest?
(Lacht.) Da gibt es natürlich viele Anekdoten zu meiner neuen Platte, die ich gerne erzähle.
Als ich zum Beispiel das Lied "Dein Schlaflied" für mein Demo einspielte,
war es Nacht und bei mir zu Hause war jemand, den ich nicht wecken
wollte, daher sang ich ganz leise und ganz dicht am Mikrofon.
Die Stimme tönte total strange, deshalb entschieden wir uns, diese Stimme live bei den Konzerten dann auch im Hintergrund mitlaufen zu lassen.
Das ist eine Geschichte, die weder mit Sex noch mit Drugs oder Rock’n’Roll zu tun hat, ich aber gerne mal erzählen wollte.
Gewinnt zwei Tickets für Bela B's Konzert in der Columbia Halle Berlin! Schickt bis zum 16. November einfach eine Mail mit dem Betreff "Bela B" an wettbewerb@kinkimag.ch.
Interview: Rainer Brenner

Kommentare (2)
Gut geführtes Interview mit einem sehr interessanten Promi (beides ist leider selten ;-) Super - weiter so!!! Vielen Dank für die spannende Lektüre.
von Mulder am 28.10.2009 11:45