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Verdammt nahe, Mr. Wright

Am 27.7.2009 3 Kommentare
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Verdammt nahe scheinen Begabung, Besessenheit und Egomanie bei einander zu liegen. Auch wenn das wie ein Kapitel eines verstaubten Psychologiebuches aus den Fünfzigern klingt, aber es sind oft die unbequemen Mitmenschen, die aus massiven  Kreativpotentialen erstaunliche Dinge schaffen.

 

Frank Lloyd Wright
Nachname: Wright
Vorname: Frank Lloyd
Geburtsdatum: 08. Juni 1869
Geburtsort: Richland (USA)
Todesdatum: 09. April 1959
Bekannteste Werke: Guggenheim Museum (New York)
Imperial Hotel (Tokio)
Falling Water (Wisconsin)
Präriehäuser (Chicago)
Taliesin (Arizona)


Frank Lloyd Wright ist schon seit bald 50 Jahren tot und viele Architekten und Szenekenner halten ein würdigendes Andenken an den Amerikaner für übertrieben, als Verhöhnung "ernsthafter" Persönlichkeiten, die sich in der Architektur verdient gemacht hatten. Vermutlich auch, weil Wright ein unbequemer Mensch war, ein Tyrann und unausstehlicher Egoist. Die Presse und viele seiner Kollegen hatten seinerzeit kein Verständnis für sein aufgeblähtes Ego und es schien, Wright war eine Person, mit der man anecken musste - ein Klaus Kinski der Architektur, vielleicht.

Aber womöglich gerade wegen seiner Arroganz, mit der er immer Recht behalten musste, ist das, was er geschaffen hat, so einzigartig und persönlich. Dabei drängt sich einem unweigerlich die Frage auf, ob man unbedingt ein sturer Egozentriker sein muss, um sein Genius ausleben zu können. Kann man nur aussergewöhnlich sein, wenn man auf soziale Verluste keine Rücksicht nimmt?

Taliesin

 

Blick auf Taliesin
Blick auf Taliesin

 

Nachdem Wrights Zeit als renommierter Architekt für die gehobene Mittelklasse Amerikas in einer Schaffenskrise nach den ersten zehn Jahren des 20. Jahrhunderts zu Ende ging, zog er sich in sein grossräumiges Domizil mit dem Namen Taliesin in der kargen Steppe Wisconsins zurück. 13 Jahre später wird Olga Lazovich Wrights dritte Frau und mit ihr bewirtschaftet er die ausgedehnten Ländereien. Von Olga stammte wohl auch die Idee, weitere acht Jahre später eine der "Wissenschaft und Gemeinschaft dienenden" Architekturschule auf dem Anwesen zu gründen, eher wahrscheinlich war aber die finanzielle Lage des Pärchens inmitten der Wirtschaftskrise für das Etablieren dieses Projekts ausschlaggebend.

Bevor der Umbau am Haus noch richtig  fertig war, hatten sich schon über dreissig Studenten angemeldet, die von Wright lernen wollten.

 

Das unkonventionelle Studium umfasste die verschiedensten Bereiche des Lebens und hatte zuerst wenig mit Architektur zu tun. Wenn die Studenten nicht in Knochenarbeit auf den Feldern ackern mussten, hatten sie sich um verschiedene Umbauten am Haus oder andere Tätigkeiten zu kümmern, die Wright sich ausdachte. Die Arbeit am Zeichenbrett stand noch im Hintergrund und die wenig dankbaren Arbeitseinsätze erinnern eher an Fronarbeit, als an ein Architekturstudium. Trotzdem verliess so gut wie keiner der Studenten das Gehöft vor dem Abschluss und die fest eingeschworene Gemeinschaft, die sich aus diesem Zusammenleben entwickelte, schien genug Zuversicht und Spass für die Studenten zu bieten.


Wrights Frau spielte durchgehend eine dominante Rolle und alle, abgesehen von ihrem Mann, hatten sich ihr widerspruchslos unterzuordnen. Sie bestimmte sogar welche Kleidung getragen werden sollte, bis hin zu der Sockenfarbe und erlaubte wer mit wem unter den Studenten eine Beziehung haben durfte und wer nicht.

Bauhaus Konkurrenz

Nach ihrem Abschluss blieben viele Studenten noch auf dem Gehöft, um dort weiter zu arbeiten. Wer das Anwesen verliess, wurde nicht als Architekt gefeiert, sondern eher als Verräter entlassen.


Zu dieser Zeit waren die Aufträge sehr spärlich und als eines Tages ein befreundeter Unternehmer zum grossen Architekten kam, dem Wright ein Ferienhaus auf einem Grundstück im Wald bauen sollte, sahen die Studenten endlich wieder eine neue Aufgabe und hofften auf Abwechslung im Studienalltag. Wright schickte einen Trupp Studenten auf das Grundstück und liess sie alles haargenau abzeichnen, jeden Stein und jeden Baum. Danach geschah drei Monate gar nichts und der Lageplan lag unberührt im Atelier...

 

Falling Water by Frank Lloyd Wright
Falling Water by Frank Lloyd Wright

Wrights grosser Argwohn galt den jungen aufstrebenden Architekten aus Europa, die im Zuges des Bauhaus Aufschwungs Beachtung fanden. Neue Stars wie Mies van der Rohe, Walter Gropius und LeCorbusier  waren für ihn verachtungswürdige Konkurrenten, die seiner Meinung nach keine Ahnung von der Essenz der Architektur hatten. Ihr Erfolg beleidigte ihn und er schimpfte zügellos, sobald wieder in den Zeitungen die Rede von ihnen war.  Seine Antipathie ging soweit, dass er herumschwirrenden Fliegen die Spitznamen Mies, Gropi oder Corbusier gab, bevor er sie mit der Fliegenklatsche erschlug.


Nachdem drei Monate vergangen waren, kündigte sich sein Freund telefonisch an. Er wäre sowieso in der Gegend und fragte, ob er vorbei kommen könnte, um sich die Pläne für das Haus einmal anzusehen. Wright tat sehr erfreut und lud ihn auf das Herzlichste ein, dabei hatte er bis zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht einen Strich aufs Papier gebracht und nach drei Stunden Fahrt sollte sein Auftraggeber auch schon eintreffen.


Nachdem Wright den Hörer aufgelegt hatte, ging alles blitzschnell. Er zeichnete im Stehen, verteilte Kommandos und liess sich neues Zeichenmaterial bringen.

Falling Water

 

Falling Water by Frank Lloyd Wright
Falling Water by Frank Lloyd Wright

 

Als der Wagen seines Freundes in die Einfahrt einbog, hatte Wright ein Haus gezeichnet, das bis heute keine vergleichbare Perfektion gefunden hat. Mit "Falling Water", wie Wright es taufte, erschuf ein alternder Architekt 1936 den Inbegriff eines modernen, mit der Landschaft verschmolzenen Ferienhauses, welches in Form und Zweck nicht harmonischer hätte gestaltet werden können.


Wright erschuf eine Symbiose aus Natur und von Menschenhand Erschaffenem im flachen Bungalowstil, die den jungen Europäern zu zeigte, dass selbst ein alter Mann wie er den Bauhaus Stil mit Leichtigkeit zu benutzen verstand, um daraus etwas sehr Eigenständiges zu erschaffen.


Für ihn bedeutete Architektur eine Kunst, die wie keine andere, Ästhetik und Nutzen verbindet, um den menschlichen Bedürfnissen zu dienen. Ein schöner Raum erfüllt den Benutzer dauerhaft und soll definitiv zum Wohlbefinden des Einzelnen beitragen. Architektur kann aber nicht für sich allein stehen, sondern wird erst durch den Menschen, der den Raum bewohnt, lebendig und erhält dadurch Berechtigung.

 

Chapel
Chapel by Frank Lloyd Wright

Späte Meisterwerke

Frank Lloyd Wright war ein Dickkopf, der seine Ideen gegen jede Kritik durchringen wollte und war beleidigt wie ein kleiner Junge, wenn ihn jemand nicht ernst nahm.
Als er im gleichen Jahr, in dem "Falling Water" entstand, ein Bürogebäude bauen sollte, wich er nicht von seinen Vorstellungen, das Haus unbedingt in der Stadt zu bauen, mit einer Trägerkonstruktion, die mit lilienförmigen Stützen ein Glasdach halten sollte. Die Bauverwaltung protestierte, weil die Stützen nicht stabil genug wären. Eingeschnappt bestand Wright auf einer Demonstration und liess eine extra gebaute Stütze in der Art der geplanten Pfeiler in aller Öffentlichkeit mit Zementsäcken beladen. Mit einem triumphierendem Lächeln sah Wright zu, wie die Stütze erst bei einem zehnfachen des zu haltenden Gewichts zusammenbrach.

 

Gordon House by Frank Lloyd Wright
Gordon House by Frank Lloyd Wright

 

Seine erneuten Erfolge brachten ihm wieder mehr Aufträge ein und mit achtzig Jahren hatte Wright seine grösste Schaffensphase. Er baute unter anderem eine Kirche in Form von betenden Händen, ein Ausstellungsgebäude, das wie eine fliegende Untertasse aussieht und nahm, schon gebrechlich und vom Alter gezeichnet, im Jahre 1946 den Auftrag an, das Guggenheim Museum in New York zu bauen.

 

Guggenheim Museum by Frank Lloyd Wright

Guggenheim Museum by Frank Lloyd Wright

 

Obwohl seine Pläne auf viel Ablehnung stiessen, fuhr er verbissen mit seiner Arbeit fort. Die Städteplaner monierten das schneckenförmige Gebäude würde nicht in das Stadtbild passen, Künstler beklagten sich schon im Vorfeld, dass ihre Bilder an gebogenen Wänden nicht zur Geltung kommen könnten und als selbst den Auftraggebern die Baukosten zu hoch wurden, betitelte die Presse den Architekten als "Frank Lloyd Wrong".


Das Gebäude wurde dennoch gebaut und heute gilt das Guggenheim Museum in New York als eine der bekanntesten architektonischen Meisterleistungen der Metropole.
Der Architekt konnte die Fertigstellung selbst nicht mehr miterleben. Er starb am 9. April 1959 im Alter von 90 Jahren in Phoenix, Arizona.

Text: Matthias Straub

Tags: magazin nr 16, frank lloyd wright, architektur

Kommentare (3)

  • Grandioser Artikel!

    von Anonymous am 8.9.2009 11:36
  • Super Artikel! Danke!

    von Agent of Art am 14.9.2009 21:46

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