login login Passwort vergessen? Registrieren

Der ganzheitliche Bodi Bill

Am 21.6.2010 1 Kommentare
zu Favoriten

So lange haben wir gequatscht, dass unser Gespräch in voller Länge die Seiten unseres schönen Magazins gesprengt hätte. Doch natürlich wollen wir euch die komplette Version des gemütlichen Sinnierens mit den Jungs von Bodi Bill nicht vorenthalten. Hier also das Interview in voller Länge. Den Artikel findet ihr in der aktuellen kinki-Ausgabe.

 

 

kinki magazine: Wieso mögt ihr Holden Caufield?
Fabian: Ich mag JD Sallenger total, ich mag seine Charaktere, die sind immer so lebendig. Holden Caufield ist einfach ein Kumpel schon seit Jugendtagen, obwohl es den natürlich nicht gibt, klar.

 

Alex: Ich stell mir den Holden immer so vor, wie eine Weltliteratur-Beat-Generation-Figur. Ein verlorener Typ, der durchs Leben wandert – so ein bisschen Lost American Dream mässig.

Holden Caufield macht sich in "Der Fänger im Roggen" viel Gedanken über die Verlogenheit der Gesellschaft. Seid ihr politisch?

Alex: Also ich würde mich schon als gesellschaftlich interessiert betrachten. Politisch betrachtet, geht’s mir vielleicht nicht unbedingt um Parteisysteme sondern mehr um die Orientierung in Wertesystemen. Ich glaube, da sind wir alle wirklich auf der Suche. Heutzutage ist es ja auch wirklich schwierig geworden, ein, sagen wir Mal, moralisches Leben zu führen.

Warum ist das schwierig geworden?

Fabian: Alles was du konsumierst ist entweder verbunden mit Kinderarbeit, Umweltverschmutzung, Zerstörung oder Unterdrückung. Es ist wirklich sehr schwer. Ich muss hinzufügen, dass ich, als du gefragt hast, ob wir politisch seien, erst dachte, nein, weil ich irgendwie mit dieser Politikverdrossenheits-Floskel aufgewachsen bin. Aber das ist ja gar nicht wahr, denn du hast ja recht, es geht darum, sich um gesellschaftliche Themen zu kümmern.

 

Alex: Also ich bin ein grosser FDP-Hasser. Das ist das eine, das ich wirklich sagen kann. Eine Gesellschaft so zu verleugnen, als Gemeinschaft geht überhaupt nicht. Entweder man sagt, man ist eine Gesellschaft – dann trägt man auch die Verantwortung für die Andern mit, oder man leugnet das. Aber dann sollen die auf eine Insel gehen und auch wirklich alleine leben.

 

Fabian: Diese Politik ist wirklich extrem darwinistisch, teilweise. Die Schönen und Starken und Reichen gewinnen.

 

Alex: Und wenn man Mal ein paar Leute aus dieser Schicht kennengelernt hat, dann merkt man schnell, dass sich die wenigsten wirklich hochgearbeitet haben, sondern da rein geboren wurden, und dann geht’s halt so weiter.

 

Fabian: Oder man arbeitet sich hoch auf Kosten anderer, was ja auch oft passiert. Das stinkt einfach, das ist wirklich nicht ok.

Zurück zu Holden Caufield. Wie habt ihr die Zeit zwischen 16 und 20 erlebt?

Alex: Für mich war das ne super Zeit. Ich bin viel rumgetrampt. Wir kommen ja aus Ostberlin, da war natürlich die Sehnsucht danach, die Welt auf den Postkarten auch mal wirklich zu erleben sehr gross. Als dann die Mauer fiel, konnte man dann plötzlich in alle Länder reisen und alles ausprobieren. Ich habe diese Zeit aber auch als sehr wohltuend empfunden, weil ich da auch viele Freuende hatte, was vorher in der Grundschule nicht so war.

Klingt ja ganz schön positiv, war das bei euch Anderen auch so?

Fabian: Also bei mir nicht. Ich habe meine Pubertät glaub ich erst so mit 20 gehabt, denn diese Zeit definiert sich ja auch dadurch, dass man Freunde hat und Unterstützung braucht. Damals hatte ich eigentlich keine richtigen Freunde, mehr nur so Fussballprolls, Kumpels, also eigentlich keine Freunde. Aber zum Glück gab's die Musik, die mir immer wichtiger wurde, so ab 15. Ich hab dann einfach sauviel Musik gehört.

 

Alex: Also ich bin dann auch noch mit 19 Vater geworden, und da musste ich sehr schnell erwachsen werden. Und meine Kids sind jetzt auch schon fast wieder in dieser Phase, die kommen jetzt grad so da rein.

Was sind denn aus eurer Sicht die drei schwierigsten Dinge in diesem Alter? Vielleicht auch auf die heutige Zeit bezogen.

Alex: Auf jeden Fall die Orientierung in einer nicht überschaubaren Menge an Informationen. Das verlangt eine unglaubliche Stringenz in sich selbst.

 

Fabian: Selbstsicherheit.

 

Alex: Das mach ich, und da gehe ich jetzt lang.

 

Fabian: Es braucht dann einfach so eine Ruhe. Also ich finde diese Zeit einfach sehr nervositätsfördernd. Ständig muss man multitasken, was eigentlich totaler Schwachsinn ist. Aber die gesellschaftliche Meinung sagt, man darf nicht ruhen.

 

Anton: Man hat auch ständig das Gefühl, etwas zu verpassen.


Fabian: Ich finde einfach, dass, wer wirklich produktiv sein will, der muss einen Weg finden, sich zu fokussieren. Also heutzutage stell ich mir das echt krass vor, mit den ganzen Reizen aufzuwachsen, ständig blinkt was auf oder es klingelt das Telefon.


Alex: Das zweite grosse, wirklich grosse Problem ist das Wanken der Menschheit, gewisse Probleme anzugehen. Zum Beispiel das Umweltproblem, fehlende Gerechtigkeit oder die Globalisierung im weitesten Sinne. Es ist einfach wichtig, dass das gesellschaftlich so manifestiert ist.


Anton: Es braucht einfach ein stabiles Wertesystem.


Alex: Genau. Es gibt ja eigentlich ganz wichtige Dinge zu erledigen und die müssen ganz schnell erledigt werde. Und ich würde sagen, das dritte Problem ist die Gleichgültigkeit.


Anton: Das musst du jetzt mal erklären. (lacht)


Alex: Ich würde das so erklären. Durch die Informationsflut überfordert, ist sich zu entscheiden sehr schwer. Die Leute denken dann schnell: "Ach ja, irgendwie geht’s ja weiter, ob wir das nun so oder so machen, ist eigentlich auch egal, solange wir feiern können ist alles gut“.

 

 

Ok, vielleicht sollten wir doch mal noch ein bisschen über Musik reden. Fliessen denn solche Gedanken auch in eure Musik ein?

Fabian: Wo es ganz klar einfliesst ist in die Arbeitsweise. Also meiner Meinung nach. Zum Beispiel die Entscheidung, dass weniger mehr ist, ist ein inhaltlicher Bezug auf die Tatsache, dass in der Welt so viel möglich ist. Das ist auch ein Ideal und schon vergleichbar mit einer gesellschaftlichen Vorstellung.


Anton: Eigentlich eine Materialbegrenzung.


Alex: Materialgewinnung und Materialbegrenzung. Aber teilweise schon auch thematisch. Es gibt von uns ja schon so ein paar Lieder, die sich beispielsweise mit Aussenseitern beschäftigen. "Henry“ ist zum Beispiel so ein Lied.


Anton: Und trotzdem kannst du dich nicht vor dem Zeitgeist verschliessen. Das fällt mir auf, gerade wenn wir live spielen, dann stellt sich immer auch die Frage, welche Titel wir an dem Abend spielen, wie spannen wir den dramaturgischen Bogen. Man kann dann natürlich eher ruhigere Stücke spielen, bei denen das Publikum auch mal ruhig sein und sich konzentrieren muss, um den Text zu verstehen. Oder wir spielen die Knaller, zu denen die Leute halt feiern können. Und ich habe schon den Eindruck, dass die Leute gerade wirklich einfach feiern wollen. Wie in den 20ern, einfach nicht darüber nachdenken – Drogen.


Fabian: Ich finde aber nicht, dass wir da einfach nur bedienen. Alleine schon durch die Art und Weise, wie unser Live-Set die Möglichkeit zur Lücke, zur Pause oder sogar zum Loch lässt. Manchmal ist das auch nicht unbedingt gewollt, und manchmal ist es nicht ideal, aber manchmal schätzt das Publikum auch, dass man immer mal wieder so etwas Luft holen kann. Wir lassen die Leute schon auch immer wieder mit sich alleine.

Alex: Das finde ich eigentlich auch das Schöne an Bodi Bill, es herrscht keine Leere.

Fabian: Ja, und die Leute müssen unbedingt mitmachen, jeder muss seinen Teil geben.

Alex: Wir hoffen schon, dass bei den Leuten, neben den Beinbewegungen, auch immer noch Herz und Geist dabei sind.

(Pause)

Alex: Wir arbeiten am ganzheitlichen Menschen. (grosses Gelächter) Am ganzheitlichen Bodi Bill! (lacht)

Alex: Lange Arme, grosser Kopf, kräftige Beine und grosses Herz!

Die Musik von Bodi Bill scheint mir ziemlich ungezwungen und schwer definierbar. Erschwert oder erleichtert diese Freiheit das Musikmachen?

Alex: Oh, darf ich dazu was sagen?!

Klar, nur zu!

Alex: Ich habe mich gerade auch ein bisschen mit anderen Zeitaltern des Musikmachens beschäftigt, und ich muss sagen, dass all die Bands, die geblieben sind, in ihrer Zeit nie nur den Stil bedient haben, der gerade so gängig war sondern sehr offen waren, Dinge zu verflechten. Das fängt bei den Beatles an und geht über Tom Waits bis zu Police. Mich nervt diese Sparten fixierte Medienwelt, wo Dinge so leicht vermarktbar sind, weil sie so auf eine Sache runtergestampft werden.

Fabian: Das sind dann wohl auch andere Beweggründe, Musik zu machen. Wir haben ja keine Band gegründet, um irgendeine Sparte zu bedienen, sondern haben wirklich bei Null angefangen und werden auch nie wissen, wie unsere nächste Platte klingt.

Alex: Wir sind schon bemüht, ein Guss daraus zu machen, aber das läuft eher über unser Gefühl zur Musik, als über irgendein Genre. Mein Wunsch wäre schon, dass man sich, wenn ich schon alt und grau bin, an uns erinnert.

Fabian: Ja, ganz ehrlich, ich glaube, das ist schon unser Ziel. Egal jetzt wie underground wir sind oder wie auch immer, irgendwo ist da schon ein grosses Ziel. Das ist jetzt nicht anmassend gemeint, aber wir wollen uns schon bei den Bands, die wir selber auch schätzen einreihen.

 

Interview: Antonio Haefeli

Fotos: Promo

 

Dieses Video benötig einen aktuellen Flashplayer um es anzusehen.

Flashplayer installieren

Tags: minimal, berlin, electronica, electronic, bodi bill

Kommentare (1)

Kommentar schreiben

abschicken

suche

go

kinki newsletter

Willst du immer auf dem Laufenden bleiben? Dann melde dich hier beim kinki Newsletter an.

go

kinki magazine abonnieren

Hach, wir sind ja so unheimlich generös: Ihr bestellt ein Abo und wir beschenken euch dafür. Viel Spass und willkommen im kinki Kosmos!

Präsent wählen

werbung