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Architekturlandschaft im Sand

Am 24.2.2010 2 Kommentare
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Im kinki magazine #22 (Artikel lesen) berichteten wir über das ambitionierte Architekturprojekt ORDOS100: In der inneren Mongolei plante der Milchmogul Cai Jiang 100 Villen von 100 internationalen Architekten bauen zu lassen und so mitten in der Wüste eine Wohnsiedlung für Reiche aus dem Boden zu stampfen.

Masterplan mit Modellen ORDOS100
Masterplan mit Modellen ORDOS100

Jedoch tauchte das Projekt nach einer von den Medien begleiteten Planungsphase unter. Bis heute wurde keine Villa gebaut, was natürlich die Frage aufwirft, ob das Projekt in den Sand gesetzt wurde? Deshalb wendeten wir uns ratsuchend an zwei Schweizer Architekten, Simon Hartmann und André Murer, die am Projekt massgeblich beteiligt waren.

Im Interview stellten sich die beiden Diplomarchitekten unseren Fragen, nachfolgend könnt ihr die ungekürzte Fassung der Interviews lesen.

 

 

 

Interview mit André Murer

 

kinki magazine: Was war deine Aufgabe beim ORDOS100 Projekt?
André Murer: Ich arbeitete ein Jahr lang für das Architekturbüro "FAKE Design" von Ai Weiwei und war mit vier weiteren Architekten für die Planung des Masterplans und für die Organisation und Leitung von ORDOS100 verantwortlich.

Was waren die Schwierigkeiten und Herausforderungen?
Die Herausforderung lag darin, den westlichen Architekten die chinesische Mentalität und Lebensweise ein wenig näher zu bringen. Sowohl der Lebensstil als auch die Architektur in China sind nicht mit denjenigen im Westen zu vergleichen. Ebenfalls versuchten wir, den Architektenteams die traditionelle und örtliche Bauweise aufzuzeigen.

Ai Weiwei auf dem Baugelände
Ai Weiwei auf dem Baugelände

War das Projekt für die internationalen Architekten nach dem dritten Meeting, also nach Abgabe der Detailpläne, beendet?
Nach dem dritten Meeting starteten die Teams mit der Detailplanung ihrer Projekte, danach war der Auftrag für die Architekten erledigt. Dies wurde auch so kommuniziert.

Ist das Projekt für Ai Weiwei abgeschlossen?
Das Projket war nach der Planübergabe für die Architekten und auch für uns (FAKE Design) und für Ai Weiwei abgeschlossen.

Weisst du, wie es weitergehen wird? Werden die Villen gebaut? Wird etwas anderes oder wird überhaupt noch gebaut?
Da einige Projekte rund um das Projekt ORDOS100 bereits verwirklicht worden sind (Clubhäuser, das Museum), wird auch das Unternehmen insgesamt sicher weitgehend fortgeführt werden.

Vielleicht braucht es noch etwas Zeit, aber ich denke, es liegt auch im Interesse von Herrn Cai, dass das Projekt ORDOS100 schlussendlich realisiert wird. Wie genau und wann die 100 Entwürfe endgültig umgesetzt werden, ist mir aber auch nicht bekannt.

Die Villen wurden – soviel ich weiss – bereits alle verkauft. Wer wird dort wohnen? Sind es eher Ferienresidenzen oder könnte der Kauf, wie im neuen Ordos bloss als Anlage getätigt worden sein?
Vorgesehen sind die Villen eindeutig für die obere chinesische Gesellschaftsschicht. Normalbürger könnten sich eine solche Unterkunft nicht leisten. Sehr wahrscheinlich stammen die Käufer aus dem Beziehungsfeld von Mr. Cai.

Mr.Caimit und Architekten
Mr.Caimit und Architekten

Könnte das Ausbleiben der Bevölkerung im neuen Ordos einen Einfluss auf das Projekt ORDOS100 und dessen Realisierung haben? Oder hat die Wirtschaftskrise einen Einfluss?
Vielleicht wird dieser Sachverhalt in gewissen Bereichen seine Auswirkungen auf die Ausführung des Projektes haben. Wo genau und wie stark dies sich zeigen wird, kann ich nicht sagen.

Wir waren nur für den Teilbereich ORDOS100 verantwortlich. Was für Ämter und Unternehmen in der gesamten Stadtplanung involviert waren und wie das Problem dort gehandhabt wird, ist für uns nicht ersichtlich.

Mit dem letzten Meeting im Sommer 2008 ging für uns zudem die Mitleitung und Verantwortung für das Projekt ORDOS100 zu Ende. Somit verloren wir die Kontrolle und die Übersicht über den weitern Entwicklungsprozess dieser Villensiedlung. China ist eben kein Land, in dem es einfach ist, während des laufenden Prozesses dahinter- oder durchzublicken.

 

 

 

Interview mit Simon Hartmann

 

kinki magazine: Inwiefern hattest du / dein Architekturbüro mit ORDOS100 zu tun, was war deine Aufgabe?
Simon Hartmann: HHF Architects hatte den Auftrag für die Planung von einer der 100 Villen. Wir hatten also das gleiche Programm wie alle anderen Architekten. Der Architekturauftrag umfasste die Planung bis und mit Ausführungsplanung der Leitdetails.

Wir waren drei Mal in Ordos und haben unseren Teil des Auftrags vor inzwischen bald einem Jahr abgeschlossen. Ich war verantwortlicher Partner für das Projekt, was bedeutet, dass ich die Gesamtübersicht über das Projekt hatte.

Architektentreffen in der Wüste
Architektentreffen in der Wüste

HHF hat in Ordos bereits Klubhäuser gebaut, habt ihr diese Bauarbeiten beendet?
Wir wurden ein Jahr vor ORDOS100 von Ai Weiwei zu einer Art Testlauf für ORDOS100 eingeladen. Ausser uns waren damals noch zwei weitere Schweizer Büros an diesem Testlauf beteiligt: EM2N und Galli&Rudolf aus Zürich.

Dieses Gebäude befindet sich im Moment gerade im Innenausbau und hat uns gezeigt, dass wir ohne Büro vor Ort, über einen gewissen Genauigkeitsgrad nicht hinauskommen.

Für uns war diese Erfahrung wichtig im Zusammenhang mit den Entwurfsentscheidungen für unseren Beitrag zu ORDOS100.

War das Projekt für die internationalen Architekten nach dem dritten Meeting, also nach der Modell- und Bauplanabgabe beendet?

Ein Projekt ist zwar immer erst vorbei, wenn es gebaut und bezogen ist, aber wir Architekten sind im Moment sicher nicht in der Terminverantwortung und können dementsprechend auch relativ wenig für das Vorankommen des Projekts machen. Dies ist aber bei jedem Projekt so, bei welchem man die Ausführungsplanung nicht machen darf oder kann.

Weißt du, wie es mit ORDOS100 weitergehen wird? Werden die Villen noch gebaut?
Das weiss ich auch nicht, aber ich gehe davon aus, dass die Villen mehr oder weniger so gebaut werden, wie sie von den hundert Architekten gezeichnet wurden, wenn auch vermutlich mit vielen Projektvereinfachungen. Ausserdem denke ich, dass der Standort Ordos aufgrund der sagenhaften Rohstoffvorkommen in der Region wohl ziemlich krisenresistent ist.

Architekten auf dem Baugelände
Architekten auf dem Baugelände

Könnte das Ausbleiben der Bevölkerung im neuen Ordos einen Einfluss auf das Projekt ORDOS100 und dessen Realisierung haben? Oder hat die Wirtschaftskrise einen Einfluss?
Der Bericht von Al Jazeera zeigt ein Bild von Ordos, das auch wir gesehen haben. Mit der Wirtschaftskrise hat das alles aus meiner Sicht herzlich wenig zu tun, da die Situation schon vor zwei Jahren so war. Wahrscheinlich verzögern Wirtschaftskrise und Spekulanten das normale Funktionieren der Stadt, doch dies scheint mir alles irrelevant, wenn es um die Gründung einer Stadt geht.

Wen interessiert es, ob in den ersten zwei, fünf oder zehn Jahren viele Wohnungen leer stehen? ORDOS100 ist ein kleiner Villenhügel im sehr interessanten Gesamtplan einer neuen Stadt. Natürlich ist die Entwicklung von ORDOS100 sehr direkt an die Gesamtentwicklung der Stadt geknüpft.

Kannst du dir erklären, weshalb das Projekt nach der grossen medialen Begleitung während der Planung plötzlich untergetaucht ist?
Dies ist ein ganz normales Phänomen in der Medienberichterstattung über Architektur: Newswert hat eigentlich nur der Startschuss und dann wieder die Eröffnung.

Solange die Dinge einigermassen nach Plan laufen, interessiert sich in der Zwischenzeit eigentlich kein Medium für ein Projekt. Ich denke aber, dass sich mit der inzwischen offensichtlichen Projektverzögerung auch immer mehr Medien mit der Frage, was aus Neu Ordos wurde, ins Geschehen einschalten werden.


Im Artikel "ORDOS100" im kinki magazine #22 (Artikel lesen) werden die folgenden zwei Berichterstattungen erwähnt, die unter anderem auch unsere Nachfrage nach dem Verbleib des Projektes beeinflussten.

Text und Interviews: Florence Ritter
Fotos: André Murer




Aljazeera English Bericht





und


ARTE Bericht




Auf folgenden Websites sind weitere Informationen zum Projekt ORDOS100 und zu dessen Planungsphase zu finden, die Websites dienten auch den Recherchen für den Artikel ORDOS100.

Offizielle Websites:
Ordos100
Ordos Project

Zusätzliche Informationen:
Chinesische Gegenwartskunst /Ordos - Ins Blaue fliegen, aber nicht ins Blaue planen
arte / China: Moderne Geisterstadt
arte / Eine Traumstadt in der Wüste der Mongolei: Ordos100
Hochparterre Schweiz / Hochparterre's China-Tagebuch
Moving Cities / Babel for Billionaires
Orgnets

 

 

Tags: andre murer, simon hartmann, kunst, architektur, magazin nr 22, ordos 100

Kommentare (2)

  • sehr spannende geschichte!

    von endlichmalwasanderes am 16.3.2010 17:01

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