Are You Lone(l)y, Dear?
Etwas verschlafen wirkte Emil Svanängen alias Loney, Dear am Telefon schon, war es doch aber seine Idee das Interview bereits um acht Uhr morgens anzusetzen. Nun gut, ausgedehnte Gähn-Pausen werden zum Nachdenken genutzt und erst als Svanängen zwischen zwei Schlucken Kaffee von seinem aktuellen Projekt mit einem Sinfonieorchester zu erzählen beginnt, taut er hörbar auf und wird nicht müde zu betonen, wie viel Spass die aussergewöhnliche Kooperation gemacht habe.

Wenn Emil Svanängen sich nicht die langen, schwedischen Winternächte mit Orchesterproben um die Ohren schlägt, ist der Bandname Konzept. ‹Loney, Dear› bezieht sich auf das Englische Wort ‹lone›, also ‹einsam›, ‹allein›. Und abgesehen vom Ausflug in die Welt der Streicher und Bläser, ist Loney, Dear normalerweise tatsächlich als einsamer Wolf unterwegs. Svanängen ist in jeder Hinsicht ein absoluter Perfektionist, wohl auch ein Grund, weshalb der begabte Multiinstrumentalist alle Instrumente selbst spielt und seine Alben ohne fremde Hilfe im minimalistischen Studio im Keller seiner Eltern aufnimmt und abmischt.
Das bisherige Produkt dieser Eigenbrötlerei sind drei zauberhafte Alben, die sich allesamt intensiv mit dem Thema der Einsamkeit auseinander setzen. Ein anderes Thema, das den Schwedischen Musiker derzeit beschäftigt, ist eine gewisse Orientierungslosigkeit, das Gefühl noch nicht das Beste aus sich herausgeholt zu haben. Aber anstatt in einer Sinnkrise zu versinken, spornt ihn dieser Zustand um so mehr dazu an, neue Wege zu beschreiten und vor allem neue Formen der Musik zu erfinden, wie er im Interview mit kinki schilderte.
kinki magazine: Du warst die letzten Tage sehr beschäftigt und nur schwer zu erreichen, woran arbeitest du zur Zeit?
Loney, Dear: Bis vor kurzem arbeitete ich an meinen Orchester-Shows. Ich habe gerade zwei Konzerte gemeinsam mit einem grossen Sinfonieorchester in meiner Heimatstadt Jönköping auf die Beine gestellt. Dieses Projekt hat mich lange Zeit sehr in Anspruch genommen, nun habe ich wieder mehr Zeit, um mich auf mein Solo-Projekt Loney, Dear zu konzentrieren. Neuerdings versuche ich so viele Instrumente wie möglich gleichzeitig selbst zu spielen. Das Wichtigste für mich, ist im Moment der Versuch neue Musik zu spielen, diese aufzunehmen und zu veröffentlichen. Das ist, worauf ich mich konzentrieren sollte.
War es schon immer ein Wunsch von dir, deine Songs mit einem grossen Orchester im Rücken auf der Bühne zu performen?
Nicht wirklich, aber ich habe die einmalige Chance erhalten, das zu tun und ich habe es wirklich genossen! Ich habe beim Songwriting komischerweise nicht an die Zusammenarbeit mit einem Orchester gedacht, obwohl manche meiner Songs klingen, als wären sie extra für ein Orchester geschrieben. Ganz ehrlich ist das aber alles einfach spontan entstanden, und es hat mir extrem Spass gemacht.
Normalerweise ist Loney, Dear aber ein Einmann-Projekt. Nimmst du noch immer alle deine Alben in deinem Studio im Keller deiner Eltern auf?
Ja, ich bin auch alleine fürs Songwriting verantwortlich und spiele alle Instrumente selbst ein. Die Band ist nur auf der Bühne dabei.

Was ist besser: Alleine Songs zu schreiben und diese aufzunehmen oder mit einem grossen Orchester zusammen zu arbeiten?
Wahrscheinlich die Arbeit mit dem Orchester. Ich kann nur immer wieder sagen wie sehr mir das Spass gemacht hat. Beides hat seine guten Seiten, aber diese letzte Woche war echt einmalig.
Und wie würdest du Loney, Dear beschreiben?
Ich mache schon sehr lange Musik. Ich versuche gerade den Weg, den ich mit meiner Musik in Zukunft beschreiten möchte, zu finden. Ich habe meine Musik früher immer als sehr farbenfroh beschrieben. Im Moment habe ich aber wirklich Mühe zu sehen, wohin mich mein Weg führt. Ich weiss nur, dass ich Neuland beschreiten muss, was im Moment sehr aufregend ist. Ich bin mitten im Prozess neue Dinge zu entdecken, und es ist auch für mich sehr interessant zu sehen, wo das alles hinführt.
Kannst du mir sagen, weshalb sehr viel gute, aktuelle Musik aus Schweden kommt?
Das haben mich andere Leute auch schon gefragt, und ich bitte sie dann immer, mir fünf wirklich gute Künstler aus Schweden zu nennen. Sicher, eine Menge Musik kommt aus Schweden, aber ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was davon wirklich gut ist. Aber es stimmt, es gibt diese unglaubliche Kreativität hier. Ich weiss jetzt nicht, ob das eine gute Antwort ist, aber ich denke es hat damit zu tun, dass Schweden nicht in den zweiten Weltkrieg involviert war. Wir hatten das Glück, uns auf andere Dinge konzentrieren zu können, als unser Land wieder aufzubauen. Kultur kommt auf der Prioritätenliste eines Landes, das andere Schwierigkeiten hat, erst ziemlich spät. Vielleicht ist es aber auch nur das Klima in Schweden. Ich kann’s wirklich nicht sagen. Mittlerweile hat sich die Szene aber zum Selbstläufer entwickelt. Die Leute sehen den Erfolg anderer schwedischer Künstler und sagen sich: ‹Das kann ich genauso gut auch›.
Hast du jemals daran gedacht in deiner Muttersprache zu singen?
Ja, ich habe einige Kirchenchoräle auf Schwedisch gesungen und auch selbst ein paar Songs geschrieben. Es wäre sicher einen weiteren Versuch wert. Es ist immer sehr bedeutend in der Muttersprache zu singen, andererseits bin ich heute ja viel unterwegs, die Musik muss überall hinpassen, deshalb singe ich lieber englische Texte.
Hast du einen schwedischen Lieblingsmusiker?
Ich mag eine Menge alter Gentlemen, die leider bereits von uns gegangen sind. Im Moment mag ich den schwedische Komponisten Allan Pettersson sehr, vor allem seine siebte Sinfonie, ein grossartiges, 40-minütiges Stück. Und dann steh’ ich auf viele Jazzmusiker. In Stockholm gibt es eine sehr lebendige Jazz-Szene, auf die ich wirklich stolz bin.
Du hast dein Soloprojekt erwähnt. Wie muss ich mir das Spielen möglichst vieler Instrumente gleichzeitig vorstellen?
Ich hatte schon seit längerem das Gefühl, dass ich nicht mein Bestes gab, dass ich eigentlich nicht immer tat, wozu ich in der Lage wäre. Das gilt für alles in meiner Karriere, ausser vielleicht fürs Aufnehmen. Aber beim Touren und den live Auftritten hatte ich immer das Gefühl, dass ich eigentlich mehr kann, dass das noch nicht alles ist. Dieses Projekt ist meine kindische Art, mich besser zu fühlen, mich komplett zu fühlen und zu zeigen, was ich in der Solosituation alles kann. Als ich mit dem Musikmachen angefangen habe, gab ich mich mit der Gitarre, die damals für mich ein neues Instrument war, zufrieden. Mittlerweile fühlt sich das alles ziemlich gewöhnlich an. Das Soloprojekt ist mein Weg, mir die Realität etwas zurechtzubiegen. Ich weiss auch noch nicht, ob ich jemals damit auf einer Bühne stehen werde, aber es ist ganz interessant.
Wird dich eine Tour auch mal wieder in die Schweiz führen?
Ja, definitv. Ich war ja schon ein paarmal in der Schweiz, kann mich aber nicht mehr an die Clubs erinnern. Ich weiss nur noch, dass es immer sehr schön war und die Schweiz ein interessantes Land ist. Das komische ist, dass die Schweiz mir sehr vertraut ist und trotzdem ganz fremd. Die Schweiz ist auf der einen Seite genau wie Schweden, gleichzeitig aber auch ganz anders.
Was ist anders?
Ich weiss nicht, ich kann’s nicht definieren, vielleicht muss ich irgendwann mal genauer darüber nachdenken. Das war nur ein Gefühl, das mich in der Schweiz konstant begleitet hat.
Wie es derzeit jedoch aussieht, kommt die Öffentlichkeit noch nicht so bald in den Genuss eines Live-Konzerts des Multiinstrumentalisten Loney, Dear. Bis im Sommer zumindest muss noch mit dem im letzten Jahr erschienenen Album ‹Dear John› vorlieb genommen werden. Bleibt zu hoffen, dass sein neuer Weg Emil Svanängen bald wieder aus dem Studio raus, zurück auf die Bühne führt.
Text und Interview: Martina Messerli
Fotos: Peter Beste

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