Blaue Zelle, rosa Hemd
In Dänemark steht anstelle der "Herren mit den weissen Jacken" ein blaues Auto vor der Tür und zur Abholung bereit, wenn man in den Augen der Gesellschaft verrückt geworden ist. Etwas mulmig war mir deswegen schon zumute als ich zwei der vier Bandmitglieder von The Blue Van nach ihrem crazy Auftritt im Zürcher Abart zum Interview traf. Warum man auch nach vierzehnjähriger Bandgeschichte noch immer als Kloputzer jobben muss, warum Männer mit rosa Hemden keine Männer sind und was Frauen wirklich wollen, hat uns die Band bei ein paar Bier in einer winzig kleinen, blau gestrichenen Zelle verraten.

kinki magazine: Hallo Allan. Entschuldige, dass ich dich von der Bar weggerissen habe! Stimmt es eigentlich, dass ihr euch nach dem blauen Bus benannt habt, der in Dänemark die Geisteskranken von zuhause abholt?
Allan Villadsen: Ja, das stimmt. Irgendwie hat uns das gefallen!
Ich habe gelesen, dass ihr schon seit Langem Musik gemeinsam macht. Wie viele Jahre sind es genau?
14. Nein, 13,5, um genau zu sein! Wir hatten zuerst noch einen anderen Drummer. Der Keyboarder und ich kamen aus derselben Stadt. Oder besser gesagt Gemeinde, denn der Ort hat nur 200 Einwohner. Es gab nicht wirklich etwas zu tun da: man hat entweder Fussball gespielt oder sich eben mit etwas anderem beschäftigen müssen. Unserer Leadsinger kommt aus einer grösseren Stadt in der Gegend mit etwa 12 000 Einwohnern. Dort gingen wir alle auch zur Schule. Irgendwann haben sich unser Leadsinger und der Orgelspieler zusammengetan und sie haben einen Bassisten gesucht. Da mein Vater weit und breit der einzige war, der ein Bass besass, hatten sie kaum eine andere Wahl als mich zu nehmen (lacht).
Ich habe online einen Clip auf YouTube gesehen: "The new Tattoo", in dem ihr als Band mitspielt. Wofür war das?
Das war ein Sketch, den wir vor vier Jahren gemacht haben. Es gab da diesen TV-Sender mit lauter Sketches und das war einer davon.
Im Clip kann man nicht wirklich verstehen, was ihr redet, weil ihr alle Schimpfwörter verwendet, die mit einem BEEP überspielt werden. Ist es denn nicht möglich im dänischen Fernsehen zu fluchen?
Nein, eigentlich ist das nicht erlaubt. Sie würden zwar in echt keinen BEEP einspielen, aber man flucht einfach nicht im Fernsehen! So kann man aber immerhin auf eine Art noch seine Meinung sagen. Nicht so wie in den Staaten, wo alle Live-Sendungen leicht verzögert sind, sodass sie noch rechtzeitig ihr BEEP einbauen können.
Sieht ihr eure Musik als Hommage an Bands wie The Kinks, Cream oder The Beatles?
Naja, das hat ja alles anders angefangen. Zuerst haben wir Songs von Green Day gespielt. Und eines Tages hat dann unser alter Drummer diese Kaffee-Werbung gesehen mit einem Hendrix-Song. Er mochte den Song auf Anhieb und hat sich dann ein Hendrix-Album von seinen Eltern zu Weihnachten gewünscht. Als wir dann den neuen Drummer bekamen, spielten wir Blues Songs, Cream, Eric Clapton und so Zeug. Und erst nach diesem ganzen Prozess haben wir angefangen selbst an unserem Sound zu tüfteln und unsere eigenen Stücke zu schrieben. Der Sound ist dabei ganz natürlich entstanden. Oder so hat es sich zumindest angefühlt.

An einem eurer Konzerte war das Kronprinzenpaar Dänemarks im Publikum anwesend. Sind die Dänen eigentlich genauso stolz auf ihre königliche Familie wie die Briten?
Ja, total. Und jedes Mal, wenn ein neues Mitglied der königlichen Familie geboren wird, sitzen alle gebannt vor dem Fernseher und beten, dass das Kind so benannt wird, wie man selber heisst. Dass sie auf unserem Konzert waren, war wirklich abgefahren. Wir hatten drei Shows irgendwo in den Bergen von Vietnam und zu jedem der Konzerte erschienen um die 4000 oder 5000 Leute. Bei einem war das Kronprinzenpaar dann eben da und nach der Show konnten wir sogar ein wenig mit ihnen plaudern.
Bei welchem Konzert würdet ihr gerne selbst mal im Publikum stehen?
Ah, das ist schwierig. Ich würde gerne dieses Jahr ans Roskilde gehen. Da spielen einfach immer klasse Bands. Aber eigentlich sprichst du hier ein kleines Trauma von mir an: ich wollte schon immer AC/DC sehen und letztes Jahr kamen sie zum ersten Mal nach Dänemark. Also habe ich ein Ticket gekauft, doch leider hatten wir genau am selben Tag selbst einen Gig. Ich dachte, ich könnte irgendwie beide Sachen unter einen Hut bringen. Leider hatte AC/DC dann aber zwei Vorbands und ich habe nur ihre ersten drei Songs mitbekommen ehe ich gehen musste. Ich werde nie wieder ein Ticket für sie kaufen!
(Soren Christensen kommt dazu.)

Hallo Soren! Du kommst genau richtig zu einer etwas bizarren Frage.
Soren: Das ist gut! Ich bin auch der bizarre Typ in der Band.
Dann ist es ja perfektes Timing! Eure Songs wirken auf mich immer sehr maskulin. Nicht nur wegen Titeln wie "I`m a man, man up" etc., sondern vom ganzen Sound her. Vermisst ihr denn die Zeiten, in der das Männerbild noch anders war als das heutige?
Allan: Nein, das würde ich nicht sagen. Wir sind ja jetzt auch nicht so alt, dass wir diese gute alte Zeit selbst miterlebt hätten als Männer noch stürmisch und kraftvoll waren. Die Zeiten sind heute eben einfach anders.
Soren: Aber wir werden niemals ein rosa Hemd tragen!
Wie bitte?
Soren: Ja, sobald jemand eine anständige Freundin hat, zieht sie ihren Freund plötzlich an und ehe er sich versieht trägt er ein rosa Hemd! Das ist wirklich Brutalität! Tut so etwas niemals! Eigentlich wollen Frauen ja auch einen maskulinen Mann. Sie wollen keinen Jasager. Und manchmal möchten sie es ein wenig härter.
Darf ich das so zitieren?
Soren: Klar. Das ist sogar die Überschrift! Schau, deswegen schreiben wir auch Songs wie: I`m a man!
Aber irgendwie sprecht ihr damit mehr Männer an. Heute Abend waren jedenfalls mehr Männer als Frauen im Publikum.
Allan: Normalerweise haben wir aber mehr Frauen im Publikum. Sie stehen immer ganz vorne.
Soren: Und ganz hinten sieht man dann die Typen in ihren rosa Hemden, die denken: Scheisse, wo ist denn meine Freundin??
Allan: Ah, gerade wird es hier ein bisschen... mmh, was ist das Wort?
Gemütlich?
Nein, ich wollte eigentlich cheeky sagen!
Ich bin ja auch vom kinki magazine!
Sehr gut: getting cheeky with kinki!
Ich habe noch eine andere Frage ehe es zu cheeky wird: ihr kommt alle aus sehr handwerklichen und technischen Berufen. Lebt ihr diese Seite aus, wenn ihr nicht auf Tour seid? Oder wie sieht euer Leben dann aus?
Allan: Also, um ehrlich zu sein, putze ich Klos, wenn wir nicht auf Tour sind.
Ehrlich?
Ja, wirklich wahr! Ich putze Klos. Um in Dänemark wirklich dein Geld mit der Musik zu verdienen, musst du schon verdammt fett im Business sein.
Und was machst du so, Soren?
Soren: Naja, ich arbeite nicht nebenbei. Aber dafür lebe ich auch aus dem Koffer und schlafe hier und da auf dem Boden. Aber nächsten Monat ziehe ich endlich in ein eigenes Apartment! Es ist eine ganze Weile her, seitdem ich eine eigene Wohnung hatte. Früher haben wir zusammen eine Wohnung geteilt.
Allan: Für diesen Luxus musst du jetzt auch gemeinsam mit mir Toiletten putzen. (lacht)
Ihr seid noch eine Weile auf Tour. Freut ihr euch besonders auf eine Stadt?
Allan: Die Shows in der Schweiz waren ziemlich gut. Aber wir freuen uns auf das Tourende in Berlin. Wenn wir bis dahin noch leben sollten (lacht). Diese Woche hatten wir sechs Gigs. Aber wir werden überleben, weil wir Joghurt und Müsli essen!
(Soren blättert parallel das kinki durch und stutzt bei den Hard-Rockern Hangmen`s chair)
Soren: Wow. Diese Typen essen bestimmt niemals Müsli zum Frühstück! Eher verspeisen sie rohe Eier!
Allan: Dafür wird er aber nie ein rosa Hemd tragen. Das ist sicher!
Text und Interview: Anja Mikula
thebluevan.com

Kommentare (3)
Tolles Interview Anja!!
von Manfred am 18.5.2010 23:17Witzige Typen, toller Sound. Spielen übrigens am Clanx dieses Jahr!
von Fred am 3.6.2010 14:38