Das Ende des endlosen Sommers
Sonne, Wind und die Weiten des Meeres – wir sind auf den Spuren des Mythos "Surfen". Nach etlichen Wellenreit-Filmen konnten wir nicht mehr nur zuschauen. Wir wollten endlich auch die Sonne küssen, Bretter reiten und Wellen bezwingen – wenn nur für zwei Wochen.

Es ist Mitte September und wir heben ab Richtung Bilbao in Spanien. Von da aus geht es mit einem Mietwagen weiter in Richtung französischer Grenze, vorbei an San Sebastian und Biarritz. Unser Ziel ist Hossegor, ein absoluter Surfer-Hotspot. Hier, so wird gesagt, sind wir unserem Ziel, den Surf-Lifestyle am eigenen Leib zu spüren, am nächsten. Genau hier, eingebettet zwischen Bordeaux und der spanischen Grenze, liegt der wohl längste durchgehende Sandstrand Europas. Im September nahezu unberührt vom Tourismus, wird das wunderschöne Panorama der endlosen Pinienwälder nur gelegentlich vom Anblick der Villen, Strandhäuser und Campingplätze unterbrochen. Hier zeigt sich das Meer von seiner schönsten Seite: in himmelblauen Farbe durchzogen von schäumenden Wellen. Ideale Bedingungen für den perfekten Sommer.

Unsere erste Erfahrung: ohne Französisch werden wir nicht weit kommen. So finden wir nur mit Glück und etliche Fahrten im Kreis unser Appartement und können uns auch nur durch den Gebrauch unserer Hände und Füsse den Schlüssel von den Nachbarn besorgen – "Vive la France!" Beim Anblick des unglaublichen Meeres, fällt jedoch jeder Missmut von uns ab und wir tun das einzig richtige: wir laden das Gepäck ab, machen unsere Surfbretter bereit und schon sind wir auf dem Weg ins blaue Nass – und auf zum ersten, richtigen Surftrip, nach etlichen Trockenübungen zuhause. Schon in der Luft kann man das Salz des Ozeans schmecken, wir werden fast magisch angezogen. Und wir fühlen zum ersten Mal, worum es eigentlich geht. Wir ziehen die Flip Flops aus und wir spüren den warmen Sand an unseren Fusssohlen. Noch die letzten paar Meter über die Düne und da liegt es vor uns: Ein strahlend blaues Meer mit seinen prachtvollen Wellen und kaum Menschen. Ohne jegliche Bemühungen breitet sich in uns eine warme und unbekannte Zufriedenheit aus. Es ist tatsächlich so, wie "alle" sagen: Das Meer macht glücklich! Allein wie sich die Sonne auf dem Wasser spiegelt und vereinzelte Surfer am Horizont erahnen lässt. Einfach traumhaft.

Kulturelles Highlight: Stillleben mit Einkaufswagen in einer Bucht
Surfprofi mit Hindernissen
Ich scheitere bei meinen ersten Versuchen ein Surf Pro zu werden und werde von den mitreissenden Wellen ordentlich durchschleudert. Doch wer gibt schon auf!? Getreu dem Motto "Der frühe Vogel fängt den Wurm" klingelt der Wecker am nächsten Tag um viertel nach sieben. Es ist noch fast dunkel und wir sind noch nicht überzeugt davon, bei gerade mal 5 Grad Aussentemperatur, einfach so ins Meer zu stürmen. Wir entschliessen uns zu beobachten: Und wollen sie erstmal sehen, die Surf Veteranen und Locals, die ihr Leben auschliesslich nach den Wellen richten. Man stellt sich natürlich blonde, durchtrainierte und braungebrannte Jungs vor, die die Unbeschwertheit im Gesicht tragen, als gäbe es kein Leid auf dieser Welt. Genauso wollen wir auch ausschauen, wenn wir uns in 14 Tagen wieder auf den Heimweg machen. Die Jungs, die wir an diesem Morgen finden, sind allerdings nicht ganz so gesellig. Nur der Gesichtsausdruck verrät weshalb sie hier sind. Es fällt auf, dass hier nicht viel geredet wird. Es scheint fast, als würde man darauf achten, dass der Sonnenaufgang in gebührender Ruhe voran schreitet und den Tag einläutet.

Es dauert nicht lange und der Strand ist voll.
Es dauert nicht lange und der Strand sowie das Meer sind voll. Vorbei mit der Ruhe. In den letzten Jahren hat eben dieser Küstenabschnitt mit der lokal boomenden Wellenreit-Industrie noch mehr an Bekanntheit gewonnen. Fast alle internationalen Surf-Unternehmen haben hier ihre europäischen Zentralen. Viele sogar direkt in Hossegor, genauer in Seignosse. Das bietet den Mitarbeitern, die vom angrenzenden Spanien die Siesta übernommen haben, die Möglichkeit, in ihrer Mittagspause Surfen zu gehen. Anscheinend nutzen das viele, denn zwischen 13 und 15 Uhr trifft man in den Gassen und Geschäften so gut wie niemanden an. So sieht der "Endless Summer" also in der modernen Welt aus. Man verbindet das Praktische mit dem Nützlichen und es ergibt sich die perfekte Mischung aus altem Lifestyle, verbunden mit Surfen, Abhängen und Chillen und die Pflicht sich nebenbei das Geld für solch ein Leben zu verdienen. Das allein kann es aber nicht gewesen sein und wir machen uns auf, die ganz Grossen des Surfens zu besuchen.

Surfen ist ein Massensport mit Kommerzgarantie geworden.
Traum und Realität
Sie alle machen alljährlich während der ASP-Worldtour beim "Quiksilver Pro France" Halt in Hossegor. Diese Jungs leben genau das Gefühl wonach wir suchen. Sie haben ihr komplettes Leben auf das Surfen ausgerichtet und scheinen im Paradies zu leben. Sie reisen zu den schönsten Surfspots der Welt, haben immer die Sonne im Gesicht und mit Sicherheit jede Menge Spass. In ihrer Gegenwart müssen also diese "Vibes" zu spüren sein, dieses unbeschreibliche Feeling aus einschlägigen Surf-Filmen. Einmal angekommen, verschwindet dieser Flair ganz schnell wieder, denn es sieht aus wie ein einziges, grosses Promotion Festival: Fahnen, Bühnen, Lautsprecher, rumkurvende Autos, die nur eins vermitteln sollen: Kaufen, kaufen, kaufen! Das ist genau das Gegenteil, von dem was wir erhofften: nämlich chillige Musik von einer Südseeband und lässige Surfer mit ihren Mädels am Strand. Und natürlich diese Ruhe und Frieden, der von ihnen ausgeht. Sie warten auf Wellen, reden über die neuesten Boards. Weit gefehlt. Im kompletten Sponsor Outfit verlassen sie abgesperrte Zelte und einige werden sogar bis zum Meer "eskortiert". Dort angekommen, müssen sie am abgesteckten Spot, unter relativ schlechten Bedingungen, surfen und man erkennt schnell, dass es dabei nicht um Spass, sondern um Business geht. So wird zwar aus den Wellen alles rausgeholt und man erkennt die Professionalität und das Können der Protagonisten, doch es fehlt das Vergnügen und dieser ganz spezifische Gesichtsausdruck. Sie tun uns leid. Vor allem die weniger bekannten Surfer erreichen bei weitem nicht die Aufmerksamkeit, die ihnen gebührt. Hier läuft es ab, wie auf jedem erstklassigen Sportereignis. Die Grossen der Szene ziehen Scharen an Menschen an und die weniger bekannten, gehen geradezu unbemerkt ins Wasser. Das erste Mal auf unserer Reise verliert der Mythos Surfen an Magie. Wo ist der Zauber geblieben? Das Leben um das Surfen herum, der Lifestyle, wurde nicht von Marketingstrategen entwickelt, sondern vom Leben eines Surfers inspiriert, aufgegriffen und dann erst zu einem Hype gemacht. Keiner machte sich damals Gedanken über die Vermarktung seines Hobbys, sondern eher nur um die Verbesserung seines Boards, um noch mehr eins werden zu können, mit der Natur. Surfen ist jedoch ein Massensport mit Kommerzgarantie geworden.

Hier läuft es ab, wie auf jedem erstklassigen Sportereignis.
Preisgeld oder der perfekte Surf?
Wir wenden uns vom "Inszenierten" ab und erkennen an einem in Augenreichweite liegendem Spot, der weit aus besser läuft, einige Surfer die anscheinend mehr Spass haben und verwerfen den Gedanken in der Profisportwelt unseren Mythos zu finden. Die Wellennachbarn surfen mit einer Leidenschaft und Intensität, dass es einfach gut tut ihnen zuzusehen – das erste Mal auf unserer Reise habe ich das Gefühl diese Jungs leben einen "Endless Summer". Sie haben einen umgebauten alten VW-Bus auf dem Parkplatz stehen, verzichten auf jeden noch so komfortablen Luxus nur um so nah dran wie möglich zu sein und kein Set zu verpassen. Immer auf dem Sprung zum perfekten Strand, mit noch perfekteren Wellen. Das einzige, was man vermisst sind die Mädels, die sich auf ihre Sunnyboys wartend, in der Sonne wälzen. Wir hören ein Gespräch mit, in dem es darum geht, das einer der Surf Pro's beim Contest einen No Show hingelegt hat – also nicht angetreten ist. Sie bewundern ihn, da er anscheinend mit ihnen im Wasser war und somit einfach den besseren Spot gesurft ist und nur nicht antreten wollte, weil ihm die Wellen nicht gefallen haben. Bemerkenswert, denn somit gibt es sie also doch noch, die Surfmentalität, die einen Wettkampf mit Preisgeld nicht über die Möglichkeit eines perfekten Surfs stellt. Passend zu diesem Flair sehen wir den schönsten Sonnenuntergang der Welt und verstehen warum es Jahr für Jahr die Surfer hier her zieht.

Kulturelles Highlight: Bunker aus Kriegszeiten mit Graffitis
Das Ende eines ehrwürdigen Mythos
Auf der allmorgendlichen Suche nach dem perfekten Surfspot werden wir aber täglich entschädigt und von neuen, kulturellen Highlights beflügelt. Wir entdecken einen Strand mit Bunkern aus Kriegszeiten. Halb im Wasser versunken oder am Strand liegend, wie gestrandete Wale, werden sie geziert durch zahlreiche Graffitis und machen dieses Stückchen Natur ein wenig bunter. Auf ihnen sitzend oder hinter ihnen nach Schatten suchend, haben auch sie hier ihren Platz im Leben der Surfergemeinde gefunden. Ein anderes Mal steht ein Einkaufswagen, wie in einem Stillleben platziert, in einer Bucht und sieht aus als warte er auf das nächste Highlight seiner Reise. In Hossegor wird es nun wieder ruhiger und wir schliessen daraus: der Contest hat ein Ende gefunden. In Gedanken lasse ich alles erlebte noch einmal Revue passieren und entscheide für mich selbst, dass ich dieses Leben nicht führen möchte. Sie alle leben nicht mehr diesen alten, ehrwürdigen Mythos mit all den schönen Seiten des Lebens, sondern werden vermarktet wie Pop-Bands. Da bleibt keine Zeit sich diesem Leben so hinzugeben, wie einst die Jungs aus dem Film "Endless Summer". Es geht wie immer auf dieser Welt, um Geld. Als Ansporn für einen zehnten Titel in Folge hat man einem der Wellenreitkünstler sogar 10 Millionen Dollar geboten. Es ist schade, denn es nimmt diesem Sport seinen Zauber – und am Ende bleibt nur eine grosse kommerzielle Show. Und unsere zerplatzten Träume.
Text: Rita Greulich

Kommentare (2)
schöner Artikel
von suse am 24.11.2008 16:07