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Auf der Jagd nach den Seelenfängern

Am 20.5.2010 1 Kommentare
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"Anonymous" nennt sich eine geheimnisvolle internationale Internetbewegung, die sich den Kampf gegen die Sekte Scientology auf die Flagge geschrieben hat. Doch wie genau will es diese Gruppe mit der gigantischen Freikirche aufnehmen? Und bedienen sich die Verfolger bei ihrem Vorhaben nicht der genau gleichen Mittel wie ihre verhassten Gegner?


"Wir sind eure Nachbarn, eure Familie, eure Freunde. Fürchtet Euch, wir sind Anonymous!" - diese Worte lassen dem Youtube-Nutzer den kalten Schauer über den Rücken laufen. Aber nicht aufgrund der gefühlskalten Stimme aus dem Computer, sondern vor dem was hinter der Stimme steckt. Eine organisierte Menschenmasse, die nur eines im Sinne hat: die Vernichtung von Scientology. Die selbst ernannte Kirche  und ihre Gegner tragen ihren PR-Krieg bereits seit Jahren auf Youtube und anderen bekannten Videoplattformen aus. Für die Anhänger der Internet-Bewegung "Anonymous" sind die Moviechannels Informationsquelle, Rednerbühne und Hauptquartier zugleich. Für Scientology sind sie ein einziges Schlachtfeld.

Kriegserklärung an Tom Cruise und Gefolgschaft


Auslöser für den Hass gegen die Neo-Kirche war ein Video von Hollywood-Beau Tom Cruise. In dem mittlerweile berüchtigten Clip soll der Schauspieler und einer der obersten Köpfe der Scientologen ausgiebig über die Kompetenzen seiner Kirche erzählt haben. In den neunminütigen Film soll der für einen Oscar nominierte Darsteller sogar eine Mitgliedschaft angepriesen haben. Scientology liess das Video, das von Hackern eingestellt wurde, aus Imagegründen entfernen. Die Internet-Aktivisten sahen das gar nicht gerne und warfen der Organisation Zensur vor. Ihre Antwort: ein Video-Manifest namens "Message To Scientology". Dies war nicht nur die Geburt einer hochtechnisierten Menschenmasse, sondern mit Worten wie "Ihr könnt Euch nicht verstecken" und "Wir sind eine Legion. Wir vergeben nicht" eine wahre Kriegserklärung an die religiöse Bewegung. Bei Anonymous handelt es sich jedoch nicht um ein paar Internet-Nerds, die ihrem temporären Unmut nur ein wenig Luft machen wollen, wie man auf den ersten Blick vermuten würde. Bei den Aktivisten handelt es sich um einen so genannten "Smart Mob" – und der kann ziemlich viel Schaden anrichten.


Hochentwickelte Kriegsführung über Blogs und Foren


Der Begriff Smart Mob, was zu deutsch so viel wie "schlaues Gesindel" bedeutet, wurde durch Howard Rheingold geprägt. Laut dem Sozialwissenschaftler handelt es sich bei dieser gefährlichen Bande um Personen, die das Internet und das Handy dazu nutzen, um Menschen zu bestimmten Aktionen zu koordinieren, die sie ohne diese Kommunikationswege niemals erreicht hätten. Laut dem Amerikaner sei es dabei vollkommen egal, ob diese Aktionen einen politischen, sozialen, kulturellen oder auch religiösen Hintergrund hätten. Im Falle der Scientology-Gegner heisst das: Sie organisieren Demonstrationen auf der ganzen Welt, informieren die Öffentlichkeit über die Gefährlichkeit der Neo-Religion und kennzeichnen ihre Gegner. Und dazu benutzen schlichtweg Internet-Chats, Blogs und Social-Communities. Eine Kriegsmaschinerie, die selbst der mächtigste Gegner nicht stoppen könnte. 


"Scientology muss gestoppt werden!"


Anonymous ist keine Organisation mit Anführern, Sprechern oder Vorsitzenden. Es ist eine formlose internationale Gruppierung, der  sich jeder anschließen kann. Die Bewegung wird dabei nur von dem gemeinsamen Ziel zusammengehalten, der Vernichtung Scientologys. Die meisten Teilnehmer kennen sich einander nur durch Online-Pseudonyme, Nicknames oder Avatare. Es gibt keine Hierarchie, keine feste Struktur. Es gibt jedoch Mitglieder, die bereit sind fast alles zu tun, um ihren Gegner zu stoppen. Die Anhänger kommen alle aus der Internetgeneration und aus fast allen Altersgruppen. Das Credo der Gruppe ist einfach: Der Feind müsse mit allen Mitteln gestoppt werden, da der "Kult", wie Scientology von den Anonymen bezeichnet wird,  seine Anhänger ausbeute, seelisch zerstöre und manchmal sogar töte. Wenn man den Angaben von Scientology über 7 bis 15 Millionen Mitgliedern weltweit glaube kann, bekämpfen "Anonymous" somit eine wahrlich globale Bedrohung.


Doch könnte man die Aktionen der Sektengegner nicht auch als Form der Religionsverfolgung betrachten? Immerhin herrscht Glaubensfreiheit, und auch wenn man die Grundsätze und Leitfäden der Millionensekte vielleicht nicht gutheissen mag: muss man sie deswegen wirklich gleich ausschalten, oder sollte man dem einzelnen Menschen die Entscheidung, an was er glauben möchte, nicht vielleicht lieber selbst überlassen?


Privatdetektive schaden dem anonymen Gegner


Das Markenzeichen von Anonymous ist eine weiße grinsende Maske, wie sie auch der Protagonist in dem Hollywood-Streifen "V wie Vendetta" trägt. Dies hat den Hintergrund, dass die Scientology-Organisation dafür bekannt sei, gegen ihre Kritiker radikal vorzugehen. So sollen laut eigener Erfahrung, Demonstranten von Scientologen oder eigens angeheuerten Privatdetektiven fotografiert und gefilmt worden sein, um deren Identität herauszufinden. Auf einschlägigen Internetseiten sollen zudem Fotos der Demonstranten, inklusive Name und Wohnort veröffentlicht worden sein. Das Problem an der Sache war jedoch, dass die Demonstranten auf den Seiten als Terroristen und religiöse Fanatiker bezeichnet wurden. Ein kleiner, aber wirksamer Gegenschlag der Neo-Religiösen. Im Jahr 2008 sind daher weltweit über 7.500 Demonstranten maskiert auf die Straße gegangen. In 17 Ländern, vor insgesamt 108 Scientology-Gebäuden protestierten die Anonymen gegen die Anhänger L. Ron Hubbards. Laut eigenen Angaben soll die Organisation der globalen Grossaktion gerade mal zwei Wochen  gedauert haben – während die Demonstrationen gegen den Irakkrieg  im Jahr 2003 noch mehrere Monate in Anspruch nahm. Genau dies macht Anonymous so gefährlich: In zwei Wochen eine Gegenaktion zu planen ist für Scientology beinahe unmöglich, selbst wenn man von den nächsten Vorhaben der Gegner wüsste. So ist die Glaubensgemeinschaft gezwungen, nach Anonymous' Regeln zu spielen.

Hacker klauen Videos von Scientology-Rechnern


Der Krieg wird daher im Internet ausgetragen – was Scientology überhaupt nicht passen dürfte. Der Schaden für Tom Cruise, John Travolta und all die anderen Anhänger der Kirche ist dabei immens. Anonymous legt nicht nur Server, Websiten und Foren lahm, Mitglieder der hochtechnisierten Gruppe stahlen auch Videos und geheime Dokumente von Scientology-Rechnern. Der bisher spektakulärste Fund: Ein Interview mit Tom Cruise, in dem es um seine Beziehung zu Scientology, seine Ansichten über die Welt und die Kraft seiner Kirche geht. Diese Video war niemals für die Öffentlichkeit bestimmt. Das ist dank Anonymous jetzt jedoch anders. Nicht weniger spektakulär war der Klau der Scientology-Satzung, die sich nur ein paar Tage später im Internet finden liess – das heiligste Gut der Neo-Kirche war von da an kein Geheimnis mehr und sogar Verfassungsschützer begannen sich für das Dokument zu interessieren.


Scientology schläft jedoch nicht. Eine Internetbotschaft der Anonymous-Gruppe musste erst kürzlich nochmals die Ziele der Gemeinschaft erklären, das es Scientology mit Hilfe der Medien immer wieder schafft zurückzuschlagen. So konnte man in der Vergangenheit Anonymous als Vereinigung von verrückten Internet-Terroristen darstellen, die Stadien und Flugzeuge in die Luft sprengen werden, um ihre Ziele zu erreichen – und die Zuschauer glaubten es nicht nur, sie boykottierten die Demonstrationen.


Die Armeen des Internets sind monströs


Ungefährlich sind die anonymen Internetaktivisten aber keinesfalls. Was wenn sie ihren Gegner in die Knie zwingen? Was wenn sie die Lust an Scientology verlieren? Der Unmut der Bewegung könnte sich nämlich gegen jeden und gegen alles richten. Wo keine Führer, Strukturen und Grundsätze, da gibt es auch keine Grenzen. Im Vordergrund steht bei Anonymous nämlich, wie bei fast allen Internet-Bewegungen, der "Spass", wenn man das so nennen kann. Aber wo fängt besagter an und wo hört er auf? Und wer kontrolliert eigentlich, wer bestraft werden soll und wer nicht? Die Mächte der Internet-Horden sind gewaltig. Es gibt tausend Wege, einer menschlichen oder juristischen Person über das Internet die Existenz zur Hölle zur machen. Und genau da liegt die Gefahr. Sollten Anonymous und deren Nachahmer ihre Macht jemals begreifen, sollte man sich lieber nicht ausmalen, wozu die Bewegung im Stande wäre, wenn sie diese auch benutzen würde. Eines ist nämlich gewiss: sollte sich Anonymous jemals einen neuen Gegner suchen, sollte dieser gewarnt sein – mit dem anonymen Internet ist nämlich nicht zu spassen.

 

Text: Florian Hennefarth

Tags: anonymous, scientology, sekten, scientology hunter

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