Dachkantine: Ein Elektromentarfilm der Sehnsüchte
Am 5. November startet der Elektromentarfilm DACHKANTINE in den
Kinos. Mehrere hundert Leute mussten an der Vorabpremiere in der
Zürcher Roten Fabrik wegen Überfüllung auf den späteren Kinorelease
vertröstet werden.
Dem sagenumwobenen Club/Sündenpfuhl/Plattform mit starker
internationaler Ausstrahlung ist zu verdanken, dass Techno nach
einer längeren Auszeit wieder salonfähig wurde.
Der Elektromentarfilm "Dachkantine" ist eine eindrückliche, 76-minütige
Hommage an den gleichnamigen Zürcher Elektroclub auf dem Dach
der Tonimolkerei.
Die Dachkantine wurde von Michel Häberli, Thomas Gilgen, Nader
Kuhenuri, Markus Ott und Alex Dallas geführt und
musste im Jahre 2006 ihre Tore schliessen, weil die Verwaltung den
Mietvertrag nicht verlängern wollte (obwohl die Liegenschaft
danach 1,5 Jahre leer stand).
Dass sich viele Ausgehfreudige nach der Dachkantine sehnen, ist nach-
vollziehbar: Sie war ein spannendes Labor für musikalische
Experimente und Innovationen, Sündenpfuhl und Vermählungsstätte
von Liebenden, von unterschiedlichen Stilrichtungen und Szenen.
Ich habe mir diesen tollen Film mit Markus Ott angeschaut, der als
22-Jähriger in die Clubführung einsass. Heute betreibt er den
erfolgreichen Club "Zukunft" an der Zürcher Dienerstrasse. Ihm
kullerten während der Visionierung die Tränen von den Augen…
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Interview mit Markus Ott
kinki magazin: Wie hat dir der Film gefallen?
Markus Ott:Ich fand ihn sehr gut, sehr authentisch. Er hat mich traurig
gestimmt, weil es den Club nicht mehr gibt. Diese Zeit war sehr, sehr
intensiv. Der Film vermittelt genau das, was dort drin stattfand.
Er ist ein Zeitdokument, das sehr gut gemacht
ist – und das auf eine nicht langweilige Art. Mir hat er sehr gefallen,
auch wenn ich befangen sein mag.
Die Experimentierfreude und das Ungeplante machten die Dachkantine so einzigartig. Warum hat man den Club nicht in einer anderen Location weitergeführt? Es war ja immer rappelvoll.
(Markus lächelt endlich wieder ein bisschen.) Es gibt drei Gründe:
So intensiv wie diese Zeit gewesen war, konnte und wollte
ich – aber auch andere Parteien – in diesem Konstrukt nicht mehr zusammenarbeiten.
Es war schlicht zu nervenaufreibend, zu heavy. Zweitens gab es eine
abrupte Kündigung. Der dritte Grund war: no space. Fakt ist:
man findet keine geeignete Räumlichkeit. Zürich ist hierfür wirklich
ein schwieriges Pflaster. V
on daher freue ich mich auch auf diese Wirtschaftskrise und hoffe,
dass sie schlimmer wird. Vielleicht gibt es bald irgendwelche
freiwerdenden Kantinen in Geschäftshäusern, die frisch aufgezogen
wurden und nicht vermietet werden können. Leider lassen
Eigentümer oft lieber ihre Liegenschaften unvermietet.
Liesse sich ein derartiger Club nach betriebswirtschaftlichen Kriterien erfolgreich führen?
Die Work-in-Progress Philosophie der Dachkantine war sehr intensiv
und Energie raubend. Ob die Dachkantine aber mit mehr Planung
und Professionalität hätte entstehen können, bleibt dahingestellt.
Optimal wäre ein Objekt begrenzt auf drei Jahre, wo man Leute fett
vereint zusammentrommelt, um das Teil zu rocken. Für
Längerfristiges – wie etwa die "Panorama Bar" in Berlin – sehe ich
schwarz. Denn diese gleiche Energie nochmals heranzu-
zelebrieren, ist wirklich schwierig. Mit betriebswirtschaftlichen
Strukturen einen derartigen Club zu führen wäre aber, so
glaube ich, auch nicht Erfolg versprechend.

Dachkantine Smith
Warum wurde der Mietvertrag mit dem Dachkantine-Team nicht verlängert?
Ich weiss nicht, ob es politisch clever ist, das zu sagen, aber: Die Nachbarn,
die selber in diesem Gebäude etwas betrieben haben, spielten dabei
eine zentrale Rolle. Dann auch unsere freakige Art, mit den Vermietern
umzugehen.
Das Gebäude stand danach bestimmt noch eineinhalb Jahre frei, ohne
Fenster und WCs. Wir hätten es sicher weiterziehen können.
Der Verwaltung wurde es aber, glaube ich, schlicht zu bunt. Wir
waren keine einfachen Partner, viele "extreme" Leute. Jemand
vom Club "Rohstofflager" geht mit dem Anzug in die Verhandlungen.
Wir hingegen sassen verkatert am Tisch. Das ist der Unterschied.
Irgendwo erschienen wir einfach zu unprofessionell. Wir waren
viel eher professionelle Raver und hatten auch auf unsere Art professionelle Strukturen. Wir waren einfach keine klassischen Gastrobetreiber.
Wir lebten den Club und führten ihn nicht nach betriebswirtschaftlichen Kriterien.
An der Pfingstweidstrasse, in der Nähe vom "Ibiz Hotel", steht ein grosser Gebäudekomplex, da ist sicher noch Platz frei.
Vergiss es, da ist alles besetzt. Ich bin bestimmt schon seit 4 Jahren einen halben Tag pro Monat nur mit der Suche nach einer guten Location beschäftigt, um eine einmalige Babyshake Party zu machen: forget it!
Mit einem starken Statement beschreibst du im Film den Wirkungskreis der Dachkantine treffend: sie schaffte es, Leute heranzuzüchten, die Techno wieder schätzten. Können wir es der Dachkantine verdanken, dass Techno auch heute in überschaubaren Clubs angesagt bleibt?
Techno fand schon vorher an abgeschirmten Orten in Zürich statt. Der Club
"Ära" war beispielsweise ein solcher Ort. Als wir mit der Dachkantine
begonnen haben, hiess es oft: "Bist du dir sicher? Techno ist doch tot." Wir
haben das auch so gesehen. Aber wir wollten einen Off-Space schaffen,
wo sich die Leute wohl fühlen, wo sie vergessen können.
Einen Raum schaffen, in dem man sich nicht immer beobachtet fühlt, in dem
man sich auch mal ausziehen und total ausflippen kann, ohne gleich
rausgeschmissen zu werden. Die Dachkantine war ein Ort, in welchem
diese ganzen Dinge, die vorher in kleineren, versteckten Orten
stattfanden, publik wurden.
Viele wussten gar nicht, dass eine solche Feierkultur in dem Ausmass
möglich ist, geschweige denn bereits gab. Sie besuchten
Hip-Hop-Partys oder blieben zu hause. Sie wurden urplötzlich von diesem
Technovirus angefixt. Dazu gehören viele Dinge wie Community,
Abtauchen, Wegdriften, Tanzen, Liebe – extrem vieles.
Wir haben dies einigen Leuten näher gebracht. Einigen Leuten hätte ich es
lieber nicht gezeigt. Denn früher konnte man sich als Frau auf ein Sofa
legen und einschlafen, ohne befürchten zu müssen, dass einem ans Höschen gegriffen oder das Portemonnaie gestohlen würde. Das war der Nachteil
des "Going Public" des Techno. Aber so ist der Werdegang. Und ich bereue
es nicht.
Auch wenn wir in der Dachkantine bald eine strengere Selektion durchführen mussten, was am Anfang nicht so war. Die Gäste waren eh schon
cool drauf. Die Selektion half auch, die "coziness", das Gemütliche,
zu erhalten. Ich bin überzeugt, dass die Leute, die nach der
Dachkantine in Pension gegangen sind, mit einem ähnlichen Konzept wieder mobilisierbar wären.

Puplikum
Viele Liebhaber der elektronischen Musik finden, dass der Ausgang heutzutage sich nur noch ums "Aufreissen" dreht. Ist die Tanzfläche nur noch da, um den Balztanz aufzuführen?
Das ist ortsbedingt und hat mit der eigenen Wahrnehmung zu tun, also ob
einem die Party gefällt oder nicht. Aus der Dachkantine – sowie heute
aus dem Club "Zukunft" – sind einige Beziehungen und Kinder entstanden.
Ich konnte soeben eine Band für den Club Zukunft günstig buchen, weil
sich das Bandmitglied sich im Club in eine Frau verliebt hat. Das ist
ja auch das Schöne. Ich finde es aber sicher wichtig, als Veranstalter
ein Auge auf den respektvollen Umgang zu halten.
Wenn man darauf achtet und den Sicherheitsleuten klarmacht, dass sie
Schutzengel und keine klassischen Sicherheitskräfte sind, dann
geht das. Aber klar, es gibt Leute, die kommen, um zu vögeln – die
einen mit etwas mehr Charme, die anderen mit etwas weniger.
Das ist "Part of the Game", wie auch im Leben ganz allgemein.
Viele Techno-Pensionäre vermissen auch ein wenig die Experimentierfreude im heutigen Angebot. Stimmst du dem zu?
Es gibt Orte, also Kellerpartys beispielsweise oder spontan aufgezogene
Feste, wo diese Experimentierfreude tatsächlich noch gelebt wird.
Klar, es ist so, in Clubs mit fixem Programm muss man für Experimente
extrem viel Energie aufbringen, die man für eine qualitativ
hochstehende Programmgestaltung bräuchte.
Aber ja, eine grosse Bühne aufzustellen, gerade wie bei der Narod
Niki Session am Abschlussfestival der Dachkantine, mit 10 DJs,
erfordert Platz und Koordinationskunst.
Das Ende der Dachkantine markiert einen Wendepunkt in der Techno-Subkultur, hin zu einer stärkeren Kommerzialisierung. DJ Brinkman beklagt im Film pointiert und stellvertretend dafür die hohen DJ-Gagen: "They ask for fucking 1500 EURO for a business class flight from Berlin to Zurich."
Die Subkultur gibt es noch, auch in Zürich. Mit der Dachkantine
botenwir verschiedenen Subkulturen ein Zuhause, wir wurden aber
am Schluss zu einem "High-Culture" Club.
Heute haben die Leute auf gemischte Musik Lust.
Aber es ist schon so: Freunde, die wir früher für die Dachkantine
gebucht haben, verlangen heute horrende Gagen. Gerade
mit Booking-Agenturen wurde das Ganze zu einem Zirkus. Aber
es gibt immer noch Künstler, die noch hobbymässig und mit
Leidenschaft auflegen. Mit diesen Leuten arbeite ich auch gerne
zusammen.
Welcher ist eigentlich dein Lieblingsklub europaweit?
Ich gehe selten an Raves, wenn ich in die Ferien gehe. Meine Frau darf
deshalb im Auto auch nie Radio hören. Der "Golden Puddel Club"
in Hamburg beispielsweise fasziniert mich sehr. Oder auch das "Robert
Johnson" von Atta in Frankfurt, der sehr konstante Energien
freisetzt. Ganz allgemein finde ich Clubs sehr faszinierend, die
konstant über mehr als 5 Jahre hinweg ihre Qualität erhalten.
Davon gibt es etwa 5 bis 10 weltweit. Ein Club zur Nummer 1 zu hypen
ist nicht allzu schwierig. Aber monatlich 4 bis 5 super Gigs mit
guten Besuchern zu haben, das ist echte Kunst. In London gibt es
auch einen guten Club, dessen Name mir entfallen ist.
Auch in Spanien.

Dachkantine Totale
Bist du ein Fan der Elektro-Retortenstadt Ibiza?
Ibiza ist mir zu gross, ist nicht so mein Stil. 50 Euro Eintritt und 13 Euro für
ein Bier, das geht mir ungeheuer gegen den Strich. Mit den Leuten,
die über längere Zeit die Qualität eines kleineren Clubs aufrechterhalten,
mit diesen Leuten würde ich gerne mal in die Ferien gehen.
Markus Ott ist 28 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und seinen 1-jährigen
Zwillingen in einem Bauernhaus in der Zürcher Agglomeration. Er
ist gelernter Dekorateur und betreibt seit 4 Jahren erfolgreich den Club
Zukunft. Soeben hat er in der Nähe seines Clubs die Eisdiele
"Bingo Bongo" eröffnet. Auf die Frage hin, welches Stück er gerne
an seiner Beerdigung gespielt haben möchte, wollte mir Markus einen
youtube Link schicken, auf den ich heute noch warte.
Text und Interview: Valerio Bonadei

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