login login Passwort vergessen? Registrieren

Dee Day Dub auf US-Tour

Am 16.10.2009 3 Kommentare
zu Favoriten

Leere Säle, volle Säle, Ausraster, Autogrammstunden und absurde
Gestalten
: Diesen Sommer brach die Zürcher
Band Dee Day Dub
auf, ihren Distorted Psychedelic Soul
in die grosse weite Welt herauszutragen.

In seinem Tourbericht schildert Schlagzeuger Alexis "Singha Dee"
Amitirigala, was die sechsköpfige Truppe zwischen und während
ihrer neun Gigs in New York und Philadelphia erlebt hat.

 

Dee Day Dub US Tour 09

 

 

Für die meisten Amerikaner ist die Schweiz ein undefinierbares Etwas
im fernen Osten. Switzerland? Sweden? Swaziland? Es macht
keinen Unterschied. Wo das Land genau liegt, wissen die wenigsten. Das
ist gut. So werden wir nicht mit Vorurteilen konfrontiert und
können uns selbst neu erfinden.

Erfindungsgabe ist für uns von Dee Day Dub denn auch oberstes Gebot,
als wir in New York eintreffen: Die Besetzung ist neu, es stehen
zwei Proben an, alle haben einen guten Jetlag in den Knochen sitzen und
unverdautes Last-Minute-Songmaterial im Kleinhirn. Die Stimmung
ist zunächst verhalten optimistisch und stürzt dann schnell in den Keller.

Sängerin Brandy
schläft bei 100db auf dem Fussboden ein, während
der Rest der Band mühsam einen Instrumentalpart zurechtzuzimmern
versucht. Dann geht Tasten-Mann Darth Radar in die Luft: "Ich höre
auf. Es reicht. Dieser Drecksgitarrist lässt mir keinen
Raum! Scheissband!"


Der zweite Probetag verläuft besser, Melatonin sei Dank. Später landen
wir im Bitter End in Greenwich Village und hängen mit Lionel Richies
Tour-Gitarrist und einem "Sly & The Family Stone"-Drummer ab.
Der Funk-Jam ist sehr langweilig. Dee Day Gitarrist Maze dreht
mit sich selbst Zigaretten um die Wette, Bassist Manu und ich kommen
auf der Strasse mit Bass-Legende T.M. Stevens ins Gespräch,
und ein Gras-Dealer wird vom Rausschmeisser vor die Tür gesetzt.

Die theatralische Verteidigungsrede des Dealers: "I have to feed a
family. I need to make money like everybody else – and
weed ain’t crack! It’s a plant! It’s a fruit!"
Eine zwielichtige Gestalt
huscht an uns vorbei und meint zu Brandy: "Pineapple Cushion!"
Purer Dadaismus. Für solche Strassenszenen liebt man New York.

Das erste Konzert findet im Europa Club in Brooklyn statt. Es tauchen
ein Dutzend Exil-Schweizer und ein paar verwirrte New Yorker
Seelen auf. Wir spielen laut. Wir spielen gut. Aber eines ist klar: In NYC
hat niemand auf eine Band gewartet, die in einem polnischen Club mit zweifelhaftem Ruf in einem Brooklyner Nebenquartier auftritt.
Fazit: Spiele dort, wo deine Musik hingehört! Es kann nur besser
werden.

Denkste. Am Tag darauf steht das Delancey auf dem Programm, ein
Lower East Side Club
mit tadellosem Ruf. Aber das Wetter ist
schön, die Rezession blüht und es ist Sonntagabend. Die US-Band
vor uns hat gerade mal zwei Zuschauer angelockt. Unsere
Tour-Buddies von The Clowns sind als nächste dran. Inmitten des Sets
ruft Sänger Frederick Obando bedrückt in den Raum: "Ist hier
jemand, der nicht zu Dee Day Dub gehört?"
Eine Hand schnellt
in die Höhe: "Yeah!" Es ist der Barkeeper.

Am nächsten Morgen stehen wir um 6 Uhr auf der St. Nicholas Avenue
in Sugar Hill
. Das liegt dort oben in Harlem, wo die Quartierläden
und Liquor Stores mit schusssicheren Bedienschleusen ausgestattet sind. Regisseurin Maria möchte in 12 Stunden 35 Shots für einen
Videoclip drehen. Wir lieben Utopien, also lassen wir uns wie
ferngesteuerte Puppen durch ein altes Brownstone Haus bewegen.

Die vierstöckige Residenz sieht aus wie in einem Spike-Lee-Film, und
es geht denn auch filmreif zu und her. In der Mittagspause werden
wir auf der Strasse von einer Gang High School Kids umringt – wir
sind bereit für einen Streetfight. Doch die Gang hat ganz anderes
im Sinn: "Can we have your autograph?" fragt der Bandenchef. Wir
lösen uns aus unserer Kung-Fu-Pose und signieren Arme,
Handrücken und Sneakers der Kids. Alle sind glücklich. Soviel zu
den Ghetto-Klischees.

 

Dee Day Dub
Dee Day Dub US Tour 09

Leere Ränge sind schlecht fürs Gemüt,
also starten wir eine Flyer-Aktionin
Lower Manhattan
, wobei wir
Seifenblasenpistolen-Verkäufern

im Washington Square Park ebenso
Flyer in die Hand drücken wie Hipsters,
Chelsea-Models und anderen
schrägen Vögeln
.

Ob diese Aktion genützt hat, wissen
wir nicht, aber das Fontana’s in
Chinatown
ist jedenfalls anständig
gefüllt und das Konzert im Nublu
zwei Tage später gerät zum ersten
Höhepunkt.

Es rockt! Der Club, etwa so gross wie
eine Schuhschachtel, ist
Manhattans Underground Music-
Tempel Nummer 1
und
Experimentierstube für erstklassige New Yorker Acts wie Meshell Ndegeocello, die Brazilian Girls, Kudu oder Wax Poetic.

Momentan spielt Jovanotti (ja, DER Jovanotti) hier einen geheimen Steady Gig. Im Nublu ist alles möglich.

Nach einer Woche New Yorker Wahnsinn sind wir bereit für
Philadelphia
. Die erste Show findet in einer Brauerei
statt, und vielleicht haben wir deshalb bereits nach dem ersten
Abend eine kleine Fanschar beisammen.

Mund-zu-Mund-Propaganda
sorgt dafür, dass bei unserem Gig im
Fergie’s
dann die ganze Hütte in Flammen steht. Die Leute
tanzen auf den Stühlen
, gehen mit, feuern uns an und reissen uns
nach dem Gig die EPs aus den Händen. Wir reiben uns die Augen
und fragen uns, warum wir erst nach Amerika kommen mussten, um
das einmal zu erleben.

Aber das Leben ist manchmal unergründlich.

Zurück in New York spielen wir im legendären Kenny’s Castaways. Es
ist lustig, laut und vor allem lockt Dee Day Dub eine gute Traube
Menschen vor die Bühne. Nach dem Gig steht plötzlich eine Figur wie
aus "Lord of the Rings" neben mir auf der Strasse, eine Art
wandelnder Barde
mit knorrigem Stock, Spitzhut und Ledersandalen.

Er trägt ein Gedicht vor und verschwindet im Club. Nach einer Weile
kommt er mit der aktuellen Ausgabe des East Coast Rocker
Magazins
nach draussen, schlägt Seite 10 auf und tippt mit seinem
knochigen Zeigefinger auf einen Artikel. "Spotlight on Dee
Day Dub"
, steht dort. Wir haben den Sprung in die Medien geschafft.

Für eine Band ist NYC das härteste und grossartigste Pflaster der Welt.
Geschenkt wird einem nichts – ausser Chancen. Und das ist viel. Wir
haben auf dieser Tour das Haifischbecken von innen gesehen und
überlebt. Das ist ein berauschendes Gefühl.

Zurück in der Heimat heisst es nun den Ball flach halten und den
simplen Drei-Punkte-Plan befolgen, den jemand auf die Wand
vor unserem Übungsraum gesprayt hat: "Rehearse. Record.
Perform."


Dee Day Dub aus Zürich waren vom 27. Mai bis 12. Juni auf ihrer
ersten US-Tour. Ab Herbst spielen sie wieder regelmässig im
Bazillus Club
in Zürich. Das Debüt-Album "Chaos Theory" erscheint
im Januar 2010.

 

 

Mehr Info gibt's auf der MySpace Seite von Dee Day Dub.

 

Tags: musik, dee day dub, magazin nr 18

Kommentare (3)

  • fett!

    von Anonymous am 1.11.2009 18:57
  • endlich eine band, die's über den teich geschafft hat.

    von Anonymous am 20.11.2009 17:53

Kommentar schreiben

abschicken

suche

go

kinki newsletter

Willst du immer auf dem Laufenden bleiben? Dann melde dich hier beim kinki Newsletter an.

go

kinki magazine abonnieren

Hach, wir sind ja so unheimlich generös: Ihr bestellt ein Abo und wir beschenken euch dafür. Viel Spass und willkommen im kinki Kosmos!

Präsent wählen

werbung