Beissen und Bier
Jung, isländisch, unbekümmert. Ólafur Arnalds, ein hoffnungsloser Romantiker, und For A Minor Reflection, eine hoffnungsfrohe Postrock-Band, erzählen, wie man heute, nach kolossalen Ereignissen wie Björk, Kreppa und Eyjafjallajökull, in Reykjavík so lebt.
Ein Handgriff reicht, schon geht es los mit den Naturgewalten. Wenn man in Island morgens den Wasserhahn aufdreht, prasselt einem ein direkt in der Erde aufgebrühter Dusch-Cocktail auf die Haube, von Magma, heissem Vulkanzeug oder, prosaischer gesagt, von geothermischer Energie schön vorgeheizt. Genau wegen solcher Annehmlichkeiten kommt Island, diese beeindruckende Ansammlung von Gesteins- und Gletschermassen, von Feuer und Eis, aber auch nie zur Ruhe. Alles ist ständig in Bewegung, das ganze Land wird zwischen der eurasischen und der nordamerikanischen Kontinentalplatte gestreckt und gedehnt. Unter Island brodelt es.
Es geht wohl nicht anders: Die Klischees, die im typischen Blick auf Island liegen, werden scheinbar zwangsläufig bestätigt, sobald man hinschaut. Die Kids zum Beispiel: unglaublich hip und geschmackssicher, alle in diversen Bands aktiv, alle sind sie spleenig, exzentrisch und können irgendwie nicht anders, als in ihrer Musik eine Ahnung von Islands überwältigender Landschaft einzufangen. Alles schreit Wucht, Weite, Wahnsinn! Selbst Pop ist hier eine Naturgewalt.
Das akute Problem nachts unterwegs in Reykjavík heisst dann allerdings nicht Vulkanausbruch oder Aschewolke, sondern Menschenknäuel. Die Warnung davor steht sogar im Reiseführer. Achtung: Wartezeit, Vetternwirtschaft! Der Türsteher vor dem Kaffibarinn lässt nämlich Freunde und Cousins bevorzugt rein. Wenn man eine Weile in dem wilden Geschiebe vor dem Laden steht, fragt man sich eher, ob überhaupt irgendwer reinkommt. Gegen zwei Uhr, kurz bevor die ersten Sommersonnenstrahlen zu sehr blenden, haben die Vorglüher genug von ihren Gelagen zu Hause und torkeln von überall her auf den Laugavegur und in die Bergstaðarstræti im Zentrum der Stadt. Alle wollen auf einen Schlag ins Kaffibarinn. Kjartan Holm ist schon eine Weile vorher drin, und er muss auch bis zum Ende bleiben. Er ist so der Typ Prinz Harry in seiner Sturm-und-Drang-Phase. Ein bisschen Spass darf sein, aber besonders königlich wirkt es nicht, wenn er Bier ausschenkt und im Gedränge Gläser einsammelt. Kjartan ist Musiker, und gerade deswegen muss er im Kaffibarinn arbeiten.

Den Laden kennt man aus dem Buch oder Film "101 Reykjavík", und er ist berühmt dafür, dass Damon Albarn mal 1% der Anteile daran besessen hat. Das ist längst Geschichte, aber die Schlaubergertouristen wissen es noch. Drinnen liegt vielleicht ein Hauch von Popstarglamour auf der Holztäfelung, nur nützt das Kjartan gerade nicht besonders viel. Wenn es geht, würde er den Job im Albarn-Schuppen lieber heute an den Nagel hängen und morgen nur mehr mit seiner Band For A Minor Reflection Musik machen. "Wir sind jung, wir haben keine Ahnung, was mit uns passieren wird", sagt er und wirkt dabei mehr belustigt als besorgt. "Hoffentlich können wir von unserer Musik leben. Es muss ja gar nicht viel sein, einfach etwas zum Beissen. Und vielleicht ein paar Bierchen dazwischen."
Einer von Kjartans Brüdern hat es geschafft. Als Mitglied von Sigur Rós gehört er zu den isländischen Exportschlagern der letzten Jahre. Und ein guter Freund von Kjartan ist drauf und dran, es Sigur Rós nachzumachen: Ólafur Arnalds, 23 Jahre alt, aus Mosfellsbær bei Reykjavík. Es ist gar nicht lange her, da spielte Ólafur Hardcore in Bands mit Namen wie Fighting Shit. Heute betätigt er sich erfolgreich als Kuppler einer Dreierromanze zwischen Klassik, Elektronik und Pathos und kann inzwischen von seiner Musik leben. Ausserdem verfügt er offensichtlich über geologisches und meteorologisches Insider-Wissen. "... And They Have Escaped The Weight Of Darkness" heisst sein letztes Album, inspiriert von einer Sonnenfinsternis. Der Titel wirkte plötzlich beängstigend prophetisch, als die Platte im Frühling 2010 erschien, während die Aschewolke des Eyjafjallajökull den Himmel verdunkelte.
Ólafur findet durchaus gute Seiten am folgenden globalen Flugchaos. Er mag Stillstand und Einsamkeit, erzählt er in seinem Studio mitten in Reykjavík. "Island ist klein, man entspannt hier leichter. Es ist schön, hinaus in die Natur zu fahren und einfach alleine zu sein. Es ist ruhig. Ich glaube, wenn man an einem kleinen Ort ist und obendrein isoliert vom Rest der Welt, dann wird es dort mehr Kunst geben."

3,1 Menschen pro Quadratkilometer, eine der höchsten Lebenserwartungen der Welt - Kjartan und sein Bandkollege Guðfinnur Sveinsson, der für Hugo Boss arbeitet, finden, dass sie in ihrem Alter durchaus auch etwas Anderes erleben könnten. Die beiden sind 1989 geboren, in jenem Jahr, in dem Starkbier in Island legal wurde. Ein paar Jahre vorher waren die Kreditkarten auf die Insel gekommen. Die Isländer mochten das Konzept: Hey, cash for free! Viele lebten jahrelang über ihre Verhältnisse, die chronische Überschuldung von Land und Leuten ist Legende. Eine Last auf den Schultern der jungen Generation sind heute etwa die 4 Milliarden Euro, die allein England und Holland nach dem Banken-Crash mit folgendem Staatsbankrott zurückfordern. Der Betrag klingt nach internationalem Finanzwirrwarr, ziemlich abgehoben, abstrakt. Aber wenn man ihn durch die 310.000 Einwohner Islands dividiert, wird plötzlich eine handfeste Zahl draus. Trotzdem, noch fühlt sich die Jugend von der Kreppa, wie der Kollaps hier heisst, kaum betroffen. "Wir besitzen ja keine Apartments, wir haben keine Anlagen, die plötzlich nichts mehr wert waren", erklärt Kjartan, "wir haben das alles mitbekommen, aber es war nichts Extremes für uns. Nur: Wenn wir jetzt eine Tour planen und ins Ausland wollen, ist es viel teurer als vorher."

Seine Band hat es sowieso gern opulent. Ihr zweites Album feiern die vier Jungs von For A Minor Reflection mit einem Konzert in einem ehemaligen Theater neben dem Rathaus von Reykjavík, zum Teil mit weiteren fünf Freunden auf der Bühne: zwei Schlagzeuge, bis zu vier Gitarren, zwei Celli, Saxofon, Klavier - manchmal alles gleichzeitig. An den Mitteln, mit denen kolossale Klangwände aufschichtet werden, wird nicht gespart. Fast hat man den Eindruck, nach der Pleite müsse die Kunst erst recht beweisen, was aus diesem Land an Reichtum geschöpft werden kann. For A Minor Reflection klingen wie eine Autosuggestion, wie eine permanente Selbstversicherung: Egal, wie leise, zaghaft und klein es auch anfängt, der nächste Trommelwirbel, der nächste sonische Aufschwung, der nächste grosse Lärmausbruch kommt bestimmt.
Den Gedanken, auch selbst mal aus Island auszubrechen, hatten sie alle schon. "Ich hätte schon vor langer Zeit weggehen können", sagt Ólafur, "ich bin viel in anderen Ländern, reise jeden Monat weg, manchmal zwei oder drei mal. Es hätte logistisch viel Sinn für mich gemacht, nach London oder Berlin zu ziehen. Aber es gibt hier irgendetwas, das mich immer wieder zurück zieht, selbst wenn es extra Zeit und Geld kostet. Ich liebe es, hier zu arbeiten." Kjartan und Guðfinnur überlegen, nach London zu ziehen. Oder vielleicht nach Berlin. Aber ganz werden auch sie wohl nicht loslassen können, meint Guðfinnur: "Island wird immer der wichtigste Ort für mich bleiben. Selbst wenn ich mal wegziehe, werde ich immer wieder zurück kommen."
For A Minor Reflection sind auch gerne etwas prophetisch in ihren Albumtiteln. Das Motto des zweiten Albums ist "Höldum í átt að óreiðu", schwungvoll übersetzt: "Auf ins Chaos!" Der Titel beschreibt ihre Situation als junge Musiker in Island ziemlich genau, sagt Guðfinnur. "2008 haben wir noch für dreissig Leute in Cafés in Reykjavík gespielt. Ein paar Monate später waren wir mit Sigur Rós auf Tour, vor 5000 Menschen. Es ist chaotisch, Musiker zu sein. Man weiss nie, was als nächstes passiert und was in einem halben Jahr los sein wird. Es ist nicht so, dass man seinen Uniabschluss macht, mit einem Job anfängt, ein Haus findet, sich ein Auto kauft. Als Musiker steuert man immer auf das Chaos zu." Für Guðfinnur und seine Freunde ist das unbedingt ein gutes Gefühl. Seine grösste Hoffnung: "Das ganze Leben lang Musik zu machen. Das Beste überhaupt ist, ein Konzert zu spielen und zu sehen, wie die Leute klatschen, wie sie nach dem Gig zu uns kommen und sagen, dass es toll war. Das wünsche ich mir. Ich will Spass haben und glücklich sein und mir um nichts Sorgen machen."
Text: Arno Raffeiner
Fotos: Hordur Sveinsson
Ólafur Arnalds
For A Minor Reflection

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