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Das politische Parkett ist ein rutschiger Catwalk

Am 14.1.2010 1 Kommentare
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Zunächst ein ernüchternder Fakt: Politik und Mode scheinen zwei komplett zusammenhanglose Lebensdisziplinen zu sein. Gemäss einer Umfrage des Seitensprungportals FirstAffair.de mit über 3000 Befragten spielt die Attraktivität von Politikern keine Rolle für den Wahlentscheid der Wähler. Diese Erkenntnis dürfte einigen Volksvertretern bereits bekannt sein.

Die unlängst angeheizte Debatte rund um die fragwürdige Politikerbekleidung signalisiert, dass Politik und Mode durchaus interagieren: Da verschreit der Ex-Präsident der Luzerner SVP linke Frauen als unmodisch und ungepflegt. Oder Stilberaterin Tina Weiss beordert Bundesrat Ueli Maurer zur Nachhilfe in Sachen Style. Die Forderung nach mehr Modebewusstsein kann nicht nur merkantil motiviert sein, zumal auch politische Schwergewichte professionellen Rat bei ästhetischen Fragen beanspruchen: So folgte Angie Merkel beim Outfit beispielsweise den Tipps der Profis und gewann – wer weiss – die Kanzlerwahl eventuell auch dank ihrer modischen Metamorphose. Es ist fast undenkbar, dass Wähler und Wählerinnen Modebewusstsein bei Politikerinnen als "No Go" taxieren.

Dass Sprache und Gestik gegenüber dem Kleidungsstil besser geeignet sind, um eine politische Haltung zu kommunizieren, liegt auf der Hand: Mode ist zu paradox, ihre manipulative Kraft zu durchschaubar. Dennoch behaupten 30% der eingangs erwähnten Studie, dass ein attraktiver Politiker längerfristig mehr erreicht als ein unattraktiver. Da erscheint es fast logisch, dass Modeaspekte gezwungenermassen zu jeder guten politischen Kampagne gehören: Ein modisches Auftreten müsste die Kompetenz und Willenskraft – entscheidende Verkaufsargumente von Politikern – begünstigen.

Unbestritten ist, dass wer in ein politisches Amt gewählt werden will, automatisch ein Modeproblem zu lösen hat: Kleide ich mich zu modisch, erlege ich Launen des Schicklichen und büsse meine Souveränität ein. Wehre ich mich zu stark gegen modische Trends, falle ich als Modemuffel durch. Eventuell ist das zweite Übel das schlimmere. Auf jeden Fall kann sich kein einigermassen gewissenhafter Politiker an Geschmacksfragen vorbeimogeln. Das liegt auch ein wenig an der Natur der Mode: Sie ist öffentlich – wie Politik auch. Sie ist paradox und birgt neben Chancen auch grosse Risiken. Natürlich ist das politische Parkett kein Catwalk und wenn, dann ist er aus Glatteis beschaffen. So gesehen bei Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, die Mode als diplomatisches Instrument nutzt und sich mit einem Tschador ablichten liess.

Politik trachtet nach Stabilität, Mode nach dem Neuen. Modebewusstsein ist die Suche nach Stabilität durch Variation, um einen widersprüchlichen Zustand, der nur bei dem, was sich ändert – über das man weiss, dass es sich ändert – bindend erscheint. Wer Mode folgt, ordnet sich bewusst der Tyrannei der Änderung unter, bei der etwas nicht deshalb gefällt, weil es schön oder sonst wie lobenswert ist, sondern schlicht deswegen, weil es neu ist. Mode zielt – so die Soziologin Elena Esposito – nicht darauf ab, zu gefallen und sich anzupassen, sondern darauf, auf der Basis jedweder Form von Andersartigkeit Verwunderung auszulösen. So gesehen verfolgen Politik und Mode zwei unterschiedliche, aber nicht entgegengesetzte Ziele.

Interessant wäre die Frage, ob in ähnlichen politischen Systemen das Modebewusstsein unterschiedlich ausgeprägt ist. Meine These dazu lautet: In einer direkten Demokratie wie der Schweiz, wo sich die Politiker und die Wähler die politische Entscheidungsmacht stärker teilen, ist das Modebewusststein von Repräsentanten weniger stark ausgeprägt. Dies dürfte daran liegen, dass Politiker in Konkurrenz zu ihren eigenen Wählern stehen und ein zu starkes Modebewusstsein letztere modisch unter Druck setzen würde, was sich an der Wahlurne negativ auswirken könnte.

 

Stilberaterin Tina Weiss
Stilberaterin Tina Weiss

kinki sprach mit der Stilberaterin Tina Weiss über die Modegewohnheiten von Politikern. Sie fotografiert und kommentiert im Online Magazin "Cash" Menschen im Business Look und ist daher ein absoluter Profi.

 

Interview


kinki magazine: Haben Politiker und Politikerinnen ein besonderes Flair dafür, sich unvorteilhaft zu kleiden?
Tina Weiss: Bei den Schweizer Politikern könnte man das schon meinen, ja. Sie kleiden sich wirklich alle nicht besonders gut. Im Ausland sieht das schon etwas besser aus....

Mit der Aussage "Ueli Maurer könnte Stilberatung vertragen" haben Sie kürzlich ihre Kolumne eingeläutet. Was finden sie an seinem Kleidungsgeschmack niederträchtig?
Ich habe Ueli Maurer nicht kritisiert. Hätte ich aber können... Vielleicht verwechseln Sie das mit der Aussage einer meiner fotografierten Personen für Business Style. Seit ein paar Wochen bin ich für die neue Rubrik "Business Style" von Cash Online zuständig. Ähnlich wie bei "Street Style" für Blick am Abend fotografiere ich Leute auf der Strasse – hier aber ausschliesslich im Business-Stil.

Seit bekannt ist, dass Angela Merkels modische Verwandlung von einer längeren Stilberatung herrührt, hat ihre Gilde eine neue Klientel. Warum sind Politiker derart interessante Kunden für Stilberater?
Politiker haben viele öffentliche Auftritte und sind so auch immer Kritik ausgesetzt. Da ist klar, dass über einen Politiker, der wirklich schlecht angezogen ist, auch geschrieben wird. Logisch ist der Inhalt seiner Reden wichtiger als das Äussere, aber dabei gut auszusehen, schadet nicht und sollte eigentlich auch nicht so schwierig hinzukriegen sein!

Es scheint, als hätte ihre Kritik eine neue Debatte ausgelöst. Der Ex-Präsident der SVP Ruedi Kuhn verschrie kürzlich die linken Frauen als unmodisch und ungepflegt. Wurde das Thema akut unterrepräsentiert oder ist das mediale Sommerloch einfach zu tief?
Naja, vielleicht beides... Offenbar möchten linke Politiker ihre Politik auch mit ihrer Kleidung ausdrücken. Aber es gäbe auch tolle Öko-Mode, die nicht zwangsläufig unförmig und altmodisch ist! Zu sagen, dass sie ungepflegt sind, finde ich, geht zu weit. Da wären mir jetzt keine fettigen Haare oder so aufgefallen, höchstens ein paar wirre Frisuren... Oder hatte er die Nase unter ihrem Arm und spricht da von einem persönlichen Erlebnis?

Gibt es noch andere Politiker, denen Sie gerne eine modische Gehirnwäsche verpassen würden?
Eigentlich allen Schweizer Bundesräten. Und Thomas Fuchs. Aber bei dem liegt es wahrscheinlich eher noch an der Gesinnung und der Visage, die ich nicht mag.

Welchen bekannten Schweizer oder ausländischen Politikern attestieren sie ein intaktes Modebewusststein?
In der Schweiz kleidet sich Micheline Calmy-Rey am besten. Ich finde sie hat einen sehr individuellen Stil. Oder einen guten Stilberater? Jedenfalls fiel sie mir schon vor Jahren auf, als sie mit einer Seven-Jeans durch Bern gelaufen ist. Und die Frisur ist ohne diese hellen Streifen jetzt noch besser. Auch Achille Casanova, ehemaliger Bundesratssprecher, ist immer gut angezogen.

Ist es nicht so, dass Politiker sich ruhig stilvoll anziehen können, aber auf keinen Fall den Launen der Mode gehorchen dürfen, weil sie sonst an Seriösität verlieren?
Ja, damit bin ich einverstanden. Politiker sind keine Models und müssen auch keine Trendsetter sein. Aber sie können sich unauffällig gut und zeitlos kleiden – da reicht ein gut sitzender Anzug oder ein schlichtes, aber hochwertiges Kleid. Weniger ist mehr, aber stilvoll muss es sein!

Stellen Sie bei Politikern anderer Staaten generell ein unterschiedliches Stil- und Modebewusstsein fest?
Auf jeden Fall. Es ist schon so, dass die Italiener und Franzosen modetechnisch die Nase vorn haben. Das sieht man auch bei den Politikern. Die Politik von Berlusconi oder Sarkozy kann man hinterfragen, aber wenigstens machen sie eine gute Figur dabei... Auch die Obamas sind ziemlich stilsicher und tragen ihre Kleider mit einer sympathischen Nonchalance. Schön finde ich aber auch asiatische oder arabische Politiker, die in ihren Uniformen und Gewändern auftreten. Die sind wenigstens ausgefallen. Lustig, aber auch ein cooles Statement fand ich den farbig gestreiften Pullover von Evo Morales, dem bolivianischen Staatspräsidenten.


Eine zweite Behauptung: Trägt ein französischer, englischer oder italienischer Abgeordneter einen stilvollen Anzug, sind die Wähler positiv überrascht. Tragen Schweizer Abgeordnete Modisches, erwecken sie Verdacht. Woher rührt das? 
Es erweckt sowieso immer Verdacht, wenn Schweizer aus der Norm fallen, sei es stilistisch gesehen oder sonst wo. Das rührt daher, dass die Schweizer ein braves, seriöses Image haben und immer auf Sicherheit bedacht sind. Ja nicht auffallen, ja nicht anstössig werden, lieber sich anbiedern und in der Menge mitschaukeln.


Stellen Sie selbst innerhalb von Parteien ein unterschiedliches Modeverständnis fest?
Wie bereits erwähnt, merkt man schon einen Unterschied zwischen linken und rechtskonservativen Politikern und man sieht oft, dass sie ihre Politik durch Mode ausdrücken. So treten Linke oft viel lockerer auf und machen sich nicht so viele Gedanken...doch Cordhosen und Wollsocken mögen bequem sein, sind aber keineswegs stilvoll! Dafür könnte man manchmal meinen, rechtskonservative Politiker kommen so steif daher, da sie sich selber fast strangulieren mit ihrer zugezogenen Krawatte und ihrer überkorrekten Einstellung.

Was halten Sie davon, wenn Bundesrätin Micheline Calmy-Rey sich bei ihrem Besuch im Iran einen Tschador umhängt?
Einerseits finde ich, dass sie damit Respekt gegenüber dem Land und seiner Religion zeigte. Andererseits hätte sie damit auch die Chance gehabt, ohne Tschador ein Zeichen zu setzen und den Frauen in diesem Land Mut zu Veränderungen zu machen. Ich denke, sie passte sich halt einfach an, das erwarte ich eigentlich auch von Menschen, die in unser Land kommen. Und wenn sie dabei einen Tschador tragen, stört mich das auch nicht wirklich.

Wo liegen die Grenzen des guten Geschmacks für Personen der Öffentlichkeit?
Ich finde es gibt keine Grenzen. Natürlich muss jemand, der auffällt, auch Stil haben, aber ich finde, die Schweizer könnten sich ruhig mehr trauen! Wenn dann noch die richtige Einstellung und eine gewisse Nonchalance mitspielen, hat mich die Person für sich gewonnen!

Tags: magazin nr 21, Interview, Fashion, mode, politik

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