Bubblegum for Zola

Bei Niki handelt es sich um eine zierliche Jägerstochter, 22-jährig, aus der hintersten Ecke Wisconsins. Elfengleich schwebt sie uns entgegen, als wir sie etwas gestresst vor ihrem Auftritt im Zürcher Papiersaal vorfinden. Sie sei seit einem Monat ununterbrochen unterwegs und habe eben zehn Stunden im Bus verbracht, um es rechtzeitig nach Zürich zu schaffen. Vielleicht hat sie das um ihr Nervenkostüm gebracht, aber wahrhaftes Charisma ist eben schwer totzukriegen.
Die 1.50 m kleine Sängerin ist auf so beneidenswert unangestrengte Weise sympathisch, dass man sie eigentlich am liebsten adoptieren und seinen Eltern vorstellen möchte. Das wäre aber ähnlich creepy wie der Ruf, der ihr vorauseilt: Nika Roza wird nämlich gerne als neue Galionsfigur des Goth gehandelt. Davon will sie selbst allerdings nichts wissen. Viel lieber klärt uns Miss Danilova über das Leben im christlichen Niemandsland, ihre ganz eigene Revolte und die Qualitäten von Bubblegum-Pop auf.
Wir wissen nicht, ob ihre Haut glitzert, wenn sie bei Tageslicht das Haus verlässt, aber sicher ist, dass diese Elfe mit messerscharfem Intellekt gesegnet ist und der Musikwelt als Zola Jesus mit wunderschön emotionsgeladenen Liedern einen gnadenlosen Schuss Ehrlichkeit einimpft.
kinki magazin: Zuallererst eine Frage, die du wahrscheinlich sehr gut kennst: warum der Name Zola Jesus?
Nika: Es ist eigentlich ziemlich einfach. Als ich noch zur High School ging, war ich fasziniert von Emile Zola (Anm. d. Red.: französischer Schriftsteller). Daher Zola. Und ich bin in einem sehr kleinen, abgelegenen Ort in Wisconsin aufgewachsen. Irgendwo im nirgendwo, jenseits von allem. Da gab es im Grunde nichts ausser endlose Äcker und Weiden. Und die Leute dort sind sehr konservativ und viele davon streng gläubig. Ich bin nichts davon. Da lag es nahe, Jesus Christus im Bandnamen zu integrieren, um etwas Aufsehen zu erregen.
Hat es funktioniert?
Ja, schon. Ich denke, das hat es… Eigentlich kann ich es aber nicht richtig beurteilen, weil ich danach recht schnell weggezogen bin.
Du hast ja extrem früh damit angefangen Musik zu machen. Wie kommt man dazu, sich als Tochter eines Jägers, irgendwo in der Pampa im zarten Alter von sieben Jahren dafür zu entscheiden, Opern zu singen?
So genau kann ich das gar nicht sagen. Aber ich schätze, es hat eben damit zu tun, dass ich so fernab aufgewachsen bin. Ich hab sehr wenig von der Welt "draussen" mitbekommen. Mein Bruder ist ein Jahr älter als ich und er war einer der wenigen in meinem Alter, mit dem ich mich beschäftigt habe. Wir lebten sehr zurückgezogen und für uns, auch weil vieles schlicht zu weit weg war. Und da wir kein Fernsehen, kein Internet oder ähnliches hatten, hab ich oft in der Musiksammlung meines Vaters gestöbert. Er hörte so Sachen wie Oingo Boingo und die Dead Kennedys. Das hat mich sicher beeinflusst. Und Oper fand ich einfach faszinierend.
Und wie kam’s, dass du mit Zola Jesus angefangen hast und damit einen doch sehr anderen Weg eingeschlugst?
Das war so etwa mit 16 oder 17. Ich musste irgendwann feststellen, dass Operngesang eine grosse Belastung sein kann. Das Training ist sehr hart und verlangt extrem viel von der Stimme. Es bringt dich immer wieder an Grenzen. Die Technik ist sehr anspruchsvoll und ich wollte es perfekt machen. Dadurch hab ich mir selbst riesigen Druck aufgebaut. Und ich merkte irgendwann, dass mir dieser Weg nicht gut tat. Weder meiner Stimme noch mir selbst, also auch in psychischer Hinsicht. Mit Zola Jesus hab ich etwas gefunden, das mir einfacher von der Hand geht und womit ich mich wohl fühle. Dass ich damit einen ziemlich gegensätzlichen Weg eingeschlagen habe, ist sicher auch eine Art Rebellion. Aber es ist ja auch nicht komplett abwegig. Wie gesagt: Rock, Punk und das alles, spielten immer schon eine grosse Rolle in meinem Leben. Damit bin ich aufgewachsen.
Deine Musik wird oft als düster und sehr intensiv beschrieben. Siehst du das auch so?
Definitiv intensiv, ja. Aber ich würde sie nicht unbedingt als düster bezeichnen. Es geht eher darum, auch die weniger guten Dinge im Leben anzusprechen. Das gehört schliesslich dazu. Ich finde es wichtig, dass man sich damit auseinandersetzt und ich sehe das als Herausforderung.
Mal eine ganz andere Frage: Ich hab gelesen, dass du auf „Bubblegum-Pop“ stehst. Ja. Und du magst Britney Spears’ neues Album, weil es ein vollkommenes "escapist-album" sei. Wovor willst du fliehen?
Naja, es bin ja nicht ich diejenige, die fliehen möchte (lacht). Nein, damit meine ich, dass es ein Album ist, das es schafft, dich eine Weile von der Realität abzulenken. Da stecken aussergewöhlich talentierte Produzenten dahinter und das trägt stark dazu bei, dass die Musik wirklich gut ist. Aber es ist halt auch eine sehr oberflächliche Art von Musik, wenn man so möchte und sie hat herzlich wenig mit dem realen Leben zu tun. Macht aber Spass.
Wer ist denn dein "Lieblings-Bubblegum-Pop-Artist"?
Ich mag Britney, aber auch Christina. Beyoncé. Rihanna – wobei, die nicht ganz so sehr. Und Robyn! Aus offensichtlichen Gründen. Was sie macht, ist auch nicht ganz so "geschönt." Robyn bewundere ich sehr.
Hast du mal darüber nachgedacht, selbst so eine Richtung einzuschlagen?
Ja, auf jeden Fall. Ich wünschte, ich könnte diese Art Musik machen! Ich hab`s auch versucht. Der Song "Seekir" sollte beispielsweise ursprünglich in diese Richtung gehen. Aber es ist dann doch wieder etwas anderes rausgekommen. Das alles bin am Ende eben nicht ich. In meiner Musik bin ich einfach sehr ehrlich und gebe extrem viel von mir preis. Ich bin nicht gut darin, mich zu verstellen. Und eigentlich will ich es auch nicht.
Gut, dann noch eine Frage, die nichts mit all dem zu tun hat: Was wäre deine liebste Urlaubsdestination?
Haha. Ja, Urlaub… Schön wär’s. Ich hab grad von dieser Therme hier in der Schweiz gehört.
Therme Vals?
Ja, genau. In den Bergen, etwas abgelegen und wunderschön. Das hört sich unheimlich gut an. Da würd’ ich gerne hin.
Text und Inteview: Melanie Biedermann
Fotos: Yves Suter

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